Stuttgartet Zeitung
vom 16.05.1998

Opposition fordert umfassende Aufklärung

Strahlende Behälter kein neues Problem

Von unserem Redakteur Klaus Zintz

STUTTGART. Nachdem Bundesumweltministerin Angela Merkel (CDU) inzwischen ein Verbot für den Transport abgebrannter Brennelemente in die französische Wiederaufarbeitungsanlage La Hague verfügt hat, melden sich
jetzt sowohl die Bonner Opposition als auch die Umweltorganisation Greenpeace zu Wort. Ursachen und Hintergründe der verstrahlten Atomtransporte müßten auf der nächsten Sitzung des Umweltausschusses erläutert werden, erklärten SPD und Grüne in Bonn. Auch die Umweltorganisation Greenpeace forderte die Offenlegung sämtlicher Fakten. Zudem müßten die Transporte in die britische Anlage Sellafield ebenfalls gestoppt werden, da das Atomkraftwerk Grohnde in den letzten beiden Jahren nicht nur nach La Hague, sondern auch nach Sellafield geliefert habe.

Von seiten der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) verlautete, daß es sich bei der erhöhten Strahlung in atomaren Transportzügen offenbar um ein europaweites Problem handele. Betroffen seien auch 16
Transporte von Deutschland nach La Hague in den Jahren 1997 und 1998. Hierfür gebe es in allen Fällen ordnungsgemäße Meßprotokolle in den deutschen Kraftwerken, die vom Technischen Überwachungsverein (Tüv) bestätigt seien und mit Dokumenten belegt werden könnten. Dabei seien die Meßwerte eingehalten worden. In der Eingangsstation in Frankreich seien dann jedoch überhöhte Werte registriert worden.

Nach Angaben der GRS wurden in 13 Fällen erhöhte Strahlungswerte in den Bodenwannen der Eisenbahnwaggons gefunden, in denen die Transportbehälter gestanden hatten. Dabei waren vorwiegend einzelne Punkte kontaminiert mit Werten zwischen 10 und 13'000 Becquerel pro Quadratzentimeter (Bq/cm²). Dies deutet darauf hin, daß radioaktiv belastetes Wasser von dem Behälter auf den Boden getropft ist. Allerdings wurden auch an den Behältern selbst teilweise erhöhte Werte zwischen 10 und 22 Bq/cm|2
festgestellt. Der Grenzwert liegt bei 4 Bq/cm|2.

Inzwischen befassen sich die beteiligten Stellen intensiv mit der Fehlersuche. Allerdings stellt Cogema, die französische Gesellschaft zur Wiederaufarbeitung, klar, daß es sich keinesfalls um ein neues Problem handele. Bereits 1992 sei eine Arbeitsgruppe eingesetzt worden, die sich mit dem Problem der radioaktiven Kontaminierung von Transportbehältern befaßt. Mitglieder sind neben der Cogema die für den Transport verantwortliche staatliche Energiegesellschaft (Electricité de France) sowie die für die Sicherheit der kerntechnischen Anlagen zuständige Behörde DSIN. Mögliche Ursachen für die unterschiedlichen Meßwerte im Absender-Kraftwerk und beim Empfänger, der Wiederaufarbeitungsanlage in La Hague, könnten zum einen unterschiedliche Meßmethoden und Meßpunkte am Transportbehälter
sein. Zum anderen könnten die Verunreinigungen auch vom Beladen der
Behälter mit den abgebrannten Kernelementen herrühren. Darauf würden die festgestellten radioaktiv strahlenden Elemente - im wesentlichen Kobalt - hindeuten. Dieses Element finde sich auch in den Wasserbecken, in denen die Brennelemente verpackt werden.

Den möglichen weiteren Weg der Verunreinigung erklären GRS-Experten folgendermaßen: Offensichtlich lagern sich in winzigen Rissen und in der rauhen Metalloberfläche die strahlenden Elemente ab und haften dann so fest, daß sie bei der üblichen Reinigung des Behälters vor dem Verlassen des
Kraftwerks nicht gut genug entfernt werden können. Während des Transportes ¸¸schwitzen'' die Verunreinigungen dann aus und tropfen zusammen mit Kondenswasser in die Bodenwanne der Transportwaggons. Es gebe allerdings, so betont die GRS, keinerlei Anhaltspunkte dafür, daß die beobachteten Verunreinigungen aus dem Innern der Behälter stammen.

© 1998 Stuttgarter Zeitung, Germany

Bearbeitet am: 19.05.1998/ad


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