Produktkontrolle hochaktiver Abfälle aus der Wiederaufarbeitung in La Hague

Inhalt:

 

 

 

Die "Entsorgung" bestrahlter Brennelemente wird in der Bundesrepublik Deutschland derzeit hauptsächlich über die Wiederaufarbeitung des Kernbrennstoffes in La Hague (Frankreich) und Sellafield (Großbritannien) abgewickelt. Die Eigentümer der Brennelemente, die Energieversorgungsunternehmen, müssen die bei dieser Wiederaufarbeitung entstehenden Abfälle von den Wiederaufarbeitungsfirmen abnehmen. Sie werden also in die Bundesrepublik geliefert und müssen hier zwischen- und später endgelagert werden. Damit die Zwischen- und Endlagerung entsprechend den bundesdeutschen Sicherheitsanforderungen durchgeführt werden kann, müssen die Abfälle bestimmte Spezifikationen erfüllen. Dadurch soll erreicht werden, daß eventuelle Freisetzungen radioaktiver Stoffe (z.B. bei Unfällen oder der späteren Vorbereitung für die Endlagerung) begrenzt bleiben. Die Einhaltung der Spezifikationen soll durch eine sogenannte Produktkontrolle sichergestellt werden.

Die einzige Anlage in der Bundesrepublik, die eine Genehmigung für die Annahme der zur Zeit zur Lieferung anstehenden verglasten hochaktiven Abfälle besitzt, ist das Transportbehälterlager Gorleben. Die Genehmigung wurde 1995 erteilt (siehe hierzu Strahlentelex Nr. 214-215 vom Dezember 1995). Gegen diese Genehmigung haben mehrere Anwohner geklagt. Einer der Ansatzpunkte für die Klage war die Produktkontrolle. Für diesen Zweck wurde von der Gruppe Ökologie in Hannover eine Studie zur Produktkontrolle erstellt, in der die Mängel bei der Durchführung der Kontrolle aufgezeigt werden.

Notwendigkeit der Produktkontrolle

Bei der Herstellung von HAW-Kokillen kann eine Vielzahl von Problemen auftreten. Als Beispiele seien hier die Einhaltung der chemischen Zusammensetzung des Endproduktes, die Einhaltung der Aktivitätskonzentration in der Glasschmelze und die gleichmäßige Verteilung der Radionuklide (etwa 15 Gewichtsprozent des gesamten Abfallproduktes) im Glas genannt. Darüber hinaus ist zu beachten, daß die Abkühlung und damit die Verfestigung des Produktes in der Kokille von außen nach innen verläuft. Dadurch können sowohl Oberflächenvergrößerungen durch Vertiefungen in der Mitte an den jeweiligen Endflächen des Zylinders als auch Schrumpfungshohlräume im Inneren entstehen. Durch Gasbildung in der Schmelze oder durch beim Abguß entstehende Lufteinschlüsse können Blasen im Glaskörper entstehen. Schließlich entstehen beim Abkühlungsprozeß Spannungen, die Risse im Glaskörper zur Folge haben.

Alle diese Probleme können, abhängig von der Intensität ihres Auftretens, Auswirkungen auf die Sicherheit bei Zwischen- und Endlagerung der HAW-Kokillen im Normalbetrieb und erst recht im Falle von Störfällen haben. Als Beispiele seien hier die Höhe der Freisetzungsrate von Radionukliden aus dem Glaskörper und die Wärmeleitfähigkeit genannt. Aus diesen Gründen ist eine zuverlässige und in ihren Ergebnissen wissenschaftlich abgesicherte Produktkontrolle zwingend notwendig.

Aus Gründen der Gleichbehandlung mit Herstellern von Abfallprodukten in der Bundesrepublik (Forderung des BfS) sowie der unterschiedlichen Anforderungen in Frankreich bzw. der Bundesrepublik bezüglich der Strahlenschutzbestimmungen (z.B. Minimierungsgebot in der BRD) ist eine alle Erfordernisse abdeckende Produktkontrolle durch bundesdeutsche Behörden erforderlich.

