Der Pannen-Castor

Im Sommer 1994 wurde im Atomkraftwerk Philippsburg ein Castor IIa mit Brennelementen beladen. Der Behälter sollte zur Zwischenlagerung nach Gorleben gebracht werden. Dies ist inzwischen mit fast einjähriger Verspätung mit Hilfe des größten Polizeieinsatzes in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland geschehen. Alle Beteuerungen der Betreiber von Atomanlagen zu der absoluten Sicherheit des Transportes und der Trockenlagerung bestrahlter Brennelemente in Castor-Behältern sind jedoch vor dem Hintergrund der skandalösen Vorkommnisse bei der Beladung des KKP-Castors wertlos und sprechen für sich:

Im Behälterinneren werden 180 g Metallspäne gefunden. Eine Prüfung der Herkunft ist nicht dokumentiert. Der Behälter wird in das Lagerbecken gesetzt und beladen. Der Primärdeckel läßt sich nicht richtig aufsetzen. Eine Elastomerdichtung ist beschädigt. Mit neuer Dichtung scheitert auch der zweite Versuch den Deckel aufzusetzen, er verkantete. Um den Deckel frei zu bekommen, muß der beladene Behälter aus dem Lagerbecken gehoben werden. Die Führungsbolzen haben Freßspuren und müssen ausgewechselt werden. Der Behälter wird wieder ins Lagerbecken gestellt und entladen. Die Dichtung weist wieder die gleichen Schäden auf und außerdem werden an Behälterkörper und Deckel Beschädigungen festgestellt. Die Beschädigungen werden durch Schleifen und Läppen beseitigt.

Es wird festgestellt, daß die nach den vorliegenden Unterlagen einzusetzende Dichtung zu groß ist. GNS versichert, daß bisher nie Probleme mit der Dichtung aufgetreten sind. Daraufhin wird eine Hilfsvorrichtung konstruiert, die es ermöglicht, die Dichtung beim Aufsetzen des Deckels mit Gewalt in ihre Nut zu pressen. Der Behälter wird wieder beladen und der Deckel aufgesetzt. Der nächste Schritt, das Auspumpen des Behälterinnenraumes stellte das Personal vor Probleme, da die Anschlüsse nicht ausreichend gekennzeichnet waren. Der Trocknungsvorgang des Behälterinnenraumes wurde (wahrscheinlich einigermaßen entnervt) nach fast 40 Stunden abgebrochen, da die vorgeschriebenen Werte nicht erreicht werden konnten.

Zur Erleichterung des Vorganges wurde der Behälter mit Stickstoff gespült. Das dies nicht zu einer unzulässigen Erhöhung der Brennstabtemperaturen durch die schlechtere Wärmeleitung geführt haben kann, wurde von GNS erst ein paar Tage später rechnerisch "nachgewiesen". Bei der Feuchtemessung für den Behälterinnenraum versagte das in den Vorschriften festgelegte Meßgerät.. Ein Gerät gleichen Typs konnte nicht beschafft werden. Es wurde entgegen den Vorschriften ein Meßgerät eingesetzt, das mit einem anderen physikalischen Prinzip funktioniert. Das Gerät versagte nach kurzer Zeit ebenfalls. Hierfür konnte jetzt jedoch gleichwertiger Ersatz beschafft werden. Die Kalibrierung (Einstellung) dieses Gerätes konnte allerdings nicht entsprechend der Geräteanweisungen, sondern mußte mit einer Notlösung durchgeführt werden. Bis der maximal erlaubte Feuchtewert erreicht werden konnte, vergingen statt der abgeschätzten 4 Stunden 5 Tage. Der TÜV bemängelt den schlechten Aufbau der Handhabungs- und Prüfanweisungen. In seiner Bewertung schlägt der TÜV fundamentale Änderungen für die Konstruktion des Deckelbereiches des Castor-Behälters vor. Wegen des "engagierten" und "tatkräftigen Einsatzes" des Personals war es nach Meinung des TÜV möglich, den Behälter "in den für die Zwischenlagerung spezifizierten Zustand zu bringen".

Dies sind die Ergebnisse einer "langjährigen Erprobung und Erfahrung", wegen der für die Bevölkerung "überhaupt keine Gründe zur Besorgnis" vorhanden sein brauchen.

Wolfgang Neumann Hannover, August 1995


zurück zur Homepage