Leserbrief der

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vom 13.12.2011

Straße frei nach überraschendem Deal

Betrifft: Castor-Protest in Metzingen

Ich zähle mich zu den (450) autonomen Chaoten, von denen Innenminister Schünemann sprach. Und: Ich war an allen drei Einsatzabenden in Metzingen. Der dritte war blinder Alarm.

Donnerstag: Der Laternenumzug, der im vergangenen Jahr den Verkehr drei Stunden lang auf der Bundesstraße blockierte, wurde diesmal rigoros unterbunden. Mit dem Ergebnis: Die Bundesstraße war wieder drei Stunden nicht befahrbar. Aber: schlechte Stimmung bei allen Beteiligten. Die alleroberste Einsatzgesamtleitung hatte offenbar beschlossen, dass dieses Mal alles besser, sprich polizeistaatlicher werden sollte. Das Ergebnis ist bekannt.

Am Freitagabend beziehungsweise mitten in der Nacht dann die nicht unerwartete Eskalation: Vermutlich haben einige junge Leute am Dorfeingang von Metzingen die (OH-) Einheiten »erfolgreich» provoziert. Es erschien ein Wasserwerfer und verschaffte sich mit etlichen Robo-Cops Dorfstraßen-Herrschaft. So lange ich dabei war, gab es keinerlei Ansage oder auch Information von Mensch zu Mensch über Ziel und/oder Sinn dieses martialischen Einsatzes. Bei den Camp-Bewohnern hielt sich bis zum Abzug der vermummten Beamten das Gerücht beziehungsweise der Eindruck, dass das Camp geräumt werden soll.

Überraschend für uns auf der anderen Seite der Trecker-Anhänger-Barrikade kam dann die Lautsprecher-Polizei-Durchsage: Wenn ihr aufhört, Gegenstände zu werfen, ziehen wir uns zurück. Noch überraschender: Nach fünf Minuten war der Deal in die Tat umgesetzt. Auf eine entsprechende Frage erhielt ich irgendwann die Auskunft: Wir machen die Straße frei. Auf meine Nachfrage, warum und wovon, erhielt ich noch mal die Antwort: Wir machen die Straße frei. Niemand kann wissen, wie sich der »Krieg am Übergang Leitstade» entwickelt hätte, hätte es diesen nächtlichen Überfall nicht gegeben. Ich meine aber: Er war erstens unnötig, zweitens unverhältnismäßig (unangemessen, wie es heute heißt). Die weitere Entwicklung - auch bei anderen Gelegenheiten - ist offensichtlich bewusst und billigend in Kauf genommen worden.

Hinzu kommen solche brutalen Übergriffe einzelner - besonders auch von Beamten: In Metzingen hieß es in der Kommandoanweisung: »Polizeikräfte vorrücken!» Wenig später sah sich der Einsatzleiter genötigt, hinterher zu rufen: »Langsam vorgehen!» Da war es aber eigentlich schon zu spät! Von den unglaublichen Reiterstaffeleinsätzen (aus Berlin) will ich lieber nicht sprechen. Bereits 2010 war ein solcher Einsatz desavouiert.

Polizisten sind natürlich keine Mörder. Ich kann aber sehr gut nachempfinden, wenn ein »Bullen-Staat» skandiert wird.

Ulf Mann,
Berlin

Bearbeitet am:13.12.2011 /ad


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