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vom  27.07.1998        

"Gorleben-Forum" - BfS-Präsident zu Kontaminations-Messungen:
Druck auf Lappen erhöht -Werte

fk Gorleben. Professor Alexander Kaul, Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS), nahm einen langen Anlauf. Bevor er den neun Vertretern der Samtgemeinde Gartow und ihrer Mitgliedsgemeinden die Auswirkungen der kontaminierten Atomtranporte erklärte, griff er weit in die Geschichte zurück. In Gorleben erklärte Kaul vor dem "GorlebenForum" noch einmal die Notwendigkeiten der Atomenergie und ihrer Entsorgung, inklusive deren Unbedenklichkeit.

Dann kam er in seinem zweistündigen Vortrag zum Punkt: Woher kommt überhaupt der Grenzwert, gegen den die Transporte in den vergangenen zehn Jahren immer wieder verstießen? Man habe 1961 bei der Internationalen Atomenergiebehörde Überlegungen angestellt für mögliche Kontakte mit Transportbehältnissen. Dabei sei man davon ausgegangen, daß jemand acht Stunden am Tag und 50 Stunden in der Woche ein Jahr lang am Behälter hantiere.
Unter diesen Umständen sollte die Kontaminierung nicht ausreichen, um die Zellen seiner Handfläche zu beeinträchtigen, erklärte Professor Kaul. Das hätte damals einen Wert von 3,7

"Restriktiv"

Becquerel (Bq) ergeben. So sei es zu dem Grenzwert von vier Bq gekommen, gegen den bei den umstrittenen Transporten verstoßen wurde. Heute würde man sicherlich nicht mehr solche restriktiven Überlegungen er anstellen, meinte Kaul.

Überhaupt sei es mit dem Messen so eine Sache. Da reiche schon ein verstärkter Druck
auf den Putzlappen, mit dem der Wischtest ausgeführt wird, und schon habe man einen
viel höheren Wert. Die Konsequenz: Man muß die Meßtechniken hannonisieren, sich zum
Beispiel verständigen, mit wieviel Druck auf einer Meßfläche gewischt wird, welcher
Lappen dazu benutzt wird usw. In allen Ländern solle nach dem gleichen Verfahren
gemessen werden. Außerdem sollte ein Register mit allen Meßergebnissen für die
Öffentlichkeit zugänglich sein, sagte der BfS-Präsident. Mit Überschreitung des
Grenzwertes sei keine gesundheitliche Gefährdung verbunden gewesen.

"Vorsorgewert"

Es handele sich um einen Vorsorgewert. Niemand sei gefährdet, weil statt vier Becquerel nun 4,5 Bq gemessen würden. Das allerdings bedeute nicht, daß Überschreitungen zu tolerieren wären.

Doch was gefährlich ist und was nicht, darüber gibt es durchaus keine endgültigen Erkenntnisse. Die Bundesregierung selbst ist gerade dabei, die Maße für die biologische Wirksamkeit von Strahlung zu verändern. Professor Kaul erläuterte dem Gorleben- Forum, worum es sich dabei handelt. Die Neutronenstrahlung sei mit Sicherheit um den Faktor zwei wirksamer als bisher in Deutschland angenommen. Das heißt: Auf Lebewesen hat eine bestimmte Dosis der Neutronenstrahlung eine größere gesundheitlich negative Auswirkung, als es die deutsche Stahlenschutzverordnung annimmt.

Bis zum Jahre 2000 soll die Verordnung nun geändert werden. Die biologische Wirksamkeit von Neutronenstrahlung werde um eben diesen Faktor zwei erhöht, erklärte Kaul. Die Behauptungen von Professor Kuni, der eine mehrhundertfache größere Wirksamkeit behauptet, sei in keine Fachzeitschrift bei kritischer Sichtung aufgenommen worden.

Die Forderung nach einer Einstellung der Transporte sei sinnlos, sagte der BfS-Präsident. Denn an den AKW-Standorten stünden im Schnitt Kapazitäten für vier Jahre Zwischenlagerung zur Verfügung. Wenn man ausreichende Möglichkeiten schaffen wolle, dann würde das Zeit erfordern. An neunzehn Standorten müßten öffentliche Beteiligungsverf ahren abgehalten werden. So lange diese Kapazitäten nicht vorhanden seien, müsse weiter nach Frankreich und England transportiert werden.

Am Schluß gab's dann noch Anekdotisches: Bei zwei Transporten in das Endlager Morsleben sei am Transportfahrzeug Kontamination gemessen worden. Die wahrscheinliche'Erklärung dafür sie, so erzählte der BfS-Präsident, daß der Transporter die Staubfahne eines düngenden Landwirtes durchfahren hatte.

Bearbeitet am: 27.07.1998/ad


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