Die Renaissance des Atomprotestes
15000 Menschen demonstrieren in Gorleben - Atomausstieg: »Yes we can» - »Im Wendland der Wahrheit näher»
gel Gorleben. Was die Rockgruppe »Madsen» da live auf der Bühne am Zwischenlager singt, hat Symbolwert. »Du schreibst Geschichte», schallt es aus den Boxen.

Bild:Ein Geisterschiff mit Gestalten, die scheinbar nicht mehr von dieser Welt sind: drastische Warnung auf der Gorleben-Demo vor den Gefahren der Atomenergie. 5 Aufn.: J. Feuerriegel
Und darauf hofft der Atomwiderstand nun wieder verstärkt. Denn in Gorleben haben am
Sonnabend rund 15000 Menschen gegen Atomenergie und den nächsten Cas-tor-Transport
protestiert und damit ein wohl selbst nicht für möglich gehaltenes Zeichen gesetzt.
Während in der Öffentlichkeit noch trefflich darüber gestritten wird, ob es eine
angebliche Renaissance der Atomenergie überhaupt gibt, feiert der Gorleben-Widerstand
bereits eine »Renaissance der Anti-Atom-Bewegung».
Soviel Protest hat es in Gorleben nur in den Anfangsjahren gegeben. Noch nicht einmal in
den wilden 90er-Jahren zu den ersten Castor-Transporten wa-ren soviele Menschen auf der
Straße. Auch über 300 Traktoren der Bäuerlichen Notgemeinschaft waren am Sonnabend
erschienen. Die Demonstration zeigte sich friedlich, schrill, bunt und hartnäckig. So
macht ein langnasiger Mr. Pi Nocchio Lobbyarbeit für die Atomindustrie: Sicher, sauber,
billig und dauerhaft sei der Atomstrom, behauptete Pi Nocchio. Etwas weiter beruhigt ein
Weihnachtsmann die Demons-tranten: Alles klar mit der Endlagerung. Und auf einem
Geis-terschiff torkeln Gestalten umher, die scheinbar nicht mehr von dieser Welt sind -
und wol-len damit vor den Gefahren der Atomenergie warnen.
»Wer mit dem atomaren Feuer droht, bekommt von uns die Antwort», ruft Wolfgang Ehmke von
der Bürgerinitiative Umweltschutz bei der Kundgebung von der Bühne. Wer glaube, dass
Gorleben nur noch ein regionales Problem sei, sehe sich getäuscht. Den Atomausstieg
schaffen und das Endlager-Projekt in Gorleben verhindern - »yes we can», ist sich Ehmke
in Obama-Manier mit den De-monstranten einig.
»Im Wendland ist man der Wahrheit näher», sagt der Schriftsteller Andreas Maier und
lobt den Gorleben-Widerstand: »Ihr seid so ziemlich die einzigen Vorbilder, die man sich
heute denken kann. Euer Tun werden sie später genauso als vorbildlich erklären, wie sie
Sophie Scholl und die Weiße Rose zum Vorbild erklärt haben». Ihm ist jüngst sogar ein
»satanisches» Argument für Windräder eingefallen: Man sollte alles mit ihnen zubauen,
»damit die Leute endlich sehen, was für ein Leben sie führen, was für einen
Energieaufwand sie betreiben».
Den Schulterschluss zwischen Gewerkschaft und Anti-Atom-Bewegung proklamiert Hartmut
Meine: »Uns vereint, gemeinsam gegen die Mächtigen der Gesellschaft zu kämpfen», sagt
der Bezirkschef der IG Metall in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. Seine Forderungen: raus
aus der rückwärts gewandten Atomenergie, Gorleben stilllegen und zurückbauen und das
Endlager Schacht Konrad nicht in Betrieb gehen lassen. Es gehe um eine »menschliche,
ökologische, soziale» Gesellschaft.
»Der Widerstand hält», sagt Landwirt Martin Schulz. Er stellt klar: Für die Bauern sei
der Protest nicht etwa ein »Happening», sondern »eine ernste Sache». Denn die
Landwirte befürchten mit einem Endlager in Gorleben eine »schleichende Verseuchung der
Umwelt». »Wir können den Atomausstieg selber machen», erklärt Renate Backhaus vom
BUND den Demonstranten: Man müsse bloß zu einem richtigen Ökostromanbieter wechseln.
Sie warnt gleichzeitig davor, auf die Ökostrom-Angebote der Energieriesen hereinzufallen,
die weiterhin auf Atomstrom setzen. Und Lüchow-Dannenbergs Landrat Jürgen Schulz
(parteilos) fordert von Bundeskanzlerin Merkel, transparent und ergebnisoffen nach
alternativen Endlager-Standorten zu suchen.