ejzmini.gif (1299 Byte)

vom 13.02.1991

Am Jahrestag der Räumung des Hüttendorfes gestern in Gorleben:

Atomkraftgegner besetzten PKA-Gelände

In klirrender Kälte 35 m hohen Baukran bestiegen – Drei BLG-Mitarbeiter eingesperrt – Strafantrag

Gorleben. Am ersten Jahrestag der Räumung des Hüttendorfes auf dem Baugelände der Pilotkonditionierungsanlage (PKA) besetzten gestern morgen 22 Atomkraftgegner die stark gesicherte PKA-Baustelle. Kurz vor sechs Uhr früh überwanden sie mit Leitern den drei Meter hohen Sicherheitszaun. Die meisten von ihnen verbarrikadierten sich in einem Container auf dein Bauplatz, zwei erklommen bei klirrender Kälte den rund 35 Meter hohen Kran, an dessen Ausleger sie ein Transparent befestigten. Rund zweieinhalb Stunden hielten sie in luftiger Höhe aus, ehe sie wieder hinabstiegen, nachdem die 20 am Boden verbliebenen Besetzer bereits zur Personalienfeststellung festgenommen worden waren.

Bild: PKA-BAUSTELLE wurde am Mittwoch kurz vor 6 Uhr von 22 Atomkraftgegnern besetzt Die Mehrzahl von ihnen verbarrikadierte sich in einem Container (vorn links), nachdem Transparente aufgehängt worden waren. Aufn.: K.-F Kassel

 

Bild:MEHR SPORTLICHEN CHARAKTER hatte — offenkundig von beiden Seiten — das Gerangel zwischen Atomkraftgegnern und Polizisten am blockierten Tor der PKA-Baustellenzufahrt. Auf dem Foto behindern Blockierer den Abtransport der festgenommenen Besetzer zur Personalienfeststellung.

Angekündigt hatte der Widerstand für den Mittwochmorgen eine Blockade des PKA-Baugeländes, wie sie seit geraumer Zeit an jedem 6. eines Monats veranstaltet wird. Die Bauplatzbesetzung kam für Wachleute und Polizei offensichtlich völlig überraschend.

Gegen 9 Uhr bereitete die Polizei dem „Spuk" ein Ende. Nachdem der verbarrikadierte Container aufgebrochen worden war, leisteten die Besetzer bei der Räumung keinen Widerstand, teilte Polizeiabschnittsleiter Wolfgang Wrickmeyer mit. Das Gerangel am Tor zum PKA-Baugelände, das zu diesem Zeitpunkt von etwa 20 anderen Atomkraftgegnern blockiert wurde, hatte mehr sportlichen als ernsten Charakter. So drehten die Demonstranten zur Abwechslung einmal den Spieß um und banden das Tor zu. Nun war es Sache der Polizei, durch kräftiges Rütteln am Eisengitter (was der anderen Seite sonst versagt wurde die Schnüre zu zerreißen. Dabei hatten die Atomkraftgegner schon Sorge, daß die Schnüre zu fest gespannt wären: Das hatte zur Folge gehabt, daß das nächste Gerangel („Warmtanzen") mit den Polizeibeamten um die Durchfahrt von Fahrzeugen in der Kälte allzu lange auf sich hätte warten lassen.

Noch gelöster wurde die Stimmung, als die jungen Bereitschaftspolizisten vom Ermittlungsdienst der Lüchower Schutzpolizei abgelöst wurde. Zwischen den gestandenen Beamten rund um die 50 Jahre und den überwiegend jungen Atomkraftgegnern gab es nicht den Anschein von Konfrontation. Derweil wurden in Lüchow nicht nur die Personalien der Platzbesetzer festgestellt, einige wurden auch erkennungsdienstlich behandelt. Wie BLG und Polizei mitteilten, ist es bei der Platzbesetzung nämlich nicht nur zu Sachbeschädigungen gekommen. Dem Vernehmen nach wurden drei Mitarbeiter der BLG von den Besetzern in einen Container eingeschlossen. Das könnte ein Verfahren wegen Nötigung oder gar Freiheitsberaubung nach sich ziehen. Die BLG hat Strafantrag gegen die Eindringlinge gestellt, Mit der Aktion am Dienstag wollten die Atomkraftgegner auch gegenüber der Landesregierung deutlich machen, „daß wir eine solch tödliche Anlage" wie die Pilotkonditionierungsanlage „nie dulden werden". Zugleich kündigte die „Luchow-Dannenberger Anti-Atom-Mafia" wesentlich massiveren Widerstand für den Fall an, daß die 2. Teilgenehmigung fur das Projekt erteilt werden sollte.

Bild:DIE SENIOREN des Innendienstes der Lüchower Schutzpolizei lösten am PKA-Bauzaun vorübergehend die Bereitschaftspolizisten ab. Zwischen den älteren Beamten und den jungen Blockieren gab es keine Spannungen. 2 Aufn.: R. Stremmler

Wolfgang Ehmke Sprecher der Burgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg, bekundete, daß der Widerstand allmählich ungeduldig werde in Bezug auf die Umsetzung der von der rot-grünen Landesregierung angekündigten Maßnahmen zur Verhinderung der PKA.

Die Besetzer zeigten auch Verbindungen zum Golfkrieg auf: Sobald hochradioaktive Brennelemente in Gorleben lagern, hielten sie in einer Erklärung fest, genüge ein Bombenangriff oder Flugzeugabsturz, „um ganz Lüchow-Dannenberg unbewohnbar zu machen". Daß nach Feststellungen der Atomkraftgegner am PKA-Bau-Firmen beteiligt sind, die „auch zu Husseins Kriegsausrüstern gehören", stellt nur die Besetzer unter Beweis: „Es gibt also keine friedliche Nutzung der Atomenergie., da die Betreiberfirmen mit Krieg und Mord ihr Geld verdienen." -rst-

 

Bearbeitet am: 13.02.2016/ad


Zurück zur Homepage