Stuttgarter Zeitung

vom  17.6.98

Staatsanwaltschaft ermittelt in Neckarwestheim

Strafanzeige von Greenpeace - "Transportcontainer für Atommüll verstrahlt'' - Werksleitung: Waren nicht
informiert

wis. NECKARWESTHEIM, Kreis Heilbronn. Wegen einer Strafanzeige der Umweltschutzorganisation Greenpeace hat die Staatsanwaltschaft Heilbronn jetzt Ermittlungen gegen die Verantwortlichen des Gemeinschaftskernkraftwerks Neckar (GKN) in Neckarwestheim aufgenommen. Der Vorwurf lautet auf Körperverletzung zum Nachteil von Polizeibeamten und fahrlässigen Umgang mit radioaktiven Stoffen. Es ist bereits die zweite Anzeige im Zusammenhang mit kontaminierten Atommüll-Transporten: Wie berichtet, hat Greenpeace die gleichen Anschuldigungen schon vorige Woche gegen die Betreiber des nordbadischen Kernkraftwerks Philippsburg erhoben.

Nachdem die radioaktive Verseuchung zahlreicher Transportcontainer für Atommüll vor Wochen durch die Medien bekannt- geworden ist, hatte die Staatsanwaltschaft Heilbronn von sich aus Vorermittlungen gegen das GKN betrieben. Jetzt ist das Stadium offizieller Ermittlungen erreicht, wie die Behörde bestätigt. Schnelle Erfolge werden jedoch nicht erwartet: Es sei ¸¸ein sehr schwieriger Komplex'', sagte ein Sprecher der Heilbronner Staatsanwaltschaft gestern auf Anfrage.

Nach Paragraph 328 des Strafgesetzbuchs wird ein ¸¸fahrlässiger'' Umgang mit Kernbrennstoffen mit Gefängnis bis zu zwei Jahren oder einer Geldstrafe geahndet. Vom GKN wird die Tatsache
überschrittener Kontaminations-Grenzwerte an etlichen Transportbehältern nicht bestritten. Allerdings beteuern der kaufmännische Geschäftsführer Hans Wiedemann und sein Pressesprecher Uwe Mundt nach wie vor, daß ¸¸alle Gesetze und Regeln eingehalten'' worden seien. Man sei sich deshalb auch ¸¸keiner Schuld bewußt''.

Für den studierten Rechtswissenschaftler Wiedemann sind Kontaminationen an Transport- behältern über dem zugelassenen Grenzwert von vier Becquerel ¸¸nicht außergewöhnlich'' oder gar gefährlich. Nach seinen Angaben gibt es auch keine Meldevorschriften für die Strahlenschutz-Experten des GKN, wenn sie derartige Verseuchungen an Transportbehältern feststellen. In diesen Fällen sei lediglich eine ¸¸baldmögliche Reinigung''vorge-
schrieben: ¸¸Wenn eine Überschreitung festgestellt wird, dann wird geputzt.''

Wiedemann beteuert, daß er selbst bis vor wenigen Wochen nichts von Grenzwertüber- schreitungen gewußt habe. ¸¸Wir wußten es in der Führungsebene nicht, mußten es aber auch
nicht wissen'', sagte der schon seit 1971 amtierende GKN-Geschäftsführer in einem Gespräch mit der ¸¸Stuttgarter Zeitung''. Nach Angaben des GKN-Pressesprechers Uwe Mundt müssen die Strahlenschützer des Werkes von ihnen festgestellte Kontaminationen nur ¸¸wegmachen, aber nicht melden''. Die registrierten Werte würden dann lediglich in ein Protokoll eingetragen und zu den Akten gelegt. Inzwischen weiß sogar die Geschäftsführung des Kernkraftwerks, daß in diesen Akten allein seit 1993 mindestens acht Fälle von überhöhter Kontamination verborgen waren: Fünf verseuchte Behälter kamen aus Frankreich in Neckarwestheim an, drei aus Neckarwestheim hatten bei ihrer Ankunft in Frankreich den Grenzwert überschritten. Jetzt sollen sowohl in Frankreich als auch in Neckarwestheim die Unterlagen bis zu den
ersten Transporten im Jahr 1978 geprüft werden. Im GKN wird erwartet, daß dabei ¸¸weitere kontaminierte Behälter'' entdeckt werden.

Jetzt muß die Staatsanwaltschaft prüfen, ob bei den innerbetrieblichen Vorgängen Gesetze verletzt wurden. Sollte das der Fall gewesen sein, müssen die ¸¸Verantwortlichen'' dingfest gemacht werden. Dabei kann es sich nach Angaben  der Staatsanwaltschaft sowohl um einfache Techniker als auch um Führungskräfte der Betreibergesellschaft handeln. Geschäftsführer Wiedemann, der im Jahr 2000 pensionsreif wird, sieht vorerst keinen Anlaß zu personellen
Konsequenzen.

© 1998 Stuttgarter Zeitung, Germany

Bearbeitet am: 17.06.1998/ad


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