Transport eines Sechser-Packs über den Verladebahnhof Dannenberg

Stellungnahme zu Strahlenbelastungen und ausgewählten Einzelpunkten anläßlich des für Anfang März 1997 gplanten Transportes von sechs CASTOR-Behältern in das Transportbehälterlager Gorleben

 

Februar 1997

Erstellt im Auftrag der Bürgerinitiativer Umweltschutz Lüchow-Dannenberg
von Dipl.- Phys. Wolfgang Neumann Gruppe Ökologie e.V. , Kleine Düwelstr. 21, 30171 Hannover

 

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Fragestellung

2. Verladebahnhof Dannenberg
2.1 Örtliche Verhältnisse
2.2 Aufenthaltszeiten

3. Strahlenquelle CASTOR-Behälter

4. Strahlenbelastungen
4.1 Ergebnisse bei gegenwärtig zulässigen Oberflächendosisleistungen
4.2 Ergebnisse bei zukünftig zulässigen Oberflächendosisleistungen

5. Zusätzlich mögliche Strahlenbelastungen Quellenverzeichnis

 

1. Einleitung und Fragestellung

Für Anfang März 1997 ist der gleichzeitige Transport von sechs mit bestrahlten Brennelementen bzw. HAW-Kokillen beladenen Behältern in das Transportbehälterlager Gorleben (TBL) vorgesehen. Die Behälter müssen dazu auf dem Verladebahnhof Dannenberg vom Verkehrsträger Schiene auf den Verkehrsträger Straße, also von Eisenbahnwaggon auf LKW umgeladen werden. Aufgrund des hohen Gewichtes der Behälter, je nach Typ zwischen 100 t und 130 t, ist für jeden einzelnen Behälter ein eigener Waggon bzw. LKW notwendig. Es kommt damit zwangsläufig zu Aufenthaltszeiten der Behälter im Bereich des Verladebahnhofs. Diese Zeiten verlängern sich aus logistischen Gründen durch die nacheinander abzufertigenden Behälter. Trotz der Behälterwanddicken von ca. 400 mm und sonstigen Abschirmeinlagen dringt radioaktive Strahlung aus den Behältern in die Umgebung und sorgt für eine Strahlenbelastung von Menschen, die sich im Strahlenfeld aufhalten.

In dieser Stellungnahme sollen die auftretenden Strahlenbelastungen von Menschen für verschiedene Orte in der Umgebung des Verladebahnhofs Dannenberg abgeschätzt werden. Entscheidend ist dabei die Entfernung dieser Orte von den umzuladenden Behältern.

2. Verladebahnhof Dannenberg

Die Strahlenbelastung von Menschen ist proportional zur Entfernung von der Strahlenquelle und der Aufenthaltsdauer an diesem Ort. Ursächlich für die Höhe der Strahlenbelastung ist die durch den Behälterinhalt erzeugte Ortsdosisleistung (ODL). Bei den hier transportierten radioaktiven Stoffen wird die ODL sowohl durch Gamma-Strahlung als auch durch Neutronenstrahlung hervorgerufen. In diesem Kapitel werden zunächst die örtlichen Verhältnisse und die Aufenthaltszeiten betrachtet.

2.1 Örtliche Verhältnisse

Der Verladebahnhof befindet sich östlich des Personenbahnhofs Dannenberg-Ost auf dem Gleiskörper der zur Zeit stillgelegten Bahnstrecke Uelzen - Dannenberg - Dömitz - (Ludwigs-lust). Er besteht aus einem eingezäunten Gelände mit einer Länge von ca. 130 m1 entlang des Gleises. Das Gleis endet zur Zeit am östlichen Ende des Verladebahnhofs. Die Schienenfahrzeuge verlassen den Bahnhof daher wieder in Richtung Dannenberg. Bei einer späteren Wiederaufnahme des Bahnverkehrs Dannenberg - Dömitz, die im Landesraumordnungsprogramm vorgesehen ist, müßte der Verladebahnhof verlegt werden.

Auf dem Gelände ist ein ortsfester Container-Kran installiert, mit dessen Hilfe die Behälter von Waggons auf LKW-Tiefladeanhänger umgeladen werden. Die Fahrzeuge stehen während des Umladens nebeneinander. Die bereits genehmigte Einhausung des Kranes [EBA 1996] ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht erfolgt. Davon abgesehen, daß vor dem bevorstehenden Transport nicht mehr mit der Einhausung zu rechnen ist, sei bereits an dieser Stelle auf deren geringe Abschirmwirkung (vor allem in bezug auf Neutronenstrahlung) hingewiesen. Die Gleislänge vom Umladeort des Kranes bis zum Einfahrtstor im Westen bzw. bis zum östlichen Gleisende beträgt jeweils ca. 60 m. Ein Spezialwaggon für den Transport bestrahlter Brennelemente hat eine Länge von knapp 19 m. Es können also drei Waggons nacheinander entladen werden, ohne daß sie das umzäunte Gelände verlassen müssen. Der das Gelände des Verladebahnhofs begrenzende Zaun hat an der Längsseite einen Abstand zwischen 5 und 10 m zu den Standorten der Behälter auf Waggons oder LKW-Tieflader.

