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vom 29.03.2001

Castor rollt erst nach 17 Stunden Zwangsstopp weiter

Dannenberg/Berlin (dpa) - Mit hartnäckigem Widerstand an den Bahngleisen im Wendland haben Atomkraftgegner den Castor-Transport auf dem Weg zum Zwischenlager Gorleben zu einem 17-stündigen Stopp gezwungen. Erst am Mittwochnachmittag konnte der Zug mit den sechs Atommüllbehältern im Schritttempo weiter Richtung Dannenberg rollen.

Tausende Polizisten bewachten den Transport auf seinen letzten 25 Kilometern zur Verladestation. Dort sollten die Castor-Behälter für den Straßentransport nach Gorleben an diesem Donnerstag vorbereitet werden.

Der Bahntransport war mit einer spektakulären Aktion von Atomkraftgegnern bei Süschendorf zum Stehen gebracht worden. Die Blockade von vier Mitgliedern der Umweltschutzgruppe Robin Wood, unter ihnen eine 16 Jahre alte Schülerin, stellte die Polizei vor besondere Herausforderungen. In der Mitte der etwa 50 Kilometer langen Strecke Lüneburg-Dannenberg hatten sich die Aktivisten in einem tonnenschweren Betonklotz an den Gleisen festgekettet. Für die komplizierte Bergung rückten Experten mit Spezialgeräten an. Schienen und Schwellen mussten angehoben werden. Die Einsatzkräfte leisteten Millimeterarbeit, um die Castor-Gegner nicht zu verletzen.

Die Auseinandersetzungen zwischen gewalttätigen Castor-Gegnern und der Polizei hatten am späten Dienstagabend an Schärfe zugenommen. Insgesamt wurden 22 Polizisten verletzt. Zwei von ihnen liegen im Krankenhaus, teilte die Polizei mit. Laut Bürgerinitiative «X- tausendmal quer» wurden mindestens 20 Demonstranten verletzt. Zu den härtesten Krawallen kam es in Dannenberg. Hier gingen Streifenwagen in Flammen auf.

In den Reihen der etwa 15 000 Polizeibeamten im Wendland brach deswegen eine Diskussion über das Konfliktmanagement aus. Der Chef der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Konrad Freiberg, erklärte alle Bemühungen zur so genannten Deeskalation für fehlgeschlagen. «Das ist falsch. Es hat sich im Vorfeld hervorragend bewährt», sagte dagegen der Leiter des Polizeieinsatzes, Hans Reime. Auch das niedersächsische Innenministerium verteidigte die Polizeieinsätze. Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) verurteilte die Gewalttaten und drohte den militanten Castor-Gegnern konsequente Strafverfolgung an.

An der Verladestation hatten bis in die Nacht zum Mittwoch rund 5000 Castor-Gegner demonstriert, darunter nach Polizeischätzung bis zu 500 militante Autonome. Die Polizei setzte Wasserwerfer ein. Insgesamt nahmen die Beamten seit dem Start des Transports am Montag im französischen La Hague bis zum Mittwochnachmittag 671 Personen in Gewahrsam. 110 Menschen wurden festgenommen.

Nach ihrer Ankunft in Dannenberg sollten die sechs Castor-Behälter mit 85 Tonnen Atommüll in einer etwa zehnstündigen Aktion von der Schiene auf Schwerlaster umgeladen werden. Voraussichtlich am Donnerstag beginnt dann mit der 20-Kilometer-Fahrt auf der Straße ins Zwischenlager Gorleben die heikelste Phase des Transports. Entlang dieser Strecke hatte es beim Castor-Transport vor vier Jahren die schwersten Ausschreitungen gegeben.

Die Gewerkschaft GdP forderte am Mittwoch den Einsatz zusätzlicher Beamter beim Castor-Transport. Die Polizei sei selbst mit dem zur Verfügung stehenden Personal aus dem ganzen Bundesgebiet nur begrenzt in der Lage, die Strecken lückenlos zu sichern.

Der massive Widerstand gegen den Transport hat auf politischer Ebene die Kontroverse um den rot-grünen Atomkonsens mit der Energiewirtschaft neu entfacht. Die Grünen in Niedersachsen und mehrere Umweltschutzverbände verlangten ein Überdenken der Vereinbarung. Die Bundesregierung verteidigte dagegen nochmals den Energiekonsens, der die Zahl künftiger Atomtransporte beschränke. Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) sagte in einem Interview der «Los Angeles Times»: «Man muss begreifen, dass die frühere Regierung mit Frankreich völkerrechtlich verbindliche Verträge eingegangen ist.» Diese Verpflichtungen zur Rücknahme von Atommüll aus La Hague seien einzuhalten - «ob uns das gefällt oder nicht».

Die-Grünen-Fraktionschefin im Landtag von Hannover, Rebecca Harms, sagte dagegen in Dannenberg, die Hoffnung, dass es mit dem Energiekonsens eine «Befriedung» des Konfliktes um die Atomenergie geben werde, habe sich nicht erfüllt. «Man muss sich jetzt nochmals offensiv darüber auseinander setzen, was mit dem Konsens erreicht wurde und was nicht. Dieses Gorleben-Projekt ist politisch nicht durchsetzbar.»

CDU und CSU verlangten von den Grünen, sich klar von Blockade- Aktionen entlang der Castor-Route zu distanzieren. Der bayerische Innenminister Günther Beckstein (CSU) sprach in diesem Zusammenhang von «linksextremistischen Gewaltexzessen».

Bearbeitet am: 29.03.2001/ad


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