Zur Sache Nr. 2

September 1997

 

Entsorgungs-Fiasko

Eine aktuelle Atommüll-Bilanz

Inhaltsverzeichnis

Faßlager Gorleben

Bestandsaufnahme Atommüll 1997

Entsorgungsfiasko

Eine aktuelle Atommüll-Bilanz

 

4. vollständig überarbeitete Auflage, September 1997

Gestaltung: Torsten Koopmann, Martin Nesemann
Copyright: BI Lüchow-Dannenberg e.V.

Die Autoren: Wolfgang Ehmke Sprecher der BI Umweltschutz Lüchow-Dannenberg e.V. Wolfgang Neumann Physiker, Gruppe Ökologie Hannover Fotos: Michael Meyborg/Signum (S. 4), Andreas Lobe (S. 7 u. 9), Martin Nesemann (S. 11), Andreas Homann (S. 13), Johannes Sternstein (S. 17 ), Foto-Archiv-Kollektiv Hamburg (S. 21)

Zu diesem Heft

Michael Sailer, Reaktorexperte des Öko-Instituts, bescheinigt dem Gorleben-Widerstand in Interviews politische Beschränktheit. Die Blockaden der Castortransporte gingen ins Leere. Als Hintertür stehe die weit geöffnete "Autobahn" nach La Hague offen. Er äußerte gerade noch Verständnis für die regionale Betroffenheit an Zwischenlager-Standorten. Wenn etwas ins Leere geht ist es allerdings Sailers Kritik. Direkte oder regionale Betroffenheit ist kein Manko, sondern eine Stärke sozialer Bewegungen. Ihre Legitimität endet dort, wo es nicht gelingt, partikulare Interessen zu überwinden. Es gibt für uns einen Begründungszwang, wenn wir gegen Castortransporte mobilisieren, der über das Partikulare hinausgeht.

Eigentlich haben wir gedacht, daß Sailer registriert hat, welche Akzente wir in der Castor-Auseinandersetzung gesetzt haben. Das Hin- und Herfahren dieser Behälter ist kein Entsorgungsbeitrag. Die heutigen Zwischenlager mutieren zu Dauerlagern. Und warum das alles? Um den Reaktorbetrieb nicht zu gefährden, der an den Nachweis einer gesicherten Entsorgung geknüpft ist. Thematisiert haben wir dieses anläßlich des ersten Castortransports 1995.

Sailers Plädoyer für den Ausstieg aus der Plutoniumwirtschaft unterstützen wir vorbehaltlos. Wenn er bewegungsnah wäre, hätte er aus unseren Statements auch nichts anderes herauslesen können. Wir haben das thematisiert, als die Kokillen mit der verglasten hochradioaktiven WAA-Suppe 1996 von La Hague nach Gorleben rollten. Inzwischen sind einige AKW-Betreiber aus Kostengründen bereit, auf die Plutoniumwirtschaft zu verzichten. Sailer befürchtet, daß unser Widerstand sie dazu verleiten könnte, weiterhin die "Autobahn" zu wählen. Er müßte es besser wissen. Als Berater der Stadt München ist ihm der Vertragsinhalt bekannt, mit dem die Entsorgung des AKW Isar 2 geregelt werden soll. Ein Zwang zur Wiederaufarbeitung der nach La Hague gelieferten Brennelemente besteht nicht. Die Hannoversche Allgemeine Zeitung berichtet, "der größte Teil der deutschen Kraftwerksbetreiber" habe in jüngster Zeit mit dem französischen Wiederaufarbeitern "kostengünstige Verträge" ausgehandelt, die einen Verzicht auf Transporte nach Gorleben ermöglichten. Die Brennelemente werden dort gelagert mit der Option (nicht mit dem Zwang!) zur Wiederaufarbeitung. Die PreussenElektra hat das Gorlebendebakel als erste für einen Preiskampf um die kostengünstige Aufbewahrung der Brennstäbe genutzt und sich dort Lagerkapazitäten bis 2015 verschafft. "Autobahn" Plutoniumwirtschat?

Selbst wenn Zwischenlager wie Ahaus oder Gorleben genutzt werden, wäre es umgekehrt nicht einmal eine Garantie dafür, daß die "Autobahn" nicht doch einmal befahren würde: die AKW-Betreiber behalten sich ausdrücklich vor, daß Castorbehälter aus dem jeweiligen Zwischenlager am Ende nach La Hague oder Sellafield geschafft werden - zwecks Wiederaufarbeitung!

Man kann es drehen und wenden wie man will, das Atommülldilemma eignet sich vortrefflich, weitergehende Forderungen zu stellen. Die Wahl ist nicht die zwischen WAA und Zwischenlager, wir wollen den Stopp der Atommüllproduktion. Wenn es mit Hilfe der Castorkampagnen nicht gelingt, die Ausstiegsdebatte anzukurbeln, dann geht der Widerstand in der Tat ins Leere. Castor stopp heißt für uns Atomkraft stopp. Wolfgang Ehmke

Faßlager Gorleben

Wolfgang Ehmke

Nadelöhr Atommüllentsorgung

I.

Als 1962 der erste (Versuchs-) Reaktor in Kahl mit 15 MW Leistung ans Netz ging, war die nukleare Entsorgung ein wenig diskutiertes Problem. Wie Joachim Radkau in seiner historischen Analyse mit dem Titel "Aufstieg und Krise der deutschen Atomwirtschaft" dokumentiert, bildeten jedoch Verdrängung und Verharmlosung von Anbeginn eine verhängnisvolle Symbiose, sobald Atomlobbyisten sich zu dieser Thematik äußerten. So hieß es 1961 in einem Bericht des zuständigen ministeriellen Arbeitskreises, zu berücksichtigen sei "nicht zuletzt die Tatsache, daß mit einem einmal angelegten Lager eine säkulare Anhäufung radioaktiven Materials geschaffen" werde; dies alles gebe der Entscheidung über die Art der Endlagerung "eine gewisse Endgültigkeit", und daher solle sie "nicht unter Zeitdruck getroffen und wohl erwogen werden"(Radkau, S. 302) Robert Gerwin, einer der führenden Propagandisten der Atomenergie, rühmte 1963 den Vorschlag eines sowjetischen Atomphysikers, den Atommüll mit Raketen in den Weltraum zu befördern, als den "zweifellos zuverlässigsten Weg". In die Schlagzeilen gerieten vornehmlich Pläne, den Atommüll auf dem Meeresgrund zu versenken. Das Fachblatt "atomwirtschaft" hingegen glaubte 1961 in einem redaktionellen Beitrag die Atommüllfrage bereits als eine inzwischen erledigte Frage der Vergangenheit abtun zu können (Radkau, S. 353).

Das "Versuchsatomkraftwerk" Kahl (VAK) ist nach 25 Betriebsjahren stillgelegt worden. Gegen den Widerstand von Bürgerinitiativen soll es nun abgerissen werden. Die Sicherheitsprobleme hören mit der Stillegung eines Reaktors nicht auf. 1992 flossen Reinigungsmittel mit darin gelösten radioaktiven Stoffen aus einer Rohrleitung. Störfallanalysen begleiten die Stillegungsphasen, aber eine dezidierte Stillegungsforschung gibt es in der BRD nicht. Stäube werden die Arbeiter, aber auch die Menschen und die Natur in der Umgebung eines AKW belasten, wenn die Abrißbirne kommt. Was würde passieren, wenn es auf dieser "Bau"stelle brennt? Mindestens 400 Kubikmeter Atommüll sind beim Schnellabriß zu erwarten. Wohin damit? Sie kommen zur Zwischenlagerung ins Kernforschungszentrum Karlsruhe. Wohin aber am Ende mit dem Atommüll? Diese einfache Frage läßt sich auch 33 Jahre nach der Inbetriebnahme des Kahler Atommeilers nicht einfach beantworten.

Das hat sachliche Gründe.

Zwar entledigte sich die Atomindustrie ihrer Abfälle zwischenzeitlich, d.h. in den Jahren 1967 bis 1978, durch die versuchsweise nicht rückholbare Endlagerung - dieser Zynismus ist Betreiberjargon! - von 125.000 Fässern in dem ehemaligen Kalibergwerk Asse bei Wolfenbüttel. Daß das Abkippen ("Versturztechnik") radioaktiver Abfälle oder die späteren "in-situ-Versuche" auch nach der offiziellen Stillegung der Asse (hier wurden radioaktiven Abfälle mit Zement und mit tritiumhaltigen Abwässern angemischt und per Rohrleitung in unterirdische Kavernen der Asse geleitet) keine Beiträge zur Lösung des Atommüllproblems sein können, wird klar, wenn wir diesen sorglosen Umgang mit radioaktiven Abfallstoffen mit den hehren Zielvorstellungen der "Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe" vom Mai 1977 kontrastieren:

"Ziel einer sicheren Endlagerung radioaktiver Abfallstoffe muß es sein, die von ihnen ausgehende schädigende Strahlung vollkommen von der Biosphäre abzuschirmen. Je nach Zusammensetzung der Abfallstoffe beträgt die notwendige Isolierungszeit wenige Jahrzehnte bis einige 100.000 Jahre."

