AP- Meldung vom 26.03.1999 07:01

Neue Technik soll Atombehälter sicherer machen

Zweites Schutzhemd aus Plastik vorgestellt - Unklar, wann Verfahren
ausprobiert werden kann

Von AP-Korrespondent Oliver Schmale

Philippsburg (AP) Monatelang haben Ingenieure und Techniker im Kernkraftwerk Philippsburg getüftelt, um eine Lösung gegen die Verstrahlungen bei den Transportbehältern für abgebrannte Brennelemente zu finden. Mit einem zweiten Schutzhemd aus Plastikfolie, das während des Beladevorgangs eingesetzt werden
soll, hoffen die Fachleute das Problem in den Griff zu bekommen. Doch ob das neue Verfahren funktioniert, kann erst bei einer Beladung des Behälters ausprobiert werden. Dafür braucht der Kraftwerksbetreiber, die Energie Baden-Württemberg (EnBW), grünes Licht von Umweltminister Jürgen Trittin aus Bonn.

«Man hat uns signalisiert, daß das Ministerium nicht gewillt ist, zur Zeit einen Probetransport nach Frankreich zu
genehmigen», erklärte ein EnBW-Sprecher. Es sei nicht gut, die Sache mit der Entsorgung auf die lange Bank zu
schieben. Ein Sprecher des Bundesumweltministerium sagte, daß das Schutzhemd zu den zahlreichen Maßnahmen gehöre, die im Zusammenhang mit der Erstellung eines entsprechenden Kriterienkatalogs stünden. Erst wenn der Katalog fertig sei, könne über die Wiederaufnahme der Transporte entschieden werden. «Ein Zeitpunkt steht noch nicht fest», betonte der Sprecher.

Die ehemalige Umweltministerin Angela Merkel (CDU) hatte im vergangenen Jahr die Transporte von
abgebrannten Brennelementen zur Wiederaufarbeitung verboten, weil an den Behältern überhöhte Strahlenwerte
festgestellt worden waren. «Wir haben den Eindruck, das Bundesumweltministerium will die Sache nicht angehen», sagte der EnBW-Sprecher. Seinen Angaben zufolge hat der Trockenbetrieb des zweiten Schutzhemdes ohne Brennelemente einwandfrei funktioniert.

Utl: Idee der Schutzhemden wurde vor 30 Jahren erfunden

Harald Bläske vom Kernkraftwerk Philippsburg beschreibt die Funktion des Plastiküberzugs folgendermaßen:
Bevor der Transportbehälter in das Reaktorgebäude komme, werde ihm zunächst ein Überzug aus Metall
übergestreift. Darüber komme dann der neue Überzug aus Plastikfolie.Nachdem der Behälter in das Lagerbecken zur Beladung abgesenkt sei, werde zwischen den beiden Schutzhemden Wasser mit leichtem Überdruck hineingepumpt, sagte Bläske. So sei fast ausgeschlossen, daß kontaminiertes Schwitzwasser aus dem Behälter mit den abgebrannten Brennelementen austreten könne.

«Die Idee mit den Schutzhemden ist schon vor 30 Jahren entwickelt worden», sagte Bläske. Bisher habe man
aber immer nur ein Überzug aus Metall verwendet. Der sei nach dem Beladevorgang gereinigt und dann beim
nächsten Mal wieder eingesetzt worden. Der eigentliche Brennelementebehälter wird ohne die Überzüge aus Plastik und Metall zur Wiederaufarbeitung nach Frankreich transportiert. Die EnBW - die aus der Fusion zwischen der Energieversorgung Schwaben und dem Badenwerk hervorgegangen ist - will zur Zeit auch nicht als einziger Energieversorger in Deutschland vorpreschen, um die Konsensgespräche mit der rot-grünen Bundesregierung nicht zu gefährden.

Doch das Unternehmen will sich nicht mehr lange vertrösten lassen. «Wir werden nicht einfach zuwarten», sagte
der Sprecher. Unterstützung bekommt die EnBW auch von der CDU/FDP-Regierungskoalition in Baden-Württemberg. Die Transporte müßten möglichst bald wieder aufgenommen werden - sei es zur Wiederaufarbeitung oder in die Zwischenlager Ahaus und Gorleben. Falls sie nicht wieder anliefen,
müßten im nächsten Jahr und dann im Jahr 2002 Kernkraftwerke abgeschaltet werden, hatte Umweltmister Ulrich Müller (CDU) erklärt.

Bearbeitet am: 31.03.1999/ad


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