Zwischen Personen- und Verladebahnhof (Entfernung ca. 900 m) verlaufen zunächst vier und dann drei Gleise parallel. Kurz vor dem Verladebahnhof werden die Gleise mittels Weichen auf einem Gleis zusammengeführt (siehe hierzu den Lageplan auf Seite 14). Das Zufahrtsgleis zum Verladebahnhof darf nach einer Auflage des Eisenbahnbundesamtes nur mit Schrittgeschwindigkeit befahren werden [EBA 1996].

In der Nähe der vom Personenbahnhof Dannenberg-Ost zum Verladebahnhof führenden Gleise sowie des Verladebahnhofes selber befinden sich Bebauung und landwirtschaftlich genutzte Flächen. Ca. 150 bis 200 m vor dem Gelände des Verladebahnhofs befindet sich südlich des Gleiskörpers in einem Abstand von 3 bis 4 m ein von der Samtgemeinde Dannenberg als Obdachlosenunterkunft genutztes Gebäude. Der das Hausgrundstück begrenzende Zaun hat einen Abstand von ca. 2 m vom Gleiskörper.

Die dem Verladebahnhof am naheliegendste Wohnbebauung befindet sich ca. 65 m südlich des Zaunes. Als Referentfall für die Strahlenbelastung wird ein Wohnhaus mit einem Abstand von 150 m zu den Aufenthaltsorten der Behälter während des Umladens gewählt.

2.2 Aufenthaltszeiten

Das Umladen von Bahnwaggon auf LKW einschließlich Ein- und Ausfahrt der Fahrzeuge dauert ca. zwei Stunden (Lüneburger Zeitung 30.05.96). Dies gilt für die zurückliegenden Transporte mit jeweils einem transportierten Behälter. Bei gleichzeitigem Transport von sechs Behältern wird sich die Aufenthaltszeit auf dem Verladebahnhof erheblich verlängern. Aufgrund zusätzlicher Rangierzeiten für die Waggons und anderer logistisch notwendiger Tätigkeiten ist die oben genannte Zeit nicht nur mit dem Faktor 6 zu multiplizieren, sondern es sind zusätzliche Zeiten zu berücksichtigen. Daher dürfte der zeitliche Ablauf, wie er für den Anfang März 1997 geplanten Sechser-Pack Transport in der Elbe-Jeetzel-Zeitung vom 4.02.1997 beschrieben ist, realistisch sein. Danach soll der Sechser-Pack am Abend des 3. März in Dannenberg ankommen, am 4. März das Umladen von Waggons auf die LKW stattfinden (Zeitdauer mehr als 12 Stunden) und am 5. März der Weitertransport über die Straße nach Gorleben erfolgen.

Bei obigem Ablauf und realistischen sonstigen Randbedingungen kann davon ausgegangen werden, daß sich die sechs Behälter von ca. 17°° Uhr am 3. März bis ca. 6°° Uhr am 5. März im Bereich des Verladebahnhofs befinden. Die Aufenthaltsdauer der sechs Behälter beträgt dann ca. 37 Stunden.

Bei Ankunft des Transportes in Dannenberg muß vor Einfahrt in den Verladebahnhof die Lokomotive umgespannt werden. Hierfür wird eine Aufenthaltszeit des Zuges vor Einfahrt in den Verladebahnhof von 15 Minuten veranschlagt.

Nach bisherigen Auskünften der Deutschen Bahn wird aus Sicherheitsgründen jeweils zwischen zwei Spezialwaggons mit den CASTOR-Behältern ein Leerwaggon gekoppelt, um auf jeden Fall die zulässigen Brückenbelastungen einzuhalten. Dies würde die zusätzliche Notwendigkeit umfangreicher Rangiervorgänge bedeuten, die nur zwischen Personen- und Verladebahnhof stattfinden könnten.

Aufgrund der örtlichen Verhältnisse (s. o.) ist es für das Umladen erforderlich in mindestens zwei Phasen vorzugehen, da nicht alle sechs Waggons unmittelbar hintereinander entladen werden können. Das heißt, während des Umladens der ersten drei Behälter müssen die anderen drei Waggons außerhalb des eingezäunten Verladebahnhofs abgestellt werden. Wird von einer Entladezeit von 1,5 Stunden pro Behälter ausgegangen, so muß mit einer Aufenthaltszeit der drei beladenen Waggons auf den Rangiergleisen vor dem Verladebahnhof von 5 Stunden ausgegangen werden.

