Neue Energie
Zeitschrift für die umweltgerechte Nutzung von Wind, Wasser, Biomasse und Sonne

Das zweite Gorleben liegt im Westmünsterland

    Interview mit Hartmut Liebermann von der AhauserAnti-Atom-Initiative

NEUE ENERGIE: Herr Liebermann, Sie scheinen kein Fußball-Fan zu sein. Die nordrhein-westfälischen Polizisten, die in der letzten Märzwoche den CastorTransport in Ahaus sichern müssen, fehlen in den Bundesliga-Stadien. Der eng gestrickte Spielplan vor derWeltmeisterschaft gerät in Gefahr.

Liebermann: Wie sehr ich FußballFan bin, zeigt unsere Überlegung, eine Annonce in die Stadion-Zeitung von Schalke 04 zu setzen und zwar mit dem Titel "Steht auf wenn Ihr Scholker seid und kommt noch Ahaus, um euch an den Blockaden gegen den Castor-Transport zu beteiligen." Denn daß der Fußball ausfällt, so unsere Botschaft an die Schalke-Fans, habt ihr der Atom-Mafia zu verdanken. Dem Fußball verdanken wir es, daß wir so den geheim gehaltenen Termin für den Castor-Transport erfahren haben.

Zur Person:
Bei der 1977 gegründeten Bürgerinitiative "Kein Atommüll in Ahaus" gehört Hartmut Liebermann, 49, zu den Aktivisten der ersten Stunde. Der Studiendirektor fungiert nicht nur als Sprecher der Bl, sondern hat auch mehrmals gegen die Betriebsgenehmigungen des Zwischenlagers geklagt - immer an der Seite des Landwirts Hermann Lentig, dessen Grundstück
an das Betriebsgelände grenzt
.

NE: Ahaus war über Jahre hinweg selbst in der Anti-Atom-Bewegung ein weißer Fleck auf der Landkarte. Daß es neben Gorleben unter anderem auch imWestmünsterland ein nukleares Zwischenlager gibt, scheint sich nun langsam herumgesprochen zu haben?

Liebermann: Eindeutig ja. Seit dem Castor-Transport nach Gorleben im vergangenen Frühjahr haben wir die Unterstützung der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg und vieler anderer Initiativen aus dem ganzen Bundesgebiet.Auch die überregionalen Medien haben mittlerweile die Bedeutung des Atomstandortes Ahaus erfaßt, was unsere gestiegene Präsenz erklärt. Nicht nur aus diesen Reihen bekommen wir mehr Unterstützung, sondern, was genauso wichtig ist, auch hier im Ort selbst. Gegen die Atomkraft haben sich die größte katholische Kirchengemeinde und die Protestanten ausgesprochen. Bei den Schienen- Aktionstagen im vergangenen Herbst rollten nach langer Zeit wieder die Bauern mit ihren Traktoren an.

NE: Verständlich, denn der Standort Ahaus wird für die Atomwirtschaft immer wichtiger.

Liebermann: Seit November 1997 liegt die Genehmigung vor, mit der neue, größere Behältertypen ins Zwischenlager abgestellt werden können. So können statt 1.500 nun rund 4.000 Tonnen radioaktiven Schwermetalls nach Ahaus gebracht werden. Schon vorab ist auf dem gleichen Gelände der Neubau einer Halle genehmigt worden, die dreimal so groß sein wird wie das bestehende Gebäude. Gedacht ist bei der Erweiterung, vor allem sogenannten schwach- und mittelradioaktiven Müll einzulagern. Obwohl diese Baugenehmigung seit zwei Jahren vorliegt, haben die Betreiber noch nicht mit dem Bau begonnen. Nach den jüngsten Äußerungen vom Management des Zwischenlagers soll die Entscheidung über den Neubau nicht vor dem Jahr 2000 fallen.

NE: Warum?

Liebermann: Es gibt zwei Gründe: Der französische Atomkonzern Cogema hat den deutschen Stromversorgern anscheinend finanziell attraktive Verträge für die weitere Einlagerung in derWiederaufbereitungsanlage La Hague angeboten. Gleichzeitig wird der dort lagernde Müll teilweise konditioniert, das heißt das Volumen sinkt. Ob und in welchem Umfang die neue
Halle gebaut und genutzt wird, hängt auch von dem Plan der Geschäftsführung vom Zwischenlager ab, in diesem Neubau neben schwach- und mittelradioaktivem Müll alternativ auch Brennelemente lagern zu wollen. Ob es soweit kommt, hängt von den Atomkraftwerk-Betreibern ab, die unterschiedliche Konzepte bei der atomaren Entsorgung verfolgen - das reicht von derWiederaufbereitung bis zur direkten Endlagerung von Brennelementen.

NE: In Ahaus wird der Atommüll in den Castor-Behältern gelagert. Ihr Gutachter, der Gießener Professor Elmar Schlich, hält diese Zylinder für völlig unzureichend.Was sind die Schwachstellen?

