Neue Energie
Magazin für erneuerbare Energien

April 1999

Neue Jobs durch Atomausstieg

Nur durch eine Energiewende lassen sich neue Arbeitsplätze schaffen
von Michael Franken

Alwin Fitting ist sauer. Der 45jährige Elektriker sieht sich als Opfer auf dem Altar politischer Ideologien."Die Beschäftigten in den Kemkraftwerken akzeptieren keinen Konsens, der nur darin besteht unsere Arbeitsplätze zu vernichten", meint der Gesamtbetriebsratsvorsitzende der RWE Energie AG. Ins gleiche Horn bläst Hans Kaltenhauser, Konzernbetriebsrat beim Bayernwerk.

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"Mehr als 40.000 Beschäftigte bangen bundesweit um ihre Zukunft", warnt Gewerkschaftsmitglied Kaltenhauser. Während im Kanzleramt die aufgebrachten Manager der vier großen deutschen Energiekonzerne RWE Energie,Veba,Viag/Bayernwerk und Energie Baden-Württemberg AG (EnBW) gegen eine Besteuerung der Atom-Rücklagen wetterten (siehe Seite 18), demonstrierten draußen lautstark mehr als 30.000 Beschäftigte der Energiewirtschaft - eine Klientel, die besonders den Sozialdemokraten wehtut. Aus der ganzen Republik waren sie angereist. Mit Trillerpfeifen, Fahnen und Transparenten ("Tritti(h)n ins Endlager") machen sie ihrem Unmut Luft, weil bisher lediglich über den Ausstieg aus der Atomenergie debattlert wurde, und nicht über einen Einstieg in eine neue Energieproduktion, die ihnen auch eine sichere Zukunftsperspektive bietet. Der Vorsitzende der Gewerkschaft Öffentliche Dienste,Transport und Verkehr (ÖTV), Herbert Mai, haute mächtig auf den Putz: "gündnisgrüne Parteitagsbeschlüsse kann man nicht mit der Brechstange durchsetzen." Bei der aufgebrachten Menge vermied es Mai, das Abschalten der 19 bundesdeutschen Atommeiler zu fordern, so wie es die ÖTV- Grundsatzbeschlüsse vorsehen. Geschickt stellte der Gewerkschaftschef immer wieder die Arbeitsplatzfrage in den Mittelpunkt, auch wenn die Demonstration nichts anderes war als eine große Werbeveranstaltung für die Atomkraft. Die besonders vom nuklearen Bonner Zickzack-Kurs betroffenen Gewerkschaften - IG Bergbau, Chemie und Energie sowie ÖTV - stecken in der Klemme. Sie wissen, daß die Liberalisierung der Strommärkte dazu führen wird, daß einige 10.000 Arbeitsplätze der härter werdenden internationalen Standortauslese zum Opfer fallen werden.

Auch ohne einen schnellen Atomausstieg wird es zu massivem Arbeitsplatzabbau kommen", meint Dieter Seifried, Energiefachmann beim Freiburger Öko-Institut.

Arbeitsplätze werden Kursgewinnen geopfert


Ähnlich wie in anderen Branchen haben die Dax-Werte der Energieversorger im Frankfurter Parketthandel deswegen ordentlich zulegen können, weil die Anleger positiv auf die Sanierungsmaßnahmen - radikaler Personalabbau - der Branche reagieren. Kräftige Kursgewinne von bis zu 14 Prozent im Falle RWE hängen mit den internen unternehmerischenVerschlankungsprozessen zusammen.

Die Börse honoriert Jean production" und konsequente "shareholder value" Initiativen. Arbeitsplätze bleiben dabei ganz klar auf der Strecke. Im Zuge der Liberalisierung der Strommärkte sind nach ÖTV- Angaben schon 40.000 Stellen gestrichen worden. Ein etwa gleich hoher Abbau steht in den kommenden Jahren noch bevor.

Veba-Chef Ulrich Hartman drohte bereits damit, künftige Investitionen im Ausland zu tätigen, wenn Rot-Grün beim Atomausstieg nicht so spurt wie die Branche es gerne hätte. "PreussenElektra kann natürlich genausogut ein Kraftwerk in Holland, in Dänemark oder in Polen bauen. Es muß nicht Norddeutschland sein", so derVeba-Lenker. Auch Atommanager Wilhelm Simson, der den Viag-Konzern seit Juli 1998 leitet, will ganz genau prüfen", ob es möglich ist bestimmte Bereiche des Viag- Konzems ins Ausland zu verlagern."

Das Muster ist bekannt. Die Statistiken derVereinigung Deutscher Elektrizitätswerke (VDEW) sprechen aber eine andere Sprache. Seit 1990 ist die Beschäftigtenzahl in der Stromwirtschaft von 230.726 auf rund 170.000 bis Ende 1998 gesunken - ganz ohne Atomausstieg und Steuerreform. Im selben Zeitraum sind beim Steinkohlebergbau fast 50.000 Arbeitsplätze in der Versenkung verschwunden, bei der Braunkohle gab es die größte Arbeitsplatzvernichtung, vor allem im Osten Deutschlands.

