VDI-Nachrichten

VDI-Präsident plädiert für die Nutzung von Kernenergie

Inhalt:

Der Präsident des VDI ist offenbar ein großer Freund der Atomenergie. In den VDI-Nachrichten,
die im Vergleich mit anderen Publikationen seit Jahren ungewöhnlich gut und vollständig über
Energiegewinnung aus alternativen Quellen berichtet, ließ er einen Beitrag einrücken, der
nur als oberflächlich und unkritisch bezeichnet werden kann.

Sehr geehrter Herr Präsident,

Ihr Beitrag in den VDI nachrichten vom 07.09.2007 fordert Widerspruch heraus. Zwar haben die VDI-n bereits einen Leserbrief von Herrn Krug aus Pohlheim veröffentlicht, der aber zwangsläufig zu kurz ausfallen musste.

Die Nähe zum dort geplanten Endlager Gorleben führt dazu, dass die Menschen hier im Wendland der Atomtechnik sehr viel kritischer gegenüberstehen als anderswo. Eine Ursache, bei weitem nicht die einzige, ist die extrem schlechte Informationspolitik bei allem, was mit Atomkernspaltung sowie dem Transport und der Endlagerung der hochradioaktiven Abfälle zusammenhängt.

Ihr Beitrag reiht sich hier nahtlos ein..

 

Ist der Verzicht auf Atomstrom wirklich fahrlässig?

Das hängt u.E. davon ab, wie man diesen Verzicht gestaltet. Zuvor wäre eine gründliche Analyse der Auswirkungen notwendig. Die Ergebnisse kann zum jetzigen Zeitpunkt niemand voraussagen. Hier im Wendland, und nicht nur hier, glaubt die Mehrheit, dass Weitermachen fahrlässig ist.

 

Sie meinen, die Atomkraftgegner behaupten „Atomausstieg ja bitte - aber ohne Nebenwirkungen":

Haben Sie wirklich gut beobachtet? Nach unseren Erfahrungen ist auch dem schärfsten Ausstiegsbefürworter klar, dass der Ausstieg auf jeden Fall mit Nebenwirkungen verbunden ist. Allein über deren Ausmaß herrscht Unklarheit.

Muss man aber nicht auch fragen, ob denn das Festhalten an der Atomenergie ohne Nebenwirkungen ist.

Wird nicht vieles einfach verschwiegen? Hat man z.B. die hohen Emissionen des radioaktiven Edelgases Krypton-85, die bei der sog. Wiederaufarbeitung abgebrannter Brennstäbe entstehen, in geringen Mengen auch bei jedem AKW, genauer auf Klimaschädlichkeit untersucht? Gibt es denn keinen hohen Wärmeeintrag der AKW in die Flüsse? Wie muss man über den ungeheuren potentiellen Schaden denken, der im Falle eines GAU entstehen würde? Niemand weiß, was mit den großen Mengen Plutonium – allein in Sellafield mehr als 10 Tonnen – geschehen soll.

Warum wird dies alles von den Befürwortern kaum jemals angesprochen?

 

Zweitens hängen unser Wohlstand und unsere Lebensqualität von maßvollen Energiepreisen ab, vor allem industrielle Arbeitsplätze können nur gehalten und ausgebaut werden, wenn Strom jederzeit zu einem wettbewerbsfähigen Preis zur Verfügung steht

Niemand wird dieser Feststellung grundsätzlich widersprechen. Dennoch wird man differenzieren dürfen. Großverbraucher der Industrie könnten für die Deckung ihres Strombedarfs in so manchem Fall durchaus selbst sorgen. Siehe das Vorhaben der Norddeutschen Affinerie, ein eigenes Müllkraftwerk zu planen.

Privatverbraucher werden ein par Cent pro kWh durchaus verkraften müssen und meistens auch wollen. Außerdem führen Mehrkosten dazu, dass viel mehr Anstrengungen unternommen werden, das eigene Verhalten zu ändern und beispielsweise die Häuser besser zu isolieren und stärker auf verbrauchsarme Elektrogeräte zu achten.

