Stichwort: "Castor-Skandal"

 

Atomindustrie verfaßt ihre "Prüfvorschriften" selbst

 

Gemessen wird, wo keine Grenzwertüberschreitungen zu erwarten sind - "Aufsichtsbehörden" dulden skandalöse Praxis

Keine Grenzwertüberschreitungen seien an CASTOR-Behältern in Gorleben festgestellt worden, so vermeldete kürzlich die BLG, Brennelement-Lagergesellschaft nach einer angeblichen Überprüfung von Außenkontaminationen der dort eingelagerten Transportbehälter. In den veröffentlichten Meßprotokollen wird nach Auswertung der dort vorgenommenen "Wischtests" die gemessene Beta / Gammakontamination als "i.O." , also "in Ordnung" bezeichnet.

Tatsächlich wird aber lediglich Augenwischerei gegenüber der Öffentlichkeit betrieben. Denn die "Prüfvorschrift PV 511", die als Grundlage für Kontaminationsmessungen an LWR-BE oder HAW-Kokillen (Leichtwasser-Brennelement-, bzw. Glaskokillen-Transportbehältern) herangezogen wird, ist nicht etwa von unabhängigen Fachleuten verfaßt, sondern vom federführenden Einlagerer, also dem Nutznießer der Atomtransporte, der GNS (Gesellschaft für Nuklearservice) selbst erarbeitet worden.

Das Papier in der Fassung vom Juni 1995 beweist indirekt, daß die jetzt aus Frankreich öffentlich bekanntgewordenen Außenkontaminationen bereits lange vorher für große Bauchschmerzen der GNS und der mit ihr verflochtenen Behörden und Firmen gesorgt haben muß. So ist diese Vorschrift doch mehrmals "redaktionell" überarbeitet worden.

Der Inhalt hingegen sollte möglichst geheim bleiben, "Diese Unterlage darf nur mit Zustimmung der GNS Gesellschaft für Nuklear-Service mbh, Essen oder GNB Gesellschaft für Nuklear-Behälter mbh, Essen, ganz oder teilweise vervielfältigt bzw. Dritten zugänglich gemacht werden", heißt es dazu auf Seite 1 der Prüfvorschrift, die der BI Umweltschutz vorliegt.

In der Vorschrift wird denn auch mit allen Tricks versucht zu verhindern, daß die nicht behebbaren Außenkontaminationen der Behälter durch "Weinen" oder "Schwitzen" beim Transport überhaupt erfaßt werden können.

So ist in der Prüfvorschrift festgelegt, daß Wischproben "in der kerntechnischen Anlage, in der die Beladung durchgeführt wurde" an dem im Meßsstellenplan und den 18 im Prüfprotokoll benannten Probenahemorten zu nehmen seien, allerdings ist "die Reihenfolge ist dabei unter Strahlenschutzgesichtspunkten zu wählen".

Das heißt im Klartext, es bleibt freigestellt, welche Stellen nach der Beladung überhaupt untersucht werden.

Aber noch viel ärger: dort, wo einmal gemessen wurde, darf nicht wieder gemessen werden: "Im Transportbehälterlager, in dem der Behälter gelagert werden soll, sind Kontaminationsmessungen nur an den in der abgebenden kerntechnischen Anlage nicht erfaßten Stellen durchzuführen" ! Das heißt, zweimal dürfen die nach Dekontamination in der kerntechnischen Anlage mit Wischtests beprobten Meßpunkte nicht erneut, auch nicht vergleichsweise, gemessen werden! Wurde also nach dem Beladen an den kritischen Stellen dekontaminiert, und dann gemessen, und sind erst während des Transports durch "Schwitzen" und "Weinen" radioaktive Stoffe freigeworden, und haben zu lange bekannten erneuten Kontaminationen geführt, dürfen diese Stellen nicht erneut überprüft werden. Sie sind damit meßtechnisch einfach nicht mehr existent! Die verseuchten Behälter sind papiergemäß dann "in Ordnung"!

In Gorleben wurden dann noch die ebenen, glatten Flächen in der Deckelmitte und am Deckelboden sowie an den Tragzapfen gemessen, an denen mit einiger Wahrscheinlichkeit keine Kontaminationen auf dem Transportweg zu erwarten waren. Die eigentlich kritischen Stellen wurden "nicht erneut überprüft" - und sind damit meßprotokollmäßig "sauber".

Mit diesem Trick einer passenden "redaktionellen Überarbeitung" sind die seit 10 Jahren bekannten "Ausschwitzungen" von radioaktiven Partikeln auf dem Transportweg ganz einfach vom Tisch gewischt worden.

 

Nicht minder skandalös ist es allerdings, daß nicht nur die durch solche Methoden begünstigte GNS selbst ihre Probleme mit den Prüfvorschriften verwischt hat, sondern dabei auch von "Experten" unterstützt wurde.

So ist die Prüfvorschrift außer von der GNS/GNB auch abgezeichnet und freigegeben worden vom TÜV 8 und der BAM (Bundesamt für Materialprüfung); dabei gleich in Personalunion für das BfS (Bundesamt für Strahlenschutz) mit handelnd.

"Das ist Wischi-Waschi-Politik in Reinstkultur, wie sie sich selbst ein Krimi-Autor nicht einfallen lassen würde, der über die Mafia schreibt", erklärt dazu die BI. "Hier geht es allerdings nicht um eine schlechte Seifenoper, sondern um die Gefährdung von Menschenleben". Dies sind "mafiose kriminelle Machenschaften". Der GNS / GNB muß "sofort die Erlaubnis zum Umgang mit Kernbrennstoffen entzogen werden", so die BI Lüchow-Dannenberg. Darüberhinaus müssen die behördlichen Mitwisser unmittelbar von ihrer Aufgabe suspendiert, und strafrechtliche Ermittlungen sowie Beweissicherungsverfahren gegen diese aufgenommen werden.

Auch die "Aufsichtsbehörden" sind strafrechtlich in die Ermittlungen einzubeziehen, da sie doch bestens informiert waren. Gemäß Prüfvorschrift ist "zur Messung (...) der von der zuständigen Aufsichtsbehörde beauftragte Sachverständige hinzuzuziehen".

Wir dokumentieren auf den folgenden Seiten die "Prüfvorschrift PV 511".

Bearbeitet am:15.07.1998 /ad


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