3. Strahlenquelle CASTOR-Behälter

In das TBL sollen verschiedene Typen von CASTOR-Behältern eingelagert werden. Sie unterscheiden sich in ihrer Größe, geometrischen Form, in der Wanddicke und ihrer Beladung (Zahl der Brennelemente sowie unterschiedliche Brennelementtypen, Abbrände und Abklingzeiten). Die genannten Unterschiede können für jeden einzelnen Behälter - auch gleichen Typs - zu einer unterschiedlichen tatsächlichen Ortsdosisleistung für Gamma- und Neutronenstrahlung an der Oberfläche des Behälters und in 2 m Entfernung führen.

Laut verschiedener Veröffentlichungen von Einzelwerten durch GNS/BLG/NMU betrugen die Ortsdosisleistungswerte für die bereits in das TBL eingelagerten Behälter (alle Angaben berücksichtigen die Meßgerätekalibrierung nach geltender Strahlenschutzverordnung): CASTOR IIa (1995) Behälteroberfläche 0,016 mSv/h (() und 0,050 mSv/h (n) Oberfläche Transporthaube 0,077 mSv/h ((+n) 2 m Entfernung vom Fahrzeug 0,025 mSv/h ((+n) BE-Inventar: 9 Stck., 1017 Bq gesamt, ca. 5 Jahre Abklingzeit TS 28 V (1996) Behälteroberfläche 0,020 mSv/h (() und 0,022 mSv/h (n) Oberfläche Transporthaube 0,070 mSv/h ((+n) 2 m Entfernung vom Fahrzeug 0,009 mSv/h ((+n) Kokilleninventar: 28 Stck., ca. 1017 Bq, mind. 8 J. Abklingzeit

Für den CASTOR V/19 liegen noch keine Meßwerte vor. Es ist aber davon auszugehen, daß - im Rahmen der zulässigen Werte - die Ortsdosisleistungen für diesen in der Regel eher höher sein werden als beispielsweise für den obigen CASTOR IIa. Das mögliche Inventar für den V/19 ist folgendermaßen festgelegt: CASTOR V/19 Behälterinventar: 19 Stck., 1017-1018 Bq, mind. 5 J. Abklingzeit

Für Betrachtungen, wie sie in dieser Stellungnahme durchgeführt werden, sind die realen Werte vergangener Transporte jedoch irrelevant. Zum einen sind im vorhinein keine Dosisleistungen bekannt, und zweitens muß der Vorsorgegrundsatz zu berücksichtigen. Die Berechnung bzw. Abschätzung der Strahlenbelastung muß konservativ von der für den Behälter maximal erlaubten Dosisleistung ausgehen. Die nach Gefahrgutverordnung für den Transport und AtG-Genehmigung für die Lagerung im TBL zulässigen Dosisleistungen sind für alle Behältertypen gleich. Begrenzend wirken in diesem Fall die für das TBL in den Tech-nischen Annahmebedingungen der Genehmigung festgelegten maximalen Ortsdosisleistungswerte [BfS 1995]. Diese dürfen im Mittel an der Behälteroberfläche für Gammastrah-lung 0,13 mSv/h und für Neutronenstrahlung 0,195 mSv/h, berechnet nach gültiger Strah-lenschutzverordnung, betragen2. Nach Übernahme der Strahlenschutzgrundnorm der Europäischen Union [EU 1996] in bundesdeutsches Recht (Änderung der Strahlenschutzverordnung) darf laut Technischen Annahmebedingungen die Ortsdosisleistung an der Behälteroberfläche für Neutronenstrahlung maximal 0,325 mSv/h betragen.

Kuni ist in seiner Ausarbeitung [KUNI 1995] - mangels anderer Daten - von den zum damaligen Zeitpunkt für das TBL beantragten Werten für die Oberflächendosisleistung (0,1 mSv/h (, 0,1 mSv/h n) ausgegangen. Das heißt, seine Ergebnisse wären mit den oben genannten genehmigten Ortsdosisleistungen nach oben zu korrigieren.

4. Strahlenbelastungen

Die Strahlenbelastung durch den Transport eines Sechser-Packs zum TBL in Gorleben über den Verladebahnhof Dannenberg wird hier für mehrere Orte (verschiedene Entfernungen) im Bereich des Verladebahnhofs berechnet.

Während des Aufenthalts der Behälter im und am Verladebahnhof Dannenberg ist vom Aufenthalt von Personen in der Nähe des Zaunes (Entfernung zu den Behältern zwischen 10 und 20 m) auszugehen.

