Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg e.V.
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vom 08.09.2004

Anschreiben der BI an die Städte, die an der Castor-Strecke 2004 liegen

8. September 2004

An den Bürgermeister der Gemeinde/Stadt

Herrn XY

Straße

PLZ Ort

 

 

Betr.: Bevorstehende CASTOR-Transporte durch Ihr Stadtgebiet / Sicherheitsmängel / Katastrophenschutz

Hier: Forderung nach vorherigen Falltests mit einem Original-„Versandstück" des Typ B(U)F-Behälters „CASTOR HAW 20/28 CG"

 

Sehr geehrte Damen und Herren!

Voraussichtlich im November wird erneut ein Transport mit hochradioaktiven Glaskokillen aus der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague in Gefahrgutbehältern der Bauart „CASTOR HAW 20/28", wahrscheinlich auch durch Ihr Stadtgebiet, zum Ziel „Zwischenlager Gorleben" geführt. Auch über Bahnstrecken Ihrer Stadt sind bereits die weltweit geährlichsten Transporte gelaufen. Wie auch bei Transporten in den vergangenen Jahren entsprechen diese Behälter nicht den Anforderungen der Internationalen Atomenergiekommission (IAEA) gemäß deren „Empfehlungen für die sichere Beförderung von radioaktiven Stoffen". In den kommenden Jahren werden sich weit bis ins nächste Jahrzehnt immer wieder Folgetransporte durch Ihr Stadtgebiet anschließen. Es wird endgültig Zeit, die Sicherheit der Transporte zu hinterfragen.

Die eingesetzten Transportbehälter sind bisher keinerlei realen Sicherheitstests – z.B. Fallversuchen, Erhitzungsprüfungen, Wassertauchprüfungen - unterzogen worden, sondern wurden lediglich aufgrund sehr fragwürdiger Computer-Simulationsmethoden rechnerisch als bruchsicher eingeschätzt. Vom Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) sind sie bereits 1995 ohne Praxistests zugelassen worden. Selbst BfS-Präsident König forderte nach seinem Amtsantritt öffentlich, daß reale Falltests mit Originalbehältern unbedingt durchzuführen seien – bislang ist diesbezüglich nichts geschehen.

Falls es eine Havarie mit einem oder mit mehreren der Transportbehälter geben sollte, ist zu befürchten, daß hochstrahlende radioaktive Stoffe in die Umwelt gelangen, und dies auch in Ihre Stadt passieren kann. Daß eine erhebliche Gefahr für Unfälle auch bei Bahn-Transporten besteht, ist nicht erst seit den Katastrophen von Eschede und Bad Münder für Jeden ersichtlich geworden.

Sie haben als höchste Politische Mandatsträger Ihrer Stadt, bzw. als leitende Verwaltungskraft eine hohe Verantwortung gegenüber Ihren Einwohnern zu tragen, und sollten sich deshalb genau mit der potentiellen, durchaus jederzeit möglichen realen Gefährdung durch diese Transporte auseinandersetzen. Wir müssen wohl davon ausgehen, daß es für den schlimmsten aller Fälle, wie im Landkreis Lüchow-Dannenberg auch, keine realisierbaren Pläne für Katastrophenschutzmaßnahmen gibt. Ein Teil der Bevölkerung Ihrer Stadt bzw. in den umliegenden Ortsteilen und der umliegenden Gemeinden wäre den möglichen Freisetzungen hochradioaktiver Stoffe aus den Transportbehältern schutzlos ausgesetzt.

Unsere Bitte an Sie und die Repräsentanten der anderen betroffenen Städte an den Transportstrecken: Setzen Sie sich vehement dafür ein, daß derartige Transporte nur noch dann durchgeführt werden dürfen, wenn - wie vom BfS-Präsidenten König selbst gefordert - tatsächlich Falltests gemäß den IAEA-Vorschriften mit Originalbehältern der verwendeten Bauart HAW 20/28 CG durchgeführt worden sind, und nicht, wie bisher, lediglich Berechnungen! Es der muß der praktische Nachweis erbracht werden, daß sie bei der Beförderung auch unter allen denkbaren, auch den ungünstigsten Unfallbedingungen ihre Widerstandsfähigkeit behalten und bei größtmöglicher Belastung nicht zu Bruch gehen oder auch „nur" undicht werden.

