Die Atomstrom-Lüge

Verschwiegene Kosten, getäuschte Verbraucher

zdf.gif (676 Byte) FRONTAL 21 vom 16.09.2008
von Steffen Judzikowski und Christian Rohde

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Atomstrom ist angeblich billig. Eine Verlängerung der Laufzeiten von Kernkraftwerken soll daher helfen, die Energiepreise zu senken. Mit diesem Argument erlebt die Kernenergie-Debatte derzeit eine Renaissance. Doch Experten wie der Energiewissenschaftler Olav Hohmeyer vom Sachverständigenrat für Umweltfragen der Bundesregierung (SRU) halten die These von sinkenden Preisen durch Laufzeitverlängerungen für falsch.

Der Stromkunde werde von einer Laufzeitverlängerung nicht profitieren, sagte Hohmeyer gegenüber Frontal21, "weil die Kosten in der Elektrizitätserzeugung nicht in die Preise transportiert werden." Denn schon heute sei die Stromerzeugung aus Kernkraft für die Energieversorgungsunternehmen sehr billig. Dieser Vorteil werde von den Konzernen aber nicht weitergegeben. Dagegen würden die großen Energieversorger durch eine Laufzeitverlängerung übermäßig profitieren, so Hohmeyer.

Die Atomindustrie genieße seit Jahrzehnten Subventionen und Privilegien wie kein anderer Industriezweig, kritisiert Hohmeyer weiter. "Kernenergie ist ohne Subvention in Deutschland gar nicht vorstellbar." Subventionen hätten die Atomenergie von der Stunde Null an begleitet. "Im Prinzip hat man politisch das gewollt", so Hohmeyer. Er warnt vor einer unnötigen Verlängerung der Subventionen. "Das hat sich nicht gerechnet, das wird sich auch nicht rechnen und war - im Nachhinein betrachtet - ein Fehler."

"Kosten zahlt Steuerzahler"

Während die Energiekonzerne Milliarden mit der Atomkraft verdient hätten, seien die Kosten für Forschung, Risikovorsorge und Entsorgung sozialisiert und auf den Verbraucher abgewälzt worden, kritisiert auch der energiepolitische Sprecher der Grünen im baden-württembergischen Landtag, Franz Untersteller. "Wenn Sie genauer hinschauen, dann stellen Sie fest: Die Gewinne streichen EnBW, RWE, Vattenfall und Eon ein - die Kosten der Kernenergienutzung zahlt der Steuerzahler", sagt er gegenüber Frontal21.

So würden beispielsweise Betrieb und Stilllegung kerntechnischer Forschungsanlagen in Karlsruhe etwa vier Milliarden Euro kosten. Geld, das überwiegend der Staat bezahlt. Auch für die größte Investitionsruine der Atomwirtschaft, den sogenannten Schnellen Brüters in Kalkar, kam der Bund auf. 2,177 Milliarden Euro kostete das Projekt den Steuerzahler. Nach Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung gab der Bund insgesamt mehr als 40 Milliarden Euro für die Förderung der Atomenergie aus.

Paulitz: "Massive Subventionierung"

Auch im laufenden Betrieb profitieren die Kraftwerks-Betreiber von atomfreundlichen Gesetzen. Henrik Paulitz von der deutschen Sektion der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) beklagt etwa die beispiellose Unterversicherung der Kraftwerksbetreiber. Nach einer Hochrechung, die die Bundesregierung bereits in den 90er Jahren in Auftrag gegeben hat, würde ein Atomunfall in einem Reaktor wie Biblis zu volkswirtschaftlichen Schäden in Höhe von mehr als 5.000 Milliarden Euro führen.

Doch die Betreiber sind lediglich gegen Schäden bis zu 2,5 Milliarden Euro versichert. "Das sind weniger als 0,1 Prozent der zu erwartenden Schäden", sagt Paulitz. Kein anderer Industriezweig könne seine Haftungsrisiken derart vernachlässigen. "Diese Unterversicherung ist nichts anderes als eine massive Subventionierung der Atomindustrie", kritisiert er. "Würde man alle externen Kosten dem Atomstrom anlasten, dann käme man pro Kilowatt Atomsrom auf eine Größenordnung von zwei Euro." Dann wäre Atomstrom nicht mehr konkurrenzfähig. Im Gegenteil, er wäre nicht mehr verkäuflich, sagt Paulitz.

Sicherheitswarnung für Biblis B

Die Gefahr eines Reaktorunfalls ist für Paulitz keineswegs nur theoretisch gegeben. Er hat sich für den IPPNW intensiv mit dem Atomkraftwerk Biblis B befasst. "Das AKW Biblis B befindet sich in einem katastrophalen sicherheitstechnischen Zustand, wir haben mehr als 150 Sicherheitsmängel für die Anlage nachgewiesen", erklärt er. Der IPPNW klagt deshalb derzeit auf die Stilllegung der Anlage. RWE weist die Kritik der Atomkraftgegner zurück. Biblis B sei sicher und ausreichend versichert. Schließlich müsse das Unternehmen bei einem Unfall mit seinem gesamten Vermögen haften.

Auch von der jetzt diskutierten Verlängerung der Laufzeiten von Atomkraftwerken würde wieder nur die Industrie profitieren, befürchtet der Energiewirtschaftsexperte Felix Matthes vom Berliner Öko-Institut. Das Kernkraftwerk Biblis sei beispielsweise mindestens seit dem Jahr 2000 abgeschrieben, so Matthes. Bei den stark gestiegenen Strompreisen werde das Werk allein im Jahr 2009 voraussichtlich einen Zusatzprofit von einer Milliarde Euro realisieren. Allerdings nicht zum Vorteil des Kunden. "Bei dem kommt von diesen Zusatzprofiten nichts an." Insgesamt führen acht Jahre mehr Laufzeit nach Berechnungen von Matthes bei den Energiekonzernen zu Zusatzprofiten von etwa 80 Milliarden Euro.

Nach Angaben des DIW gab der Bund über 40 Milliarden Euro für die Atom-Förderung aus.

Glos für Laufzeitverlängerung

Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) setzt unterdessen weiter auf eine Laufzeitverlängerung. "Längere Laufzeiten für bestehende Kernkraftwerke bedeuten langfristig eine preisgünstige, sichere und Klima schonende Erzeugung", sagte er kürzlich in einer Rede bei den Deutschen Energietagen in München. Hans-Josef Fell, energiepolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag, kritisiert die Vorschläge der Union als Wahlkampfmanöver. "Glos arbeitet nur für die Interessen der Atomkonzerne", so Fell gegenüber Frontal21.

Für Olav Hohmeyer vom Sachverständigenrat der Bundesregierung (SRU) wäre eine Laufzeitverlängerung ein strategischer Fehler für die Energieversorgung von morgen. Man verzögere dadurch Investitionen in notwendige Umbauten des Energiesystems hin zu regenerative Energien, warnt er. Der SRU ist ein wissenschaftliches Beratungsgremium der Bundesregierung. Er soll umweltpolitische Fehlentwicklungen aufzuzeigen.

Bearbeitet am: 29.09.2008/ad


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