Halten wir fest:

Die Halbwertzeit von Plutonium beträgt 24.000 Jahre Neptunium 2.000.000 Jahre Jod 129 12.000.000 Jahre

Die Atommüllentsorgung ist in der Tat eine "säkulare Aufgabe", sie ist - weniger hochgestochen formuliert - schlichtweg unlösbar. In der Pyramide nuklearer Schrecken rangiert die ungelöste und unlösbare Atommüllentsorgung ganz oben. Wer etwas anderes behauptet, ist ein Meister der Verdrängung und Verharmlosung. Leider sind wir mit dieser Feststellung nicht am Ende.

II.

Atommüll ist bereits produziert und wird weiter angehäuft. Und die Atomgemeinde behauptet, sie hätte gegenüber den 60er und 70er Jahren gewaltige Fortschritte in der Realisierung der Entsorgungspolitik gemacht. Betrachten wir zunächst die sogenannten Fortschritte beim "Entsorgungsvorsorgenachweis" (bestimmt haben Werbefachleute intensiv und ausgiebig diskutiert, bis sie diesen Begriff kreierten, dessen Konnotationen reale Ängste zerstreuen sollen. "Sich der Sorgen entledigen", "Vorsorge treffen", "einen Nachweis führen" - diese Assoziationen will das Wortungetüm wecken, allein dessen Überfrachtung macht den Begriff schon wieder verdächtig).

Das deutsche Atomgesetz verlangt erst seit 1976, daß radioaktive Abfälle entweder schadlos zu verwerten oder in einer Anlage des Bundes zur Endlagerung endzulagern sind. Die Entsorgungsgrundsätze, die 1977 und 1980 von den Regierungschefs des Bundes und der Länder verabschiedet wurden - gegenüber 1977 bereits in stark modifizierter Form (!), denn zwischenzeitlich hatten wir im Wendland den Plan, in Gorleben ein "Nukleares Entsorgungszentrum" (NEZ) mit dem Herzstück Wiederaufarbeitungsanlage zu errichten, im Schnelldurchgang über den Haufen geworfen - sind im engeren und juristischen Sinne Ausführungsbestimmungen, um wenigstens auf dem Papier und möglichst gerichtsbeständig eine Lösung des unlösbaren Problems vorgaukeln zu können. Eine Kostprobe, was heißt "Entsorgungsvorsorgenachweis"?

"a) Vorauswahl eines oder mehrerer grundsätzlich geeigneter Standorte für ein externes Zwischenlager, soweit nicht eine Zwischenlagerung am Standort des Kernkraftwerks gewährleistet ist, oder für eine Wiederaufarbeitungsanlage.

b) Positive Beurteilung der grundsätzlichen sicherheitstechnischen Realisierbarkeit der Zwischenlagerung über einen Zeitraum von mindestens 20 Jahren durch RSK und SSK.

c) Fortführung des laufenden Planfeststellungsverfahrens sowie Fortschritte bei der Erkundung und Erschließung eines Endlagers."

Aufgepaßt: es handelt sich um mehrfache üble Täuschung. Prof. Dr. Klaus Lange (Justus-Liebig-Universität Gießen) hatte in einer Expertise des schleswig-holsteinischen Ministeriums für Gesundheit und Energie 1989 herausgearbeitet, daß dieser Entsorgungungsbeschluß keinerlei rechtliche Bindungswirkung hatte, es war eine bloße politische Verabredung (Stichwort: "Atomkonsens"). Auffällig bereits 1980 die starke Betonung der Rolle der Zwischenlagerung. Wer aber im Atomgesetz blätterte, konnte nicht fündig werden, Atomanlagen wie externe Zwischenlager waren - wie im übrigen auch die Kompaktlager beim AKW - gar nicht vorgesehen, erst mit der Novelle des Atomgesetzes 1989 wurde vom Gesetzgeber diese Notlösung im nachhinein legalisiert. Die "Entsorgungsvor-sorge" wird in dem Politikerbeschluß zudem auf die Lagerung bzw. Behandlung der abgebrannten Brennelemente beschränkt. Die Betriebsabfälle der Kategorie "schwach - und mittelaktiver/nicht wärmeentwickelnder Abfälle" fielen aus der Betrachtung des Problems heraus, sie machen vom Volumen aber mehr als 90% des Atommüllbergs aus.

Selbst dann, wenn wir uns für einen Augenblick auf die Buchstaben des Atomgesetzes oder die Politikererklärung einlassen, müssen wir feststellen, daß realiter weder das Gesetz noch dieser Ministerpräsidentenbeschluß je tatsächlich Orientierungsmaßstab gewesen ist, sondern, wie es Gerhard Schmidt vom Öko-Institut Darmstadt in einem Informationspapier darlegt, "eine eigenwillige, weitgehend tagespolitisch geprägte Interpretation dieser Papier". In der Tat: nachdem das Ende für die WAA Wackersdorf beschlossene Sache war, gab es keinerlei Überarbeitung des Ministerpräsidentenbeschlusses. Das Phantom "Entsorgung" hatte keine wirklichen Konturen, also mußte es auch gar nicht Gestalt annehmen.

Wasserwerfer an der Mauer des Endlagerbergwerks Gorleben

So wurde tatsächlich nie geprüft oder diskutiert, was unter "wirtschaftlicher Zumutbarkeit" im Zusammenhang mit der Wiederaufarbeitung zu verstehen war/ist. Der Kostenvorteil der Direkten Endlagerung wurde einfach ignoriert. Abgesehen von einem einzigen Behördengutachten (wieder im Auftrag der schleswig-holsteinischen Landesregierung, siehe Küppers u.a.) wurde nie diskutiert oder geprüft, ob die Belastungen, die aus der Wiederaufarbeitung resultieren, das im Atomgesetz geforderte Kriterium der schadlosen Verwertung erfüllen. Und: Daß es sich mengen- und toxizitätsmäßig gar nicht um eine "Verwertung" handelt, wenn allenfalls 1% (Gewichtsprozent) des "Reststoffes", nämlich des Plutoniums, das beim Reaktorbetrieb entstanden ist, tatsächlich der Wiederverwertung zugeführt werden sollen, habe, so Schmidt, bisher auch nicht gestört.

III.

Hauptverursacher der radioaktiven Abfälle sind in der BRD die Atomkraftwerke. Im bestimmungsgemäßen Betrieb erzeugt zum Beispiel ein 1.300 MW Druckwasserreaktor pro Jahr ca. 30t abgebrannter Brennelemente (das sind 15 Kubikmeter) und in ca. 350 Kubikmeter Betriebsabfälle. Es muß im Interesse der Atomlobbyisten liegen, daß, wenn über radioaktive Abfälle gesprochen wird, der Blick stets in Richtung Zwischenlagerung, Konditionierung, Wiederaufarbeitung und Endlagerung gerichtet ist.

Wir aber blicken kurz zurück: in allen Abfallbilanzen fehlen nämlich die riesigen radioaktiven Abraumhalden, die bei der Uranerzgewinnung anfallen. Um 30 t Kernbrennstoff zu gewinnen, müssen bei einem Urangehalt von ca. 0,1% bereits 30.000 t Erz gefördert werden. Für die Beladung eines Reaktorkerns benötigt man rund 90 - 100 t Schwermetall (SM). Mit anderen Worten: Volumenmäßig wurden zuvor 100.000 t Erz bewegt. Um an das Erz heranzukommen, wird beim Tagebau sogar bis zum 10fachen der Erzmenge entfernt. Dieser Abraum wird auf riesigen Halden gelagert und ist schwach radioaktiv (Radongas). Bei der Uranzerzaufarbeitung wird aus dem uranhaltigen Gestein das Uran herausgelöst. Dazu wird das Erz erst gemahlen und dann meist mit Schwefelsäure gelaugt. Bei diesem Verarbeitungsschritt wird nicht nur Uran herausgelöst, sondern auch Molybdän, Vanadium, Eisen, Blei, Arsen... Von diesen Stoffen muß Uran in einer ganzen Reihe von Prozessen unter Zugabe von Chemikalien getrennt werden, um das Uran in Form von Yellow Cake (= U3O8) vorliegen zu haben. In den Rückständen (Schlämme) sind immer noch 85% der ursprünglichen Radioaktivität enthalten, darunter langlebige Strahler wie Thorium 230 und Radium 226. Die belastete Fläche der Wismut AG in Sachsen und Thüringen ist annähernd so groß wie das Saarland. Bisher wurden bei insgesamt 6500 Wismut-Bergleuten Strahlenkrebserkrankungen als Berufskrankheit anerkannt (FR, 6.5.95). Allein 1.200 ehemalige Bergarbeiter sind an Lungenkrebs erkrankt, der eindeutig berufliche Ursachen hat (FR 10.12.96).

Verfolgen wir nun den anderen Strang. Was wird aus den 30 tSM, die jährlich in einem Leistungsreaktor ausgetauscht werden? Werden die abgebrannten Brennelemente nach einer Abklingzeit im Kühlbecken des AKW der Wiederaufarbeitung zugeführt, so erhöht sich das Abfallvolumen drastisch um den Faktor 7-15 ! Aus den 30 t bzw. ca. 15m3 bestrahltem Kernbrennstoff können bis zu 220 m3 radioaktiver Abfälle aller Arten werden, überschlägt Wolfgang Neumann von der Gruppe Ökologie Hannover auf der Basis der Cogéma-Angaben zu den Abfallspezifikationen. Diese schwanken allerdings jährlich, weil die Konditionierungsverfahren sozusagen ständig im Fluß sind, in diesem Falle wörtlich zu nehmen, weil über den Bach St. Hélène so einiges aus der Plutoniumfabrik La Hague in den Ärmelkanal fließt. Gerhard Schmidt vom Öko-Institut Darmstadt unterstellt die optimistischeren Abschätzungen der Cogéma für die Konditionierung der Abfälle in seinen Berechnungen.