Die Bundesanstalt für Materialprüfung (BAM) in Berlin veranstaltet vom 20. bis 24. September in Berlin ein internationales „PATRAM"-Symposium (Packaging and Transportation of RadioActive Materials), auf dem sich Fachleute aus der ganzen Welt über die Sicherheit von Verpackungen radioaktiven Materials austauschen. Im Rahmen dieser Konferenz sollen auf dem neuen Versuchsgelände der BAM in Horstwalde bei Berlin Originaltests durchgeführt werden. Dort sind öffentlichkeitswirksame Fallversuche mit zwei Transportbehältertypen der bisher in Deutschland nicht zugelassenen neuen Behälterserie „CONSTOR" geplant. Die längst überfälligen Versuche der bereits seit 1997 eingesetzten, und möglicherweise auch über Ihr Stadtgebiet zu transportierenden „CASTOR-HAW"-Behälter sind hingegen nicht vorgesehen.

Wir bitten Sie daher dringend, sich mit entsprechendem Politischen Nachdruck, auch zur Wahrung Ihrer Rechtsinteressen, dafür einzusetzen, daß bei der PATRAM-Konferenz in Berlin endlich die ausstehenden Falltests mit den derzeit eingesetzten „CASTOR HAW 20/28 CG"-Behältern vorgenommen werden. Gründe, die nur für wenige Fallpositionen, die keinesfalls die größtmöglichen Schäden auslösen, errechnete Behältersicherheit nicht durch notwendige, tatsächlich durchgeführte Tests zu verifizieren, gibt es nicht. Es sei denn, BAM, BfS und Behälterhersteller GNB (Gesellschaft für Nuklearbehälter) trauen den eigenen rechnerischen „Sicherheitsnachweisen" nicht und befürchten, daß die CASTOR-Behälter den Belastungen eines Falles aus 9 m Höhe gemäß IAEA-Vorschriften in einer zu den größtmöglichen Schäden führenden Fallposition doch nicht widerstehen werden, und sich Undichtigkeiten einstellen, oder sie gar zu Bruch gehen könnten.

Wir würden uns freuen, wenn Sie sich der Forderung anschließen würden, die anstehenden Kokillentransporte aus Frankreich so lange auszusetzen und die erteilten Genehmigungen zu widerrufen, bis der definitive Nachweis mit Falltests an Originalbehältern erbracht ist, daß diese auch bei größtmöglicher Belastung gemäß IAEA-Vorschriften nicht beschädigt werden.

Wir fügen diesem Schreiben eine genauere, technisch begründete, überprüfbare Darstellung bei, aus der im Detail hervorgeht, warum diese Behälter nicht den Internationalen Vorschriften entsprechen, und bei einer hohen Belastung im Havariefall zu Bruch gehen dürften, mit unvorstellbaren, katastrophalen Folgen für die betroffene Region in ihrer Stadt.

Für Rückfragen stehen wir und unsere Experten der „Fachgruppe Radioaktivität" Ihnen gern zur Verfügung. Wir bitten um Rückantwort und eine Bestätigung über den Erhalt unseres Schreibens.

 

Mit freundlichen Grüßen

 

BI Umweltschutz Lüchow-Dannenberg e.V.

Lucia Wente

(Vorsitzende)

Francis Althoff

(Pressesprecher)

 

Anlagen:

Beschreibung der technischen Zusammenhänge

Auszüge aus den IAEA-„Empfehlungen für die sichere Beförderung von radioaktiven Stoffen", aktuell gültige Fassung v. 1996, in deutscher Übersetzung herausgegeben vom „Bundesamt für Strahlenschutz", BfS-ET-31/00 in der Reihe BfS-ET-Berichte

5 Zeichnungen

Auszug aus der Boschüre "Fadioaktive Frachten unterwegs" (Herausgeber Bundesamt für Strahlenschutz)

 

Spendenkonto:                               Kreissparkasse Lüchow (BLZ 258 513 35) 2060 721   
                                                         "Spende zugunsten der BI Umweltschutz  Lüchow-Dannenberg e.V." sind Steuerabzugsfähige Spenden.

Bearbeitet am: 21.09.2004/ad


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