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vom 15.04.2017

Von kritischem Geist

Westwendischer Kunstverein stellt Jahresprogramm vor

Gartow (inf/bv). In diesem Jahr jährt sich die Standortbenennung Gorleben zum 40. Mal.

Von Anfang an waren Kunst und Kultur typische Bestandteile des Widerstandes. Dahinter steckte die Idee, der Atomindustrie etwas Positives entgegenzustellen – aber auch das Selbstverständnis, dass die Kunst eigene und sehr spezifische Formen hat, auf politische und gesellschaftliche Phänomene und Entwicklungen zu reagieren.

In diesem Kontext sieht sich der Westwendische Kunstverein, der vor kurzem seine Jahresvorschau für 2017 fertiggestellt hat, die momentan überall im Landkreis ausgelegt wird. Auch dieses Jahr besticht die Ausstellungsauswahl durch künstlerische Vielfalt, hohes Niveau aber auch durch z.T. kritisches Hinterfragen gesellschaftlicher Entwicklungen. Insbesondere die zwei geplanten großen Ausstellungen im Zehntspeicher zeugen von dem nach wie vor kritischen Geist des WWK, der sich in seinem Selbstverständnis auch als Teil der Widerstandsbewegung begreift.

Die Vernissage der Ausstellung „Menetekel“ des Westwendischen Kunstvereins (WWK) in Gartow im Wendland – aus Anlass des 25. Jahrestages der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Die Ausstellung war Teil des Kunstprojekts „Tschernobyl 25 - expeditionen“ von Rebecca Harms (MdEU, Grüne) und des WWK. Foto: Archiv

Es ist dies zum einen die Ausstellung ›Flight‹ der beiden Berliner Künstler Stefan Roloff und Christian Kneisel (13. Mai bis 25. Juni). Die Künstler setzen sich hier in einer großen Multimedia- Ausstellung mit dem Thema Flucht, Migration und Integration auseinander.

Die Ausstellung besteht aus fünf Installationen, deren verbindendes Element die Überlagerungen und Schichtungen menschlicher Stimmen sind, die sich in unterschiedlichen Intensitäten zu windähnlichen Geräuschen verdichten. »The Kindness of Strangers«: Ein Zelt, in dessen Fenstern zwei Videoanimationen zu sehen sind. Eine arabisch sprechende Frau und ein Farsi sprechender Mann berichten über die Umstände, die sie dazu zwangen, ihre Länder zu verlassen./ »Tree«: Eine Installation, speziell für den Zehntspeicher Gartow konzipiert / Skizzen und Modelle für die »Arch O Platz«: ein schiffsförmiges Monument, das nächstes Jahr auf dem Oranienplatz in Berlin realisiert werden soll.

Der Innenraum dieser Skulptur soll Flüchtlingen zur Selbstorganisation zur Verfügung stehen. / »Let There be Light«: 30 Menschen aus allen Kontinenten beschreiben gleichzeitig ihre Vorstellungen einer idealen Welt./ »Fragments «: Ein Dialog zwischen einer 90-jährigen ehemaligen Ostpreußenflüchtlingsfrau und einem 30-jährigen iranischen Flüchtling. Die zweite Ausstellung im Zehntspeicher, »Das Unsichtbare sichtbar machen // Blicke in die Asse« (12. August bis 24. September), wird mit Arbeiten von Inga Barnick, Ulf Beck, Susann Dietrich, Franka Hilbert, Timo Hoheisel, Michael Jahn und Frank Sperling (Absolventen und Studierenden der HBK Braunschweig) realisiert. In ihren Arbeiten reflektieren sie das Atommülllager Asse als Ort und gesellschaftliches Problem und entwickeln hierfür eine jeweils eigene Form- und Zeichensprache.

Wie lässt sich die Problematik des Umgangs mit unsichtbarer Strahlung überhaupt sichtbar machen? Wie wird man der Komplexität der politischen Debatte gerecht? Wie visualisiere ich die Diskrepanz zwischen Umgebungsnatur und einer drohenden Verstrahlung? Und, und, und – auf all diese Fragen galt es eine künstlerische Antwort zu finden und die beteiligten KünstlerInnen kamen zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen.