Wie sieht die Produktkontrolle in La Hague aus ?

Durch die Wiederaufarbeitungsfirma muß eine Qualitätskontrolle durchgeführt werden, um die Einhaltung der Spezifikationen für jede einzelne HAW-Kokille nachweisen zu können. Grundsätzlich kann die Produktkontrolle radioaktiver Abfälle entweder durch Verfahrensqualifikation oder durch die Prüfung des fertigen Produktes mit ausreichender Stichprobendichte durchgeführt werden. Für die verglasten Abfälle ergibt sich das Problem, daß eine zerstörungsfreie Prüfung des Aktivitätsinventars an alpha-Strahlern sowie anderer Eigenschaften nicht mehr direkt möglich ist. Mindestens für diese Eigenschaften der HAW-Kokillen ist also eine Verfahrensqualifikation sinnvoll und erforderlich. Eine solche Verfahrensqualifikation muß nach allen Regeln von Technik und Wissenschaft, neben theoretischen Überlegungen, vor allem auch durch experimentelle Untersuchungen abgesichert sein; insbesondere bei sicherheitstechnisch mit Langzeitproblemen behafteten Produkten. Die Bestätigung der Ergebnisse von Theorie und Experiment muß dabei an der Originalanlage erfolgen. In diesem Fall ist es dazu notwendig, für verschiedene Betriebszustände Proben an verschiedenen Stationen des Herstellungsprozesses, in diesem Fall vor allem aber aus dem Abguß der Schmelze und vom Endprodukt (abgekühlte Glaskörper), zu nehmen und diese zu analysieren.

Bei der COGEMA finden jedoch nach der Analyse des Abfallstromes (Probenahme aus dem Vorlagebehälter) nur noch Überprüfungen von Prozeßparametern wie Temperatur, Durchflußrate und Zeit statt. Es ist also weder eine Probenahme aus der Schmelze noch aus dem fertigen Glasprodukt vorgesehen. Die Bestimmung des Aktivitätsinventars einer Kokille kann daher, unter Berücksichtigung bestimmter Modellannahmen, nur rechnerisch vorgenommen werden. Weiterhin können zum Glaszustand nur Aussagen aufgrund von Erfahrungswerten gemacht werden.

Die COGEMA charakterisiert ihr Vorgehen bzgl. der Entwicklungen der Glasqualität und ihres Nachweises durch Qualitätskontrolle selbst folgendermaßen [Yvinec 1994]: Entwicklung und Beschreibung der Zusammensetzung eines Referenzglases und Variationen davon. Demonstration, daß Prozeßvariationen bei der Herstellung festgestellt und korrigiert werden können, ohne die Glasqualität zu beeinflussen. Qualitätskontrolle des Glases durch Kontrolle von Prozeßparametern im Normalbetrieb und bei Störungen. Die ersten beiden Schritte haben zur Aufstellung der Spezifikationen der verglasten Abfälle geführt, die von der französischen Aufsichtsbehörde und den Kunden der COGEMA akzeptiert werden mußten.

Aus diesen Angaben ist zu schließen, daß die ersten beiden Schritte bis 1986 abgeschlossen gewesen sein müssen, da die Spezifikationen in der gültigen Fassung den Kunden zur Zustimmung im Juli 1986 vorgelegt wurden [COGEMA 1986]. Zu diesem Zeitpunkt waren die Verglasungsanlagen in La Hague in Bau, R7 für UP2, oder in Planung, T7 für UP3.