Aus einer Jahresentlademenge von 500 t (z. Zt. sind es "nur" 450 t/a) abgebrannter Brennelemente aus den deutschen Reaktoren werden demnach vier Jahre später - ohne die zusätzlich notwendige Abschirmverpackung - folgende zu lagernde Mengen:

1. 475 Tonnen Wiederaufarbeitungsuran (WAU) als Oxid oder Nitrat

2. 5 Tonnen Plutoniumoxid-Pulver (das sind die 1%, Stichwort "Verwertung"!)

3. 385 Glaskokillen à 150 Liter Nettovolumen mit hochradioaktivem verglasten Abfall (das macht 14 bis 20 Transport- und Lagerbehälter zu je 28 bzw. 20 Kokillen)

4. 200 Stahlfässer mit in Zement eingegossenen zerschnittenen Hülsen der abgebrannten Brennelemente zu je 1.700 Litern Volumen

5. 1000 bis 1.500 Fässer mit Harzen und Schlämmen aus der chemischen Behandlung der Abfälle à 200 Liter Volumen (bitumiert)

6. 700 Betongebinde mit verpreßten mittelaktiven und höher alphastrahlerhaltigen Abfällen aus der WAA à 1.200 Liter Volumen (z.B. Austauschteile, kontaminierte Werkzeuge, verfestigte Aschen)

7. 1000 bis 3000 Betongebinde mit verpreßten mittelaktiven Abfällen aus der WAA à 680 Liter Volumen (Schutzkleidung, Werkzeuge etc.)

Altes Uranabbaugebiet bei Ronneburg, im Hintergrund die strahlenden Abraumhalden

"Die hoch- bis mittelradioaktiven Abfälle der Positionen 4 bis 7 (also ohne Uran, Plutonium und verglaste hochaktive Abfälle) addieren sich zu einem Volumen von etwa 3000 Kubikmetern jährlich", resümiert Gerhard Schmidt (Zur derzeitigen undurchsichtigen Lage im Entsorgungbereich in Deutschland, April 1995). Der angebliche Brennstoffkreislauf entpuppt sich als Atommüllspirale.

IV.

Angesichts dieser Abfallbilanzen ist und bleibt es skandalös, im Zusammenhang mit der Wiederaufarbeitung von einem Entsorgungsschritt oder Entsorgungspfad zu sprechen. Das Atomgesetz paßt sich den Gegebenheiten an wie im sogenannten "Artikelgesetz" im April/Mai 1995, in dem die Direkte Endlagerung der Wiederaufarbeitung gleichgestellt wurde, nachdem sich auch bei den Elektrizitätsversorgungsunternehmen herumgesprochen hat, daß sich die Wiederaufarbeitung nicht rechnet (Ingo Hensing/Walter Schulz, Vergleichende Studie über die Wirtschaftlichkeit des Wiederaufarbeitungspfades und der Direkten Endlagerung abgebrannter Brennelemente, Köln November 1994). Oder die Atomgemeinde hat schlichtweg Dusel, weil beim Niedergang der DDR der westdeutschen Atomwirtschaft ein umstrittener Rechtstitel, nämlich die Betriebserlaubnis für das ERAM (Endlager für radioaktive Abfallstoffe Morsleben) zufiel.

Aktuelle, konkrete Zahlen liefern P. Brennecke und A. Hollmann vom das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) in einem Beitrag für die "atomwirtschaft", Heft 6 (1997). Demnach fallen bis zum Jahr 2000 rund 157.300 Kubikmeter nicht-wärmeentwickelnde Abfälle an. Deutlich weniger, als einmal prognostiziert (1983 ging die Bundesregierung noch von 327.000 Kubikmetern aus). In jüngster Zeit wurde die Zahl noch einmal herunterkorrigiert auf 103.000 Kubikmeter, wahrscheinlich weil in Karlsruhe eine neue Hochdruckpresse den Betrieb aufnimmt.

Unklar ist, inwieweit Stillegungsabfälle in dieser Abschätzung enthalten sind. Die Abfälle aus dem Abriß des AKW Rheinsberg und des AKW-Komplexes in Greifswald tauchen in der Abfallbilanz nicht auf.

Steht der Schacht Konrad weiterhin nicht zur Verfügung, lassen sich die Pläne der Bundesregierung, das Endlager Morsleben noch über das Jahr 2000 hinaus zu betreiben, nicht realisieren und bleibt das ZLN (Greifswald) für "Westabfälle" tatsächlich tabu, dann ist spätestens im Jahr 2005 mit einem Engpaß für die Lagerung der nicht-wärmeentwickelnden Abfälle zu rechnen. Auch die Erweiterungspläne für Atommüllager in Ahaus und das Faßlager Gorleben können mit Beginn der Rücklieferung von nicht-wärmeentwickelnden WAA-Abfällen die Atommüllawine nicht auffangen.

Allerdings hat sich die Atomwirtschaft eine ganze Palette von Ausweichmöglichkeiten geschaffen. Hier von einem Nadelöhr zu sprechen, wäre deshalb verfehlt (siehe Schaubild Nr.1).

Auf einem ganz anderen Blatt steht, daß keine dieser Möglichkeiten einer kritischen Betrachtung standhält: ein sicherer Einschluß gegenüber der Biosphäre müßte auch bei den nicht- wärmeentwicklenden Abfällen Genehmigungsvoraussetzung sein. Die Probleme der Langzeitsicherheit sind auch hier ungelöst. Aus dem Rahmen fällt die ehemalige DDR-Deponie in Morsleben. Die Atomlobby hat gegenwärtig jede Scham abgelegt und will in der Tropfsteinhöhle Morsleben nicht nur mittelaktive Abfälle vergraben, sondern zu den bereits eingelagerten 17.000 Kubimeter Müll noch weitere 40.000 dazupacken. Die Bundesumweltministerin Merkel rühmt dabei noch die "Selbstbeschränkung" auf diese Zahl, ließe doch der Sicherheitsbericht des Staatlichen Atombehörde der DDR, des SAAS, aus dem Jahr 1989 sogar zu, daß 127.000 Kubikmeter (!) Strahlenmüll in der Kaligrube versenkt werden. Es ist sonnenklar, daß nach der Asse dort in Morsleben die nächste nukleare "Alt"last entsteht. Aus den Augen aus dem Sinn, solange die Genehmigung es hergibt, das scheint die Devise von Bundesumweltministerin Angela Merkel und ihres Bundesamtes (BfS) zu sein. Wozu? Um Abfallbilanzen zu schönen. Herr, vergib ihnen nicht, denn sie wissen, was sie tun! Behördenspitzen und Atommanager handeln vorsätzlich und umweltkriminell.

Präzisere Daten liegen für die Mengen abgebrannter Brennelemente vor. Das BfS bilanziert zum Jahresende 1996 insgesamt 8.625 tSM (abgebrannte Brennelemente). 2.832 t befanden sind in kraftwerkseigenen Lagern, die restlichen 5.793 t waren zur Wiederaufarbeitung ins Ausland abtransportiert. Lediglich wenig mehr als ein Drittel (!), nämlich 3.100 t von den zur Wiederaufarbeitung abgelieferten Brennelementen waren bis zu jenem Stichtag bearbeitet. In La Hague waren es 3.042 tSM, in Sellafield 49 t SM und in Karlsruhe waren es 90 t SM.

Insgesamt sind mit der Cogéma (La Hague) exakt 4.652 t SM kontrahiert, mit der britischen Firma BNFL (Sellafield) 884 t SM (Angaben nach BfS, 21.3.95). In La Hague waren bis Ende 1995 39,6 t Plutonium angefallen, insgesamt, würden die Altverträge ausgeführt, beliefe sich die Plutoniummenge auf 56 t. Außerdem waren rund 2.200 t WAU (Uran aus der Wiederaufarbeitung) angefallen, am Ende wären es 5.300 t. Dieses Uran ist für die Brennelementfertigung so gut wie unbrauchbar, weil es in Spuren U 236 als Gammastrahler und U 233 als Neutronen fänger enthält. Es weiß auch niemand, wo das WAU derzeit lagert.

Lager für schwach- und mittelaktiven Atommüll neben der WAA La Hague

Hier liegt strategisch unser Ansatz, wenn wir in Gorleben auch gegen die Einlagerung der Kokillen auf die Straße gehen und den Stopp der Wiederaufarbeitung die Atommüllawine fordern.

V.

Mangels Endlager für die hochaktiven Abfälle ist zu erwarten, daß die Brennelementzwischenlager faktisch oberirdische Dauerlager werden. Entsorgungspolitisch fallen den Lagerstätten derzeit unterschiedliche Rollen zu.

