VDI-Nachrichten auf Pro-Atom-Kurs?

Zufall oder Absicht?

Inhalt:

Die "VDI-Nachrichten", das Mitgliedsblatt des Vereins Deutscher Ingenieure (das auch im Zeitschriftenhandel erhältlich ist), zählte bislang zu den erfreulichen Ausnahmen unter den Medien. Sie berichtete ausführlich über alle Fragen der Energiegewinnung und ließ auch die alternativen Energiequellen von kompetenten Autoren detailliert vorstellen. Einige Beiträge verdienten sogar das Prädikat "atomkritisch".

Um so größer die Enttäuschung, weil ein Mitglied der "Kerntechnischen Gesellschaft" unkommentiert die Veröffentlichungen der ILK (die sog. Internationale Länderkommission, getragen von den Pro-Atom-Landesregierungen in Bayern, Baden-Württemberg und Hessen) preisen durfte.

Wir bringen den Beitrag im Wortlaut und dazu unsere kritischen Anmerkungen.


Kernkraft zeigt Pluspunkte?

VDI-Nachrichten 2. Juli 2004, Seite 6

Der Verfasser folgt einem einfachen Schema, indem er alle bekannten Nachteile unterbewertet. Natürlich fällt die Bilanz dann für die Kernkraft positiv aus.

- Als Nachteil nennt er "Risikoversion".
Hält er den Wunsch, die Risiken der Kernenergie zu vermeiden, für übertrieben, oder meint er, dass die Risiken gar nicht existieren? Der Autor sagt es nicht, und die VDI Nachrichten fragen nicht nach.

- Weiter nennt er "Abfälle" - einfach "Abfälle", ohne weitere Erklärung. Die Wortwahl soll die Gefahr verharmlosen, denn dass dies die gefährlichsten Abfälle sind, die die Menschheit bisher produziert hat, erwähnt er natürlich nicht.

- Die Kernenergie habe ausgezeichnete Eigenschaften hinsichtlich Wirtschaftlichkeit.
Um das zu behaupten, muss er die Prognos-Studie von 1992 ignorieren, der zufolge Strom aus Kernenergie wegen der notwendigen Risikovorsorge vermutlich der teuerste ist.

- Ausgezeichnete Gesundheitsaspekte?
Die von Greenpeace nachgewiesene Umweltverschmutzung bei den Wiederaufarbeitungsanlagen in Frankreich und England zeichnet ein etwas anderes Bild. Hinzu kommt auch die Luftverschmutzung durch Krypton 85. Dieses Gas entsteht in großen Mengen bei der sog. Wiederaufarbeitung abgebrannter Brennelemente und steht in starkem Verdacht, klimaschädlich zu sein. Forschung hierüber – müsste staatlich finanziert werden und findet darum nicht statt! Man weiß lediglich, dass es sich seit über 10 Jahren kontinuierlich in der Stratosphäre anreichert.

- Die strahlenden Abfälle verniedlicht er noch ein zweites Mal. Relativ kleine Mengen! Was bedeutet in diesem Fall „relativ"? Mit welchen anderen Abfällen vergleicht der Autor?

- Zitat: Unter den gleichen Rahmenbedingungen unterliegen die fossilen Systeme begrenzten Energieressourcen und weisen vergleichsweise ungünstige ökologische Eigenschaften und Unfallrisiken auf.
Merkwürdig, sind denn die Uranmengen unbegrenzt? Sie reichen nach optimistischen Untersuchungen noch etwa 70 bis 100 Jahre. Nun stellen wir uns einmal vor, in der nächsten Dekade würde die weltweite Zahl der AKW verdoppelt - wovon ja viele Atomkraftbefürworter träumen. Dann würde so manches heute schon geplante AKW das Ende der Uranvorräte noch „erleben".

- Zu den Unfallrisiken: Sind ein Tschernobyl und ein Harrisburg nicht genug? Gegen sein Gottvertrauen in AKW nach westlichem Standard empfehlen wir ihm das Buch von Charles Perrow: „Normale Katastrophen. Die unvermeidlichen Risiken der Großtechnik". Unerwähnt bleibt auch, dass durch einen GAU im Osten auch wir im Westen geschädigt werden - siehe die Auswirkungen von Tschernobyl.

- Bei dem Vergleich mit alternativen Energiequellen hat der Autor die Biomasse wohl schlicht vergessen. Deren Potenzial beträgt laut VDI Nachrichten bis zum Vierfachen der heutigen Atomenergieproduktion.

- Der zweitletzte Absatz ist, mit Verlaub, reine Polemik. Benötigt die Kernkraft etwa keine nichtenergetischen Materialressourcen? Und über Kosten sollten Vertreter der Kernenergie lieber schweigen: Zu Beginn des Atomkraftzeitalters in Deutschland wurde jedes AKW mit 100 Mio Euro subventioniert! Auch fließen bis heute über 70 % aller Forschungsmittel im Energiebereich in die Atomforschung!