Weder bei der Inbetriebnahme von R7 noch bei der von T7 wurden Versuche durchgeführt, die eine experimentelle Absicherung physikalischer und chemischer Daten für das reale Abfallprodukt gewährleisten können. Nach Aussagen der Energieversorgungsunternehmen stützen sich die Aussagen zu den Glaseigenschaften hauptsächlich auf Untersuchungen inaktiver Simulate. Es wurde nur eine einzige Probe des fertigen Glaskörpers in La Hague (im Jahr 1992) gezogen und untersucht. Die in den Labors von COGEMA, CEA und JAERI (japanisches Atomforschungsinstitut) durchgeführten Analysen dieser Probe sollen gute Übereinstimmungen untereinander ergeben haben und entsprachen den Sollwerten [DBt 1996]. Bei der Probe handelte es sich jedoch um einen Miniglaskörper, wodurch eine Übertragbarkeit der festgestellten Glaseigenschaften (z.B. Rißfreiheit, Homogeität) auf das sehr viel größere Volumen einer HAW-Kokille nur beschränkt möglich ist. Dieses Problem wird in dem Gutachten, auf das sich das BfS für die Qualifizierung des Verglasungsprozesses stützt, ebenso wenig bewertet, wie die Tatsache nur einer einzigen Probenahme zum Beweis der Zuverlässigkeit des Verglasungsprozesses [PKS 1995]. Aus der Untersuchung einer einzigen Originalprobe aus einem komplizierten Prozeß lassen sich keine experimentell abgesicherten Ergebnisse für eine Qualitätskontrolle gewinnen. Die Verfahrensqualifikation für sicherheitsrelevante Produkte in der Chemie- oder Kfz-Industrie erfolgt sachgerecht mit einer Reihe von Probennahmen.

In einem Gutachten der Schweizerischen Bundesbehörde für die Sicherheit kerntechnischer Anlagen (HSK) [HSK 1988] heißt es zu den von der COGEMA genannten Glaseigenschaften (S.15) und ihrer Kontrolle (S.19): "Die experimentellen Prüfungen wurden praktisch ausnahmslos an aktiven und inaktiven Glassimulaten durchgeführt, deren Herstellungsverfahren oder Zusammensetzung von jener des effektiven Abfallglases abwich." "Die HSK hält die skizzierte Strukturierung des Qualitätssicherungssystems im Grundsatz für akzeptabel;... Die HSK geht davon aus, daß bei der Inbetriebnahme der Verglasungsanlagen großmaßstäbliche Versuche mit echtem Abfall gefahren werden, so daß die Vertrauenswürdigkeit gewisser nomineller Produkteigenschaften, ... , an reellen Proben erhärtet werden kann."

Auch in der Reaktorsicherheitskommission des Bundesumweltministeriums wurden für Abfälle aus den ausländischen Wiederaufarbeitungsanlagen zerstörende bzw. zerstörungsfreie Prüfungen durch das BfS diskutiert und gefordert [Kroebel 1990].

Die Probennahme aus dem Endprodukt für den Herstellungsprozeß verglaster Abfälle stellt im übrigen nichts ungewöhnliches dar. Im Gegenteil gehört es bei den bekannten Projekten in den USA, auch im industriellen Produktionsbetrieb, stichprobenmäßig dazu [Palmer 1994], [Plodinec 1994].

Die Erfüllung der Forderung nach umfangreicherer Probennahme für die Verfahrensqualifikation gewinnt vor folgenden Hintergründen zusätzlich an Bedeutung: Es ist bekannt, daß nach Inbetriebnahme von R7 die hergestellten Gebinde zu ca. 60% von den vorhergesagten Parametern (insbesondere äußere Kontamination der Kokillen) abwichen [DFK 1990]. Dabei handelte es sich zu 25% um Abweichungen von den garantierten Parametern, und knapp 10% der hergestellten Gebinde waren nicht mehr innerhalb der von COGEMA festgelegten Abweichungen. Einer der zur Vermischung vor der Verglasung vorgesehenen Abfallströme, die Feedklärschlämme, konnten lange Zeit in der Verglasungsanlage nicht behandelt werden, da die Auswirkungen der Schlammpartikel auf die Glasstabilität noch nicht abschließend untersucht war [CEA 1990]. Nach gleicher Quelle gab es zusätzliche Probleme: - Korrosion des Schmelzofens u.a. durch das Radionuklid Cs, - notwendige Verringerung der bei der Abkühlung auftretenden Risse und - notwendige Änderung des Prozesses, um die Außenkontaminationen der Kokille nach der Befüllung deutlich zu reduzieren.