Liebermann: Schlich, der früher selbst für die Firma Nukem Atom-Behälter entwickelt hat, gehört zu den wenigen Fachleuten auf diesem Gebiet. Nach seiner Einschätzung sind die Castor-Behälter nicht richtig getestet worden. Es hat zwar computer-Simulationen gegeben, aber keine Versuchsreihen wie beispielsweise Crash-Tests mit Original-Behältern. Solch ein Vorgehen ist in der Automobil-Industrievöllig undenkbar.Warum die Behörden das in der sensiblen Atomtechnologie akzeptieren, ist schleierhaft.

NE: Der nordrhein-westfälischeWirtschaftsministerWolfgang Clement hat den anstehenden Castor- Transport eine "Provokation" genannt. Sehen Sie in dieser Äußerung Anzeichen dafür, daß dieAhauser Bürgerinitiative plötzlich Unterstützung von der Düsseldorfer Landesregierung bekommt?

Liebermann: Nein, Clements Äußerung ist nichts als eine gezielte Irreführung. Die Landesregierung will damit den Schwarzen Peter loswerden. Seit einem dreiviertel Jahr führt Nordrhein-Westfalen intensive Gespräche mit der Bundesregierung über die Einzelheiten des Transports, der minutiös mit einem gigantischen PolizeiAufgebot geplant wird.

NE: Sie werfen Ministerpräsident Rau ohnehin vor, die Ahauser Bürger mit einem gebrochenen Versprechen getäuscht zu haben.

Liebermann: In der Bund-LänderVereinbarung zur Entsorgung der Atomkraftwerke aus dem Jahr 1979 haben die Regierungschefs festgelegt, daß zum Zeitpunkt der ersten Einlagerung von Brennelementen aus Leichtwasserreaktoren im Zwischenlager Ahaus die Inbetriebnahme des Salzstocks Gorleben als Endlager gesichert sein muß. Selbst die optimistischten Fachleute aus dem Bundesumweltministerium können nicht annähernd einschätzen, wann und ob Gorleben in Betrieb geht.Vor diesem Junktim, das Ministerpräsident Rau mehrfach gegenüber der Bürgerinitiative und der Ahauser Bevölkerung zugesagt hat, macht die NRW-Landesregierung überhaupt keinen Gebrauch. Die Landesregierung tut überhaupt nichts, um dieses Junktim gegenüber dem Bund durchzusetzen.

NE: Dieser Landesregierung gehören seit Mitte 1995 auch die Bündnisgrünen an. Haben Sie nicht insbesondere aus diesen Reihen mehr Unterstützung erwartet?

Liebermann: Auf jeden Fall, wobei wir bei den Grünen differenzieren.Auf Parteiebene gibt es zahlreiche Untergliederungen und Mitglieder, auch im Landesvorstand, die sich für eine Unterstützung des Widerstands in Ahaus stark machen. Dazu hat ja auch der Landesparteirat im vergangenen April entsprechende Beschlüsse gefaßt. Dagegen hat die Landtagsfraktion bislang zu wenig getan und deshalb nichts erreicht. Die Vereinbarungen im Koalitionsvertrag beider Parteien zu Ahaus waren nicht das Papier wert, auf dem sie geschrieben wurden.Von der beispielsweise zugesagten Beteiligung de Öffentlichkeit und kritischer Fachleute bei der Genehmigung der zweiten Lagerhalle ist nichts umgesetzt worden. Von unseren wiederholten Bitten, daß die Landesregierung das erwähnte Junktim von der Bundesregierung einfordern soll, will die Mehrheit der grünen Landtagsfraktion nichts wissen. Neben Garzweiler II, so war bislang die offizielle Sprachregelung, wolle man keinen zweiten Konfliktpunkt mit den Sozialdemokraten heraufbeschwören. Nur nach dem Einknicken in der Garzweiler-Frage können wir uns kaum vorstellen, daß von dieser Landtagsfraktion für Ahaus wichtige Impulse ausgehen werden.

NE: Rettungsanker für viele grüne Funktionäre ist anscheinend Hubert Wimber, Münsters Polizeipräsident, der auch ein grünes Parteibuch hat.

Liebermann: Wimber ist zwar ein netter Mann, der das Gespräch mit uns sucht, aber das ist auch alles. Die Übergriffe seiner Beamten bei den Schienen-Aktionstagen im vergangenen Oktober haben nichts von einer grünen Handschrift erkennen lassen. Was nun an polizeilichen Planungen für den Tag X bekannt geworden ist, muß als Katastrophe bezeichnet werden.Wir werden massive Grundrechtsverletzungen erleben, der größte Polizeieinsatz in der Geschichte Nordrhein-Westfalens sollte die Grünen endlich aufwecken, welche Politik sie mit ihrem Nichthandeln stillschweigend in Kauf nehmen.

Bearbeitet am:04.03.1998 /ad


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