In unmittelbarer Nähe des zum Verladebahnhof führenden Gleiskörpers befindet sich eine Obdachlosenunterkunft. Dort sind überwiegend Familien mit Kindern untergebracht. Im Falle eines CASTOR-Transportes mit den zu erwartenden Begleitumständen kann davon ausgegangen werden, daß sich die Kinder während des gesamten Zeitraumes - in dem die Waggons in unmittelbarer Nähe des Hauses stehen - am Zaun aufhalten.

Für die Wohnbebauung bzw. die Grundstücke südlich des Verladebahnhofs ist ebenfalls von einem Aufenthalt der BewohnerInnen während des gesamten Zeitraumes von Ankunft bis Abtransport der Behälter auszugehen.

Eine Berechnung der Strahlenbelastung an den verschiedenen Orten ist sehr aufwendig und insbesondere für größere Entfernungen nur mit Computerprogrammen durchzuführen. Zu berücksichtigen sind die räumliche Ausdehnung der Strahlenquelle (CASTOR-Behälter), unterschiedliche Ortsdosisleistungen an der Behälteroberfläche, Abnahme der Ortsdosisleistung mit zunehmender Entfernung von der Quelle, Abschwächung der Strahlung durch Absorption in Luft und in der Luft befindliche Staubteilchen, zusätzlich auftretende Gamma-Strahlung durch Ionisierung von Teilchen in Luft, Streueffekte durch die die Strahlenbelastung aufgrund der Direktstrahlung an den betrachteten Punkten erhöht wird (z.B. Skyshine) sowie weitere weniger bedeutsame Effekte. Im Rahmen der hier vorgenommenen Stellungnahme können Rechnungen dieser Art nicht durchggeführt werden. Wir beschränken uns daher auf Abschätzungen, die auf der Basis der von Kuni angewendeten Methodik [KUNI 1995] und unter Extrapolation der Werte durchgeführt wurden. Für die Abschwächung von Gamma- und Neutronenstrahlung im Nahfeld des Behälters mit zunehmender Entfernung (bis ca. 10 m) entspricht dies etwa einer 1/r-Abhängigkeit (r = Abstand) und für Entfernungen über 50 m einer 1/r2-Abhängigkeit. Das hier gewählte Vorgehen zur Bestimmung der Ortsdosisleistung ist konservativ, aber nicht überkonservativ. Die Plausibilität der Ergebnisse wurde mit aus der Literatur stammenden Dosisleistungswerten für verschiedene Abstände von Brennelementtransportbehältern überprüft.

Die Abschätzung der Strahlenbelastungen wird unter Berücksichtigung von vier sich unterscheidenden Faktoren für die biologische Wirksamkeit der Neutronenstrahlung durchgeführt; auf Grundlage des Faktors 10 ([ICRP 26], gültige Strahlenschutzverordnung [STRLSCHV 1990]), eines energieabhängigen Faktors zwischen 5 und 20 ([ICRP 60], EU-Strahlenschutzgrundnorm [EU 1996]), auf Grundlage des Faktors 300 [KUNI 1995] und des Faktors 600 (neuere Erkenntnisse) [KUNI 1997]. Dabei ist zu berücksichtigen, daß die ICRP 60 den minimal denkbarsten und weltweit anerkannten Stand von Wissenschaft und Technik hinsichtlich der Bewertung von Strahlenwirkungen darstellt. Nach Meinung vieler Experten, auch Mitgliedern der bundesdeutschen Strahlenschutzkommission, kann der Bewertungsfaktor aber auch um ein Vielfaches über dem von ICRP 60 liegen. Deshalb wird hier zusätzlich die Strahlenbelastung auf Grundlage der von Kuni vorgeschlagenen Faktoren angegeben.

Folgende Gesamtortsdosisleistungen (Gamma- und Neutronenstrahlung) wurden für verschiedene Entfernungen von der Oberfläche eines CASTOR-Behälters und mit unterschiedlichen Randbedingungen ermittelt:

Entfernung von der Behälteroberfläche Berechnungs-grundlage Ortsdosisleistung in (Sv/h (Technische Annahme-bedingungen 1995) Ortsdosisleistung in (Sv/h (Technische Annahme-bedingungen 2000)
2 m ICRP 21
ICRP 60
Kuni 1995
Kuni 1997
97,50
146,25
1.712,10
3.424,20
136,50
217,75
2.827,50
5.655,00
4 m ICRP 21
ICRP 60
Kuni 1995
Kuni 1997
42,25
61,75
691,6
1.383,20
59,15
91,65
1.141,40
2.282,80
10 m ICRP 21
ICRP 60
Kuni 1995
Kuni 1997
7,48
12,55
129,74
259,48
10,47
18,92
214,24
428,48
100 m ICRP 21
ICRP 60
Kuni 1995
Kuni 1997
0,05
0,09
1,37
2,74
0,08
0,14
2,28
4,56
150 m ICRP 21
ICRP 60
Kuni 1995
Kuni 1997
0,013
0,024
0,39
0,78
0,022
0,04
0.65
1,3

