Ev. -Luth. Krichkreise Dannenberg und Lüchow

Berichte von Pastorinnen und Pastoren in Lüchow-Dannenberg zum Atommmüll-Transport im März 1997

Herausgegeben von Superintendent Peter Krikokat, Dannenberg - Propst Hans-Jürgen Wolters, Lüchow REDAKTION: Hans-Ulrich Krieger, Peter Kritzokat, Klaus-Markus Kühnel, Klaus-Uwe Nommensen, Gisela Ober, Henning Schulze-Drude, Carsten Wydora

DRUCK: Kirchenkreisamt Dannenberg - 1. Auflage 3.000 Exemplare ERBETENER KOSTENBEITRAG: DM 10,-- bei Zusendung - DM 5,-- bei Abholung
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Kirchenkreisamt Dannenberg
Bahnhofstr. 26
29451 Dannenberg

 

Zu unserer Arbeit in diesem Konflikt

  1. Wir haben unseren eigenen kirchlichen Auftrag (MT 5, 9 u.a).
  2. Wir haben uns in diesem Konflikt unsere Meinung gebildet (zuletzt veröffentlicht am 20.Februar 1997 - abgedruckt auf der folgenden Seite).
  3. Auch vor dem 3. Transport gab es wieder ausführliche Gespräche. Zum Beispiel - mit VertreterInnen der Bürgerinitiative - mit Verantwortlichen der "Aktion X-tausendmal quer" - mit der Polizeieinsatzleitung.
  4. Ergebnis dieser Gespräche war u.a.: Wie schon beim 1. und 2. Transport sind die Pastorinnen und Pastoren von allen wieder zur Seelsorge und zur Konfliktentschärfung willkommen und erwünscht. Wie in den Vorjahren hat Polizeidirektor Niebuhr den Geistlichen besondere Dokumente übergeben, die sie gegenüber den Einsatzkräften ausweisen.
  5. Erstmals gab es vor dem 3. Transport ausführliche Absprachen mit Polizeiseelsorgern und Einverständnis über die gemeinsamen Aufgaben und Ziele: - zur Wahrung der Menschenwürde a 11 e r beizutragen; - zu versuchen, Eskalation mit vermeiden zu helfen; - im Konfliktfall um Zeit für Gespräche zu bitten; - bei einer Anwendung von Zwangsmaßnahmen sich für das mildeste Mittel einzusetzen.
  6. Wir haben wieder in Gruppen gearbeitet - in der Regel mindestens zu dritt. Die sechs Gruppen waren miteinander durch Handys in Kontakt. Telefonische Absprachen zwischen den Gruppen und mit einzelnen Polizeiseelsorgern waren ebenfalls möglich. Unser Landesbischof hat die Kommunikationsmöglichkeiten öfter genutzt. Dies war hilfreich bei Interventionsversuchen über die Ebene der Gesamteinsatzleitung hinaus.
  7. Erstmals haben sich auch fünf Gruppen von Lüneburger Pastorinnen und Pastoren in diesen Dienst eingebunden.
  8. Unsere "Gruppen- und Telefon-Logistik" haben wir der Polizeieinsatzleitung, der Bürgerinitiative und der Aktion "X-tausendmal quer" mitgeteilt. So konnte man an uns jederzeit herantreten - von welcher Seite auch immer. Die Polizeieinsatzleitung hatte fur die Transporttage eine spezielle Rufnummer für die Pastorinnen und Pastoren geschaltet.
  9. Die hier vorgelegte Dokumentation schließt erstmals die Erfahrungen von Polizeipfarrern und Krankenhausseelsorgern ein. So bietet sie umfassende Informationsmöglichkeiten aus der Sicht derer, die als Seelsorger und Friedensstifter "dazwischen" sein wollten - und sollten.
  10. Diese Dokumentation versucht, das Gute und das Schlechte mit allen Zwischentönen differenziert zu benennen. Jenseits von Schönrederei oder Anklage will sie einen Impuls zu einer angemessenen Nacharbeit der Geschehnisse in Politik und Gesellschaft leisten. Wie schon nach der Veröffentlichung der "Berichte von 24 Pastorinnen und Pastoren aus LüchowDannenberg zum Glaskokillen-Transport am 8.Mai 1996" sind wir auch jetzt zu Gesprächen mit allen bereit.

Für die Ev.-luth.Kirchenkreise Dannenberg und Lüchow 12. März 1997

Superintendent Kritzokat
Propst Wolters

Inhalt

Wir haben exemplarisch einen Bericht hier vorgestellt - Der gesammte Bericht ist unter http://www.evlka.de/aktuell/pastor.htm und "/aktuell/castor2.txt" zu finden.

Die Berliner schlagen zu

Gegen 08.55 fahren aus Richtung Quickborn zwei Wasserwerfer mit Berliner Kennzeichen neben einander auf und fordern die Menschen auf, die Straße zu räumen. Bei ihnen ist eine Hundertschaft Berliner Polizisten.