Bei den Arbeitsplätzen unterschlagen Sie u.E. die Tatsache, dass deren Zahl mit dem weiteren Ausbau der„Alternativen" erfahrungsgemäß stark zunehmen wird, viel stärker als im Falle des Festhaltens an der Atomkraft..

 

Strom wird heute zu etwa 60 % aus Braunkohle, Steinkohle oder Erdöl/Erdgas gewonnen, die Kosten der Stromerzeugung liegen bei diesen Energieträgern mit etwa 3,5 Cent je Kilowattstunde gleichauf. Atomstrom hat etwa die gleichen Erzeugungskosten, ist aber bei den CO2-Emissionen klar überlegen.

Der genannte Preis und der Hinweis auf CO2 zählen zu den anfangs angedeuteten unzureichenden Informationen.

Nie werden Zahlen genannt, wie sich die 3,5 Cent errechnen. Dabei ist die Prognos-Studie inzwischen bereits recht alt, die sehr viel höhere Kosten nennt. Auf die fehlende

Haftpflichtversicherung hat Herr Krug zu recht hingewiesen, ebenso auf die ungeheuren Kosten eines GAU. Niemand kann behaupten, ein GAU sei unmöglich.

 

Ist der Anteil der Energie aus alternativen Quellen am Energiemix tatsächlich so gering, wie Sie andeuten?

Kann man den Anteil der Alternativen am Primärenergieverbrauch von 6 bis 7 % im vergangenen Jahr noch gering nennen? Der Atomstrom-Anteil beträgt doch auch nur 12,8 %. Geht die Steigerung weiter wie bisher, werden die „Alternativen" den Atomstrom in kurzer Zeit überflügeln.

Leider verlieren Sie kein Wort über die hohen Kapitalmengen, die in der Vergangenheit in die Atomtechnik geflossen sind. Ich verweise hierzu auf den Artikel „Kernenergie gehört ins Technikmuseum" von Hermann Scheer in der ZEIT vom 29.07.2004. Die „Alternativen" sind hinsichtlich der Gelder für Forschung und Entwicklung auch heute noch im Hintertreffen – dessen ungeachtet kritisiert man, sie seien zu teuer. Ist das denn nicht die zwangsläufige Folge der von H. Scheer dargestellten Ungleichbehandlung?

 

Würde man die Stromerzeugung einzig unter dem Aspekt der CO2-Emissionen betrachten, lägen Wasser, Wind und Atom in dieser Reihenfolge an der Spitze. Schon Strom aus Photovoltaik erzeugt achtmal mehr CO2-Emissionen als Atomstrom und sogar zehnmal mehr als Strom aus Windenergie.

Man könnte zustimmen. Allerdings bezieht sich Ihr Hinweis auf die heute noch hohen Emissionen bei der Herstellung der Photovoltaikmodule auf die gegenwärtige Situation. Gibt es denn keine Weiterentwicklungen? Glauben Sie denn nicht an, beispielsweise, neue Dünnschicht- oder CIS-Module?

Zählen etwa auch Sie zu denjenigen, die die kompliziertesten Maschinen und Anlagen und Verfahren für realisierbar und beherrschbar halten, aber nicht an die weitere Entwicklung vergleichsweise einfacher Techniken glauben?

 

Ist der Verzicht auf die vorhandene Atomenergie wirklich fahrlässig und volkswirtschaftlich unverantwortbar?

Hätten Sie Recht, müssten die bisherigen Stromlieferungen aus alternativen Quellen ebenfalls fahrlässig und volkswirtschaftlich nicht zu verantworten sein. Die Sache ist u.E. genau umgekehrt: Es wäre unverantwortlich, nicht in die Entwicklung und Weiterentwicklung alternativer Quellen zu investieren. Verstärkte Anstrengungen auf diesem Gebiet führen dann sozusagen automatisch zum Stopp der Atomkraftwerke.

Und schauen Sie sich doch bitte einmal die Zahl der Beschäftigten und die Exporterfolge der „alternativen" Energiebranche an.

 

Sie führen aus, die öffentliche Debatte würde auch mit weniger Vehemenz geführt, wenn die bereits vorhandenen Lösungen für die Lagerung abgebrannter Brennstäbe und anderen Atommülls breiter kommuniziert und politisch unterstützt würden. Die Techniken dazu sind weit entwickelt, erprobt und großenteils verfügbar.

