Mannheimer Morgen
Bürstadt / Biblis / 12.12.1998

Zum Schichtwechsel die Tore blockiert

AKW-Gegner demonstrieren für die Schließung von Biblis B

Von unserem Redaktionsmitglied Sandra Bollmann

Biblis. Im Sommer mußten sie Schrubber und Schaumwolken über sich ergehen lassen, gestern versperrten ihnen Strohballen und etwa 60 Demonstranten den Weg: Gut eine Stunde lang stauten sich die Fahrzeuge der RWE-Mitarbeiter auf der Zufahrt zum Bibliser Kernkraftwerk. Dann zogen die Kernkraftgegner vom
"Regionalplenum HessenBaden" wieder ab.

"Es ist uns gelungen, ein Zeichen zu setzen", stellte ein Sprecher der Initiative zufrieden fest. Seinen Namen will er nicht in der Zeitung genannt wissen. Block B hieß das Ziel der jungen Leute, ihrer Meinung nach in der Diskussion um Nutzen und Gefahren der Atomkraft viel zu wenig beachtet. "Auch Block B ist gefährlich",
kritisierte der Aktivist, daß sich die Öffentlichkeit zur Zeit lediglich auf den älteren Block A einschieße. Also nahm die Gruppe die Revision des zwei Jahre jüngeren Block B mit Baujahr 1976 zum Anlaß, gegen die Wieder-Inbetriebnahme zu demonstrieren.

Eine ganze Ladung Strohballen und einen Kleinlaster plazieren sie als Schild vor die Einfahrt - "um sich vor Cholerikern zu schützen". Sei doch immer damit zu rechnen, daß einige Autofahrer die Demonstration nicht zum Anlaß nehmen, auf die Bremse zu treten. "Nicht gerade angetan", hätten sich die Kraftwerksangestellten von der Aktion gezeigt - "die Leute identifizieren sich wirklich sehr mit ihrem Arbeitgeber". Für den Atomkraftgegner ein Grund zum Kopfschütteln: RWE nutze "die Sorgen der Angestellten schamlos aus, um sie für ihr Ziel, solange wie möglich Kapital aus diesen Anlagen zu ziehen, zu instrumentalisieren."

Peter Rauwolf, Sprecher der Heppenheimer Polizei, beschrieb die Stimmung vor dem Kernkraftwerk mit drastischeren Worten: "Die Leute waren sauer". Nur Fußgänger und Radfahrer durften sich den Weg zum Kraftwerkstor bahnen. Eine lange Schlange an Blechkarossen bildete sich bis zur Bibliser Umgehung. Die
Beamten hätten "deeskalierend" eingreifen müssen, um eine Schlägerei zu verhindern.  "Ruppig", nannten die Kernkraftgegner das Vorgehen der Polizei. Als sie nach etwa 70 Minuten freiwillig das Feld räumten, kesselten die Beamten die Truppe ein, notierten sich die Personalien, nahmen aber niemanden fest. Die Beamten hätten einige Aktivisten durch die Gegend gezerrt, sie gewaltsam nach Ausweispapieren durchsucht, so mancher sei im Schnee gelandet, werfen die Demonstranten den Ordnungshütern vor. Die Polizei hat die Sache jetzt der Staatsanwaltschaft gemeldet, die unter anderem die Tatbestände der Nötigung und unangemeldeten Demonstration zu prüfen hat. 

Ziemlich gelassen nahm Kraftwerkssprecher Ernst Müller den Vorfall: "Das Ganze verlief recht friedlich, die Polizei hat sehr umsichtig gehandelt und die Leute sind freiwillig abgezogen." Kaum Grund zum Aufregen also. Eines ihrer erklärten Ziele haben die AKW- Gegner laut Müller sogar um einige Minuten verpaßt: "Der
Schichtwechsel war kaum betroffen". Pünktlich konnte die Frühschicht ihre Arbeit aufnehmen. Betroffen waren vor allem die Mitarbeiter, die zur Revision von Block B ins Kraftwerk kamen. Mit einer guten Stunde Verspätung konnten aber auch sie ihre Arbeit aufnehmen.

Bearbeitet am: 13.12.1998/ad


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