Tabelle 1 : Ortsdosisleistung eines CASTOR-Behälters in Abhängigkeit der Entfer- nung von der Oberfläche nach gültiger Strahlenschutzverordnung sowie nach Inkrafttreten der EU-Strahlenschutzgrundnorm.

Als Maßstab für die Höhe der Strahlenbelastung von Menschen wird hier der Dosiswert 0,3 mSv aus § 45 der bundesdeutschen Strahlenschutzverordnung für die Belastung von Anwohnern von Atomanlagen durch radioaktive Ableitungen herangezogen3. Dieser Wert darf nach Strahlenschutzverordnung im Verlauf eines Jahres nicht überschritten werden. Der Tabelle 2 ist zu entnehmen, wie lange es bei Aufenthalt in bestimmten Abständen von der Oberfläche eines Behälters dauert bis der Grenzwert von 0,3 mSv erreicht ist.

  Entfernung von der Behälteroberfläche
Berechnungs-
grundlage
2 m 4 m 10 m 100 m 150 m
Technische
Annahme-
bedingungen 1995
ICRP 21 3,1h 7,1 h 40,1 h 6.522 h 23.080h
ICRP 60 2,1 h 4,9 h 23,9 h 3.529 h 12.500h
Kuni 1995 10 min 24 min 2,3 h 220 h 769 h
Kuni 1997 6 min 12 min 1,2 h 110 h 385 h
Technische
Annahme-
bedingungen
2000
ICRP 21 2,2 h 5,1 h 28,7 h 3.947 h 13.540h
ICRP 60 1,4 h 3,3 h 15,9 h 2.128 h 7.500h
Kuni 1995 6 min 15 min 1,4 h 132 h 462h
Kuni 1997 3 min 8 min 42 min 66 h 231 h

Tabelle 2 : Aufenthaltszeit in bestimmter Entfernung von der Oberfläche eines CASTOR-Behälters bis der Grenzwert des § 45 der Strahlenschutz- verordnung von 0,3 mSv erreicht ist.

Anfang März 1997 sollen sechs Behälter gleichzeitig in das TBL transportiert werden. Dadurch erhöht sich auch die Ortsdosisleistung an den verschiedenen Aufpunkten. In Kapitel 2 stehen Angaben zur Abwicklung dieses Transportes im Verladebahnhof und dessen Umgebung. Es wird davon ausgegangen, daß im Verladebahnhof und auf den Nebengleisen vor dem Verladebahnhof jeweils drei aneinandergekoppelte Waggons mit CASTOR-Behältern stehen. Daher ist bei einem Aufenthalt im Nahbereich der Behälter das Strahlungsfeld von drei Behältern zu berücksichtigen, die sich aber in unterschiedlichen Abständen zum Aufpunkt befinden. Ein entsprechender Aufenthalt von Personen ist z.B. für die Bewohner der Obdachlosenunterkunft im Haus und insbesondere für deren Kinder im Garten sowie interessierte Menschen, die sich während der Umladeaktionen am Zaun des Verladebahnhofs aufhalten, zu unterstellen. Im Fernbereich kann jeder Behälter als Punktquelle angesehen werden. Für den hier betrachteten Aufpunkt vor einem Wohnhaus südlich des Verladebahnhofs beträgt die Entfernung zu den Waggons im und vor dem Verladebahnhof jeweils etwa 150 m. Im gesamten Bereich zwischen Verladebahnhof und der Wohnbebauung ist in Entfernungen zwischen 10 und 150 m der längerfristige Aufenthalt von Kindern zu unterstellen, da eine allgemein zugängliche Wiese bis an den Verladebahnhof heranreicht. In Tabelle 3 sind die Aufenthaltszeiten an den beschriebenen Orten bis zum Errei

 

  Entfernung von der Behälteroberfläche
Berechnungs-
grundlage
2 m 4 m 10 m 100 m 150 m
Technische
Annahme-
bedingungen 1995
ICRP 21 2,9h 6,7h 32,7 h 1.087 h 3.846h
ICRP 60 1,9 h 4,5 h 19,1 h 588 h 2.083
Kuni 1995 10 min 24 min 1,7 h 37 h 128 h
Kuni 1997 5 min 12 min 49 min 18 h 6,4 h
Technische
Annahme-
bedingungen
2000
ICRP 21 2,0 h 4,7 h 22,6 h 658 h 2.273 h
ICRP 60 1,3 h 3,0 h 12,4 h 355 h 1.250h
Kuni 1995 6 min 14 min 1,0 h 22 h 77h
Kuni 1997 3 min 7 min 30min 11 h 39 h

