FAZ

vom 16.12.1998
Damit ein zweiter Fall Hannover verhindert wird
Verstärkte Informationspolitik der Vereinigung Deutscher Elektrizitätswerke / Sensibles Thema Kernkraftwerke

"Die deutsche Stromversorgung wird mit dem Jahrtausendwechsel nicht zusammenbrechen". Davon ist Dr. Eberhard Meller, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung Deutscher Elektrizitätswerke (VDEW) überzeugt. Denn der Branchenverband hat sich rechtzeitig um die Information seiner Mitglieder gekümmert und einen "Jahr2000- Aktionsplan" entwickelt. In diesem umfangreichen Papier wird nicht nur ausführlich die Jahr-2000-Problematik erläutert und auf mögliche Folgen eines Datumchaos hingewiesen. Der Aktionsplan gibt auch konkrete Anleitungen, wie Elektrizitätswerke ihre "Projekte 2000" strukturieren und durchführen können.

Über die möglichen Folgen von System- und Rechnerabstürzen am 1. Januar 2000 hat die
Elektrizitätswirtschaft spätestens seit dem 13. März 1998 genaue Vorstellungen. An diesem Freitag, dem 13., hatte nämlich die Stadtwerke Hannover AG als wahrscheinlich erstes deutsches Energieversorgungsunternehmen die Jahrtausendwende unter realistischen Bedingungen geprobt. Für 77 Rechner - zehn in der zentralen Leitstelle und 67 in den Umspann- und Verteilstationen - wurde das Funksignal über das Global Positioning System (GPS) verändert.

Das simulierte Zeitsignal, 1. Januar 2000, 0.00 Uhr, wurde dann an die zentrale Leitstelle übermittelt und zu Testzwecken kurzfristig akzeptiert. Da die Rechner den simulierten Jahreswechsel nicht erkennen konnten, sahen sich die Hannoveraner mit schwerwiegenden Folgen konfrontiert. Nicht nur, daß der Uhrentreiber ausfiel und die Zeitstempel falsche informationen enthielt. Auch der Hintergrundrechner quittierte den Dienst, und der Zentralrechner hätte im Ernstfall nicht mehr hochgefahren werden können.

Damit das in Hannover geprobte Chaosszenario nicht anderswo zur Realität wird, hat der VDEW seine Informationspolitik weiter verstärkt und steht seinen rund 750 Mitgliedern mit Rat und Tat zur Seite. "Wie weit die einzelnen Unternehmen bei der Umstellung ihrer Systeme sind, ist bei unserer großen Mitgliederzahl zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht eindeutig festzustellen", betont Meller. Doch aus Erfahrung weiß er, daß die Elektriztätsunternehmen sich mit Hochdruck auf die Jahrtausendwende vorbereiten:
"Nach und nach werden mögliche betroffene Computer und Mikroprozessoren in Steuerungsanlagen der Kraftwerke und Leitzentralen geprüft, überarbeitet und gegebenenfalls ausgetauscht."

Dem besonders sensiblen Thema der kerntechnischen Anlagen hat sich die Bundesregierung selbst gewidmet. Bei Prozeßrechnern, bei Rechnern zur Anlagendiagnose und zum Objektschutz sowie insbesondere bei Datenlangzeitspeichern in Kernkraftwerken, bei denen die Korrektheit der Zeitangaben und die sequentielle Speicherung der Daten von herausragender Bedeutung ist, haben die Kraftwerksbetreiber entsprechende Untersuchungen schon eingeleitet. Die Ergebnisse werden von den Aufsichtsbehörden und Gutachtern in jedem Einzelfall überprüft. Die Bundesregierung ist deshalb sicher, daß die Überprüfung und eventuell notwendige Anpassungen rechtzeitig vor dem Jahr 2000 für alle Kernkraftwerke abgeschlossen sein werden.

Bearbeitet am: 18.12.1998/ad


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