Das Trockenlager Ahaus wird zunächst für die Entladung des stillgelegten Hochtemperaturreaktors Hamm-Uentrop benötigt, bislang wurden dort keine abgebrannten Brennelemente aus den Leistungsreaktoren eingelagert. Von den 420 Stellplätzen sind 50 für die HTR-Brennelemente belegt. Für das Frühjahr 1998 hat die Betreiberin des dortigen Zwischenlagers nun einen Castor-Transport, und zwar wie nach Gorleben ein Sixpack, ins Auge gefaßt. Allerdings soll in Ahaus ein Großteil der hoch- und mittelaktiven Strukturteile und Hülsen, die bei der Wiederaufarbeitung anfallen, gelagert werden, vermutlich in einer zusätzlichen Halle mit meterdicken Betonwänden als Abschirmung.

Vorerst ist das Trockenlager in Greifswald für die abgebrannten Brennelemente aus Rheinsberg und Greifswald vorbehalten, Überkapazitäten sind jedoch einkalkuliert.

In Gorleben sollen insgesamt durch kompaktere Lagerung statt der 1.500 t SM in Zukunft 3.800 tSM auf den 420 Stellplätzen konzentriert gelagert werden. Die Erweiterung basiert auf einem geänderten Lagerbehälterkonzept (Castor-V-Konzept). Von den 420 Stellplätzen sind 160 für die Kokillen (pro Behälter 20 bzw. 28 Kokillen) aus der Wiederaufarbeitung reserviert. Bis zum Jahr 2003 sollen nach den Planungen der Gesellschaft für Nuklearservice (GNS) rund 100 Transporte aus La Hague in Gorleben eintreffen, vom Jahr 2000 erwartet die GNS rund 35 Lieferungen aus Sellafield für Gorleben (FR,

23.2.95). Die Genehmigung wurde seitens des BfS am Freitag vor Pfingsten 1995 still und heimlich erteilt (Schaubild No.2).Dem Widerstand im Wendland fällt strategisch von daher eine doppelte Funktion zu. Die permanente Auseinandersetzung um Castor-Transporte hat den Entsorgungsmythos der Atomlobby schwer angekratzt. Die Auseinandersetzung um die ersten Transporte hatte ein pragmatisches Ziel - nämlich die Einlagerung zu verhindern. Und sie hatte eine symbolische Bedeutung, das Entsorgungsdilemma ist eines der wichtigen Argumente, ein Treibsatz im Kampf gegen das Atomprogramm insgesamt. Nun, wir haben Niederlagen zu verkraften, dir ersten Castorbehälter sind da. Aber die Entschlossenheit, den politischen und realen Preis bei jedem weiteren Einlagerungsversuch weiter in die Höhe zu treiben, ist von Transport zu Transport gewachsen. Klar geworden ist, man kann zwar die abgebrannten Brennelemente von einer Ecke der Republik in die andere karren, aber ein Entsorgungsschritt ist das nicht.

Gab es früher in der Anti-AKW-Bewegung symbolträchtige Orte, so formiert sich der Protest heute gegen einen Transport- und Lagerbehälter. Ein flächendeckendes Aktionsprogramm. Es vernetzt die Protestszene zwischen Neckarwestheim und Gorleben, Krümmel und Ahaus.

Hinzu kommen nun die Abfälle aus der Wiederaufarbeitung. Die GNS beruft sich laut und stark auf die völkerrechtlichen Verträge, die die Rückführung des Atommülls vorsehen. Die Atomgemeinde wird versuchen, ihre verantwortungsvolle Rolle zu betonen, der Müll dürfe doch nicht in Frankreich oder Großbritannien lagern. Das ist richtig. Das sagen wir auch. Aber wir sagen auch, die Verantwortung beginnt nicht erst bei der Rückführung dieser Abfälle, sie beginnt bei/vor der Vertragsschließung. Solange die Altverträge mit der Cogéma nicht gekündigt werden, solange die Anlage in Sellafield noch beschickt wird, ist jede Blockade der Kokillen nicht nur gerechtfertigt, sondern zwingend notwendig.

D a s ist die Verantwortung, die wir bereit sind zu übernehmen: Es muß Schluß sein mit der Plutoniumwirtschaft, die Atommüllawine muß gestoppt, die Entsorgungslüge "Wiederaufarbei-tung" permanent angeprangert werden.

Allerdings gibt es einige politische Fallstricke, die wir dabei bedenken müssen. Es ist absehbar, daß uns immer wieder (national-)borniertes Denken und Verhalten unterstellt wird, wie bereits geschehen (Michael Sailer vom Öko-Institut Darmstadt hat es vorexerziert). Also werden wir es vermeiden, daß irgendeine Blockade an Grenzbahnhöfen stattfindet. Ja, wir sind für die Rückführung des Mülls, wir wollen keine Billiglösung auf Kosten von Menschen in Osteuropa. Denn wenn die Atomgemeinde von der Internationalisierung des Problems spricht, meint sie nichts anderes als derartige Schlupflöcher, um sich den politischen Ärger hier im Lande zu ersparen. Wir sind gegen den Müllexport und für die Rückführung der Abfälle, weil wir dieses Ärgernis hier im Lande austragen wollen.

Allerdings werden wir uns hüten, irgendeinen passablen Vorschlag für die Lagerung der Abfälle in diesem unserem Lande zu unterbreiten, weil wir sicher sein können, daß damit dem Weiterso in der Plutionum- und Atomwirtschaft der Weg bereitet wird. Wir bieten, um die Ernsthaftigkeit unseres Anliegens zu unterstreichen, den Standortinitiativen in Ahaus, Greifswald und Krümmel und anderswo unsere Unterstützung an, wenn sie das Übel an der Wurzel be- kämpfen wollen. Wenn sie den Abtransport der abgebrannten Brennelemente in Richtung La Hague oder Sellafield unterbinden wollen.

Schacht Konrad, vorgesehenes Endlager für schwach- und mittelaktiven Müll in Salzgitter

Praktische Solidarität ist unsere spezifische Form eines "Entsorgungsvorsorgenachweises", und diesen Nachweis müssen wir auch antreten. Blockaden dieser Transporte hat es in jüngerer Vergangenheit immer gegeben, sie sind nur publizistisch und politisch nicht so wahrgenommen worden wie unsere Querstellerei gegen den Castor.

Über den Bau des Endlagers in Gorleben habe ich nur am Rande etwas gesagt. Das ist natürlich grundfalsch. Im Schatten der Auseinandersetzung um Atomtransporte und die Brennelementdauerlager wird in Gorleben weiter abgeteuft. Auf der anderen Elbseite, auf dem Gebiet der ehemaligen DDR, sollen nun hydrogeologische Untersuchungen beginnen, insgesamt sind mehr als 130 Bohrungen ausgeschrieben. Das BfS strengt ein Enteignungsverfahren gegen den Gorleben-Kläger Andreas Graf von Bernstorff an, um dessen Salzgerechtigkeiten auszuhebeln. Derzeit spricht vieles dafür, daß die Bundesumweltministerin Angela Merkel sich auf Gorleben festgelegt hat und daß anderslautende Meldungen, auch an anderen Standorten solle ein Erkundungsprogramm stattfinden, nur Nebelkerzenfunktion haben. Wir sollen glauben, mit dem Endlager Gorleben werde es am Ende nichts. Im Schatten der Auseinandersetzung um die Castortransporte wird die Pilot-Konditionierungsanlage (PKA) gebaut. Eine Anlage, in der Castorbehälter wieder geöffnet werden, damit die Brennelemente kompakter gepackt werden ("Konsolidierung"). Im Frühjahr 1998 soll die 3. Teilerrichtungsgenehmigung beschieden werden und damit der heiße Betrieb.

Die Hausarbeit, die wir also zu erledigen haben, ist also breiter gefächert. Unsere Arbeit darf sich nicht vereinseitigen, sich gar nur auf den Castortransport Nr.4 beschränken. Der Atom- müllstandort Gorleben buchstabiert sich wie folgt: Atommüllzentrum. Ob es als oberirdisches oder unterirdisches Dauerlager mit PKA Gestalt annimmt, spielt für den Widerstand nur eine untergeordnete Rolle. Ein Nadelöhr ist Gorleben. Wir verstopfen es!