Bei den bisherigen Ausführungen ging es um die Qualitätskontrolle der COGEMA, die hier Grundlage für die Produktkontrolle ist.

Der Herstellungsprozeß wird von der ANDRA im Rahmen ihrer Zuständigkeit für die Endlagerung in Frankreich überwacht. Grundlage dafür sind die französischen Gesetze und Vorschriften sowie das französische Entsorgungskonzept. Diese Grundlagen unterscheiden sich von denen in der Bundesrepublik. Beispielsweise sind die Anforderungen an den Strahlenschutz in der BRD restriktiver, und im Gegensatz zur Behälterzwischenlagerung und geplanten Endlagerung in Salz wird in Frankreich die Zwischenlagerung einzelner Kokillen in Blocklagern und die Endlagerung in Granit oder Ton vorgenommen. Daraus ergeben sich zum Teil andere Anforderungen an das Abfallprodukt HAW-Kokille. Da die ANDRA nur im französischen Rahmen handeln kann, sind deren Prüfungen für eine Produktkontrolle im bundesdeutschen Sinne nicht ausreichend.

Von den Kunden der COGEMA ist das französische "Bureau Veritas" mit der Produktkontrolle beauftragt worden. Die Kontrolle der laufenden Produktion erfolgt ausschließlich durch Prüfung von Unterlagen, Dokumenten und Datenblättern, d.h. Buchprüfung. Auf dieser Grundlage wird dann die Einhaltung der Garantiewerte aus den Abfall-Spezifikationen der COGEMA bestätigt. Es erfolgen weder Messungen noch Probennahmen [Veritas 1995], [OVG 1995].

Im Auftrag des Bundesamtes für Strahlenschutz ist die Produktkontrollstelle Jülich (PKS) als unabhängiger Sachverständiger mit der Produktkontrolle beauftragt worden. Die Prüfungen der PKS umfassen das Handbuch zur Verfahrensqualifikation, die von COGEMA sowie Bureau Veritas erstellten Unterlagen und Datenblätter zur Herstellung der einzelnen Kokillen und Inspektionen der Anlagen in La Hague. Es erfolgen keine eigenen Messungen oder Probenahmen [DBt 1996]. Auf dieser Grundlage werden von PKS die Daten in den Begleitdokumenten zu den einzelnen Kokillen bestätigt [OVG 1995]. Für die Verfahrensqualifikation gab und gibt es keine direkte Beteiligung der PKS an aktiven oder inaktiven Testläufen für den Herstellungsprozeß der HAW-Kokillen. Die Durchführung von Testläufen im Beisein des unabhängigen Sachverständigen nennt jedoch BfS selbst als Teil der Verfahrensqualifikation [BfS 1993]. Die PKS bestätigt in ihrem Gutachten nur die grundsätzliche Eignung der Verfahrensabläufe und Kontrollen auf Grundlage der Angaben der COGEMA [PKS 1995]. Diese Feststellungen können aber nur gelten, wenn als Voraussetzung eine im üblichen Umfang durchgeführte Verfahrensqualifikation stattgefunden hat. Dazu gehört die Feststellung des tatsächlichen Zustandes des Originalproduktes bei Variation bestimmter Verfahrensparameter. Genau dies hat nicht stattgefunden, daher ist eine grundsätzliche Feststellung der Eignung, wie im PKS-Gutachten, nicht ausreichend. Nach bundesdeutschen Anforderungen (u.a. Vorsorgeprinzip des AtG) muß eine uneingeschränkte Prüfung und Kontrolle von radioaktiven Abfallprodukten durch unabhägige bundesdeutsche Sachverständige möglich sein. Zu einer solchen Kontrolle gehören die Möglichkeiten eigener Messungen und Probenahmen (mindestens Anwesenheit bei entsprechenden Tätigkeiten des Betreibers) sowie eine eigenständige Analyse der Proben.

