U-Bahn-Bau im Dorf Splietau

Berliner Verhältnisse sind in das wendländische Dorf Splietau bei Dannenberg seit Sonntag Abend eingekehrt: Oben ruht der Verkehr, unten herrscht emsige Betriebsamkeit wie beim U- Bahn-Bau am Potsdamer Platz. Oben, das heißt auf der Dorfstraße, stehen etwa 80 Trecker, ineinanderverkeilt, so dicht an den Zäunen der dörflichen Vorgärten, daß auch für einzelne Menschen kein Vorbeikommen möglich ist. Stau. Darunter, eine Ebene tiefer, wird wie in der Hauptstadt gebuddelt, werden in Akkordarbeit, bei Scheinwerferlicht, Schubkarren für Schubkarren Sand aus dem Tunnelsystem unter der Straße herausgeschippt. Hunderte von Händen greifen zu den Schaufeln, schieben die Karren, wer nicht mehr kann, macht Pause, andere springen ein. Es herrscht Volksfeststimmung in dem Dorf, die Kneipe macht einen Rekordumsatz, Garagen stehen für diejenigen offen, die sich aufwärmen möchten, Getränke und Brote werden für die Bautrupps auf Tischen und Bänken bereitgehalten. Das ganze Landvolk, die zugereisten Städter, Autonome und Müslis, alle bewundern den Fortschritt der gemeinsamen Bauarbeiten.

Über allem kreist unermüdlich der Hubschrauber der Polizei, leuchtet ab und an mit seinem Scheinwerfer. Leider ist den Herren dort oben die Aussicht auf die Baustelle nicht vergönnt, riesige Planen schützen die Nachtschicht vor allzu neugierigen Blicken. "Die Autonomen arbeiten wie verrückt, buddeln die Straße in Splietau auf", tönt es im Polizeifunk. "Die Autonomen?", so die Nachfrage aus der Zentrale, "die können doch gar nicht richtig arbeiten". "Doch, doch, und auch die Bäuerliche Notgemeinschaft macht da mit!" "Ach so, die Notgemeinschaft. Ja, zupacken können die schon richtig". Mehr als diesen Kommentar gibt die Polizei nicht von sich, kann oder will nicht eingreifen, so lange es dunkel ist.
Mehrere Stunden wird gerackert - bis Mitternacht, dann wird die Nachtruhe eingeläutet, die Bauarbeiter ziehen sich in ihre Camps zurück, vereinzelt werden Sight-Seeing-Touren in den unterirdischen Gängen arrangiert. Der Hubschrauber ist abgezogen, müde Gestalten wärmen sich am Lagerfeuer auf der Dorfstraße, ein Kamerateam von Pro 7 darf seine Scheinwerfer aufblenden und filmen.
Das Werk ist getan - vorläufig. So ganz einfach wird man durch Splietau nicht mehr durchkommen. "Ein Räumung in der Nacht ist von der Polizei nicht vorgesehen", melden die Nachrichten.


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