Leserbrief der

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vom 06.01.2012

Gewaltstrukturen müssen verändert werden

Betrifft: Widerstand beim Castor-Transport

Wir vom WiderStandsNest Metzingen haben uns gefreut über die vielen Menschen, die mit uns zusammen Widerstand in die Tat umgesetzt haben. Die Leute waren kreativ, entschlossen, hartnäckig, mutig und nicht unterzukriegen. Jetzt lesen wir von »Gewalttätern» in Metzingen und in der Göhrde.

Dass die Polizei das Geschehen ins Gegenteil verkehrt, wundert uns nicht. Deren Absicht, einen Keil in den Widerstand zu treiben, kennen wir. Dass aber Menschen aus dem Widerstand ohne Not und ohne Überprüfen der Ereignisse sich die Sicht der Polizei zu eigen machen und sich von »Gewalttäter/innen» distanzieren, ist für uns unverständlich - und auch ärgerlich.

Viele von uns haben im Laufe der Jahre Polizeistaat und Polizeigewalt hautnah erlebt. Das hinterlässt Spuren. Gefühle von Ohnmacht und stiller oder lauter Wut kennt jede von uns. Und immer ist auch der Wunsch da, der Machtdemonstration und Provokation der Polizei etwas entgegenzusetzen - allein der eigenen Würde wegen.

Die Castor-Tage in Metzingen waren geprägt durch polizeiliche Belagerung und immer wieder massive Bedrohung und Angriffe durch Wasserwerfer, schlagstockschwingende Hundertschaften und Einsatz von Pfefferspray. Dass Menschen sich dagegen verteidigen wollten, dass sie ihren Mut zusammengenommen, sich in den Weg gestellt und auch Steine gegen den Wasserwerfer geworfen haben, um sein Vordringen zu verhindern: Wer möchte sich anmaßen, darüber zu urteilen, was in so einer Situation klug und sinnvoll ist, um sich und andere zu schützen - außer sich selbst verletzen zu lassen? Wer hat sich nicht schon mal gewünscht, dass andere das tun, was er/sie sich selbst nicht zutraut? Wer freut sich nicht, wenn es gelingt, der polizeilichen Übermacht Grenzen zu setzen und so überhaupt Raum für Widerstand aufzumachen?

Wenn wir über Gewalt sprechen, tun wir gut daran, auch die gewalttätigen Strukturen dieser Gesellschaft zu beleuchten: Wenn trotz Fukushima AKW weiterbetrieben werden, ist das Gewalt. Wenn in der Asse, obwohl bereits zu diesem Zeitpunkt bekannt war, dass Wassereinbrüche stattfanden, trotzdem radioaktiver Müll eingelagert wurde, ist das Gewalt. Wenn trotz des Wissens um die Unsicherheit des Salzstocks Gorleben an diesem Endlagerstandort festgehalten wird, ist das Gewalt. Wenn in der Logik dieses Systems ökonomische Interessen mehr zählen als Menschenleben, ist das strukturelle Gewalt.

Dann müssen wir darüber reden, wie wir dieser Gewalt begegnen können, wie wir diese Gewaltverhältnisse verändern können für ein menschengerechtes Leben für alle. Für viele, die beim Castor im Wendland waren, ist genau das ein wichtiges Anliegen. Uns gegenseitig dabei zu unterstützen und gemeinsam nach den richtigen Wegen und Mitteln zu suchen: Dafür war dieser Castor eine gute Gelegenheit, sich damit auseinanderzusetzen und auch über die Verschiedenheiten unser gemeinsames Anliegen nicht zu vergessen.

Elisabeth Krüger,
Metzingen

Bearbeitet am: 06.01.2012/ad


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