Zu den im Rahmen der Verfahrensqualifikation notwendigen Inspektionen zur Einhaltung der Betriebsbedingungen und der Endlagerungsbedingungen der Abfallgebinde sagt BfS: "Insbesondere können zu diesem Zweck Rückstellproben oder vor Ort entnommenene Abfallproben untersucht und die vereinbarungsgemäß erstellte Dokumentation geprüft werden [BfS 1989]. Auch diese Möglichkeit ist für die PKS in La Hague nicht gegeben. Die Möglichkeit der Unterlagenprüfung besitzt die PKS erst seit etwas mehr als einem Jahr. Die Kokillen, die jetzt in die BRD gebracht worden sind und in Zukunft noch gebracht werden, sind aber bereits 1989 produziert worden. Wenn überhaupt, mußten hierfür also alte Unterlagen geprüft werden, die noch nicht im Sinne einer Überprüfung durch bundesdeutsche Stellen erstellt worden sind. Dies dürfte zusätzliche Unwägbarkeiten hervorrufen.

Von Bundes- und Niedersächsischer Landesregierung werden im Rahmen der Produktkontrolle auch Dosisleistunsmessungen im Beisein des TÜV bei der Beladung genannt, deren Ergebnisse mit dem deklarierten Aktivitätsinventar verglichen werden [DBt 1996], [NLt 1995]. Aufgrund der Meßmethodik und der zwangsläufigen Beschränkung der Messung auf bestimmte gamma-Strahler handelt es sich hierbei jedoch nur um Plausibilitätsprüfungen und nicht um eine Produktkontrolle. Auch durch die Messung der Oberflächentemperatur des Behälters ist keine wirksame Kontrolle von Zustand und Eigenschaften der einzelnen Kokillen, da hiermit im wesentlichen nur die Einhaltung der Wärmeleistung im Durchschnitt der 20 oder 28 Kokillen überprüft werden kann.

Insgesamt wird im PKS-Gutachten nur die Einhaltung der vom BfS zur Zeit gestellten Anforderungen bestätigt. Eine eigene Bewertung, ob diese Anforderungen ausreichend sind wird nicht vorgenommen.

Unabhängigkeit der Produktkontrolle

Vom BfS und von der Brennelementelager Gorleben GmbH werden als Beleg für die unabhängige Produktkontrolle die Aktivitäten französischer Behörden und der PKS sowie implizit auch des Bureau Veritas genannt.

Zur Produktkontrolle durch Verfahrensqualifikation gehören auch die Prüfungen der Auswirkungen auf das Endprodukt durch Veränderungen der Verfahrensparameter. Die Prüfungen, ob die Grundlagen für die Spezifikationen der COGEMA in Ordnung sind, wurden in einer Zeit durchgeführt (vor 1989), als die prüfende Behörde ANDRA, die Aufsichtsbehörde DSIN und COGEMA über das Atomenergiekommissariats CEA und das Industrieministerium aufs Engste miteinander verknüpft waren. Bundesdeutsche Stellen waren daran nicht beteiligt. Für diesen Teil der Verfahrensqualifikation gibt es damit keine unabhängige Produktkontrolle.

In der Vergangenheit gab es in der BRD einen breiten Konsens, daß die Prüfungen des Bureau Veritas für die Produktkontrolle in der Bundesrepublik keine Aussagekraft besitzen. Dies wurde z.B. von der RSK, dem NMU und dem BfS bei verschiedenen Gelegenheiten betont. Die Stellungnahmen reichten von der Feststellung das die Prüfungen von Veritas nicht den Anforderungen in der BRD genügen [Kroebel 1990] bis zur Forderung nach von Veritas unabhängigen Kontrollen [BfS 1992]. Nach heutigem Stand beruht jedoch die Produktkontrolle durch die PKS ganz wesentlich auf der Überprüfung der von Veritas durchgeführten Prüfungen. Die Unabhängigkeit von Veritas ist u.a. nicht gegeben, da es im Auftrag der Kunden von COGEMA arbeitet und Veritas in Werbeschriften über seine Geschäftstätigkeiten sagt: "In Frankreich zählen zu den Hauptkunden von Bureau Veritas in diesem Bereich die ANDRA, die COGEMA und die SNG" [Veritas 1995]. Es besteht damit eine unmittelbare wirtschaftlich abhängige Beziehung zwischen Veritas und der COGEMA. Im Fall der Wiederaufarbeitungsabfälle für das Ausland soll Veritas aber gerade die COGEMA kontollieren.

