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vom 07.11.1994

Sperrzone gegen Castor-Transport

Atomkraftgegner haben „das Wendland dichtgemacht" - Bundesstraßen stundenlang blockiert

Bild: „WENDLAND DICHTGEMACHT”: Mit ihrer Sonnabendaktion übten die Atomkraftgegner den „Probelauf für den Ernstfall", falls der Castor kommt. An den vier Bundesstraßen-Blockaden in Uelzen, bei Göhrde, an der Dömitzer Brücke und (Foto) in Lübbow hielten sich jeweils rund 200 Demonstranten auf.

Bild: SPERRZONE LÜCHOW-DANNENBERG: Auf Bundesstraßen haben am Sonnabend Atomkraftgegner gegen den geplanten Castor-Transport nach Gorleben protestiert. Vier Hauptverkehrswege ins Kreisgebiet hinein bzw. aus dem Kreisgebiet hinaus — hier in Lübbow — wurden blockiert. 2 Aufn.: J. Feuerriegel

gel Lüchow. Lüchow-Dannenberg war am Sonnabend über rund drei Stunden lang Sperrzone: Ober 800 Atomkraftgegner haben „das Wendland dichtgemacht". Mit Straßenblockaden protestierten die Demonstranten an wichtigen Verkehrsadern gegen den geplanten Castor-Transport nach Gorleben und übten gleichzeitig den „Probelauf für den Ernstfall". Die hiesige Bürgerinitiative Umweltschutz (BI) prophezeit in einer ersten Reaktion auf die Proteste: „Wird der Castor nicht entladen, wird es im Wendland politisch unruhig bleiben."

Blockaden aus Möbeln, Strohballen sowie Sperren aus Traktoren sind im Norden, Süden und Westen errichtet worden: auf der B 4 in Uelzen, auf der B 248 in Lübbow, auf der B 216 bei Göhrde sowie auf der B 191 an der Dömitzer Brücke.

Zu einem Zwischenfall kam es lediglich am Nachmittag, als sich die Blockaden längst friedlich aufgelöst hatten. Am Castor-Verladebahnhof in Breese/ Marsch versammelten sich rund 400 Gorleben-Gegner zu einer Abschlußkundgebung. Plötzlich spitzt sich die Situation zu: Mehrere Zeugen wollen gesehen haben, daß ein Polizist ein 15jahriges Mädchen auf den Boden geworfen hat. Die Jugendliche wird dabei leicht verletzt. Der Vater des Mädchens will eventuell Strafanzeige stellen. Die Polizei dementiert: Das Mädchen sei ohne Fremdeinwirken gestürzt. Wegen Widerstand gegen die Polizei sind zudem nach Rangeleien zwischen Polizei und Atomkraftgegnern von zwei Männern die Personalien festgestellt worden.

Verschiedenste Anti-Atomkraft-Gruppen hatten zuvor für die Blockaden auf den Bundesstraßen gesorgt. An den vier Stellen hielten sich jeweils rund 200 Demonstranten auf. Unter anderem mit mehreren Traktoren wurden die B 216 bei Göhrde und die Dömitzer Brücke „dichtgemacht". In Lübbow hatten sich Gorleben-Gegner mit Sofa und Stühlen auf die Straße gesetzt — in entspannter Atmosphäre wurde dort protestiert. Auf der B 4 in Uelzen, so Informationen der BI, sei der Verkehr teilweise zum Erliegen gekommen.

Die Polizei hatte an allen vier Orten Auflösungsverfügungen ausgesprochen, denen die Atomkraftgegner nicht oder nur zögerlich nachkamen. Der Schwerpunkt polizeilicher Arbeit lag jedoch darauf, den Verkehr umzuleiten. Vor allem an der Dömitzer Brücke, so die Polizei, seien viele Verkehrsteilnehmer sehr ärgerlich gewesen, weil sie wegen der Proteste weite Umwege in Kauf nehmen mußten.

Die Sonnabenddemo habe gezeigt, daß der Widerstand gegen den „überflüssigen" Castor-Transport nicht erlahmt sei, so die BI. Ihre Forderung zur Töpfer-Weisung: Hannover soll sich verweigern; sachliche Gründe gebe es in Hülle und Fülle: Die BI: „Es wächst die Entschlossenheit, sich dem Castor in den Weg zu stellen. Im Ernstfall all rechnen wir mit weitaus massiveren Protesten, zumal dann bundesweit eine Mobilisierungswelle rollen wird."

Der Castor mit hochradioaktiven abgebrannten Brennelementen für Gorleben steht seit Wochen im Außenbereich des Atomkraftwerkes Philippsburg. Bundesumweltminister Klaus Töpfer (CDU) hatte jüngst das Land Niedersachsen angewiesen, für den Transport grünes Licht zu geben — Hannover muß sich bis Mittwoch dazu äußern. Als Transporttermin für die brisante Fracht wird in Polizeikreisen derzeit der 24. November gehandelt.

 

Bearbeitet am: 05.11.2019/ad


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