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vom 15.06.1991

Polizeiunterkunft wurde Zwischenlager

Landesinnenministerium ließ Mol-Transport stoppen – Verfügung über Einlagerungsverbot an BLG

Lüchow. Nicht im Zwischenlager in Gorleben, sondern in der Polizeikaserne in Lüchow endete vorerst der Transport von drei Containern mit schwachradioaktiven Abfällen. Einer dieser Behälter, der aus Mol, enthält Beste des Skandalmaterials der aufgelösten Hanauer Transportfirma Transnuklear. Die beiden anderen Container kommen aus Jülich. In den leeren Hallen der Polizeiunterkunft fanden sie in der Nacht zu gestern ein Zwischenlager auf dem Weg zum Zwischenlager – in unmittelbarer Nähe zur Lüchower Grundschule.

Bild:WISCHENGELAGERT: Der beschlagnahmte Mol-Container (rechts) soll noch übers Wochenende in der Polizeiunterkunft bleiben, war gestern als letzte Information aus dem Umweltministerium zu erfahren. Die TÜV-Unterlagen belegen nicht einwandfrei, woher der Inhalt stammt. Aufn.: J. Feuerriegel

Wie gestern am späten Nachmittag aus dem niedersächsischen Umweltministerium zu erfahren war, werde der Mol-Container voraussichtlich sogar bis Montag (!) in der Polizeiunterkunft bleiben. Der Grund: Die Gesellschaft für Nuklearservice (GNS) weigert sich, den beanstandeten Transport zurückzunehmen und wolle jetzt klagen.

„Ausgetrickst" von diesem vorläufigen Ende. des Transportes fühlten sich gestern die Atomkraftgegner, die sich ab 6 Uhr am Zwischenlager in Gorleben einfanden, um den Fahrzeugen die Zufahrt zu versperren. Als die Demonstranten in Gorleben ankamen, war in Lüchow schon alles gelaufen. Nachdem der tatsächliche Aufenthaltsort des Behälters mit den Abfällen aus der belgischen Wiederaufarbeitungsanlage Mol bekannt geworden war, blockierten ab Schulanfang zeitweilig knapp hundert Schülerinnen und Schüler die Zufahrt zur Polizeiunterkunft an der Saaßer Chaussee in Lüchow.

Bild: EINFAHRTBLOCKADE der Polizeiunterkunft in Lüchow: Gestern vormittag demonstrierten zeitweilig bis zu knapp hundert Schülerinnen und Schüler an der Saaßer Chaussee. Auf dem Weg zum Zwischenlager Gorleben dienten die leeren Hallen der Polizei dem beanstandeten Atommüll als Zwischenlagerung. 2 Aufn.: K.-F. Kassel

„Damit es nicht zu gewaltsamen Lösungen" bei der Aufarbeitung des Transnuklear-Skandals komme, hatte sich der Staatssekretär im niedersächsischen Umweltministerium, Peter Bulle, auf den Weg nach Lüchow gemacht. Der Staatssekretär begleitete den Leiter des Gewerbeaufsichtsamtes Lüneburg, Axel SchwerterStumpf, als dieser in Gorleben der BLG die Verfügung über ein Einlagerungsverbot aushändigte:

So lange der Nachweis über die Herkunft des Materials nicht geführt werden könne, dürfe der MolContainer nicht in das Zwischenlager. Entgegen früheren Erklärungen habe der TÜV Hannover als Kontrolleur diesen Nachweis nicht geführt, erläuterte der Landtagsabgeordnete der Grünen, Hannes Kempmann.

Das Material sei bereits in Mol sortiert, zum Teil verbrannt gewesen, bevor der TÜV dazugekommen sei. Den Kontrolleuren sei lediglich versichert worden, e handele sich um Müll, Wie er typisch sei für deutsche Atomkraftwerke. Genauer sei die Herkunft nicht angegeben worden. GNS und BLG hatten behauptet, daß es schwachradioaktiver Abfall aus Krümmel und Neckarwestheim sei.

Das Aushändigen der Verfügung an die BLG im Gorlebener Zwischenlager am Nachmittag war begleitet von Demonstrationen und Blockaden der Zufahrt. Blockiert wurde auch mit landwirtschaftlichen Fahrzeugen. Nach einer Prüfung vor Ort teilte Staatssekretär Bulle mit, daß sich nicht einwandfrei in den TÜVPapieren nachweisen lasse, ob der Atommüll aus Krümmel und Neckarwestheim oder woanders her komme. Die GNS als Verantwortliche hätte den Behälter nach Duisburg zurücknehmen oder ihn wieder nach Belgien bringen können. Zudem könnte Bundesumweltminister Klaus Töpfer dem Land eine Weisung erteilen, die Einlagerung zuzulassen. Dies würde jedoch eine mehrtägige Prozedur erforderlich machen, hieß es gestern.

Der Atommüll in der Polizeiunterkunft ist nach Ansicht aller Beteiligten nicht hinzunehmen. Ebenso wie die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg weist auch der CDU-Land tagsabgeordnete Kurt-Dieter Grill auf das Sicherheitsrisiko hin, das der Abfall in der Nähe des Schulzentrums bedeutet. Die Blockade des Zwischenlagers sei durch das unentschlossene Handeln der Umweltministerin Monika Griefahn erst möglich gemacht worden, meint Grill.

 

Bild: AUF ALLEN VIEREN bewegte sich Niedersachsens Umweltstaatssekretär Peter Bulle gestern zeitweilig „zwischen den Fronten" vor der Polizeiunterkunft in Lüchow hin und her, wenn er sich durch die Absperrungen der Demonstranten zwängte.

Die Bürgerinitiative weist darauf hin, daß eine „transportbedingte Unterbrechung" nur 48 Stunden dauern dürfe. Danach müsse der Müll die Unterkunft auf jeden Fall verlassen. „Unsere Zweifel sind begründet", wertete gestern abend Grünen-MdL Hannes Kempmann die Tatsache, daß es keinen Beweis für die Herkunft des Inhalts vom Mol-Container gibt. Für die verfahrene Situation macht der Umweltpolitiker die BLG und die GNS verantwortlich. Kempmann: „Die BLG hat ihre Unzuverlässigkeit damit demonstriert."

-fk-/-gel-

Bearbeitet am: 18.06.2016/ad


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