Die eingeschränkten Möglichkeiten für Prüfung und Kontrolle durch die PKS wurden bereits im vorhergehenden Kapitel dargelegt. Diese sind nicht ausreichend, um von einer unabhägigen Produktkontrolle in Bezug auf die Verfahrensqualifikation und die einzelnen produzierten HAW-Kokillen zu sprechen.

Nicht genutzte Möglichkeiten zur Produktkontrolle

Im Sinne des Vorsorgeprinzips im Atomgesetz ist der Transport, die Zwischenlagerung und die Endlagerung der HAW-Kokillen unter weitgehender Ausschaltung sicherheitstechnischer Risiken (Minimierung) zu gewährleisten. Vor dem Hintergrund der geschilderten Probleme bei der Produktkontrolle ist es umso unverständlicher, daß in der Bundesrepublik existierende Möglichkeiten für einen wichtigen Teil der Produktkontrolle nicht genutzt werden.

Die möglichen Kontrollen von Eigenschaften der HAW-Kokillen sind im wesentlichen in zwei Gruppen einteilbar: Eigenschaften, die von außen am fertigen Produkt kontrollierbar sind. Eigenschaften, die durch zerstörende Prüfung des fertigen Produkts bzw. Probennahme vor Verfestigung der Schmelze kontrollierbar sind.

Für die zweite Gruppe gibt es nach gegenwärtigem Stand der Vereinbarungen zwischen bundesdeutschen und französischen Stellen keine Möglichkeiten in der Bundesrepublik. Dies betrifft z.B. die meßtechnische Bestimmung des alpha-Aktivitätsinventars, der genauen chemischen Zusammensetzung des Endproduktes und der erreichten Auslaugrate des Produktes.

Bei den meßbaren Eigenschaften der ersten Gruppe handelt es sich um das gamma-Aktivitätsinventar und einige physikalische Eigenschaften des Glaskörpers. Das gamma-Aktivitätsinventar wird nach Angaben der Bundesregierung durch Dosisleistungsmessungen geprüft (siehe oben). Für das Verhalten bei Lagerung oder im Störfall sind Eigenschaften wie Homogenität des Glaskörpers (Fehlstellen, Dichte usw.), Gestaltung der Glasoberfläche und Verteilung der Radionuklide im Glaskörper von Bedeutung. Diese Eigenschaften können mit einem sogenannten Computer-Tomograph überprüft werden. Ein solches Gerät wurde bei der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung Berlin entwickelt. [Kettschau 1985], [Odoj 1996].

Betroffenheit der Bevölkerung

Die erste Frage ist, ob die Produktkontrolle für das Transpotrtbehälterlager (TBL), in das die HAW-Kokillen eingelagert werden sollen, überhaupt relevant ist. Die Antwort muß ganz klar ja heißen. Nur sie bietet die Gewähr, Angaben über das Aktivitätsinventar der HAW-Kokillen zu bekommen. Ein anderer Punkt ist, ob die Glaseigenschaften und die sonstige chemische Zusammensetzung von Bedeutung sind. Auch dies trifft grundsätzlich zu. Dafür gibt es zwei Hauptgründe:

Um die notwendige Vorsorge treffen zu können, daß Freisetzungen an die Umgebung während des Normalbetriebes im vorgesehenen Umfang bleiben (durch zulässige Leckraten der Behälterdichtungen begrenzt) und im Falle eines auslegungsüberschreitenden Störfalles nicht die Grenzwerte der Strahlenschutzverordung überschreiten bzw. minimiert sind, müssen über die Glaseigenschaften gesicherte Kenntnisse vorliegen. Die zur Zeit geltenden Endlagerbedingungen müssen bereits bei Verbringung der HAW-Kokillen in die BRD eingehalten sein. Es gibt keine Anlage, und ist sinnvollerweise auch nicht vorgesehen, die an notwendigen Eigenschaften wie Wärmeleitfähigkeit und Auslaugrate noch etwas verändern kann. Für die Endlagerung müssen die Kokillen aus den Lagerbehältern ausgeladen werden. Daraus folgt, daß die Kokillen handhabbar sein müssen. Es darf also nicht zu Überhitzungen bzw. zonenweisem Schmelzen der Kokillen während der Zwischenlagerung gekommen sein.

