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vom 02.11.2005 

»Gehe aufrecht vom Acker»

Nach 31 Jahren in Parlamenten: Kurt-Dieter Grill will als Berater zu Energie-und Umweltthemen arbeiten

by Breese/Marsch. Telefon, E-Mail, Handy: Solche Sachen klärte bislang sein Büro. Jetzt versucht Kurt-Dieter Grill aus eigener Kraft siegreich aus dem Kampf mit den Callcentern und Infopunkten der Telekom-Töchter T-Com und T-Mobile herauszukommen.

02.jpg (11593 Byte) Bild: Kurt-Dieter Grill als Bundestagsabgeordneter: Im März 1995 begleitet er die damalige Umwelt- ministerin Angela Merkel, die sich auf 637 Metern Tiefe im Schacht I über die Arbeiten im Erkundungsbergwerk informiert. Aufn.: J. Feuerriegel

Dass er den jetzt, wo er nicht mehr Bundestagsabgeordneter ist, selber durchstehen muss, »ist auch in Ordnung», sagt er. Bisher kannte er »solche Alltagssorgen nur von anderen». Sollte er demnächst in Berlin auf T-Com-Leute treffen, die ihm ihre tollen Leistungen anpreisen, wird er widersprechen: »Das funktioniert so nicht.»

Berlin und Breese, das werden auch künftig die geografischen Fixpunkte in Grills Leben sein. Selbstständig will er sich machen, als eine Art Berater zu Umwelt- und Energiethemen arbeiten. Ruhestand kommt für ihn nicht in Frage, er wird im Dezember erst 62, seine Partei diskutiert über das Renteneintrittsalter mit 67, das passt nicht. Morgens um halb Neun auf den Golfplatz, nachmittags an den Erinnerungen arbeiten - ein solcher Tagesablauf ist nichts für ihn. »Ich würde eingehen wie eine Primel, wenn ich nichts zu tun hätte», glaubt er. Seit 1974, also 31 Jahre lang, hat Kurt-Dieter Grill aus Parlamenten heraus Politik gemacht. 20 Jahre lang saß er im Landtag in Hannover, ab 1994 im Bundestag in Bonn und Berlin. Wenn er heute durch den Landkreis und den Wahlkreis fährt, passiert er eine Menge »Tatorte», die ihn als Politiker beschäftigt haben und die er als Erfolge verbucht: Elbegrenze und Dömitzer Brücke, Stärkefabrik in Lüchow, Warmschmiede bei der SKF, Conti in Dannenberg, Gartower See, Grundschule Küsten. Rundlingsverein und Sommerliche Musiktage waren und sind etwas für seine Politiker-Seele. Im Vorstand der Sommerlichen war er als »Proporzhansel» gelandet und hat zusammen mit seiner Frau den Zugang zur klassischen Musik gefunden - »ein Gewinn». Um die Elbe und das gesamtdeutsche Biosphärenreservat Elbtalaue will er sich weiterhin kümmern. Fluss und Natur sind für ihn »ein Vehikel, um gesamtdeutsch zu denken».

Ursprünglich hatte Grill vorgehabt, im Herbst 2006 nicht noch einmal zu kandidieren. Doch dann ging im Mai für die SPD die Landtagswahl in NRW verloren, Bundeskanzler Schröder kündigte vorgezogene Neuwahlen an. Daraufhin gab es bei Grill und - wie er berichtet - auch bei anderen, diesen »Reflex», doch noch einmal anzutreten. Dass er kandidierte, bedauert er auch aus heutiger Sicht nicht. Es war erstens »ein Erlebnis» und zweitens »eine Befriedigung», denn: »Sie kriegen mit einem Mal das zurück, was sie geleistet haben.» Und Kampfkandidaturen waren immer schon sein Ding, da habe er schon immer seine besten Reden gehalten.

