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vom 28.01.1999       

Nachrichten Extra: Atomausstieg

Kein Fall für Sankt Florian

Der schnelle Ausstieg aus La Hague wäre möglich, sagt Atom-Experte Michael Sailer

Rot-Grün hätte beim Ausstieg aus der Wiederaufarbeitung nicht einknicken müssen, meint Diplomingenieur Michael Sailer. Mit dem Entsorgungsexperten des Öko-Instituts in Darmstadt sprach FR-Redakteur Joachim Wille.

FR: Herr Sailer, die Bonner Regierung ist beim Energiekonsens eingebrochen. Sie folgte dem Argument der Stromkonzerne, der Stopp der Wiederaufarbeitung in La Hague und Sellafield bis zum 1. Januar 2000 sei nicht möglich. Stimmt das nach Ihrer Einschätzung?

Michael Sailer: Nein, man hätte den Termin im Prinzip halten können. Für die wenigen Kraftwerke, in denen die internen Lagerbecken für Brennstäbe schon ziemlich voll sind, hätte man speziell zugeschnittene Konzepte erarbeiten müssen. Probleme hätte es dieses Jahr nur bei den Kraftwerken in Neckarwestheim und Stade gegeben.

Was wären die Alternativen gewesen?

Ziel ist ohnehin die dezentrale Zwischenlagerung der Brennstäbe an den Kraftwerksstandorten. Bis zur Fertigstellung der neuen Lager gäbe es Übergangslösungen. Eine Möglichkeit wäre die sogenannte Transport-Bereitstellungslagerung, das heißt, die Brennelemente werden für wenige Jahre in Castor-Behältern an geeigneten Plätzen auf dem Kraftwerksgelände selbst abgestellt. Das haben AKW-Betreiber bereits früher so gemacht. Zudem gibt es für Ahaus und Gorleben Genehmigungen für die Zwischenlagerung von Brennelementen.

Die Stromkonzerne argumentieren, es gebe gar nicht genügend Behälter, um die Brennstäbe im Inland lagern zu können.

Das ist zum jetzigen Zeitpunkt richtig. Aber der Engpaß kann beseitigt werden, wenn die AKW-Betreiber genügend neue Behälter bestellen. Bei den Fertigungskapazitäten ist noch Luft, und sie könnten ausgeweitet werden.

Die Transporte nach La Hague und Sellafield laufen vermutlich noch drei bis fünf Jahre weiter. Besteht da nicht die Möglichkeit, daß die Stromkonzerne bei einem Regierungswechsel wieder neu einsteigen?

Das ist durchaus möglich. Ob die Konzerne dies tun werden, hängt einmal von den Kosten ab. Die direkte Endlagerung ist nur halb so teuer wie die Wiederaufarbeitung. Aber die AKW-Betreiber werden nur dann freiwillig endgültig auf La Hague und Sellafield verzichten, wenn der andere Entsorgungsweg wirklich offen ist - sowohl technisch, genehmigungstechnisch und politisch.

Von ihnen stammt der von Rot-Grün übernommene Vorschlag, Zwischenlager direkt an den Atomkraftwerken zu bauen. Die Betreiber fürchten, dies könne sechs Jahre dauern.

Für Planung, Genehmigung und Bau sind eigentlich zwei Jahre zu veranschlagen. Ich gehe davon aus, daß die Genehmigungen schnell erteilt werden können, wenn die Lager politisch nicht umstritten sind.

Es wird Einsprüche von Atomgegnern geben.

Die Intensität der Einsprüche wird davon abhängen, wie das Abschalten der AKWs geregelt wird, ob wirklich ein Ende der Atomkraft absehbar ist. Außerdem kommt es darauf an, ob die Einwände technisch und juristisch stichhaltig sind.

Ihr Vorschlag entspannt die Situation für die AKW-Betreiber. Sind die Zwischenlager erst einmal da, könnten die AKWs theoretisch noch lange weiterlaufen - zum Beispiel, wenn eine andere Bundesregierung den Ausstiegsbeschluß wiederaufhebt.

Sinn der Zwischenlager ist es, mit der teuren und gefährlichen Wiederaufarbeitung aufhören zu können. Auch mit Wiederaufarbeitung ist die Lage für die AKW-Betreiber entspannt, denn der Weg über sie führt ja nicht zum Abschalten der Meiler.

Greenpeace hat gefordert, die Atommeiler nur noch so lange laufen zu lassen, bis die jeweiligen internen Lager voll sind.

Das mag bei reiner Betrachtung der Sicherheitsaspekte begründbar sein. In der jetzt gegebenen politischen Situation ist es aber unrealistisch. Man spricht über Restlaufzeiten von fünf, zehn, 20 oder 40 Jahren.

Die Anti-Atombewegung hat angekündigt, sie werde sich in jedem Fall bei neuen Castor-Transporten nach Gorleben oder Ahaus querstellen. Ist diese Linie denn durchzuhalten? Die strahlenden Reststoffe aus La Hague und Sellafield müssen ja auf jeden Fall zurückgenommen werden. Es gibt ja schon einen regelrechten Müllstau in La Hague.

Das müssen die Bürger entscheiden, die in Ahaus oder Gorleben direkt betroffen sind. Allerdings gibt es für Deutschland insgesamt eine rechtliche und moralische Verantwortung, den WAA-Müll zurückzunehmen; die Rücknahmeverpflichtung resultiert im übrigen nicht aus dem WAA-Ausstieg, sondern aus den Wiederaufarbeitungsverträgen der Stromkonzerne.

Die Rücknahme geht nur über Gorleben.

Derzeit ist in der Tat nur die Halle in Gorleben für die verglasten Abfälle genehmigt. Da gibt es wenig Spielraum. Anders wäre das nur, wenn die Zwischenlager an den AKWs stehen und dort auch Glaskokillen eingelagert werden könnten. So lange kann der Müll in La Hague aber nicht bleiben.

Wird durch Transporte ins Zwischenlager Gorleben nicht auch der Standort für das Endlager dort zementiert, obwohl es in der Fachwelt umstritten ist?

Gewissen Druck in diese Richtung gibt es natürlich. Der rot-grüne Koalitionsvertrag hat jedoch bestimmt, daß die Endlagersuche ganz neu begonnen wird, weil der Salzstock in Gorleben zu unsicher ist.

Was halten Sie vom Angebot Rußlands, deutschen Atommüll zu übernehmen?

Überhaupt nichts. Und Sankt Florian ist meines Wissens auch noch nicht Mitglied in der Bundesregierung.

Bearbeitet am: 28.01.1999/ad


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