Rede von Andreas Maier

auf der Domonstration in Gorleben
am 8. November 2008

Liebe Leute, wer niemals im Wendland war, weiß nicht Bescheid.

Hunderttausende Menschen fahren Tag für Tag an Atomkraftwerken vorbei und halten all das für normal. Sie leben in einer Welt, in der alles normal ist. Sie haben ihre Arbeit, sie fahren mit dem Auto einkaufen, sie kochen sich morgens auf dem Elektroherd ein Frühstücksei, und alles ist normal. Auch ihr Fernseher läuft mit Strom. Alle diese Leute schauen fern, weit mehr als Menschen im Dritten Reich den Volksempfänger gehört haben. Gegen die Einheitsbilder im Fernsehen kommt keiner an. Es ist wie immer. Ihr braucht ja nicht einmal einen Autoreifen anzuzünden, es reicht schon, wenn hier auch nur einer jongliert. Dann sind wir im Fernseher schon Idioten.

Das wird auch heute wieder so sein. Das ist die Geschichte dieses Widerstands hier. Wir hier im Wendland sind Chaoten und Idioten. Wir zünden Autoreifen an und machen Terz, selbst wenn wir gar keine Autoreifen anzünden. Zuhause in meiner Stammkneipe in Hessen sind wir noch schlimmer als die Ausländer. Die Leute haben Angst vor uns, weil sie glauben, wir wollen ihnen den Strom nehmen. Und dazu, glauben sie, haben wir kein Recht. Weil sie nämlich ein Recht auf Strom haben. Egal, woher er kommt, Hauptsache Strom.

Das ist die Welt, in der wir leben: Die, die das Wendland und Gorleben nicht kennen, für die ist alles normal. Und dann sehen sie uns, Typen in Outdoorklamotten, die wie verdreckte Revoluzzer aussehen und angeblich wie Hippies, dabei müssen wir uns lediglich so anziehen, weil November ist und weil es kalt ist und naß. Aber das verstehen sie in meiner Heimatkneipe nicht. Ich bin jetzt sogar bärtig seit drei Monaten. Sehr ihr, hier kommt das fernsehtaugliche Klischee. Im Wendland tragen sie noch Bärte, und alle können jonglieren.

Mir ist neulich ein wahrhaft satanisches Argument für Windräder eingefallen. Alle hassen ja diese Windräder. Die Windräder sind das schlimme, nicht die Atomkraftwerke. Denn die Windräder verschandeln unsere Natur. Atomkraftwerke verschandeln nicht unsere Natur, die sieht man ja nicht. Bei uns in Hessen tun sie, als seien Windräder die Geißel der Menschheit schlechthin. Wißt ihr, warum man alles, wirklich alles voll mit Windrädern zubauen sollte? Damit die Leute endlich sehen, mit eigenen Augen sehen, was für ein Leben sie führen, was für einen Energieaufwand sie betreiben. Die Windräder sind sie selbst, die Leute, und deshalb hassen sie sie, weil sie in ihnen sehen müssen, was sie täglich tun und wie sie täglich leben. Die Menschen wollen die Augen vor sich verschließen. Deshalb gibt es Atomkraftwerke, und deshalb gibt es Atommüll.

Im Wendland ist man der Wahrheit näher. Seitdem ich zweitausendzwei zum ersten Mal hier war, weiß ich besser, was Menschen können. Im Bösen wie im Guten. Ihr seid so ziemlich die einzigen Vorbilder, die man sich heute denken kann. Euer Tun werden sie später genauso als vorbildlich erklären, wie sie Sophie Scholl und die Weiße Rose zum Vorbild erklärt haben. Das werden sie wie immer dann machen, wenn alles zu spät ist. Dann werden Schulen nach euch benannt werden, und Schuldirektoren werden große Reden auf euch halten. Heute aber sind wir nur verlumpte Gestalten, die auf Bäume klettern wie die Affen, und die Schuldirektoren sehen uns im Fernsehen und werden zornig über die Störenfriede.

Selbst die Polizisten sehen ja ordentlicher aus als wir! Störenfriede, das sind wir. Wir stören den Frieden der allgemeinen Vernichtung und der allgemeinen Sünde unseres normalen, alltäglichen Tuns. Sünde, ein anderes Wort gibt es nicht dafür. Übrigens tun wir hier etwas ganz Dezidiertes. Wir versuchen, die Betriebsgenehmigung für Atomkraftwerke ad absurdum zu führen, sofort. Wir wollen nachweisen, daß es keinen Entsorgungsvorsorgenachweis gibt. Allein schon ein Unwort. Vorsorgen für eine Entsorgung, die es nie geben kann. Deshalb reicht ja schon die Vorsorge für eine Betriebsgenehmigung der Atomkraftwerke. Die Vorsorge ersetzt das Entsorgen. Das es nicht geben kann.

Alles das ist eine einzige Lüge. Das einzige, was wir verantworten könnten, ist, sofort die Produktion zu stoppen. Alles andere ist Sünde und Lüge. Und jeder von uns weiß es,-und die wissen es auch. Zum Fahren eines Atomkraftwerks braucht es vor allem Sekundärtugenden. Wir kennen das Wort aus anderem Zusammenhang. Möge Gott uns alle schützen, wie bei jedem Transport. Er weiß, was wir hier tun. Und die Christen unter uns wissen, daß er mit uns ist. Kommt gut durch die nächsten Tage. Und eine letzte Bitte. Werdet über das Jahr nie zu Eiferern. Ihr wißt selbst, wie schnell wir anderen auf die Nerven gehen. Das bringt gar nichts, das stößt nur ab. Aber bleibt der Wahrheit treu und laßt nie nach. Kommt immer wieder her, Jahr für Jahr, auch wenn es gerade mal nicht Mode ist. Wir sind ja sowieso völlig aus der Mode.

Wir haben ja angeblich alle Bärte und jonglieren den ganzen Tag. Kommt immer wieder zurück ins Wendland, wo man der Wahrheit über uns näher ist, so nahe wie-nirgends sonst. Und laßt euch vollkommen egal sein, was die sagen, die das hier nicht kennen. Also die Mitläufer in ihrer sogenannten Normalität, für die sie zwar keine Outdoorkleidung brauchen wie wir anachronistische Siebziger-Jahre-Idioten, aber Uran und Reaktoren. Sie werden ihre Frühstückseier kochen bis zum Schluß, und ihre Steckdose wird ihnen das normalste von allem sein bis zum endgültigen Ende.

Die Schweineschnauze in der Wand ist ihr Fetisch. Mag der liebe Gott entscheiden, wer von uns peinlicher ist.

Wegwerfen, das ist ein schönes Wort. Was man wegwirft, ist zwar weg, aber immer noch da. Nur nicht hier, sondern woanders. Wenn sie ihren Müll wegwerfen, werfen sie ihn woanders hin, nämlich hierher. Atommüll wegwerfen heißt nichts anderes als ihn uns hinwerfen. Wegwerfen und hinwerfen und vorher produzieren und dann hin und her, damit die Leute glauben, es gäbe eine Lösung. Da sagen wir danke. Wir sind alles, aber keine Idioten.

Und wir haben Bärte und wir können jonglieren.

Alles Gute, viel Glück!

Bearbeitet am: 09.11.2008/ad


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