Quellen:

Atomwirtschaft, Heft 6 (1997)

Bundesamt für Strahlenschutz: Abfallmengen-Erhebung 1993, Salzgitter 21.3.1995

Frankfurter Rundschau vom 26.5.94 und 23.2.95

Ingo Hensing/Walter Schulz, Vergleichende Studie über die Wirtschaftlichkeit des Wiederaufarbeitungspfades und der Direkten Endlagerung abgebrannter Brennelemente, Köln November 1994

Christian Küppers, Britta Nockenberg, Michael Sailer: Vergleich und Bewertung der Sicherheitsanforderungen bei der Wiederaufarbeitung bundesdeutscher Brennelemente in der Bundesrepublik, Frankreich und Großbritannien, Darmstadt 1990

Prof. Dr. Klaus Lange: Rechtscharakter und Bindungswirkung der Grundsätze zur Entsorgungsvorsorge für Kernkraftwerke, Gießen 1989

Wolfgang Neumann: Bestandsaufnahme Atommüll, Hannover Februar 1995

Ökologische Briefe 18 und 20/1995

Joachim Radkau: Aufstieg und Krise der deutschen Atomwirtschaft, Reinbek bei Hamburg August 1983

Gerhard Schmidt: Zur derzeitigen undurchsichtigen Lage im Entsorgungsbereich in Deutschland, Heppenheim April 1995

 

 

Wolfgang Neumann (Gruppe Ökologie Hannover)

Bestandsaufnahme Atommüll 1997

1. Einleitung

Die dritte Auflage der sogenannten Energiekonsens-Gespräche, dieses Mal nur zwischen Bundesregierung und SPD, ist zum Sommeranfang 1997 vorerst abgebrochen worden. Übrig geblieben ist zum einen eine Atomgesetznovelle der Bundesregierung, in der alle Punkte aufgegriffen sind, die der SPD Bauchschmerzen bereitet haben und die den Bestandsschutz für die Fortsetzung der Atomenergienutzung (einschließlich neuer Reaktoren) absichert. Zum anderen darf weiter über die sogenannte Entsorgung und den Wunsch des niedersächsischen Ministerpräsidenten Schröder nach "burden sharing" diskutiert werden. Die während der Konsensgespräche bekannt gewordenen "Geheimpapiere" zu einer Übereinkunft ließen allerdings nicht erkennen, daß sich an der Konzentrierung von Anlagen zur angeblichen "Entsorgung" radioaktiver Abfälle in Niedersachsen etwas ändert. Bei den geplanten Endlagerprojekten Konrad und Gorleben sollte praktisch weitergemacht werden wie bisher, und der Betrieb der Zwischenlager sowie die Pilotkonditionierungsanlage in Gorleben wurden nicht in Frage gestellt. Schröder hielt die Papiere trotzdem für zustimmungsfähig. Folgerichtig wird sich zu einem der Hauptstreitpunkte die Frage entwickeln, welche der bestrahlten Brennelemente nach Gorleben in Niedersachsen und welche nach Ahaus in Nordrhein-Westfalen gebracht werden sollen. Zwei SPD-geführte Bundesländer dürfen sich also gegeneinander ausspielen lassen.

Insgesamt muß festgestellt werden, daß bei den Verhandlungen zu einem Energiekonsens Schritte zum Ausstieg aus der Atomenergienutzung keine Rolle gespielt haben und noch nicht einmal der in der Vergangenheit auch von der SPD für kurzfristig notwendig gehaltene Stop der Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen in einem der Papiere erwähnt wird.

In diesem Beitrag soll der Hintergrund der Diskussion um die "Entsorgung", nämlich die Mengen des anfallenden Atommülls und deren Lagermöglichkeiten, dargestellt werden. Eine solche Darstellung beinhaltet zwangsweise zu einem Teil die Entsorgungsstrategien und Sichtweisen der Betreiber- bzw. Regierungssseite. Das heißt jedoch nicht, daß diese hier als akzeptabel bewertet werden. Das Verschieben und Abstellen von Atommüll in dieser oder jener Leichtbauhalle bzw. in einer "Tropfsteinhöhle", die von der Bundesregierung als Endlager Morsleben bezeichnet wird, hat mit einem Konzept für einen möglichst sicheren Umgang mit den gefährlichen Abfällen nichts zu tun.

Aktion gegen die Jahrestagung Kerntechnik im Mai 1994 in Stuttgart

2. Anfall radioaktiver Abfälle in der Bundesrepublik Deutschland

In diesem Beitrag werden nur die durch die Nutzung der Atomenergie entstandenen radioaktiven Abfälle berücksichtigt, für die nach gegenwärtigem Stand eine Endlagerung in der Bundesrepublik vorgesehen ist. Als Grundlage werden die von Bundesregierung und dem Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) veröffentlichten Zahlen sowie Informationen aus Kreisen der Atomenergieindustrie benutzt. Mit Hilfe dieser Zahlen läßt sich eine Gesamtabschätzung vornehmen, für detaillierte Einzelbetrachtungen sind sie jedoch nicht geeignet. Die Abfälle werden für die weiteren Betrachtungen in die zwei Kategorien unterteilt: Wärmeentwickelnde und gering wärmeentwickelnde Abfälle. Zu den wärmeentwickelnden Abfällen zählen hier z.B. bestrahlte Brennelemente, Spaltproduktgebinde sowie Hülsen und Strukturteile aus der Wiederaufarbeitung und Kernbauteile aus den Reaktoren. Betriebsabfälle aus den Atomanlagen, Stillegungsabfälle und die übrigen Wiederaufarbeitungsabfälle sind radioaktive Abfälle mit geringer Wärmeentwicklung.

Hauptverursacher für das Aufkommen radioaktiver Abfälle sind die Atomkraftwerke. Im bestimmunsgemäßen Betrieb erzeugen die in der BRD in Betrieb befindlichen 1.300 MW-Reaktoren jeweils pro Jahr ca. 26 t bestrahlten Kernbrennstoff in Form von Brennelementen und ca. 350 m3 unkonditionierte Betriebsabfälle. Eine drastische Erhöhung des Abfallvolumens erfolgt durch die Wiederaufarbeitung der bestrahlten Brennelemente. Unter Berücksichtigung der von den Wiederaufarbeitungsfirmen im Rahmen der Altverträge vorgelegten Abfallspezifikationen werden aus den 26 t bzw. ca. 13 m3 bestrahlten Kernbrennstoff ca. 190 m3 radioaktive Abfälle aller Arten. Das angegebene Volumen entspricht den in Behältern konditionierten Abfallgebinden und enthält nicht die für Transport, Zwischenlagerung bzw. Endlagerung zusätzlich erforderlichen Behälter. Bei Berücksichtigung der Verpackungen für die jeweiligen

Abfälle würde sich dieser Volumenerhöhungsfaktor von 15 noch einmal mehr als verdoppeln. Ebenso nicht berücksichtigt sind in den Wiederaufarbeitungsanlagen entstehenden Abfälle (nach Schätzungen bis zu 260 m3 für 26 tSM), die nicht spezifiziert wurden und deshalb nicht in die BRD verbracht werden können.

In den anderen Anlagen (Zwischenlager, Konditionierungsanlagen, Uranverarbeitungsbetriebe und Brennelementfabriken) liegt der jährliche Anfall von Betriebsabfällen zwischen 10 und 100 m3. Mit der gegenwärtig eingesetzten Technik wird für diese Rohabfälle durch Konditionierung insgesamt ein Volumenreduktionsfaktor von 2 bis 3 erreicht.

Für den jährlichen Gesamtanfall in der Bundesrepublik ergibt sich (ohne Wiederaufarbeitung) folgendes Bild:

Bestrahlte Brennelemente: ca. 450 tSM (U und Pu) Konditionierte Betriebsabfälle: ca. 2.800 m3 Abfälle aus der Atomenergieforschung ca. 1.700 m3.

3. Bestand radioaktiver Abfälle in der Bundesrepublik

In der Tabelle sind aus verschiedenen Veröffentlichungen Bestandszahlen für die radioaktiven Abfälle aufgeführt. Die Angaben für die angefallenen Brennelemente beziehen sich auf den Stand vom 31.12.1996, die Angaben für die in Morsleben endgelagerten Abfälle auf den Stand vom 28.02.1997 und die Angaben für die übrigen Abfälle auf den Stand vom 31.12.1995.

Von den 8.625 t Schwermetall (SM) in Leichtwasserreaktor-Brennelementen befanden sich zu diesem Zeitpunkt 2.832 t in kraftwerkseigenen Lagern. Die restlichen 5.793 t waren zur Wiederaufarbeitung im In- und Ausland bzw. zur endgültigen Lagerung im Ausland abgeliefert. Von den zur Wiederaufarbeitung abgelieferten Brennelementen waren im Dezember 1996 in La Hague ca. 3.042 tSM, in Sellafield ca. 49 tSM und in Karlsruhe ca. 90 tSM bearbeitet. Im Transportbehälterlager Gorleben (TBL) befand sich am Stichtag ein Brennelementbehälter mit 4,8 tSM (im Sommer 1997 sind es insgesamt 39 tSM). Die 8,4 tSM in HTR-Brennelementen befinden sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt in den Zwischenlagern Ahaus (6,9 t) bzw. in der Forschungsanlage Jülich (1,5 t). In diesen Zahlen nicht berücksichtigt sind Brennelemente anderen Typs aus Versuchs- und Prototypreaktoren, die zum größten Teil bereits wiederaufgearbeitet sind.

Die in der Tabelle angegebenen Abfälle aus der Wiederaufarbeitung enthalten nur die in Karlsruhe angefallenen Abfälle, das heißt, der weitaus größte Teil bereits angefallener Wiederaufarbeitungsabfälle befindet sich noch im Ausland. Mit der Lieferung von wärmeentwickelnden Abfällen in Form von HAW-Kokillen in das TBL wurde 1996, also nach dem Stichtag für die Abfallzahlen in der Tabelle, begonnen. Das Volumen der im TBL befindlichen HAW-Kokillen betrug im Juni 1997 16 m3 (ohne Lagerbehälter). Nach offiziellen Angaben, auch aus jüngster Zeit, soll mit der Lieferung bituminierter mittelaktiver Abfälle aus La Hague 1997 begonnen werden. Die Zwischenlagerung soll im Faßlager Gorleben erfolgen.

Die Betriebsabfälle stammen aus den Atomkraftwerken und anderen Atomanlagen, die Forschungsabfälle hauptsächlich aus den Zentren in Karlsruhe, Jülich, Rossendorf, Geesthacht und Berlin.