Tabelle 3 : Aufenthaltszeit in Stunden (h) bzw. Minuten (min) an bestimmten Orten bei einem Sechser-Pack bis der Grenzwert des § 45 der Strahlenschutzverordnung von 0,3 mSv erreicht ist. chen des Vergleichswertes von 0,3 mSv unter Berücksichtigung der Situation für den jeweiligen Aufenthaltsort aufgeführt.

4.1 Ergebnisse bei gegenwärtig zulässigen Oberflächendosisleistungen

Werden die errechneten Zeiten aus der oberen Hälfte der Tabelle 3 mit den möglichen Aufenthaltszeiten aus Kapitel 2.2 verglichen, hat dies für den geplanten Sechser-Pack (unter Berücksichtigung der momentan gültigen Technischen Annahmebedingungen) für das TBL folgende Konsequenzen:

Der Grenzwert der Strahlenschutzverordnung von 0,3 mSv/a wird für Personengruppen, die sich im unmittelbaren Nahbereich der Behälter aufhalten, überschritten. Dies können zum Beispiel Bewohner der Obdachlosenunterkunft sein, wenn der alte Gleiszustand wieder hergestellt wird. Das gilt unabhängig von der gewählten Berechnungsgrundlage.

In einem Abstand von 4 m wird der Grenzwert bei Berücksichtigung des derzeitigen Bewertungsfaktors für Neutronenstrahlung in der Strahlenschutzverordnung knapp unterschritten. Es ist allerdings zu berücksichtigen, daß die Aufenthaltszeit der Waggons vor der Obdachlosenunterkunft mit 5 Stunden eher knapp berechnet ist. Bei Berücksichtigung des gegenwärtig von allen Institutionen anerkannten Standes von Wissenschaft und Technik - entsprechend ICRP 60 - wird der Grenzwert überschritten. Dies gilt erst recht bei Zugrundelegung höherer Bewertungs bzw. Wichtungsfaktoren bei der Berechnung, wie sie unter anderem von Kuni vorgeschlagen werden.

Im Abstand von 10 m wird der Grenzwert bei einem andauernden Aufenthalt am Zaun während der gesamten Verweildauer der Behälter im Verladebahnhof, unabhängig von der gewählten Berechnungsgrundlage, überschritten. Dabei ist zusätzlich zu berücksichtigen, daß die Verweildauer der Behälter von 37 Stunden plausibel aber nicht konservativ ist und von einem andauernden Aufenthalt aufgrund des großen Interesses der Einwohner des Landkreises Lüchow-Dannenberg an diesen Transporten ausgegangen werden muß.

In den Abständen von 100 m und 150 m wird der Grenzwert durch diesen einen Sechser-Pack-Transport bei Berücksichtigung der "Kuni-Faktoren" erreicht bzw. überschritten.

Für Abstände von ca. 50 m lassen sich die oben errechneten Werte zwischen 10 m und 100 m nicht linear interpolieren. Dennoch können folgende Aussagen gemacht werden: Unter Zugrundelegung der ICRP-Faktoren kommt es zu Grenzwertüberschreitungen, wenn die Betrachtung auf das ganze Jahr bezogen wird. Der Grenzwert von 0,3 mSv aus § 45 der Strahlenschutzverordnung gilt ebenfalls auf das ganze Jahr bezogen. Laut Aufbewahrungsgenehmigung für das TBL können jährlich bis zu 50 Behälter eingelagert werden. Bei fortwährender Sechser-Pack-Logistik bedeutet dies 8 bis 9 Transportvorgänge innerhalb eines Jahres.

4.2 Ergebnisse bei zukünftig zulässigen Oberflächendosisleistungen

Der Genehmigungsstand des TBL ändert sich automatisch mit der nächsten Novellierung der Strahlenschutzverordnung, bei der ICRP 60 eingearbeitet wird. Der in den Technischen Annahmebedingungen festgelegte Wert für die zulässige Ortsdosisleistung an der Oberfläche einzulagernder Behälter erhöht sich dann. Damit werden dann zwangsweise auch die Strahlenbelastungen höher. Der unteren Hälfte der Tabelle 3 sind die Ergebnisse für diesen Fall zu entnehmen:

In Entfernungen von 2 und 4 m wird der Grenzwert von 0,3 mSv/a bei Anwendung aller Berechnugsgrundlagen bereits durch diesen einen Transport im Sechser-Pack überschritten.