Der WWK zeigt eine erweiterte Fassung dieser Ausstellung, die schon mit großem Erfolg 2015 in Berlin präsentiert wurde und hofft damit auch die Auseinandersetzung mit Kunst im gesellschaftlichen Diskurs zu fördern, bzw. anzuregen. Bei beiden Ausstellungen wird es als Begleitprogramm jeweils eine Podiumsdiskussion mit dem übergreifenden Arbeitstitel »Kunst und Politik im Spannungsfeld« geben. Moderieren werden Reinhard Kahl (parallel zur Ausstellung von Roloff/Kneisel, am 20. Mai) und Christa Goetsch (Asse). Genaue Daten und die Teilnehmer der Podiumsdiskussionen werden rechtzeitig bekannt gegeben. Die erste Ausstellung in 2017 aber fand traditionell nicht in Gartow sondern in Hitzacker statt: Vom 3. bis 12. März zeigte der WWK in Zusammenarbeit mit der Musikwoche Hitzacker im Verdo grafische Arbeiten von Josi Vennekamp (GA berichtete). Vennekamp ist Mitbegründer der legendären Künstlergemeinschaft »Werkstatt Rixdorfer Drucke«. In seinen grafischen Arbeiten hat er eine eigenwillige Bildsprache entwickelt: Ernsthaft ironische ›Notate‹ in farbigen Holzschnitten und Radierungen, seriell rhythmisierte Sinn-Collagen für den zweiten und dritten Blick… In der Kunstkammer beginnt das Ausstellungsjahr im April. Der WWK stellt eine vielseitige und vielschichtige Auswahl künstlerischer Positionen vor, die das gesamte Spektrum von Grafik, Malerei, Fotografie bis hin zur Installation abdeckt. Den Beginn macht die Berliner Künstlerin Alex Müller, »Kapern holen den Wind« (noch bis bis 28. Mai 2017, siehe dazu auch den Beitrag auf Seite 10 dieser Ausgabe). Sie wird in der Kunstkammer eine für den Ort geschaffene Installation aus Malerei, Skulpturen und Sprache zeigen.

Bei der Vernissage am gestrigen Freitag gab es ein Künstlergespräch zwischen der Künstlerin und der Kunsthistorikerin und freien Kuratorin Akiko Bernhöft. Im Juni folgt die Ausstellung Kamil Sobolewski, »Fotografie« (3. Juni bis 16. Juli). Sobolewski gehört zu den Wettbewerbssiegern bei ›Gute Aussichten‹ (Die besten Nachwuchsfotografen aus deutschen Kunsthochschulen). In der Ausstellung zeigt der WWK die prämierten Fotos sowie eine Auswahl neuerer Arbeiten. Vom 28. Juli bis 10. September präsentiert die Kunstkammer die Installation »Strand - spaziergang« von Edgar Pfeiffer. Im Zentrum der Ausstellung steht der ›Strandläufer‹, ein kinetisches Objekt, das einen Gang am Meer thematisiert. Unterschiedliche Module gestalten das Sehen, Hören, Gehen und Träumen und formulieren diese Naturerfahrung auf ungewöhnliche Weise. Auf der Suche nach einer gültigen Form der technischen Umsetzung entsteht eine Vielzahl von Zeichnungen, in denen sich sowohl die Vermischung technischer als auch poetischer oder inszenatorischer Überlegungen spiegelt. Der Abschluss des Kunstjahres in der Kunstkammer ist dem Maler Heinrich Modersohn gewidmet. Die Ausstellung trägt den Titel »Wege zur Malerei« (6. Oktober bis 12. November). Der Titel verweist darauf, dass es dem Künstler um die Erkundung des ›Malerischen‹ an sich geht.

Bearbeitet am: 16.04.2017/tv


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