Fachzeitschrift für Bauingenieure
des Springer-VDI-Verlages

Nur die halbe Wahrheit

Inhalt:

Im Springer-VDI-Verlag erscheint u.a. eine Fachzeitschrift für Bauingenieure.

Eigenwerbung des Verlags: „Die Zeitschriften bieten Fachwissen für Experten. Hochkarätige Autoren berichten über Innovationen und Hintergrundwissen im jeweiligen Fachgebiet. Praxisorientiert, ohne den wissenschaftlichen Hintergrund aus dem Blick zu verlieren."

 

Die Zeitschrift BAUINGENIEUR berichtete am 24.4.2004 scheinbar unvoreingenommen über die Stuttgarter Vortragsreihe „Der Bauingenieur und die Gesellschaft". Tatsächlich hat sich das Blatt für eine Propagandaveranstaltung der Atomindustrie missbrauchen lassen:

  • Sogar offensichtlich widersprüchliche Aussagen wurden nicht kritisch hinterfragt.
  • Dass nicht eine der Atomindustrie gegenüber kritische Stimme vertreten war, ist der Redaktion keinen Kommentar wert.
  • Die für Bauingenieure interessanteste Frage ist sicher das weltweit ungelöste Problem der Endlagerung hochradioaktiver Abfälle – doch das wurde überhaupt nicht angesprochen!

Unsere Kritik wurde weder von der Redaktion noch von den Referenten beantwortet:

  • Es beginnt mit der Überschrift: „Energieträger müssen politisch entideologisiert werden - Sichere Energieversorgung funktioniert nur im Zusammenspiel aller Energieträger".
    Das ist Propaganda! Eine entideologisierte, sich nur an Fakten orientierende Analyse käme zu dem Schluss, dass eine sichere Energieversorgung nur ohne Kernenergie möglich ist. Ideologie hilft hingegen den Verantwortlichen, die unkalkulierbaren, vor allem langfristigen Risiken zu verdrängen.
  • „Geringe gesundheitliche Risiken bei Kern-, Wasser- und Windkraft" sei das Ergebnis einer von Prof. Voß vorgenommenen Bilanzierung aller vor- und nachgelagerten Prozesse, die notwendig seien, einen Energieträger bereitzustellen und zu nutzen".

    Bei einem so hohen Anspruch muss selbst einem Redaktions-Praktikanten auffallen, daß es ernstzunehmende und hierzu völlig gegensätzliche Untersuchungsergebnisse gibt. So ist es leider üblich, lediglich das Risiko deterministischer Erkrankungen, das sind Erkrankungen, deren Ursache direkt nachweisbar sind, zu diskutieren. Stochastische Schädigungen – Erkrankungen, die nur epidemiologisch erfassbar sind wie z.B. Krebs, Schädigungen des Erbguts und der Embryonen - werden gemeinhin, wie hier von Prof. Voß, der Öffentlichkeit verschwiegen. Siehe auch J.M. Gould / B. A. Goldman: „Tödliche Täuschung Radioaktivität. Niedrige Strahlung, hohes Risiko", Beck’sche Reihe, ISBN 3-406-34033-4.
    Außerdem wird gern verdrängt, dass im Falle eines GAU Schäden an Lebewesen und Natur in einer Größenordnung eintreten können, die sogar gewaltige Naturkatastrophen in den Schatten stellen - Tschernobyl hat es bewiesen.
  • „Fasst man die gesamten Stromgestehungskosten zusammen zeigt sich, dass die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien mit höheren, bei der Photovoltaik sogar erheblich höheren Kosten verbunden ist als bei den fossilen und nuklearen Kraftwerken."