In 10 m Entfernung wird der Grenzwert bei Berücksichtigung der "Kuni-Faktoren in allen Fällen, bei Berücksichtigung der ICRP-Faktoren (alt und neu) bei Aufenthalt am Zaun während zwei Drittel der Gesamtverweildauer der Behälter überschritten.

In den Abständen von 100 m wird der Grenzwert durch diesen einen Sechser-Pack-Transport bei Berücksichtigung der "Kuni-Faktoren" überschritten. Bei Berücksichtigung von ICRP 60 wird der Grenzwert bei 9 Sechser-Packs (sind nach TBL-Genehmigung möglich), daß heißt auf ein Jahr bezogen, überschritten.

In 150 m Abstand wird der Grenzwert bei Berücksichtigung des neuen Kuni-Faktors bei einem und bei Berücksichtigung des alten Kuni-Faktors bei zwei Sechser-Packs vollständig ausgeschöpft.

5. Zusätzlich mögliche Strahlenbelastungen

Bei den Berechnungen in Kapitel 4 wurde ein reibungsloser Ablauf des gesamten Vorganges von Ankunft des Zuges in Dannenberg bis Abtransport der Behälter mit LKW-Tieflader unterstellt. Zu einem längeren Aufenthalt der Behälter auf dem Verladebahnhof, als bei den obigen Abschätzungen berücksichtigt, kann es kommen durch:

LKW-, Lokomotiv- oder Waggonschaden Verladekrandefekt Unpassierbarkeit der im weiteren zurückzulegenden Strecke Unwetter Unfall im oder vor dem Verladebahnhof.

LKW-Schaden Zu einem LKW-Schaden kann es während des Beladens mit dem 100 bis 130 t schwerem Behälter kommen. Betroffen sein können zum Beispiel die Ladefläche des Tiefladeanhängers, die Aufleger und Radachsen des Anhängers, die Aufnahmevorrichtung für den Behälter oder die Befestigungsmechanismen für den Behälter. Beim Anfahren kann es zu Problemen mit Motor, Kupplung oder Getriebe des LKW kommen. Vorkommnisse dieser Art entsprechen den Alltagserfahrungen und können auch direkt nach einer eingehend vorgenommenen Inspektion des Fahrzeuges auftreten. Im Verladebahnhof bedeutet dies, daß der Behälter wieder entladen werden muß, der LKW ausgeschleust und ein neuer LKW eingeschleust werden muß, um den Behälter erneut zu verladen.

Lokomotiv- oder Waggonschaden Ein Lokomotiv- oder Waggonschaden ist, wie aus dem regulären Bahnbetrieb bekannt, jeder Zeit möglich. Er kann also vom Zeitpunkt des Eintreffens des Zuges bis zur Entladung des letzten Waggons auftreten. Die Waggons haben eine längere Fahrt mit hohem Ladegewicht hinter sich, waren also großen Belastungen ausgesetzt. Schäden an Fahrgestell, Achsen, Bremsen oder anderen Teilen können daher auftreten. Die zeitlichen Auswirkungen sind bei gleichzeitigem Transport mehrerer Behälter, insbesondere bei einem Sechser-Pack, besonders groß, da rangiert werden muß und ein defekter Waggon den Betrieb blockiert.

Verladekrandefekt Auch ein Defekt am Kran, mechanisch oder elektrisch, kann nicht ausgeschlossen werden. Dies würde zur Unterbrechung aller Vorgänge im Verladebahnhof führen.

Unpassierbarkeit der im weiteren zurückzulegenden Strecke

Die mit dem LKW zurückzulegende Strecke kann aus verschiedenen Gründen blockiert sein. Diese Gründe können zum Beispiel sein: Unfälle von Fahr- oder Flugzeugen, Brände von Häusern o.ä. am Rand der Straße, größere Menschenansammlungen, Blockaden von Atomkraftgegnern oder unplanmäßige Reperaturarbeiten an den Straßen. Ein Ausweichen auf andere Straßen ist nur sehr begrenzt möglich, da es sich um Schwerlasttransporte handelt. Die LKW müßten am Verladebahnhof verbleiben bis die Unpassierbarkeit beseitigt ist.

Unwetter Ein Unwetter würde sowohl aus Sicherheitsgründen zur Einstellung der Umladearbeiten mit dem Kran führen als auch die Unpassierbarkeit der Straßen hervorrufen. Letzteres zum Beispiel durch Blitzeis, starke Regenfälle oder umstürzende Bäume.

