Junge Welt vom 23.06.1998

Rollende Castoren verhindern!

Anti-Atom-Initiativen: Absage an Ausstiegs-Kurs der Grünen

Die Anti-Atom-Bewegung will den ersten wieder rollenden Castor-Transport »mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln« verhindern. Das haben 120 Vertreter von Bürgerinitiativen am Wochenende auf einer Sonderkonferenz im hessischen Marburg vereinbart.

Angegangen werden sollen den Marburger Vereinbarungen zufolge nicht nur Castor-Transporte in die bundesdeutschenZwischenlager, sondern auch zu den Wiederaufarbeitungsfabriken in Frankreich und Großbritannien. »Ein Aktionsfeld werden die Grenzübergänge nach Frankreich sein, heißt es in der Abschlußerklärung des Treffens. Unabhängig von mögli chen Transportterminen rief die Konferenz zu einem bundesweiten Aktionstag im September an ausgewählten Standorten der atomaren Brennstoffspirale auf.

Der von Bundesumweltministerin Merkel und mehreren ihrer Länderkollegen ins Spiel gebrachten Einrichtung einer unabhängigen Kontrollinstanz für die Atommüll-Fuhren erteilte der Kongreß eine klare Absage. Dieser Vorschlag sei "Augenwischerei" und diene dazu, den Transportstopp möglichst schnell wieder aufzuheben.

Nach Ansicht von Wolfgang Ehmke, dem Sprecher der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg, ist es notwendig, im Rahmen der Kampagne gegen Atommülltransporte auch das   »schwerwiegende Problem der Behälterintegrität« zu thematisieren. Die deutschen Castor-Tonnen würden seit Anfang der achtziger Jahre keinen praktischen Tests mehr ausgesetzt, obwohl sich deren Geometrie und teilweise auch der Werkstoff verändert hätten.

Politisches Ziel der Initiativen bleibt die sofortige Stillegung aller Atomanlagen. An jedem weiteren Betriebstag »kann der Super-GAU eintreten, wird im sogenanntenNormalbetrieb die Gesundheit der Bevölkerung aufs Spiel gesetzt, droht der Tod durch Uranabbau und die Verbreitung von Bombenmaterial«, so die Erklärung. Dem vom hessischen Landesverband der Bündnisgrünen vorgelegten Entwurf für ein Atomausstiegsgesetz - es sieht bis zum Jahr 2010 die schrittweise Abschaltung zunächst älterer Reaktoren vor - erteilten die Anwesenden ebenso eine deutliche Absage wie »allen anderen Stillegungsverzögerungsplänen«.

Reimar Paul

Bearbeitet am: 23.06.1998/ad


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