Das sind nun wirklich erstaunliche Aussagen. Außer ein paar Versuchen (F, S oder USA) gibt es doch nirgends auf der Welt eine funktionierende Endlagerung hochradioaktiver Abfälle. Geradezu ein Desaster ist die Situation in Deutschland. Man hat bisher große Hoffnungen auf den Gorlebener Salzstock gesetzt, ohne die bereits seit vielen Jahren vorliegenden negativen Forschungsergebnisse einer genaueren Prüfung zu unterziehen.

Wir haben keine Endlagerstätte, weder in Gorleben noch anderswo. Denn der Gorlebener Salzstock ist für die Endlagerung hochradioaktiver Abfälle nicht geeignet.

Niemand kennt den Gorlebener Salzstock besser als die Professoren Grimmel, Uni-Hamburg, und Duphorn, Uni-Kiel.

Grimmels Urteil, nachzulesen auf Seite 125 in seinem Buch „Kreisläufe der Erde" ISBN 3-8258-8212-8, lautet:

„Der Salzstock ist nicht durch eine hinreichende mächtige und lückenlose Tondecke von den wasserführenden Schichten abgeschirmt.

Der Salzstock ist nicht in Ruhe, sondern bis in quartäre Zeiten aufgestiegen und steigt immer noch weiter auf.

Der Salzstock hat durch Salzauflösung bereits einen großen Teil seiner Substanz verloren und wird noch weiter abgelaugt. Darüber hinaus ist zweifelhaft, ob Salz grundsätzlich für die Endlagerung hochradioaktiver Abfälle geeignet ist. Durch unkontrollierbare Reaktionen des Salzes (Radiolyse), initiiert durch Wärmeeintrag und Strahlung, ist die Stabilität des Salzstocks gefährdet".

Grimmels Ergebnisse decken sich weitgehend mit denen von Prof. Duphorn. Duphorn kennt viele Salzstöcke in Deutschland und würde, wäre eine Rangfolge der Eignung für ein Endlager gefragt, den Gorlebener Salzstock keinesfalls an die erste Stelle setzen.

Im Auftrag der PTB leitete der Kieler Geologe Prof. Dr. Klaus Duphorn die Untersuchungen von 1979 bis 1981. Duphorn, eigentlich Atomenergiebefürworter, lieferte die wissenschaftlichen Beweise dafür, dass Gorleben für die Einlagerung von Atommüll denkbar ungeeignet ist. Er kommt zu einem für den Standort Gorleben vernichtenden Ergebnis: Jede seiner zehn Schlußfolgerungen beginnt mit dem Satz: „Wir können nicht für einen Salzstock plädieren, ...", seine Ausführungen enden mit der Empfehlung: „Erkundung anderer Lagerstätten!".( Duphorn, Klaus. Quartärgeologisches Fazit. Kiel, 27.5.1982).

 

Zu der von Grimmel erwähnten Radiolyse:

Nach einigen Voruntersuchungen auf diesem Gebiet ist die Forschung in Deutschland nicht fortgeführt worden, wohl aber im Ausland.

Tatsächlich zersetzt sich Salz unter ionisierender Strahlung in Verbindung mit hohem Druck. Später gibt es explosionsartige Rück-Reaktionen. Das erforscht Prof. den Hartog in Groningen zusammen mit amerikanischen Wissenschaftlern seit nunmehr über 20 Jahren. Kein deutscher Politiker hat bisher mit ihm gesprochen. Zu einem deutschen Kongress war er zuletzt in den 90er Jahren eingeladen. Folgen hatte das nicht.

Die BI Lüchow-Dannenberg hatte Prof. den Hartog ins Wendland eingeladen. Zu seinem Vortrag erschien kein Wissenschaftler und kein Politiker. Daraufhin wurden von uns verschiedene Mitglieder des sog. AkEnd ( siehe www.akend.de) angesprochen. Aber erst nach Vorliegen des Abschlussberichts der AkEnd gab es dann eine „Nachsitzung" in Braunschweig. Das Protokoll der Veranstaltung ist verschämt unter „Protokoll", unabhängig vom eigentlichen Bericht, unter der genannten url abgelegt. Das Fazit lautete stark verkürzt: „Es besteht Forschungsbedarf".

