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vom 18.06.1991

„Ein unglaublicher Skandal”

Wegen Mol-Container: Boykott an der Lüchower Grundschule

Lüchow. 170 der 370 Grundschüler sind gestern dem Unterricht an der Grundschule in Lüchow (Foto) ferngeblieben. Der Grund: In einer spontanen Elterninitiative übers Wochenende waren sich zahlreiche Eltern einig, daß eine akute Gefährdung ihrer Kinder in unmittelbarer Nähe zum zwischengelagerten Mol-Container in der nahe gelegene Polizeiunterkunft nicht auszuschließen sei. Dabei konnten bei der Telefonaktion nicht alle Elternteile unterrichtet werden.

Auch der DRK-Kindergarten verzichtete gestern auf seinen Sportunterricht in der Grundschulhalle am Königshorster Weg. Gestern abend sollte bei einer Schulelternratsversammlung darüber entschieden werden, ob der Boykott möglicherweise verlängert wird, bis der Mol-Container aus der Polizeiunterkunft an der Saaßer Chaussee abtransportiert ist.

Neben dem Schutz ihrer Kinder wollen die Eltern ihre Maßnahme auch als Protest verstanden wissen: dagegen, daß der Kompetenzen streit zwischen Bundesumweltministerium und Landesregierung auf dem Rücken der Grundschüler ausgetragen wird. Nikolaus Rahlf, der die Telefonaktion in Gang brachte, bezeichnet die „Zwischenlagerung" von Atommüll in unmittelbarer Nähe zur Grundschule als illegal und als einen „unglaublichen Skandal".

Zu den Beschwichtigungsbemühungen der Verantwortlichen müsse gesagt werden, so Rahlf, daß man es in der Vergangenheit schon oft mit falsch deklariertem Atommüll zu tun hatte. Ferner sei es unstrittig, daß jede zusätzliche radioaktive Strahlung eine Gefährdung darstelle. „Die Gewerkschaft der Polizei hat Bedenken bezüglich der Gefährdung der Polizeibeamten geäußert", weiß Rahlf. „Wer aber schützt die Gesundheit unserer Kinder in der Grundschule?"

Der ganze Widersinn werde besonders deutlich, argumentiert Rahlf für zahlreiche Eltern, wenn man bedenke, daß sich einerseits Menschen dieses Landkreises zur Zeit gerade sehr um die Kinder aus den verstrahlten Gebieten um Tschernobyl bemühen, während andererseits die Grundschüler Lüchows in unmittelbarer Nähe einer Strahlenquelle unterrichtet würden. „Ich kann die Handlungsweise der Eltern durchaus verstehen", reagierte Grundschulleiterin Brigitte Rosen auf die Boykottaktion der Eltern.

 Zwar bestehe Schulpflicht, doch in besonderen Fällen, beispielsweise auch bei Unwetter, sei den Eltern ein Ermessensspielraum gegeben, ob sie ihre Kinder zur Schule schicken würden. Das Lehrerkollegium habe einen Brief an die Bezirksregierung verfaßt, in dem über die Unruhe an der Schule wegen des Mol-Containers in der Polizeiunterkunft berichtet wird. In diesem Brief wird die Bezirksregierung auch darüber informiert, daß die pädagogische Arbeit in dieser außergewöhnlichen Situation seit Freitag beeinträchtigt sei.

-gel-/Aufn.: J. Feuerriegel

Bearbeitet am: 21.06.2016/ad


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