Die Kirchenkreistage der Ev.-luth. Kirchenkreise Lüchow und Dannenberg haben auf einer gemeinsamen Sitzung
am 11. Mai 1997
folgende Erklärung  verabschiedet:

Die Kirchenkreistage Lüchow und Dannenberg wenden sich an Christen
aller Konfessionen, an Gemeinden und Leitungsgremlen der Evangelischen
Kirche in Deutschland und an den Ökumenischen Rat der Kirchen in Genf:
In unserer Region ist der soziale Friede gestört.
Es werden gegen den Willen vieler Gemeindeglieder sogenannte "Castor"
Transporte nach Gorleben durchgeführt. Menschen aus allen
Bevölkerungs- schichten und Berufsgruppen protestieren gegen diese
Atommülltransporte. Diese Menschen sind keine "Chaoten"! Menschen, vor
allem Kinder, haben Angst vor tieffliegenden Hubschraubern, vor
gepanzerten Fahrzeugen und endlosen Konvois von Polizeifahrzeugen, die
zum Teil mit hoher Geschwindigkeit durch unsere Dörfer fahren.
Menschen, die hier wohnen, erleben Polizei und Bundesgrenzschutz im
zeitlichen Umfeld der Transporte wie eine Besatzungsmacht. Viele
Gemeindeglieder werden zu Unrecht kriminalisiert, geschlagen und
beleidigt. Wohnungen werden durchsucht, so auch die einer
Kirchenvorsteherin und einer kirchlichen Mitarbeiterin. Bauernland
kann man nicht einfach evakuieren. Darum haben Bauern Angst vor
Heimatverlust, vor Strahlenschäden und vor Rufschäden. Die Castor -
Transporte mögen formaljuristisch legal gewesen sein, es ist jedoch zu
fragen, ob sie auch legitim sind.
Wir fordern den Ausstieg aus der Nutzung der Kernenergie.
Atomenergie ist lebensbedrohend für jegliches Leben.  Sie ist mit dem
biblischen Auftrag, die Schöpfung zu bewahren, nicht vereinbar. Wir
sagen dies im Bewußtsein, daß auch manche anderen Energieträger nicht
ungefährlich sind. 
Es gibt weder in Gorleben noch an einem anderen Ort unserer Welt ein
Endlager für hochradioaktiven, wärmeentwickeinden Müll.
Die Halbwertzeit des hochgiftigen Plutonium 239 beträgt 24.400 Jahre,
um nur ein Beispiel zu nennen. Es bedarf vieler Halbwertzeiten, ehe es
ungefährlich ist. Dieser Zeitraum ist das Vielfache jener Zeitspanne,
die zwischen uns und den Pharaonen liegt. Welchem Pharao würden wir
Verantwortung bis in unsere Tage zugestehen? Die Atomtechnologie
erfordert die absolut sichere Technik und den absolut unfehlbaren
Menschen. Weil es beides nicht gibt, ist die Nutzung der Kernergie
unverantwortbar. Denn Tschernobyl zeigt uns, was Technik und Mensch
insgesamt anrichten können. Dennoch wird weiter Atommüll produziert
und es wird von der Industrie behauptet, die Entsorgung sei gelöst!
Die Entsorgung ist jedoch nicht gelöst.
Gorleben ist kein verantwortbarer Entsorgungsweg.
Zur Begründung führen wir an:
Die Erkundung des Salzstockes in Gorleben
der in erster Linie nach politischen Kriterien ausgesucht wurde und
nicht nach dem Urteil von Geologen an dessen Eignung schon seit 20
Jahren von namhaften Wissenschaftlern ernsthafte Zweifel artikuliert
werden dessen Erkundung nur deswegen öffentlich nicht in Frage
gestellt wird, weil diese als juristische Grundlage zum Weiterbetrieb
von Atomanlagen gebraucht wird können wir nicht als
verantwortungsvollen Entsorgungsweg anerkennen.
Bis zum heutigen Tage liegen weltweit der Öffentlichkeit keine
Prüfungskriterien zur Endlagerung atomaren Mülls vor. Die
Kirchenkreistage Lüchow und Dannenberg haben nicht das Vertrauen
gewinnen können, daß die durch das Bundesamt für Strahlenschutz
laufenden Untersuchungen eine wirklich ergebnisoffene Prüfung und
Wertung der festgestellten Tatsachen gewährleisten. An alternativen
