vom 14.03.1998

Castor an der Wand

Kommentar

Nun ist es sicher: Der Castor rollt, der Ball nicht. Das ist eine neue Variante der Atompolitik. Weil mehr als 20000 Polizisten für die Bewachung der Strecke gebraucht werden, auf der die abgebrannten Brennstäbe aus den süddeutschen Atommeilern Gundremmingen und Neckarwestheim gen Norden ins westfälische Ahaus fahren sollen, schauen die Fans von acht Bundesligaklubs in die Röhre. Vier Spiele fallen aus, weil der Atommüll vom Volk abgeschirmt werden muß.

Eines ist sicher: Die Beliebtheit von Atomtransporten in Zwischenlager quer durch die Republik wird so nicht gesteigert. Aber die Hoffhung der Nuklearstrategen in Industrie und Politik, mit Ahaus diesmal ein viel weniger brisantes Ziel als Gorleben ansteuern zu können, hat sich ohnehin zerschlagen. Aus dem lange Jahre bundesweit kaum zur Kenntnis genommenen und selbst in der Region wenig umstrittenen Atomdepot ist durch Mobilisierung der Bürgerinitiativen ein ebensolcher Kristallisationspunkt des Widerstands geworden. So dürften sich die wahnwitzigen Szenen, die im Februar vorigen Jahres die Republik in Atem hielten, ziemlich detailgetreu wiederholen. Damals fand vor Gorleben der größte Polizeieinsatz hierzulande statt, um die offizielle Technologiefolgenabschätzung durchzupowern, die von der Mehrheit der Bürgern nicht mitgetragen wird.

Den Konflikt entschärfen? Dazu hätte es neuer Anläufe in der Atom- und Energiepolitik bedurft. Doch passiert ist ein Jahr lang nichts, und so folgt nun eine unnötige Demonstration des Starrsinns. Ob das irgend jemandem Spaß macht? jw

Bearbeitet am: 16.03.1998/ad


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