Kernkraft zeigt Pluspunkte

Energie: Kommission legt Stellungnahme vor - Nachhaltigkeit und Umweltverträglichkeit der Stromversorgung sollen ideologiefrei diskutiert werden

VDI nachrichten, München, 2. 7. 04 - Mit der Nachhaltigkeit der Kernenergie und anderer Technologien hat sich eine Kommission befasst. Die Atomkraft habe Vorzüge bei Wirtschaftlichkeit, Umwelt und Gesundheit. Abfälle und Risikoaversion sind die Minuspunkte.

Die Debatte über die Zukunft der Stromversorgung in Deutschland muss mehr denn je unter ausgewogener Berücksichtigung der drei Nachhaltigkeitssäulen Ökologie, Ökonomie und Sozialverträglichkeit objektiv und wissenschaftlich fundiert geführt werden, forderte Bayerns Umweltminister Werner Schnappauf vorige Woche in München bei der Präsentation der ILK-Stellungnahme (siehe Kasten unten) zur Bewertung der Nachhaltigkeit der Kernenergie und anderer Technologien zur Stromerzeugung.

Der Züricher Professor Wolfgang Kröger, einer der vier Autoren der Stellungnahme, sagte, dass man eine nüchterne Debatte ohne Emotionen über die verschiedenen Stromerzeugungstechnologien haben wolle. Die Internationale Länderkommission Kerntechnik (ILK) mit ihren 13 wissenschaftlichen Mitgliedern aus den USA, Schweden, der Schweiz, Frankreich und aus Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren intensiv mit diesem Thema beschäftigt und nun in ihrer Stellungnahme ein praktisches Beispiel für eine Bewertungsmethodik mit entsprechendem Zahlenmaterial erarbeitet.

Das Ergebnis dieser Studie steht im krassen Gegensatz zur Stellungnahme des Wissenschaftlichen Beirates der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) vom vergangenen Jahr. Darin heißt es, "dass keine neuen Kernkraftwerke mehr genehmigt und bis 2050 weltweit die Nutzung der Kernkraft beendet werden sollten". Die ILK ist dagegen der Auffassung, dass die Nachhaltigkeitsbetrachtungen die politischen Entscheidungen zu Energieversorgungsoptionen und zugehörigen technischen Entwicklungen gegenseitig abstützen sollten.

Die Kommission kommt zu dem Schluss, dass die Kernenergie ausgezeichnete Eigenschaften hinsichtlich Wirtschaftlichkeit, aber auch in Bezug auf Umwelt- und Gesundheitsaspekte aufweise. Weiterhin habe die Kernenergie in der westlichen Welt auch eine exzellente Sicherheitsbilanz, die sich in geringeren Werten des kollektiven Risikos niederschlägt. Die schwierigen Punkte für die Kernenergie seien die Risikoaversion und die Probleme, die im Zusammenhang mit der Notwendigkeit einer sicheren Lagerung relativ geringer Mengen radioaktiver Abfälle über einen extrem langen Zeitraum wahrgenommen werden.

Unter den gleichen Rahmenbedingungen unterliegen die fossilen Systeme begrenzten Energieressourcen und weisen vergleichsweise ungünstige ökologische Eigenschaften und Unfallrisiken auf. Hier schneidet Erdgas mit Abstand am besten ab. Sonne- und Windenergie sind hinsichtlich der Einwirkung auf die Umgebung, so die ILK, in aller Regel vorteilhafter als fossile Energieträger, aber sie verbrauchen große Mengen nicht-energetischer Materialressourcen und ihre Kosten sind hoch. In der Gesamtleistung schneidet bei der ILK-Gewichtung die Windenergie günstig ab, Photovoltaik-Systeme sind hingegen beim deutschen Klima unwirtschaftlich.

Die Aufgabe, Energieversorgungstechnologien unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit zu bewerten, ist sehr komplex, so Kröger. Sie könne nicht allein mit mathematischen Methoden gelöst werden. Aber die von der ILK aufgezeigten Bewertungen könnten eine Basis für eine gesellschaftliche Diskussion bilden. 

JOACHIM HOSPE


Anschrift
VDI Verlag GmbH
Heinrichstraße 24
40239 Düsseldorf
Tel. (0211) 61 88-0
Telefax: (0211) 61 88-306
Internet: www.vdi-nachrichten.com

Geschäftsführung
Raymond Johnson-Ohla
E-Mail: geschaeftsfuehrung@vdi-nachrichten.com


Eine Richtigstellung der
Fachgruppe Radioaktivität

Bearbeitet am: 24.08.2004/ad


zurück zur Homepage