Zusammenfassung

Die durchgeführten und in dieser Studie beschriebenen Untersuchungen sind für eine Verfahrensqualifikation, wie sie im Rahmen der Produktkontrolle für die Endlagerung radioaktiver Abfälle in der Bundesrepublik Deutschland vorgesehen ist, nicht ausreichend. Die Abhängigkeit der Eigenschaften des Endproduktes von der Einstellung der Betriebsparameter im Herstellungsprozeß wurde zum überwiegenden Teil an Simulaten durchgeführt, die nicht die Originalzusammensetzung des jetzigen Produktes hatten bzw. einem anderen Herstellungsprozeß unterworfen waren. An den Anlagen R7 und T7 in La Hague wurden solche Untersuchungen überhaupt nicht durchgeführt. Hier wurde lediglich eine Probe genommen und in drei Laboren analysiert. Dies ist zur Absicherung einer Verfahrensqualifikation nicht ausreichend. Es ergeben sich damit eine Reihe von Anhaltspunkten dafür, daß die Verfahrensqualifikation des Herstellungsprozesses für die HAW-Kokillen nicht dem Stand von Wissenschaft und Technik entspricht, wie er in der Chemieindustrie und bei der Fertigung sicherheitsrelevanter Teile üblich ist.

An den Untersuchungen waren zu keinem Zeitpunkt bundesdeutsche Sachverständige beteiligt. Für sie blieb nur die Möglichkeit der nachträglichen Überprüfung von Unterlagen. Mindestens für einen Teil der von französischen Behörden und Institutionen im Zusammenhang mit der Verfahrensqualifikation durchgeführten Überwachungen und für alle Prüfungen durch Bureau Veritas kann nicht der Status einer unabhängigen Produktkontrolle in Anspruch genommen werden. Demzufolge dürfen Kontrollen bundesdeutscher Sachverständiger nicht auf Grundlage dieser Tätigkeiten erfolgen. Die Kontrollmöglichkeiten, die die PKS besitzt, erfüllen daher nicht in ausreichendem Umfang die Anforderungen einer unabhängigen Produktkontrolle durch bundesdeutsche Sachverständige.

Auch die Auditierung der Prüfungen des Büro Veritas ist für eine Produktkontrolle nicht ausreichend, da sie sich auf deren Unterlagen stützen muß und damit nicht als unabhängig zu bezeichnen ist.

Die Möglichkeit, wenigstens einen Teil der sicherheitsrelevanten Eigenschaften der HAW-Kokillen mittels in der Bundesrepublik entwickelter Meßmethoden zu überprüfen, wird nicht genutzt.

In der Genehmigung für das Transportbehälterlager Gorleben ist nicht klar geregelt, was Produktkontrolle heißt und schon gar nicht wann sie als unabhängig zu bezeichnen ist. Trotzdem befand das Oberverwaltungsgericht Lüneburg in seinem Urteil im Verfahren gegen den Betrieb des TBL vom 2. September 1996 alle getroffenen Maßnahmen für ausreichend. Demnach dürfen nach gegenwärtigem Stand, trotz der offensichtlichen Mängel bei der Produktkontrolle, die HAW-Kokillen in das Transportbehälterlager eingelagert werden. Die Kläger versuchen jedoch weiterhin die Einlagerung durch eine Revision des Urteils zu stoppen.

Quellenverzeichnis:

Wolfgang Neumann,
Gruppe Ökologie

Dieses Papier wurde erstellt im Auftrag der Rechtshilfegruppe Gorleben e.V. und der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg e.V.


zurück zur Homepage