    Was Prof. Voß verschweigt:
    • Die Stromerzeugung mittels Atomkernspaltung wurde von Anfang an hoch subventioniert. Milliarden wurden zu Lasten von Stromkunden und Steuerzahlern (fehl)investiert. Erinnert sei an Niederaichbach, Hamm-Uentrop, Kahl, Mülheim-Kärlich. u.s.w.. Riesige Forschungszentren zur Entwicklung der Atomtechnik, Karlsruhe, Jülich, Geesthacht, Berlin, München-Neuherberg, wurden vom Steuerzahler jahrzehntelang finanziert. Auch heute wird die Kernkraftforschung noch immer vom Staat bezahlt. Verglichen wird diese hochentwickelte Technik mit Techniken, die praktisch noch am Beginn ihrer Entwicklung stehen - und die in den vergangenen Jahrzehnten zusammen gerade einmal einen Bruchteil der für die Kernforschung aufgewendeten Summen als Förderung erhielten.
    • Nach einem seit 1992 auch der Öffentlichkeit zugänglichen Gutachten des renommierten
      Basler PROGNOS-Institutes für das BMWi würden die Kosten des "Atomstroms"
      bei korrekter Haftpflichtversicherung der AKW bis zu 2 Euro je KWh betragen.
  • „Bei Einbeziehung der Kosten für die Bewertung der Nachhaltigkeit von Energiesystemen legt Prof. Voß großen Wert auf die Einbeziehung von externen Kosten. Darunter versteht er u.a. die Kosten, die durch die Umweltinanspruchnahme entstehen. Sie umfassen Schäden an Ökosystemen, an Gesundheit von Mensch und Tier, bei der Agrarproduktion sowie an Material und schließlich den Treibhauseffekt. Auch hier sind die Kosten für Kohlekraftwerke am höchsten, am niedrigsten für Kernenergie, Wind- und Wasserkraft."

    Was Prof. Voß verschweigt:
    • Bei der Wiederaufarbeitung abgebrannter Brennelemente werden große Mengen des radioaktiven Edelgases Krypton-85 emittiert. Dieses Gas steht im Verdacht hoher Klimaschädlichkeit.
    • Wie stünde es um die Wirtschaftlichkeit und die möglichen gesundheitlichen Folgen eines „Tschernobyl" irgendwo in Westeuropa? Wie teuer wäre eine „Stillegung" Hamburgs, wenn „unser" Tschernobyl Brunsbüttel heißen würde? Siehe hierzu auch Prof. (Yale University) Charles Perrow: "Normale Katastrophen. Die unvermeidbaren Risiken der Großtechnik" Reihe Campus. ISBN 3-593-34125-5.

 

Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, wenn ausgerechnet dieser Professor gegen Ende seines Vortrags beklagt, dass „wesentliche naturwissenschaftlich-technische und ökonomische Sachverhalte zur Fundierung einer auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Energiepolitik nicht zur Kenntnis genommen werden."

 

Gleiches gilt für Herrn Prof. Eibl, der

  • „darauf hinwies, dass die technische Beherrschung der Kernenergieanlagen heute kein Problem sei."
    Aha – früher war es also doch ein Problem? Das durch verbesserte Technik aus der Welt geschaffen wurde? Auch ihm sei die Lektüre des oben erwähnten Buchs über die unvermeidbaren Risiken der Großtechnik wärmstens empfohlen.
  • über Untersuchungen in den USA zu berichten wusste: „Dort ließ man eine Phantom mit einer Geschwindigkeit von 210 m/s auf eine Betonaufwand prallen, die dabei fast nur im äußeren Bereich zerstört wurde. Der tiefste Eindruck lag bei einer Tiefe von 39 cm im Beton. Ein solches Unglück ist also technisch kein Problem."
    Woraus der Leser den Eindruck gewinnen kann, dass Flugzeugabstürze für Kernkraftwerke ein beherrschbares Risiko darstellen.