Die sonstigen Abfälle stammen hauptsächlich aus der medizinischen und industriellen Anwendung von Radionukliden und lagern in den Landessammelstellen. In Morsleben (ERAM) und in der Asse sind bereits Abfälle endgelagert. Bei den angegebenen 467 Strahlenquellen wird die Wärmeentwicklung durch das relativ kurzlebige Nuklid Co-60 hervorgerufen, so daß ihre Einordnung in diese Kategorie in einigen Jahren teilweise revidiert werden muß.

Tabelle: Bestand von Atommüll in der Bundesrepublik Deutschland

Abfallart gering wärme-entwickelnde Rohabfälle gering wärme-entwickelnde konditionierte Abfälle wärme-entwickelnde Rohabfälle wärme-entwickelnde konditionierte Abfälle
bestr. Brennelemente

-

-

8.625 tSM 8,4 tSM
Wiederaufarbeitung 148 m3 10.982 m3 79 m3 316 m3
Betriebsabfälle 23.315 m3 1) 19.621 m3 421 m3 ca. 200 m3
Forschungsabfälle 5.191 m3 1) 28.086 m3

-

156 m3
sonstige Abfälle 4.314 m3 1) 2.109 m3

-

42 m3
ERAM 8.260 m3 2) 18.383 m3 und 6.572 Quellen

-

467 Quellen
Asse

-

25.500 m3

-

-

1) In diesen Zahlen sind auch Reststoffe enthalten, die wiederverwertet werden sollen sowie Abfälle, die teilkonditioniert sind.

2) Diese Abfälle wurden in flüssigem Zustand in das Endlager eingebracht und dort zum größten Teil verfestigt.

4. Entwicklung der Kapazitätsauslastung der Zwischenlager

Für die folgenden Betrachtungen wurden für die wärmeentwickelnden Abfälle eigene Abschätzungen vorgenommen und für die gering wärmeentwickelnden Abfälle die Prognosen des BfS zugrundegelegt. Für die Belegung der jeweiligen Zwischenlager wurden auf Grundlage der vorliegenden Informationen realistische Szenarien entwickelt.

4.1 Wärmeentwickelnde Abfälle

In welcher Form und wann diese Abfälle in der Zukunft zur Zwischenlagerung anfallen hängt davon ab, wie mit der Wiederaufarbeitung verfahren wird. Hier wird davon ausgegangen, daß die 1990 zwischen den bundesdeutschen Energieversorgungsunternehmen und COGEMA bzw. BNFL über die Gesamtmenge von 3045 tSM abgeschlossenen Verträge gekündigt werden, so daß nach Abarbeitung der Altverträge keine Wiederaufarbeitung bundesdeutscher Brennelemente mehr stattfindet. Diese Randbedingung ist über die Gesamtmengen betrachtet nach wie vor umsetzbar, da mit den bis Ende 1996 ins Ausland transportierten Brennelementen die Altverträge nicht ausgeschöpft sind. Von den vereinbarten Vertragsgesamtmengen sind jeweils noch ca. 500 tSM offen. Dies ist unter anderem auch im Zusammenhang mit der Ende 96/Anfang 97 geführten Diskussion von Bedeutung, ob die Verhinderung bzw. Verzögerungen von Einlagerungen in das Transportbehälterlager Gorleben zu vermehrter Inanspruchnahme der Wiederaufarbeitung führt. Aufgrund der genannten Zahlen und der hauptsächlich durch die Kosten bestimmten Vorgehensweise der Energieversorgungsunternehmen ist - zumindest zum gegenwärtigen Zeitpunkt - nicht davon auszugehen, daß die aufgestellte These zutreffend ist. Die Betreiber an den Standorten Krümmel und Gundremmingen haben ihre Neuverträge (insgesamt 550 tSM) mit BNFL bereits 1994 gekündigt. Über die Kündigungsabsichten weiterer Betreiber wurde in der Fachpresse mehrfach berichtet, aber bisher kein Vollzug gemeldet. Änderungen gab es bei den Neuverträgen mit der COGEMA, die jetzt auch nach Lieferung von Brennelementen nach La Hague nicht zwangsläufig eine Wiederaufarbeitung zur Folge haben müssen. Diese Veränderungen bzgl. der Neuverträge spielen jedoch aufgrund der hier gesetzten Randbedingungen für die folgenden Zahlenbetrachtungen keine Rolle.

Aus Frankreich und Großbritannien kommen, von der dortigen Wiederaufarbeitung bundesdeutschen Kernbrennstoffes im Rahmen der Altverträge, in den nächsten Jahren die konditionierten Glaskokillen in die Bundesrepublik. Nach gegenwärtigem Stand wird es sich um etwa 160 Behälter handeln. Hierfür besitzt seit Anfang Juni 1995 das Transportbehälterlager in Gorleben (TBL) eine Lagergenehmigung, die die auf absehbare Zeit notwendige Lagerkapazität abdeckt.

Für die bereits in der Bundesrepublik lagernden und nicht mehr zunehmenden Abfälle aus der ehemaligen Wiederaufarbeitungsanlage in Karlsruhe existieren ausreichende Lagerkapazitäten. Ebenfalls ausreichend dürften die Zwischenlagerkapazitäten für wärmeentwickelnde Abfälle aus der Stillegung von Anlagen (z.B. Kernbauteile) sowie aus der Brennelementproduktion sein, da sie in den nächsten Jahren nur in relativ geringem Maße anfallen werden.

Von zentraler Bedeutung ist der Anfall und die Lagerkapazität für bestrahlte Brennelemente, die später direkt endgelagert werden sollen. Das Endlager selbst spielt bei der Kapazitätsfrage für die nächsten 30 Jahre keine Rolle, da bis dahin aus technischen Gründen (zu hohe Wärmeentwicklung) keine Endlagerung von bestrahlten Brennelementen erfolgen kann. Mit den vorliegenden Zahlen und Informationen läßt sich nur eine auf die Gesamtkapazität bezogene Abschätzung der Entwicklung der zur Verfügung stehenden Zwischenlagerkapazitäten durchführen.

Die derzeit genehmigte Lagerkapazität verteilt sich auf interne Lagerbecken an den Reaktorblöcken mit 6.562 tSM und externe Lager in Gorleben, Ahaus und Greifswald mit 5.865 tSM. Am 31.12.1996 war ohne Mühlheim-Kärlich an den AKW-Standorten noch eine Kapazität von 2.832 tSM frei. Beantragt ist eine Kapazitätserweiterung von 286 tSM für ein

Atommüll-"Zwischenlager" in Gorleben

internes Lager in Obrigheim. Ein ähnlicher Antrag für den Standort Philippsburg ruht oder ist zurückgezogen. Unter Berücksichtigung der geplanten Einlagerung von ca. 160 Behältern mit HAW-Kokillen sowie der zulässigen Gesamtwärmeabfuhr, könnten bei entsprechender Vorausplanung noch 260 CASTOR-Behälter mit ca. 2.600 tSM in das TBL eingelagert werden. Für das Brennelemente-Zwischenlager Ahaus (BZA) ist für Herbst 1997 die Genehmigung für eine Erweiterung um 2.700 tSM zu erwarten. Von den dort zur Verfügung stehenden 420 Stellplätzen sind 50 durch die THTR-Brennelemente belegt. Die übrigen 370 Plätze können bei entsprechender Vorausplanung nach der Genehmigung mit ca. 3.700 tSM in CASTOR-Behältern belegt werden. Das neue Zwischenlager Nord (ZLN) in Greifswald wird eine Kapazität von 620 tSM bzw. 123 Stellplätzen für CASTOR-Behälter besitzen, von denen 76 für die WWER-Brennelemente aus Greifswald und Rheinsberg vorgesehen sind. 47 Stellplätze stehen dann im ZLN theoretisch noch zur Verfügung. Das alte Naßlager in Greifswald (ZAB) sollte laut Einigungsvertrag im Jahr 2000 geschlossen werden. Nach Angaben der Betreiber Energiewerke Nord wird jedoch die Zeit für das Umladen der Brennelemente in die CASTOR-Behälter nicht ausreichen. Es ist daher mit einer zeitlich begrenzten Betriebsverlängerung für das ZAB zu rechnen.

Sollten alle angeführten Lagerungs- und Erweiterungsmöglichkeiten genutzt sowie die vor 1989 abgeschlossenen Wiederaufarbeitungsverträge abgearbeitet werden, ergibt dies bei einem fortlaufenden jährlichen Anfall von 450 tSM eine Absicherung für den Verbleib der Brennelemente bis in das Jahr 2014. Selbst wenn das Greifswalder ZLN den WWER-Brennelementen vorbehalten bleibt, ändert das nichts wesentlich an diesem Zeithorizont. Die Situation entspannt sich zusätzlich durch die in dieser Rechnung nicht berücksichtigten längeren Stillstandszeiten von Kraftwerken (siehe z.B. Brunsbüttel und Würgassen in jüngerer Vergangenheit) bzw. möglichen endgültigen Stillegungen, die ebenso zu einer Verminderung

der anfallenden Kernbrennstoffmasse führen, wie die für die meisten Reaktoren vorgesehenen Abbrand- und damit Standzeiterhöhungen der Brennelemente im Reaktorkern. Da es sich hier um eine Gesamtabschätzung handelt, kann es für einzelne Kraftwerke (z.B. AKW in Stade) bei ungünstigen Randbedingungen (bereits jetzt relativ volles Lagerbecken und geringe vertraglich vereinbarte externe Entsorgungskapazitäten nach Altverträgen) trotzdem zu einem Engpaß kommen, der aber durch Kooperation mit anderen Betreibern überwunden werden könnte. Aus Sicht der Betreiber besteht damit momentan kein Grund, über die Schaffung neuer zentraler Zwischenlagerkapazitäten nachzudenken.