Dort sind allein über 100.000 Kumpel ins Bodenlose gefallen. Im rheinischen Revier sind in den vergangenen vier Jahren fast 5.000 Braunköhler "freigesetzt" worden. Die aktuellen Pläne der Stromriesen verheißen nichts Gutes für die aufgebrachten Betriebsräte wie Fitting und Kaltenhauser. Geplanter Arbeitsplatzabbau beim RWE: 4.000 Jobs, bei PreussenElektra bisher anvisiert 1.000 Stellen, beim Bayernwerk soll es 2.000 Mitarbeitern an den Kragen gehen und selbst die kleineren Unternehmen der Branche bauen weiter ab.

So will die Energieversorgung-Weser-Elbe AG (EWE) 700 Leute freisetzen, bei den Stadtwerken Düsseldorf, einem der größten deutschen Kommunalversorger, stehen in den nächsten Jahren 400 Jobs zur Disposition.

England: 70 Prozent der Energiejobs abgebaut

"Das Ende der Fohnenstange ist längst noch nicht erreicht", glaubt Energie-Experte Seifried. Ein Blick auf den liberalisierten britischen Strommarkt zeige, in welche Richtung der Zug rolle.A1lein die beiden Energieversorger National Power und PowerGen haben ihre Belegschaften um satte 70 Prozent abgebaut. "Da gab es nur die Zwänge des Marktes und keine Atomausstiegsdebatte", erklärt SPD-Umweltpolitiker Michael Müller. Skeptiker rechnen mit einem noch nie dagewesenen Arbeitsplatzabbau in der Stromwirtschaft, wenn der Staat nicht gegensteuert und eine fundamentale Kurskorrektur einleitet.

Der Energie-Standort Deutschland könne nur dann reichlich mit Arbeitsplätzen gesegnet werden, wenn die erneuerbaren Energiequellen wie Wind,Wasser, Sonne und Biomasse stärker genutzt werden und zudem die Kraft-Wärme-Kopplung systematisch ausgebaut wird. Die konventionelle fossil-atomare Stromproduktion ist ein Auslaufmodell, sie kann auf Dauer keine jobmaschine sein. In Bonn erklärte Bundeswirtschaftsminister Werner Müller (parteilos) vor einer tobenden Demonstrantenschar: "Nur werden durch unsere Energiepolitik keine Arbeitsplätze gefährdet, wir werden Arbeitsplätze sichern und neue Arbeitsplätze schaffen."

Die Frage ist nur, wie will die rot-grüne Koalition das anstellen, wenn sie über kein durchdachtes und ausgefeiltes Energieprogramm verfügt. Sicher ist doch, wenn der Ausstieg aus der Atomenergie nicht zu einer wohlfeilen Worthülse verkommen soll, dann werden zwangsläufig Arbeitsplätze in der Stromwirtschaft zur Disposition stehen. Nur eine von Politik, Industrie und Gewerkschaften gemeinsam getragene, konsensfähige Energiewende kann dauerhaft eine sich im Rahmen der Liberalisierung der Strommärkte abzeichnende Besc ä igungskrise verhindern. Dazu wäre es notwendig, ein energiepolitisches Konversionsprojekt von bisher ungeahnter Größe anzuschieben.Wer das nicht erkennt, wird allenfalls weiterhin bei unbedeutenden kosmetischen Eingriffen bleiben, aber keinen strukturellen, klimaverträglichen Wandel herbeiführen.

Flickschusterei ist die falsche Antwort auf eine Herausforderung, die letztlich darin besteht, zentrale Versorgungsstrukturen umweltfreundlich und verbrauchernah zu dezentralisieren.

Denkfabrik für alternative Energien


Der amerikanische Klima-Experte Ross Gelbspan hat dafür schon vor Jahren die theoretischen Grundlagen geschaffen. Seine Idee: Ein energiepolitisches Sofortprogramm",das ähnliche Unterstützung erfdhrt wie einst das Manhattan Project zum Bau der Atombombe". Seine Oberlegungen sind verblüffend einfach und dennoch überzeugend. Innerhalb kürzester Zeit sei es dem militärisch-industriellen Komplex in den USA während des Zweiten Weltkrieges gelungen, die Atombombe zu entwickeln. DieserVergleich dient Gelbspan als Hinweis, "für das Außergewöhnliche, zu dem Menschen unter Druck fähig sind". In einem Zeitraum von nur zehn Jahren könnten die bestehenden fossil-atomaren Kraftwerksstrukturen soweit aufgeweicht sein, daß erneuerbare, klimafreundlicheVersorgungsstrukturen im großen Stil etabliert wären.

Dazu müßten tiefe Einschnitte zum Beispiel bei der Umschichtung der Milliardensummen erfolgen, die bisher in die Subvention der Steinkohleförderung und der atomaren Energieproduktion fließen.