Was Prof. Eibl nicht sagt:

    • Seine Aussagen über die Beständigkeit gegen einen Flugzeugaufprall setzen voraus, dass das Flugzeug schräg auftrifft. Was, wenn es senkrecht aufprallt?
    • Ein Großflugzeug hat 200 Tonnen Kerosin an Bord. Laut Reaktorsicherheitskommission können dadurch langanhaltende Brände mit Temperaturen von über 1000° C ausgelöst werden. Technisch kein Problem?

Auch Prof. Giesecke gibt dem Leser ein Rätsel auf. Er meint, der Nutzung der Wasserkraft komme in Deutschland besondere Bedeutung zu. Mag sein. Er erwähnt immerhin als einziger Sprecher die Biomasse. Über deren Bedeutung aber sagt er nichts, obwohl diese vermutlich zur weitaus wichtigsten erneuerbaren Energiequelle werden wird. Ihr Potenzial beträgt bis zu 40 % des heutigen Primärenergieverbrauchs. Das ist das 5 bis 6-fache dessen, was heute Atomkraftwerke erzeugen. Ist das für Bauingenieure nicht interessant?


08.04.2004

Stuttgarter Vortragsreihe "Der Bauingenieur und die Gesellschaft"

Energieträger müssen politisch entideologisiert werden

Sichere Energieversorgung funktioniert nur im Zusammenspiel aller Energieträger

- Dr. Klaus Fockenberg

In seiner Einführung wies er darauf hin, dass sich der Energieverbrauch der Menschheit in den nächsten 25 Jahren verdoppeln werde. Dabei sei der größte Teil des Verkehrsaufkommens freizeitbedingt. Da sich dieser Prozess nicht aufhalten lasse, sei es dringend erforderlich sich vom Verbrauch fossiler Brennstoffe abzuwenden.

Einen einführenden Überblick über die Wege zu einer nachhaltigen Energieversorgung gab Prof. Dr.-Ing. Alfred Voß vom Institut für Energiewirtschaft und Rationelle Energieanwendung der Universität Stuttgart.

Dabei sei zu berücksichtigen, dass der überwiegende Teil der Treibhausgas- und anderer Schadstoffemissionen aus der Energieversorgung stammt.

"In den nächsten Jahren wird ein erheblicher Teil der Erzeugungskapazität vom Netz gehen, bis 2020 ist mit einem Leistungsabgang von ungefähr 60.000 MW, d.h. etwa der Hälfte der heute installierten Kraftwerksleistung in Deutschland zu rechnen", erläuterte Prof. Voß.

Geringe gesundheitliche Risiken bei Kern-, Wasser- und Windkraft

Bei einer exemplarischen Gegenüberstellung der unterschiedlichen Stromerzeugungssysteme in bezug auf ihre relative Nachhaltigkeit verglich Prof. Voß die Ressourcen- und Umweltinanspruchnahme sowie die Kosten. Dazu wurden die Ergebnisse von Material-, Energie- und Stoffbilanzen erläutert, die alle Stufen und Prozesse erfassen, die für die Energiebereitstellung erforderlich sind. Diese Bilanzierung berücksichtigt den kompletten Lebensweg und erfasst alle vor- und nachgelagerten Prozesse, die notwendig seien einen Energieträger bereitzustellen und zu nutzen.

Während die energetische Amortisationszeit bei den nicht erneuerbaren Energieträgern wie Kohle und Gas ebenso wie bei der Kernenergie sich zwischen einem und vier Monaten bewegt, liegt er bei Wind und Wasser bei grob einem Jahr, bei der Photovoltaik etwa zwischen sechs und neun Jahren.

Dem hohen Materialaufwand bei Wind und Photovoltaik stehen im Gegensatz zur Herstellung und Entsorgung von Kraftwerken die fehlenden Stofffreisetzungen gegenüber, so dass keine Umweltbelastungen entstehen. Allerdings bedingen ein hoher kumulierter Energieaufwand und die hohe Materialintensität auch bei energierohstofflosen Energiebereitstellungssystemen durchaus hohe Schadstoffemissionen. Auch aus gesundheitlicher Sicht zeigen sich hohe Risiken nicht nur bei der Verstromung von Braun- und Steinkohle, sondern auch bei der Photovoltaik, aufgrund der bereits erwähnten hohen Aufwendungen für Material und Komponenten. Die Stromerzeugung mittels Kernenergie, Wind- und Wasserkraft weist die geringsten gesundheitlichen Risiken auf.