Dass die Wahlen nicht so ausgingen, wie er es sich für sich und seine Partei gewünscht hatte - nun denn: »Wenn Sie 30 Jahre dabei sind, gehen Sie aufrecht vom Acker», sagt er. Ganz frei von Gefühlen war er nicht, als am 18. Oktober im Reichstag der neue Bundestag zusammentrat. Er war an diesem Tag in Berlin, hatte Termine, bei denen es um seine Zukunft ging. So schaute er nach vorne, nicht zurück. Und wenn er sich klarmacht, welche Freiheiten er künftig haben wird, dann gesteht er sich durchaus ein, dass die Präsenzpflichten im Bundestag und im Wahlkreis schon etwas Einengendes hatten. Und dass er nicht mehr auf Partei- und Fraktionsmeinung gebucht sein muss -»das hat einen geärgert zuweilen» - sei auch ein Stück neu gewonnener Freiheit. Umwelt- und Energiepolitik, das sind die Themen, für die Grill eine »intensive Leidenschaft» hegt und die auch seine künftige Berufstätigkeit, die sich als eine Mischung aus Beraterdiensten und Lobbyarbeit darstellt, bestimmen sollen. Ihm ist der Blick auf globale Folgen wichtig, denn Energie- und Umweltpolitik seien immer auch Außen- und Sicherheitspolitik, wenn es etwa um eine weitere Erdgas-Pipeline aus Russland oder die Frage gehe, wie die Welt mit den knapper werdenden Rohstoffen umgeht. Gerade deshalb sei es notwendig, Wirtschaft, Wissenschaft und Politik zu vernetzen. Ein solches kleines Netzwerk gibt es schon, nämlich »meinen Energieclub am Gendarmenmarkt». Das ist, so Grill, eine geschlossene, aber parteiübergreifende Gesellschaft mit Vertretern aus Industrie, Wissenschaft und Politik, die »unglaublich spannende Diskussionen» führt, Energiethemen »in ihrer ganzen Breite diskutiert». Er ist froh darüber, außerhalb Lüchow-Dannenbergs habe er deutlich machen können, dass man über mehr als über Kernenergie nachdenken muss. Grill ist Mitglied in der Deutschen Gesellschaft des Club of Rome. Was dort unter Aurelio Peccei und anderen in den 70er- und 80er-Jahren zur Zukunft der Welt diskutiert wurde, »findet jetzt alles statt - und zwar brutal», sagt er und verweist auf den steigenden Ölverbrauch in China und die steigenden Preise hier zu Lande. Angesichts dieser Verknüpfungen sieht er eine Menge Betätigungsfelder. Dort, zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Politik, will Grill beruflich weiter wirken. Er kenne die Strukturen, wisse, wie was funktioniert, wer wo hingehen muss. Er will andere teilhaben lassen an den Beziehungen und Strukturen, die er aufgebaut hat. Sein Sachverstand werde geschätzt. »Ich kann was und weiß es in die Gremien einzubringen». »Gorleben» und die Kernenergie sind für ihn nur ein kleiner Teil dieses großen Themas Energie und Umwelt. Dass er die Atomenergie nach wie vor für machbar und verantwortbar hält, sei »eigenständige Denke», er habe sich informiert und gelernt, den EVUs müsse er nicht nach dem Mund reden. Und während er sich im Wendland für Atomanlagen einsetzte, hat er in seiner Partei für ein Mehr an Erneuerbaren Energien gestritten - und ist nicht so erfolgreich gewesen, wie er es sich gewünscht hätte. Atomenergie und »Gorleben» auf der einen Seite und die Erneuerbaren Energien auf der anderen, das ist für Grill kein Widerspruch, sondern schlichte Notwendigkeit. Angesichts der Klimaproblematik »müssen wir über ein Verbot der fossilen Energieträger reden». »Ich bin weit davon entfernt zu behaupten, ich hätte alles richtig gemacht», sagt Grill, der besonders für hiesige Atomkraftgegner in den Jahren der »heißen» Auseinandersetzung um Gorleben ein rotes Tuch war durch sein als aggressiv empfundenes Auftreten. Aus heutiger Sicht, sagt er, hätte er »ab und zu mehr Rationalität und weniger Emotionalität walten lassen» müssen. Aber er sei eben ein »emotionaler Bolzen», bewundere Leute, die grundsätzlich nicht ins Schwitzen kommen. Lieber mit Leib und Seele als »runtergedrögt» Politik machen. Er sei ein »homo politicus», der »selbstbewusst und authentisch» für seine Themen gestritten habe: »Bei mir konnte keiner sagen, er wüsste nicht, woran er sei.» Dass ihm seine Robustheit, die andere als Rambotum bezeichnen, manchmal im Weg gestanden hat, haben ihm längst auch Wohlmeinende bescheinigt.

Die Gorleben-Kommission »ist eine meiner besten Erfindungen», meint Grill rückblickend, »heute würde man Mediation dazu sagen». Mittlerweile habe man in Sachen Konfliktbewältigung ganz andere - und effektivere - Erfahrungen gemacht. Ihm sei Transparenz und Kommunikation immer wichtig gewesen. Wie etwa Umweltminister Töpfer in der »Alten Burg» in Gorleben mit Gegnern diskutierte, ist ihm noch genauestens in Erinnerung. Was sei dagegen mit Schröder und Trittin? Die hätten zwar ihren »Frieden mit den Palästen geschlossen», aber keinen ernsthaften Versuch der Mediation im Wendland unternommen.

Wer von der Seite der Gegner die Verhärtungen in Sachen Gorleben kritisiere und dafür ihn, Grill, verantwortlich mache, müsse sich fragen lassen, ob er Angebote zum Dialog nicht ausgeschlagen habe. Mord- und Bombendrohungen, Gülle vor der Haustür, das seien die Folgen der Verhärtung, die er und seine Familie zu spüren bekommen haben. »Diese Dinge haben sich tief eingegraben.» Ebenso die negativen Erlebnisse mit der Kirche, »aber das ist vorbei, darüber muss ich mir keine Gedanken mehr machen», schiebt er die Erinnerungen beiseite. Lange zurück liegt für ihn auch der »Fall Licht», der Bauunternehmer bezahlte ihm einst die Sekretärin. Wenn man sich in die damalige Zeit zurück versetze, »war es kein Fehler», kommentiert Grill. Und gleich darauf ergänzt er, dass ihm das, was er geworden sei, nicht in den Schoß gefallen sei, und »dann geht man die Dinge ein bisschen anders an».

Was das Thema »Gorleben» angeht, hat Kurt-Dieter Grill über 40 Umzugskisten mit Materialien gesammelt und ausgelagert. Er hat fest vor, seine Sicht dieser Geschichte aufzuschreiben. Den Titel hat er schon: »Spurensicherung».

Bearbeitet am: 02.11.2005/ad


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