Abgesehen von dieser Betrachtung aus Betreibersicht ist neben der gestellten Forderung nach schnellem Ausstieg aus der Atomenergienutzung die Frage zu diskutieren, ob eine zentrale Zwischenlagerung als Zwischenschritt zur späteren direkten Endlagerung bestrahlter Brennelemente unter Sicherheitsgesichtspunkten sinnvoll ist und dem Minimierungsgedanken im Atomgesetz genügt. Die Brennelementzwischenlager in Gorleben und Ahaus werden momentan von den Betreibern an den Standorten Krümmel, Lingen, Biblis, Neckarwestheim, Gundremmingen und Grafenrheinfeld im Entsorgungsvorsorgenachweis geführt. Der durch das Agieren des niedersächsischen Ministerpräsidenten hervorgerufene aktuelle Streit darüber, welche dieser Brennelemente in welches der beiden Zwischenlager transportiert werden sollen, drängt die öffentliche Diskussion in die falsche Richtung und lenkt vom eigentlichen Problem, nämlich der Atomenergienutzung, ab.

4.2 Gering wärmeentwickelnde Abfälle

Das BfS erhebt jährlich den Anfall radioaktiver Abfälle in der Bundesrepublik und prognostiziert auch in die Zukunft. Die neuesten veröffentlichten Zahlen beziehen sich auf die Situation am 31.12.1995. Die Abbildung 1 hat diese Prognose zur Grundlage. Der Anteil der aus der Abarbeitung der vor 1989 abgeschlossenen Wiederaufarbeitungsverträge stammenden Abfälle mit geringer Wärmeentwicklung hat sich gegenüber früheren Prognosen des BfS stark verringert. Dies wird einer veränderten Konditionierungstechnik für die Abfälle zugeschrieben. Damit hat sich auch die erwartete Gesamtmenge an radioaktiven Abfällen verringert. Wurden 1983 von der Bundesregierung bis zum Jahr 2000 noch 327.800 m3 prognostiziert, so wurden 1997 vom BfS (auf Basis der Abfallmengenerhebung für 1995) "nur" noch 103.300 m3 angegeben.

Die genehmigte Zwischenlagerkapazität für die Abfälle beträgt ca. 164.000 m3. Nach BfS wurden die Zwischenlagerkapazitäten in den Forschungsanlagen in den letzten Jahren stark erhöht. Momentan zusätzlich beantragt und im Genehmigungsverfahren sind 14.000 m3 in den alten Bundesländern (hauptsächlich Ahaus) und 200.000 m3 in Greifswald für das ZLN. Im Endlager Morsleben (ERAM) steht nach gegenwärtiger Lage bis zum Jahr 2000 insgesamt eine Endlagerkapazität von ca. 40.000 m3 zur Verfügung (zur eventuellen Fristverlängerung siehe unten). Davon wurden bis zum 31.12.1995 7.600 m3 eingelagert. Bleibt das ZLN unberücksichtigt und wird von der Genehmigung der 14.000 m3 ausgegangen, so reicht die insgesamt für radioaktive Abfälle mit geringer Wärmeentwicklung zur Verfügung stehende Kapazität bei integraler Betrachtung bis etwa zum Jahr 2020 (siehe Abbildung 1).

Abb. 1: Prognose der Mengenentwicklung gering wärmeentwickelnder Abfälle. Die gestrichelte Linie zeigt die Ausschöpfung der Zwischenlager- und ERAM-Kapazitäten für Abfälle aus dem AKW-Betrieb, der AKW-Stillegung und der Wiederaufarbeitung. (Abbildungsgrundlage BfS)

Werden die Abfälle jedoch getrennt nach Herkunft betrachtet, sieht das Bild ungünstiger aus. Abgesehen von möglichen Engpässen bei einzelnen Landessammelstellen müssen die Betriebsabfälle aus den Atomkraftwerken mit den nach gegenwärtiger Planung ab 1997 angelieferten Abfällen aus der Wiederaufarbeitung und den zunehmenden Abfallmengen aus geplanten Anlagenabrissen konkurrieren. Die Zwischenlagerkapazitäten für diese Abfälle betragen rund 72.000 m3. Das bedeutet, bei Genehmigung der oben genannten 14.000 m3 aber ohne Einlagerungen in das ERAM wären - bei Unterstellung der von BfS angegebenen Abfallmengenentwicklung - die Kapazitäten vor 2004 erschöpft. Die zusätzlich noch zur Verfügung stehenden 32.400 m3 im ERAM verlängern diese Zeit bis 2010 (siehe Abbildung 1). Es gibt jedoch drei Probleme, die die Ausschöpfung der 32.400 m3 bis zum Jahr 2000 in Frage stellen: Die Beschränkung der Einlagerbarkeit von Westabfällen im ERAM bezüglich der spezifischen Aktivität, die Ungewissheit, ob das theoretisch mögliche Volumen aufgrund der notwendigen Umstellung der Konditionierungstechniken bei westlichen Ablieferern überhaupt erreicht werden kann und die Verzögerungen beim Abriß in Greifswald.

Für die Betreiber- bzw. Behördenseite bestehen folgende Optionen für die Behebung dieses Engpasses: Verhandlung über eine spätere Lieferung der Wiederaufarbeitungsabfälle, Verzögerung des Abrisses von Atomanlagen, Beantragung neuer Lagerkapazitäten, Genehmigung und zügige Inbetriebnahme des geplanten Endlager Konrad, Nutzung des ZLN für "Westabfälle", Verlängerung der Betriebsgenehmigung des ERAM.

Von den genannten Optionen dürften kurz- und mittelfristig vor allem die letzten drei relevant sein. Nach gegenwärtigem Stand ist ein Planfeststellungsbeschluß für das geplante Endlager Konrad Ende 1997/Anfang 1998 zu erwarten. Fraglich ist allerdings, ob dies gleichbedeutend mit einem zügigen Beginn des Umbaus ist. Aufgrund der allgemeinen Abfallmengensituation (Diskussion ein Endlager für alles) und den zu erwartenden Klagen gegen den Beschluß, ist eine rasche Investition großer finanzieller Mittel eher fraglich. Da für den Umbau bis zur Inbetriebnahme des Endlagers nach Erteilung des Planfeststellungsbeschlusses 3 bis 4 Jahre notwendig sind, könnte dem oben beschriebenen Engpaß nur bei sofortigem Beginn der Umbaumaßnahmen wirkungsvoll begegnet werden.

Die Zwischenlagerkapazität in Greifswald wird spätestens ab 1998 zur Verfügung stehen. Eine Einschränkung der Umgangserlaubnis auf Abfälle aus Greifswald selbst in der Genehmigung ist nicht sehr wahrscheinlich, und die große Kapazität erlaubt auch die Zwischenlagerung für externe Abfälle. Dies gilt insbesondere ab dem Jahr 2003, da dann eine verstärkte Zuführung von Greifswald-Abfällen zur Wiederverwertung erfolgen soll. Diese Option ist also ohne zusätzlichen Aufwand jederzeit nutzbar.

Eine Betriebsverlängerung des Endlagers in Morsleben bis zum Jahr 2005 ist derzeit konkret in der Diskussion. Dadurch soll sich in bezug auf das einlagerbare Abfallvolumen allerdings keine Veränderung ergeben. Die von Bundesregierung und BfS genannten verfahrensbedingten Gründe für die angestrebte Betriebsverlängerung dürften jedoch nur zweitrangig sein. Vielmehr können durch die Streckung der Einlagerungszeit die oben genannten Probleme überwunden und der Entsorgungsengpaß für radioaktive Abfälle mit geringer Wärmeentwicklung auf das Jahr 2007 verschoben werden. Damit wäre ein Termin erreicht, der nach der von der Bundesregierung für das Jahr 2005 angestrebten Entscheidung über die Eignung des Salzstockes von Gorleben und der Notwendigkeit des Endlagers Konrad liegt.

5. Szenarienvergleich für den Anfall von Abfällen

Die Ausgangssituation für das Problem der Entsorgung bzw. besser Umgang mit und Verbleib von radioaktiven Abfällen stellen die durch den Betrieb von Atomkraftwerken anfallenden Abfallmengen dar. Es ist daher sinnvoll, einen Vergleich zwischen zwei, die Bandbreite anfallender Abfallmengen, beschreibenden Szenarien anzustellen. Die geringst mögliche Menge ergibt sich im Falle eines Sofortausstieges (Szenario 1), die größte Menge ergibt sich bei einem Bestandsschutz für die in Betrieb befindlichen Atomkraftwerke (Szenario 2). Noch mehr radioaktive Abfälle als im Szenario 2 würden anfallen, wenn auch neue Reaktoren gebaut würden und/oder die Wiederaufarbeitung weiter fortgeführt würde. Dies wird hier aufgrund des gegenwärtigen Diskussionsstandes in der Bundesrepublik jedoch nicht unterstellt. Für die Mengenermittlung werden die in den vorhergehenden Kapiteln genannten Zahlen zugrunde gelegt.

