Leserbrief der

ejzmini.gif (1299 Byte)

vom 23.09.2017

Atommkraft in Indien und China kein Auslaufmodell?

Betrifft: Artikel „Fast mehr AKW vom Netz als neu“ (EJZ vom 18. September)

Seit Jahren macht der „World Nuclear Industry Status Report“ Mut, ein Verdienst unter anderem von Mycle Schneider, der schnörkellos nachweisen kann, dass die Atomkraft – ginge es um Wettbewerb – nicht nur in Deutschland, sondern weltweit ein Auslaufmodell ist. Das Problem nur, und das bilden die gründlich recherchierten Zahlen nicht ab: Es geht in den Ländern, die immer noch auf Atomkraft setzen, nicht um die Wirtschaftlichkeit. Nukleare Teilhabe wie in der Türkei und Indien ist wie das Prestigedenken eine der Triebfedern. Die Ausbaupläne in Indien sind erschreckend, dort gilt die Atomkraft im Vergleich und als Ersatz zur Kohleverbrennung als „green energy“. Bisher sind 23 Reaktoren in Betrieb. Premierminister Manmohan Singh möchte die AKW-Kapazitäten von 4,78 Gigawatt 2009 auf 470 Gigawatt im Jahr 2050 verhundertfachen. Dafür sollen mehrere Mega-AKW-Parks entstehen. Atomkraft gilt nicht nur in Indien als „green energy“, das gilt auch für China. Im Reich der Mitte sollen bis 2030 sogar 110 Reaktoren am Netz sein. Übrigens: Auch beim Bau des umstrittenen Atomkraftwerks Hinkley Point in Großbritannien tritt China als Teilhaber des Baukonsortiums als finanzieller Retter auf. Am Bau von Atomanlagen wird schließlich kräftig verdient. Zum Glück sind die Ausbaupläne in Indien und China bisher nur Zahlenspiele. Aber die Zahlen erzählen auch nicht von der Repression, der Menschen in diesen Ländern ausgesetzt sind, wenn sie sich gegen die Atomkraft zur Wehr setzen. Mächtig Druck macht deshalb die Atomlobby, die sich unter dem Dach von Foratom – the Voice of the European Nuclear Industry – versammelt hat und nach eigenen Angaben 150 Organisationen, Verbände und Einzelpersonen repräsentiert. Foratom stellt sich gern als „grass roots“- Bewegung dar. Mit ihrer Kampagne „Nuclear for Climate“ ist sie bei allen Veranstaltungen der Weltklimakonferenz präsent und dringt darauf, die Atomkraft als unveräußerliches Recht der Staaten zur Reduktion von CO2- Emissionen in Dokumente und Beschlüsse einfließen zu lassen, eben als „green energy“. Anfang November findet nun die nächste Weltklimakonferenz in Bonn statt. Dem Versuch, sich als „grüne Energie” zu verkaufen und damit einen Zugriff auf den 100 Mrd. US Dollar schweren „Green Climate Funds“ zu erschleichen, werden wir unter dem Titel „Don‘t nuke the climate“ in Workshops, Aktionen und auf einer Demonstration am 11. November zu vereiteln suchen. Zum Glück können wir uns in diesem Land – anders als in der Türkei, Indien oder China – Gehör verschaffen und zur Wehr setzen.

Wolfgang Ehmke,

Breese an der Göhrde,
Sprecher der BI Umweltschutz
 

 

Bearbeitet am: 23.09.2017/ad


Zurück zur Homepage