Standorten sind in der Bundesrepublik bisher keine Untersuchungen mit
der Gründlichkeit wie in Gorleben vorgenommen worden. Trotzdem werden
Teilgenehmigungen zum Bau der Konditionierungsanlage in Gorleben
erteilt und Atommülltransporte dorthin durchgeführt.
Ein Zwischenlager in Gorleben
welches lediglich aus einer oberirdischen, luftgekühlten Lagerhalle
besteht dessen Daseinsberechtigung am Orte Gorleben nur gegeben wäre,
wenn der Salzstock sich bereits als Endlagerstandort qualifiziert
hätte dessen derzeitige Beschickung verfrüht und auch nicht notwendig
ist dessen Befüllung Druck auf die Erkundung des Salzstockes Gorleben
ausübt, die aber ergebnisoffen sein muß dessen Beschickung mit
sogenannten "Castor" - Behältern einen Gewaltakt gegen die ansässige
Bevölkerung darstellt und demokratische Grundlagen zu erschüttern
droht können wir nicht als verantwortungsvollen Entsorgungsweg
anerkennen.
Wir fordern mit der Synode der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers die
Aussetzung aller Transporte hochradioaktiver Abfälle nach Gorleben,
solange die Entsorgungsfrage nicht gelöst ist.
Die Inbetriebnahme einer Konditionierungsanlage in Gorleben
ohne zu wissen, welche Beschaffenheit ein endgültiges Endlager haben
wird und wo es seinen Standort finden wird und deren tatsächliche
Nutzung noch völlig unklar ist können wir nicht als
verantwortungsvollen Entsorgungsweg anerkennen.
Wir fordern, für die Konditionierungsanlage keine Genehmigung zu
erteilen, bevor die Eignung des Salzstockes für ein sicheres Endlager
nicht zweifelsfrei feststeht. Die bisherigen atomaren Abfälle sind in
den stillzulegenden Kernkraftwerken zwischenzulagern.
Um den atomaren Weiterbetrieb zu gewährleisten werden
Gesetzesänderungen vorgenommen. Durch die Einführung des
Enteignungsrechtes in das Atomgesetz kommt es in Gorleben konkret zu
einer Einzelfallregelung (Lex Bernstorff), die die
Genehmigungsschritte entscheidend verkürzen soll. Für die Planung
atomarer Endlager sollen künftig Enteignungen von Grundstücken und
Salzrechten möglich sein. Dieses betrifft Eigentumsrechte, die bisher
von unserer Verfassung garantiert wurden. Wir sind sehr besorgt zu
erleben, wie für die Errichtung atomarer Anlagen Gesetzesänderungen im
laufenden Genehmigungsverfahren zu einer Absenkung der
Sicherheitsanforderungen (z.B. standortunabhängige Genehmigung von
Kernkraftwerktypen) und zu einer Unterhöhlung der Eigentumsrechte in
unserer Verfassung führen. Viele Menschen sehen in diesen Maßnahmen
einen gravierenden Widerspruch zu ihrem Demokratieverständnis. Ihr
Vertrauen in Politik und Wirtschaft wird untergraben.  Sie fühlen sich
von Staat und Atomindustrie vergewaltigt und von der übrigen
Gesellschaft allein gelassen. Unser Wort ist ein Hilfeschrei. Es ist
eine vom christlichen Glauben her gebotene Parteinahme für
Generationen heute noch nicht Geborener, die sich gegen die Gefährdung
ihrer Lebensgrundlagen nicht wehren können.
Wir fordern alle Christen auf
sich mit den Fragen und Nöten der Menschen hier vor Ort
auseinanderzusetzen die Lösung der atomaren Frage partei- und
länderübergreifend einzuklagen und dabei mitzuwirken, sie
herbeizuführen Energieformen anzustreben, die global verträglich sind
neue Wege des Umganges mit Energie anzustreben, die sowohl eine
Reduzierung des Energieverbrauches als auch die Änderung des
Lebensstils beinhalten.
Damit werden der biblische Auftrag, die Schöpfung zu bewahren, die
Aufforderung zum Teilen und christliche Nächstenliebe konkret.

Bearbeitet am: 31.07.1998/ad


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