Bis 09.10 fordert der Berliner Sprecher die Menschen viermal zur Räumung auf
Um 09.13 fordert der Sprecher die Menschen letztmalig zur Raumung auf.
Um 09.14 beginnt der Einsatz der Berliner Wasserwerfer. Was nun kommt, würden wir nicht glauben, wenn wir es nicht selbst erlebt hätten. Gleichzeitig fangen die Polizeibeamten an, die Menschen von der Straße zu prügeln. Schulze-Drude begibt sich an den Rand der Straße, um zu sehen, wie hier vorgegangen wird. Die Geschehnisse spotten jeder Beschreibung. Ein ca. 17jähriges Mädchen steht mit erhobenen Händen vor den Poli zeikräften. Ein Beamter holt aus und schlägt der Wehrlosen mit der Faust mitten in das Gesicht. Das Mädchen wird durch den Schlag rückwärts zu Boden gerissen, und der Beamte rollt sie mit Fußtritten von der Straße. Erbost und fassungslos begibt sich Schulze-Drude an den Rand der Straße, gibt sich als kirchlicher Mitarbeiter zu erken nen und schreit den Beamten zu, sie mögen damit aufLören. Ein Beamter ruft zurück: "Hau ab, sonst gibt s was auf die Fresse!". Die Polizisten gehen weiter mit brutaler Gewalt gegen die Menschen vor. Sie drehen Arme um, treten mit den Füßen und Knien in die am Boden liegenden Menschen, schlagen, schubsen und reißen an den Haaren. An uns vorbei gehen viele Verletzte, ei nige werden getragen, andere bluten stark, einer hat sich offensichtlich den Arm ge brochen.

Um es noch einmal zu betonen: Die Menschen sitzen oder stehen auf der Straße und üben keine aktive Gewalt aus. Die meisten von ihnen haben zum äußeren Zeichen die Hände erhoben.

Auf der Wiese verfolgen Tausende dieses entsetzliche Geschehen. Kühnel und Schulze-Drude kommen mit ihren Ausweisen durch die Polizeireihe. Wir sprechen einen Beamten an, der offensichtlich diesen Einsatz leitet. Wir versuchen, ruhig zu bleiben, fragen ihn nach seinem Namen. Er stellt sich uns mit dem Namen Förster vor. Wir versuchen, ihn davon zu überzeugen, daß die Art des Vorgehens durch nichts zu rechtfertigen ist. Herr Förster erklärt uns, daß die Menschen ja Zeit gehabt hätten, sich zu entfernen und mit diesen Maßnahmen hätten rechnen müssen. Wir merken, daß mit diesem Mann nicht zu reden ist.

Kommentar: Es ist noch keine 10 Jahre her, da haben a 11 e in der Politik der Bundesrepublik Verantwortlichen aufgeschrien, wenn so etwas im anderen Teil Deutschlands auch nur gerüchteweise laut wurde. Es ist nur wenige Wochen her, da haben a 11 e laut aufgeschrien, als es in Belgrad zu einem harten Vorgehen der Polizei gegen demonstrierende Menschen gekommen war.

Fragen: Welche Medien und welche politisch Verantwortlichen schweigen dazu? Warum schweigen sie?

Kritzokat begleitet einen Verletzten zur nächsten Sani-Station. Dort sind schon 9 oder 10 mißhandelte Menschen mit blutenden Gesichtern...die meisten im Schock und voller Entsetzen und unfähig zu sprechen. Jemand stohnt: "Berliner!" Wir erfahren, daß sich Jugendliche auf der Straße angekettet haben. Mit dieser Information gehen wir

um 09.28 noch einmal zu Herrn Förster und teilen sie ihm mit. Er will das an die Einsatzkräfte weitergeben. (Vgl. dazu den Bericht von Lothar Asael "Bei den Angeketteten an der B 191) Die Polizisten haben ein Stück der Straße geräumt. Mit einem Mal ertönt aus dem Wasserwerfer das Kommando an die Einsatzkräfte, aus dem Weg zu gehen. Jetzt sind zwischen den sitzenden Demonstranten und den Wasserwerfern ca. 6 m Platz. Mit ei nem "Kavaliersstart" schießen die beiden Wasserwerfer auf die Sitzenden zu, machen erst Zentimeter vor ihnen eine Vollbremsung. Die umstehenden Menschen schreien auf Die beiden Wasserwerfer spritzen schon wieder auf die vor ihnen sitzenden Menschen.

Die Journalisten stehen ca. 15 m von der Straße entfernt und machen ihre Aufnahmen. Auf einmal hält die Besatzung eines Wasserwerfers den Wasserstrahl genau in die Menge der Journalisten. Danach spritzen sie wahllos in die Menge der Menschen, die auf der Wiese stehen. Kurz danach kommen die Berliner den Einsatzkraften des BGS immer näher. Ihr Lautsprecher fordert die BGS-Wasserwerfer auf, den Weg freizumachen, da sie die Berliner Krafte sonst behindern würden. Es kommt uns vor, als wollten die Berliner dem BGS einmal zeigen, wie man mit solchen Leute "richtig" umgehen muß. Der Lautsprecherwagen der Aktionsgruppe "X-tausendmal quer" fordert die Menschen immer noch dazu auf, Gewalt nicht mit Gewalt zu beantworten. Und die Menschen halten sich daran.

Gegen 10.15 ist die Straße geräumt. Nur einige junge Menschen, die sich zwischen zwei Bäumen mittels gespannter Seile in etwa 6 Metern Höhe befinden, konnen nicht so schnell entfernt werden.

(Weitere Berichte dazu: Lothar Asael, Alfredo Rockstroh, Hans-Jürgen Wolters: "Krach am Kran")


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