Unfall im oder vor dem Verladebahnhof Ein Unfall im Verladebahnhof kann zum Beispiel der Absturz eines Behälters während des Umladens sein. Des weiteren ist ein Auffahren von Lokomotive bzw. LKW auf ein Hindernis vor und im Verladebahnhof möglich. Jüngste Unfälle haben gezeigt, daß diese gerade im Zusammenhang mit Transporten schwerer Behälter auch in Langsamfahrbereichen, wie sie hier zu berücksichtigen sind, auftreten. Am 16. Januar 1997 entgleiste ein kurz zuvor von einem Brennelementbehälter entladener Waggon vor dem Atomkraftwerk Krümmel. Am 4.02.1997 entgleiste in Apach an der französisch/bundesdeutschen Grenze eine Lokomotive der Deutschen Bahn AG mit drei Waggons, die beladene Brennelementtransportbehälter geladen hatten. Dies geschah bei einer Geschwindigkeit, wie sie auch vor den Verladebahnhof Dannenberg gefahren wird. Über die Ursachen der beiden Unfälle liegen bisher (20.02.1997) keine belastbaren Aussagen vor. Alle hier genannten Unfälle würden zu einer vorläufigen Verhinderung bzw. Einstellung der Umladearbeiten führen.

Durch die längeren Aufenthalte kommt es im jeweiligen Einzelfall zu höheren als den oben angegebenen Strahlenbelastungen. Eine Betrachtung von Strahlenbelastungserhöhungen durch Unfälle, die zu Freisetzungen aus dem Behälter führen, sind nicht Teil dieser Stellungnahme. Ebenso werden hier keine Sabotage bedingten Verzögerungen betrachtet, die jedoch ebenfalls nicht auszuschließen sind.

Gruppe Ökologie e.V. Hannover, 19.02.1997

Wolfgang Neumann

Quellenverzeichnis

BfS 1995 Bundesamt für Strahlenschutz: Aufbewahrungsgenehmigung für das Transportbehälterlager Gorleben; ET 3.3-2.1.1.13, Salzgitter, 2.06.1995

EBA 1996 Eisenbahn-Bundesamt: Plangenehmigung für die Errichtung einer Einhausung für den Verladekran mit Sende- und Empfangsmast sowie die Erweiterung der Einfriedung auf der "Umladestation Dannenberg" des Brennelementlager Gorleben GmbH auf dem Gelände der Deutschen Bahn AG, Bahnhof Dannenberg Ost; ohne Anlagen; Hamburg. 16.07.1996

EU 1996 Richtlinie 96/29/Euratom des Rates vom 13. Mai 1996 zur Festlegung der grundlegenden Sicherheitsnormen für den Schutz der Gesundheit der Arbeitskräfte und der Bevölkerung gegen die Gefahren durch ionisierende Strahlungen; Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften, L 159, 39. Jahrgang, 29. Juni 1996

ICRP 26 International Commission on Radiological Protection: Recommendations of the International Commission on Radiological Protection, ICRP Publication 26; Pergamon Press, Oxford 1977

ICRP 60 International Commission on Radiological Protection: 1990 Recommendations of the International Commission on Radiological Protection, ICRP Publication 60; Pergamon Press, Oxford 1991

KUNI 1995 H. Kuni: Gefährdung der Gesundheit durch Strahlung des CASTOR; Tagungsband zum Expertengespräch "Biologische Wirksamkeit von Neutronenstrahlung" des Niedersächsischen Umweltministeriums; Hannover, 19. September 1995

KUNI 1997 H. Kuni: Biologische Wirksamkeit der Neutronen im Strahlenschutz unterschätzt; Thesen, Greenpeace-Veranstaltung; Bonn, 16. Januar 1997

STRLSCHV 1990 Verordnung über den Schutz vor Schäden durch ionisierende Strahlen (Strahlenschutzverordnung - StrlSchV) in der Fassung vom 23. September 1990; Atomgesetz mit Verordnungen, 14. Auflage; Nomos Verlagsgesellschaft Baden-Baden, 1990

1 Die in diesem Kapitel angegebenen Längenangaben und Entfernungen wurden dem gefax- ten Ausschnitt der Deutschen Grundkarte, Maßstab 1 : 5000, für das Gebiet um Dannenberg entnommen bzw. beruhen auf mündlichen Mitteilungen. 2 Es handelt sich hier um die Maximalwerte, die auch für alle sechs Behälter beim gegenwär- tigen Füllungsgrad des TBL erreicht werden können. 3 Zur Diskussion über den heranzuziehenden Vergleichswert für die Strahlenbelastung wird auf die Stellungnahmen der Gruppe Ökologie und der Schriftsätze von Rechtsanwalt Piontek im Rahmen des Verwaltungsgerichtsverfahrens zur TBL-Genehmigung verwiesen. Strahlenbelastungen am Verladebahnhof Dannenberg Seite 2


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