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vom 19.06.1991

Erst ganz höflich, dann die Eskalation

 Mol-Container wurde gestern eingelagert — Polizei: „Schlimme Situation" — Ehmke: „Getreten, gewürgt"

Gorleben. Die Ausgangssituation ließ es kaum erahnen, doch dann kam es viel schlimmer, als es alle befürchtetem Bei schweren Auseinandersetzungen zwischen etwa 420 Polizisten und rund 250 Atomkraftgegnern kam es gestern vormittag vor dem Zwischenlager in Gorleben zu schlimmen Szenen, als die Beamten die Einfahrt zum PKA-Gelände freiräumten.

Bild: WIDERSTAND auf der Straße: Etwa 250 Atomkraftgegner wehrten sich gestern gegen die Einlagerung des Mol-Containers ins Zwischenlager. Aufn.: J. Feuerriegel

Der Weg wurde freigemacht für drei Container mit schwachradioaktivem Inhalt, unter anderem auch für den Behälter mit dem umstrittenen Inhalt aus Mol. Nach letzten Informationen wurden elf Personen verletzt. Was friedlich, • fast höflich begann, eskalierte immer mehr. Daß dabei die Polizei einer rotgrünen Landesregierung und Atomkraftgegner heftig aneinandergerieten, wird in den nächsten Tagen noch für Zündstoff in der politischen Diskussion sorgen. Fünf verletzte Personen auf seiten der Atomkraftgegner, darunter eine mit einer Gehirnerschütterung, sechs verletzte Polizisten mit Prellungen und Schürfwunden sowie nach Angaben der Polizei neun festgenommene Blockierer, die allerdings gestern wieder auf freiem Fuß waren – dies ist die ernüchternde Bilanz einer Räumung, deren harte Auseinandersetzung zunächst nicht vorherzusehen war.

Die Situation kippte nämlich erst, als der Weg zur PKA-Auffahrt bereits freigeräumt war und die Container in Sichtweite waren: Atomkraftgegner fanden den Weg durch den Wald und demonstrierten mit Sitzblockaden hartnäckigen Widerstand gegen die Einlagerung. Fast dreieinhalb Stunden dauerte die Räumung. Und dabei hatte alles so ruhig angefangen: Um 9.13 Uhr waren die vier Hundertschaften in Gorleben erschienen – ohne Helm, ohne Schutzschilde. Das Bemühen die Situation so „sanft" wie möglich zu bereinigen, war durchaus zu spüren. Manfred Haacke vom Ordnungsamt des Landkreises teilte den Blockierern per Allgemeinverfügung mit, daß der Landkreis die Versammlung auflöse. Die öffentliche Sicherheit sei gefährdet, zudem seien die Tatbestände Hausfriedensbruch und Nötigung erfüllt. Haacke: „Die Gefährdung der Gesundheit von Personen und die Verletzung von Eigentumsrechten reduzieren das Ermessen der zuständigen Behörde auf Null." Auf Null fast auch die Aggressionen zu diesem Zeitpunkt: Polizei auf der einen, Atomkraftgegner auf der anderen Seite stemmten sich gegeneinander, doch alles noch behutsam, fast höflich.

 

Bild: HEFTIGE Auseinandersetzungen gestern vormittag vor dem Gorle- bener Zwischenlager: Immer wie- der versuchten Atomkraftgegner (links) per Sitzblockade, die Ein- lagerung des umstrittenen Mol- Containers zu verhindern. Bei der Räumung wurden elf Personen verletzt: fünf Demonstranten, einer mit einer Gehirnerschütte- rung, sowie sechs Polizisten. Etwa gegen 11.30 Uhr wurde der erste Container aufs Gelände der ge- planten PKA gebracht, nachdem die Polizei den Weg geebnet hatte (oben). Zu dem Zeitpunkt stand bereits fest, daß die Vorstellung des Landesinnenministerium – „sanfte Gewalt" – bei der Räu- mung dieser Blockade nicht ein- gehalten werden konnte. Und den langen Arm der Exekutive bekam BI-Sprecher Wolfgang Ehmke (rechts) zu spüren, als er sich über die Vorgehensweise der Beamten beschwerte. Aufn.: K.-F. Kassel (1), J. Feuerriegel (2).

Gegen 9.45 Uhr war die Auffahrt zum PKA-Gelände freigeräumt, die über Rondel und Meetschow angerollten Container hätten aufs Gelände gebracht werden können. Die Polizei hatte die weniger verbarrikadierte PKA-Auffahrt gegenüber der ZwischenlagerEinfahrt favorisiert. Die Situation kippte, als keiner mehr damit rechnete: Gegen 10 Uhr strömen die Atomkraftgegner durch den Wald zu dem Konvoi und setzen sich zwischen den Fahrzeugen mit Sitzblockaden fest. Steine und Eier fliegen, der Bremsschlauch des ersten Fahrzeuges wird durchtrennt, und nun setzt die Polizei sogar Diensthunde ein. Nur zentimeterweise kommt der erste Container voran – dazwischen immer wieder neue Sitzblockaden, Räumungen, Aggressionen, Tritte. Die Blockierer rufen: „Haut ab" und „keine Gewalt".

Erst um 11.30 Uhr rollt der erste Container auf das PKA-Gelände; man weiß noch nicht einmal, ob es etwa der entscheidende aus Mol ist. Und jetzt wiederholt sich das inzwischen bitterernste Spielchen: wieder Sitzblockaden, erneut Abtransporte, der Notarzt wagen fährt mehrmals. Erst um 12.25 Uhr gelangen die beiden letzten Transporter auf das PKAGelände, von dort aus weiter ins Zwischenlager. Für die Eskalation schoben sich gestern in ersten Reaktionen Polizei und Blockierer gegenseitig die Schuld in die Schuhe (siehe weitere Artikel auf dieser Seite). Ein satzleiter Horst Heitmann sprach von einer „schlimmen Situation", bei der die Beamten mit Faustschlägen traktiert worden seien. BI-Sprecher Wolfgang Ehmke sah, wie Blockierer ,,getreten und gewürgt" wurden. Was Schuld angeht, hatte einer noch eine andere Variante: Grünen-MdL Hannes Kempmann erklärte noch vor Ort: „Für das, was hier heute passiert ist, trägt Töpfer die Verantwortung." -gel"

 

Bearbeitet am: 21.06.2016/ad


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