In NL waren die Ergebnisse den Hartogs Anlass für die Regierung, die Option Salzstock als Endlager zu stoppen und das bereits vor über 10 Jahren.

Kein einziges der hier erwähnten Forschungsergebnisse ist bisher widerlegt worden.

Was also meinen Sie, wenn Sie sagen, es müsse breiter kommuniziert werden?

Sie setzen fort: Im Wesentlichen wird man zwei Wege gehen können. Zum einen wird das radioaktive Material komprimiert und in Glas oder Zement fixiert und anschließend in Fässern oder Kokillen in geeigneten, tiefen geologischen Schichten endgelagert

Dabei muss der Nachweis erbracht werden, dass der unwahrscheinliche, wenn auch nicht ganz auszuschließende Fall eines Austritts radioaktiver Stoffe aus dem Containment das Grundwasser und die Erdoberfläche nicht dauerhaft schädigen kann.

„Tiefe geologische Schichten" klingt verlockend. Aber woraus diese Schichten bestehen müssen, darüber gibt es keinen Konsens. Der deutsche Weg wird scheitern, siehe oben. Wie Granit den hohen Wärmeeintrag verkraften könnte, weiß niemand. Die Versuche in Schweden und Finnland könnten durchaus ebenfalls scheitern. Die im Granit infolge des Wärmeeintrags der strahlenden Abfälle entstehenden Risse und deren Auswirkungen sind nicht über lange Zeiträume hinweg erforscht. Und wie sich die Tonschichten in Frankreichs Versuchsendlager verhalten werden, ist gleichfalls unerforscht.

Wie also sieht der oben erwähnte „erprobte und größtenteils verfügbare Weg" aus?

Unserer Meinung nach gibt es einen solchen nicht!

Oberste Priorität hat natürlich die Sicherheit der Atomkraftwerke: Aber mit einem sicheren Betrieb, wie wir ihn in Deutschland unzweifelhaft haben....,

Haben wir? Doch wohl eher nicht, siehe SPIEGEL Nr. 29/2007.

„Sicherer Betrieb" bedeutet - das lernt jeder Ingenieur schon sehr früh und lehrt uns das tägliche Leben immer wieder - keine absolute Sicherheit. Sicherheit ist immer relativ. Nun gibt jedoch äußerst wenig Unglücksarten mit weltweiten Auswirkungen. Dazu gehört aber der GAU eines AKW.

Man muss darauf nicht näher eingehen, sondern braucht nur die vielen bekannt gewordenen Störfälle aufzuzählen und auf ein Buch zu verweisen: Prof. Charles Perrow: „ Normale Katastrophen. Die unvermeidlichen Risiken der Großtechnik" ISBN 3-593-34125-5.

Gern würde man einmal eine Rezension dieses Buches durch einen VDI-Repräsentanten zu Gesicht bekommen.

Auf Atomenergie vollständig zu verzichten, wäre für uns nicht klug, sondern ein Rückschritt. Sie mit Augenmaß weiter zu nutzen, sie noch sicherer zu machen, um die Klimaziele zu erreichen, gäbe uns gleichzeitig die Zeit, regenerative sowie nachwachsende Energieträger für wirtschaftlichen Einsatz zu entwickeln: Das ist der richtige Weg, der einem "Land der Ideen" wie Deutschland angemessen wäre.

Ist das tatsächlich der richtige Weg? Unsere Ausführungen mögen Ihnen zeigen, dass man mit Grund auch gegenteiliger Meinung sein kann.

Was Sie Fortschritt nennen, ist in unseren Augen Rückschritt. Mit verstärkter Forschung und besserer Förderung der Weiterentwicklung alternativer Energiequellen ist ein Eratz der Atomenergie in ganz kurzer Zeit zu schaffen. 


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Eine Richtigstellung der
Fachgruppe Radioaktivität

Bearbeitet am: 31.07.2006/ad


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