Bei Einbeziehung der Kosten für die Bewertung der Nachhaltigkeit von Energiesystemen legt Prof. Voß großen Wert auf die Einbeziehung von externen Kosten. Darunter versteht er u.a. die Kosten, die durch die Umweltinanspruchnahme entstehen. Sie umfassen Schäden an Ökosystemen, an Gesundheit von Mensch und Tier, bei der Agrarproduktion sowie an Material und schließlich den Treibhauseffekt. Auch hier sind die Kosten für Kohlekraftwerke am höchsten, am niedrigsten für Kernenergie, Wind- und Wasserkraft.

wird aber auch deutlich, dass die Einbeziehung von Umwelt-Externalitäten, die Wirtschaftlichkeitsposition der Kernenergie verbessert."

Im Gegensatz dazu werden beim fossil- nuklearen Energiemix tatsächlich 230 Mrd. Euro eingespart. "Angesichts derartiger Mehrkosten des Weges einer primär auf erneuerbare Energie basierenden Energieversorgung und der dadurch induzierten gesamtwirtschaftlichen Wohlfahrtsverluste ist dieser Weg mit der ökonomischen Dimension von Nachhaltigkeit nicht zu vereinbaren", resümiert Prof. Voß.

eine Frage der Entideologisierung ökonomischer, ökologischer und technischer Sachverhalte. "Das energiepolitische Dilemma in unserem Land besteht zu einem Gutteil darin, dass wesentliche naturwissenschaftlich-technische und ökonomische Sachverhalte zur Fundierung einer auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Energiepolitik nicht zur Kenntnis genommen werden", schloss Prof. Voß seinen Vortrag. Dabei wäre das Know-how in allen Sparten vorhanden. Man müsse es nur richtig nutzen.

Kernenergie ist technisch beherrschbar

Prof. Josef Eibl, Emeritus des Instituts für Massivbau und Baustofftechnologie der Universität Karlsruhe, griff in seinem Vortrag in die aktuelle Debatte über die Sicherheit der Kernenergie ein. Er zeichnete die nachhaltige Nutzung der Kernenergie aus Sicht der Bautechnik auf.

Prof. Eibl wies darauf hin, dass die technische Beherrschung der Kernenergieanlagen heute kein Problem sei. Derzeit entstehe in Finnland ein Reaktor, der EPR European Power Reactor mit einem doppelwandigen äußeren Kühlkreislauf. Er werde unter Führung von Siemens von einem deutsch französischen Konsortium gebaut.

Bei der Untersuchung der Folgen von äußeren Angriffen auf Nuklearanlagen mit Flugzeugen verwies Prof. Eibl auf bereits frühere Versuche mit Militärflugzeugen in den USA. Dort ließ man eine Phantom mit einer Geschwindigkeit von 210 m/s auf eine Betonaufwand prallen, die dabei fast nur im äußeren Bereich zerstört wurde. Der tiefste Eindruck lag bei einer Tiefe von 39 cm im Beton. Ein solches Unglück ist also technisch kein Problem.

Die erneuerbaren Energien müssen gleichzeitig sinnvoll weiter ausgebaut werden und die Nutzung der Kernenergie sollte nochmals überdacht werden. Der Bau wird dazu seinen Beitrag zu leisten haben." beendete Prof. Karlheinz Bökeler, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Bauwesen die Tagung.


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Eine Richtigstellung der
Fachgruppe Radioaktivität

Bearbeitet am: 24.08.2004/ad


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