ejzmini.gif (1299 Byte)

vom 11.11.1994

Polizei mit Leuchtkörpern beschossen

Barrikaden aus Baumstämmen, brennenden Strohballen, einem Stahlseil und „Krähenfüssen"

ür Lüchow. Die Polizei spricht von „gefährlichen Ein- griffen in den Straßenverkehr", Feuerwehrmänner empfanden es als Schikane, von „unbekannten Chaoten" nachts in Atem gehalten zu werden, und Mitarbeiter der Straßenmeisterei, die am Morgen Baumstämme beiseite räumen mußten, schüttelten verständnislos den Kopf. Was sich in der Nacht zum Donnerstag auf Straßen in Lüchow-Dannenberg ereignete, war nach Ansicht eines Sprechers der Lüchower Polizei „ein organisierter Anschlag auf den Straßenverkehr und auf Verkehrsteilnehmer".

Straßensperren aus abgesägten Baumstämmen, brennende Blockaden, Glasscherben und sogenannte „Krähenfüße" machten in den frühen Morgenstunden viele Zufahrtswege ins Wendland unpassierbar.

Als Indiz für die kriminelle Energie der Unbekannten wer tet die Polizei einen Zwischenfall bei Waddeweitz. Als sich eine Streifenwagenbesatzung gegen 4 Uhr einer brennenden Straßensperre näherte, wurde sie von den flüchtenden Tätern mit Steinen beworfen und mit Leuchtspurmunition beschossen. Die Polizisten stellten Werkzeug und Munition sicher. Erheblichen Schaden hätten auch Autofahrer auf der Kreisstraße zwischen Gorleben und Gedelitz nehmen können. Dort war in einer Kurve kurz vor dem Zwischenlager ein etwa zehn Millimeter starkes Stahlseil in 80 cm Hohe quer Ober die Fahrbahn gespannt.

Bild: SIEBZEHN KIEFERNSTÄMME UND EICHEN wurden zwischen Tobringen und Klein Breese auf einer Länge von 150 m von Unbekannten gefallt, weitere Bäume angesagt. Feuerwehrleute mussten die Blockade beseitigen. Aufn.: H.-H. Muller

Die Seilenden waren jeweils an Bäumen mit einem Schloß befestigt. Ein BLG-Mitarbeiter entdeckte dieses üble Hindernis und durchtrennte das Seil mit einem Bolzenschneider.

Die ersten Barrikaden waren um 1.45 Uhr auf der Landes straße von Schmarsau nach Schrampe festgestellt worden, wo vier Strohballen und Nagelbretter auf die Fahrbahn gelegt worden waren. Ab 4 Uhr häuften sich dann die Alarmmeldungen. Blockiert waren die Bundesstraßen bei Schmessau, Zernien, bei Bergen, Tobringen und Waddeweitz sowie Landes- und Kreisstraßen bei Gusborn, Lichtenberg, Liepe, Künsche und Groß Breese.

„Nichts geht mehr" hieß es auch auf der Bahnstrecke Lüneburg—Dannenberg. Bei Wendisch Evern mußte ein Zug stoppen, weil Kiefern auf den Gleisen Lagen. Die Bahnlinie Uelzen—Dannenberg wurde bei Molzen von brennenden Stroh- ballen ebenfalls blockiert. Daß im Kreis Lüchow-Dannenberg keine Person durch die Barrikaden zu Schaden kam, ist wohl nur ein glücklicher Zufall. Die Baumsperren waren im Ab- stand von einigen hundert Metern zwar durch über die Straße gespannte Trassierbänder als Gefahrenpunkte markiert, doch Warnungen, wie es sie bei vergleichbaren Aktionen in der Vergangenheit gegeben hatte, gingen bei der Polizei diesmal nicht ein. Im Kreis Uelzen funktionierte die „Absicherung" jedoch nicht. Zwischen Müssingen und Kakau prallte ein Pkw gegen gefällte Bäume. Zwei Frauen erlitten Verletzungen. Bei Rosche legte ein „Krähenfuß" den Lkw eines Lüchower Baustoffunternehmens mit platten Reifen lahm.

Eine Bombendrohung wurde dem Kreiskrankenhaus in Dannenberg um 4.20 Uhr übermittelt. Der Sprengkörper sei zwischen Splietau und Dannenberg abgelegt, teilte der Anrufer mit. Tatsächlich fanden die Beamten in der Nähe von Gusborn an einer Barrikade einen mit Drähten versehenen Feuerlöscher, der sich als Bombenattrappe entpuppte.

Die Polizei geht von Taten aus der Anti-Atom-Szene aus. Diese Vermutung bestätigte lediglich ein Schild, das an einer Baumsperre bei Bergen be festigt worden war. Dort hatten die Unbekannten fünf etwa 80 Jahre alte Eichen und mehrere Linden abgesägt. Die polizei schätzt, daß kreisweit etwa 100 Bäume Opfer der Straftaten wurden. Allein ein Landwirt in Tobringen beklagt den Verlust von 30 etwa 80 Jahre alten, im besten Wuchs befindlichen Kiefern und Eichen. Sein Kommentar: „Bei allem Verständnis für Demonstrationen: Das ist kein Umweltschutz, sondern Sabotage."

 

Bearbeitet am: 11.11.2019/ad


Zurück zur Homepage