Im Szenario 1 wird davon ausgegangen, daß alle Atomkraftwerke am im Jahr 1998 vorgesehenen Revisionszeitpunkt endgültig stillgelegt werden. Die Wiederaufarbeitung im Ausland wird entsprechend den Altverträgen durchgeführt und alle dabei anfallenden Stoffe und Abfälle in die BRD gebracht. Die Versorgungsanlagen in der Bundesrepublik (z.B. Anreicherungsanlage, Brennelement-Fabrik) werden ebenfalls 1998 stillgelegt. In den Forschungsanlagen werden nur die Arbeiten zu Stillegung und Abriß sowie zur Endlagerung fortgeführt (Abschluß 2020), wodurch sich das hervorgerufene Abfallaufkommen pro Jahr auf ca. ein Drittel verringert. Das Szenario 2 enthält die in neueren Szenarien der Betreiberseite unterstellte Laufzeit der Reaktoren von 50 Jahren (ursprünglich war man von 30 Jahren ausgegangen). Das heißt, der letzte Reaktor wird erst 2039 abgeschaltet. Die Wiederaufarbeitung wird, wie in Szenario 1, nach Erfüllung der Altverträge mit COGEMA und BNFL eingestellt. Dies wird den gegenwärtigen technischen, politischen und ökonomischen Randbedingungen am ehesten gerecht. Die Versorgungsanlagen werden bis zum Jahr 2035 betrieben. Als zwar willkürliche aber nicht unrealistische Annahme für die Abfälle aus den Forschungsanlagen wird das Jahr 2030 als begrenzend angenommen.

Bei beiden Szenarien nicht berücksichtigt sind die Abfälle aus den Landessammelstellen (kein Bezug zum Betrieb von AKW), die Abfälle aus der Stillegung von Anlagen (für beide Szenarien gleich), die aus der Wiederaufarbeitung zurückzunehmenden Kernbrennstoffe (bisher keine Überlegungen zum Umgang, außerdem für beide Szenarien gleich) und die bei der Endlagerkonditionierung der Brennelemente anfallenden Abfälle.

Der Vergleich der in Abbildung 2 gezeigten für die beiden Szenarien entstehenden Atommüllmengen zeigt, daß sich die Probleme bei einem Weiterbetrieb der Atomkraftwerke drastisch vergrößern. Für die nicht als Leichtwasserreaktor-Brennelemente vorliegenden wärmeentwickelnden Abfälle ist die Erhöhung des Volumens um die Hälfte noch relativ gering, was an dem großen Volumenanteil (mehr als 2/3) der Wiederaufarbeitungsabfälle liegt. Bei den gering wärmeentwickelnden Abfällen ist dagegen fast eine Verdopplung zu erwarten. Der Unterschied zwischen den Szenarien für diese beiden Abfallkategorien wäre noch wesentlich größer, wenn nicht aufgrund der Wiederaufarbeitung im Rahmen der Altverträge ein großes Sockelvolumen zu berücksichtigen wäre. Der Müll mit dem höchsten Gefährdungspotential und damit auch den problematischsten Umgangsbedingungen, die Leichtwasserreaktor-Brennelemente, vervierfacht sich. Allein dies rechtfertigt die Forderung nach einem schnellen Ausstieg aus der Atomenergienutzung.

Auch bei einem Sofortausstieg ist eine im Sinne von ungefährlicher Strahlenbelastung für Mensch und Umwelt sichere "Entsorgung" der radioaktiven Abfälle nicht möglich. Durch die definitiv bekannten Abfallmengen in den einzelnen Kategorien sind jedoch Konzeption und Planung des oberirdischen Umgangs (Zwischenlagerung und Konditionierung) sowie die Festlegung der Endlagerformation (Gesteinsart und Standort) und des Endlagerkonzeptes wesentlich besser vorzunehmen.

6. Zusammenfassung

Auf dem Papier ist der Verbleib der bestrahlten Brennelemente bis zum Jahr 2014 gelöst. Eine Diskussion über die Schaffung neuer zentraler Zwischenlagerkapazitäten ist derzeit aufgrund der Faktenlage nicht zu begründen. Selbst im schlimmstmöglichen Fall des Weiterbetriebes aller AKW in der Bundesrepublik, müssen aus Sicht der Betreiber frühestens im Jahr 2010 konkrete Schritte für eine Zwischenlagerkapazitätserweiterung unternommen werden. Die Planspiele im Rahmen der sog. Konsensgespräche hätten im Falle des Abschlusses auch keine Verbesserung für die von der Brennelement-Zwischenlagerung hauptbetroffenen Bevölkerung in Ahaus und im Landkreis Lüchow-Dannenberg gebracht. Ob die Brennelemente aus Neckarwestheim oder Brokdorf kommen, ist für die Strahlung egal.

Für Abfälle mit geringer Wärmeentwicklung ist die Situation weniger entspannt. Hier tritt spätestens in der Mitte des nächsten Jahrzehnts ein Entsorgungsengpaß auf, der nur durch Bruch momentan gültiger Vereinbarungen (Betriebsdauer ERAM, Nutzung ZLN) oder Inbetriebnahme eines Endlagers (Konrad), das eigentlich gar nicht gebraucht würde, beseitigt werden kann.

Die gesamte Diskussion wäre bei einem Ausstieg aus der Atomenergienutzung völlig überflüssig. Der Szenarien-Gegenüberstellung ist zu entnehmen, daß der Atommüllanfall durch Begrenzung der Laufzeiten der Kraftwerke bis hin zum sofortigen Ausstieg aus der Atomenergie stark reduziert werden kann. Dadurch wären bereits die zur Zeit existierenden Lagerkapazitäten ausreichend. Ein Sofortausstieg würde darüber hinaus mehrere Optionen eröffnen, um die Verwahrung des produzierten Atommülls mit möglichst minimiertem Unfallrisiko und der geringsten Strahlenbelastung für die Menschen vornehmen zu können.

Abb. 2: Anfall radioaktiver Abfälle nach den Szenarien 1 (weiß) -Sofortausstieg- und 2 (grau) -AKW-Laufzeit 50 Jahre, ohne Neubau-.

 

Referenzen:

Aufkommen radioaktiver Abfälle in Deutschland - Anfall, Bestand 1995 und zukünftiges Aufkommen - P. Brennecke und A. Hollmann, Bundesamt für Strahlenschutz; atw 42.Jg.(1997) Heft 6

Entsorgung abgebrannter Brennelemente aus den Kernkraftwerken in der Bundesrepublik Deutschland - Ergebnisse der Länderumfrage zum 31.12.1996 Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit, Köln, 20.05.1997

Entsorgungsstrategien für radioaktive Abfälle in Deutschland Gruppe Ökologie e.V. im Auftrag der Günter-Altner-Stiftung gem. GmbH, Hannover, Januar 1997

KONTEC'97, 3. Symposium "Konditionierung radioaktiver Betriebs- und Stillegungsabfälle"; verschieden Beiträge; Hamburg, 19.-21.März 1997

Abkürzungsverzeichnis

AKW Atomkraftwerk AG Aktiengesellschaft BfS Bundesamt für Strahlenschutz BNFL British Nuclear Fuel Limited Betreiberin der WAA Sellafield) BZA Brennelement - Zwischenlager Ahaus COGEMA Compagnie Generale des Materies Nucleaires ERAM Endlager für radioaktive Abfälle Morsleben FR Frankfurter Rundschau GNS Gesellschaft für Nuklearservice HAW High Active Waste (hochaktiver Müll) HTR Hochtemperaturreaktor (Hamm-Uentrop) LWR Leichtwasserreaktor (alle in Betrieb befindlichen deutschen Leistungsreaktoren) MW Megawatt m³ Kubikmeter NEZ Nukleares Entsorgungszentrum PKA Pilotkondotionierungsanlage (Gorleben) Pu Plutonium RSK Reaktorsicherheitskommission SSK Strahlenschutzkommission TBL Transportbehälterlager (Castor-Halle Gorleben) t Tonnen tSM Tonnen Schwermetall U Uran VAK Versuchskraftwerk WAA Wiederaufarbeitungsanlage WAU wiederaufgearbeitetes Uran WWER (russischer Reaktortyp, z. B. in Greifswald) ZLN Zwischenlager Nord (Greifswald, in Bau)

Die Broschüren der Reihe "Zur Sache" erscheinen unregelmäßig und liefern Einschätzungen und Hintergrundinformationen zum Widerstand gegen die Atomanlagen in Gorleben.

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Bisher erschienen:

Zur Sache 1, vergriffen

Zur Sache 2, September 1997 Entsorgungs-Fiasko Eine aktuelle Atommüll-Bilanz 26 Seiten, 3 DM

Zur Sache 3, Februar 1996 Glaskokillen aus La Hague Fakten und Bewertungen zum geplanten Kokillen-Transport nach Gorleben 28 Seite, 2 DM

Zur Sache 4, April 1996 Risiko CASTOR Argumente gegen die Atommüll-Lagerung in CASTOR-Behältern 32 Seiten, 2 DM

Zur Sache 5, Feindbild CASTOR-Widerstand Diffamierung und Kriminalisierung des Gorleben-Protestes durch den Verfassungsschutz 24 Seiten, 2 DM

 


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