Zu Gelbspans Konversionsplan gehört auch eine "riesige Denkfabrik - mit Industriebossen, Ingenieuren, Regierungsvertretern und Energie-Experten -, die verschiedene alternative Energietechnologien bewertet." Um dieVorzüge der Energiewende in den Köpfen der Menschen überhaupt bekannter zu machen, sollte die Werbebranche ihr "ganzes kreatives Potential nutzbringend" einsetzen, um eine konsensfähige Akzeptanz erneuerbarer Energien zu fördern. Seit gut einem Jahr versuchen die großen Energieversorger, sich mit aufwendigen Werbekampagnen und Fernsehspots in der Öffentlichkeit zu präsentieren.

100 Millionen Mark haben RWE, PreussenElektra, Bayernwerk,VEW und zahlreiche andere ausgegeben, um sich als Marke gegenüber der Konkurrenz abzugrenzen. Mit Werbe- und Sponsoring-Kampagnen wollen die Unternehmen vor allem viele Kunden bei der Stange halten. "Man stelle sich mal vor, wie es wirken würde, wenn die Branche in der gleichen Form für die Energiewende werben.würde", meint Dieter Seifried.

Was wäre, wenn der "Schummi-Effekt" über die deutschen Lande schwappen würde? Schließlich ist die Ferrari-Begeisterung, trotz der Pleite des Kerpeners beim ersten Formel-l Rennen in diesem Jahr nicht abgerissen, weil sie ein Produkt eines riesigen Werbe- und Marketingapparates ist. In einer von Verbänden, Pressure Groups und den Massenmedien beherrschten Gesellschaft sollte es doch möglich sein, so US-Journalist Gelbspan, eine vergleichbare Begeisterung für die Energiewende zu puschen.

"Voraussetzung ist daß diese Entwicklung gewünscht wird", so der ehemalige Redakteur des Boston Globe. Ähnlich argumentiert Holger Krawinkel, Leiter der Energiestiftung des Landes Schleswig-Holstein. Parallel zum Bündnis für Arbeit müsse die Politik ein "Bündnis für eine neue Energiepolitik" initiieren.

Investitionen fürWind, Solar, Biomasse nutzen

"Der Weg in ein neues Energiebündnis der aufgeklärten und zukunftsgewandten Teile von Politik undWirtschaft erfordert ein gemeinsames positives Ziel, für das auch eine Mehrheit der Bürger begeistert werden kann", meint Krawinkel. Und das könnte ein vom Staat gelenkter Einstieg in ein modernes Energiesystem sein.

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Dazu gehört für Krawinkel beispielsweise eine Technologiepolitik, die zu einer Beschleunigung der Marktreife von Biomasse- und Solarenergie sowie der diversen Einspartechniken führt."Dabei gilt es, die im internationalen Maßstab enorme Investitionskraft der deutschen Energiewirtschaft zur Erreichung der neuen energiepolitischen Ziele zu nutzen", meint der Kieler Energiefachmann.

Noch ist in diesen Tagen hierzulande von Krawinkels Überlegungen wenig zu spüren - das spricht aber nicht gegen sie, sondern macht nur deutlich wie schwierig es ist, eingetretene Pfade zu verlassen, mit denen sich noch gut verdienen läßt.

Genau wie die alte Bundesregierung gibt die neue auch in diesem Jahr fast 400 mal mehr Geld für die heimische Kohlesubvention aus als für den Ausbau der erneuerbaren Energien. Bis zum Jahre 2005 werden so knapp 60 Milliarden in den Zechen auf Nimmerwiedersehen verschwinden und das bei gleichzeitigerVernichtung von fast 50.000 Arbeitsplätzen. Eine völlig paradoxe Perspektive, wenn zugleich via Bündnis für Arbeit neue Jobs geschaffen werden sollen. Eine schrittweise Konversion einzuleiten, heißt in diesem Fall, sukzessive Umleitung der Subventionen bei gleichzeitigem Ausbau regionaler, arbeitsplatzintensiver Energieversorgungsstrukturen.

Ein ersterAnfang ist zumindest mit dem 1 00.000-Dächer-Programm gemacht.Weitere Schritte müssen folgen, um einen spürbaren Beschäftigungsboorn vom Zaun zu brechen. Raus aus der Atomenergie, rein ins Solarzeitalter - nach diesem Motto
setzt der Bundesdeutsche Arbeitskreis für Umweltbewußtes Management (B.A.U.M.) in Hamburg das Signal zum Einstieg in eine Energiewende von unten. Mit der "Solarkampagne. 2000", die am 24. März offiziell in Frankfurt gestartet worden ist, rührt erstmals eine private Organisation in großem Stil die Werbetrommel für umweltfreundliche Energien.

Solareinstieg schafft Tausende Arbeitsplätze

Die Kampagne konzentriert sich auf Solarkollektoren zur Brauchwassererwärmung. Schon in den vergangenen fünf Jahren lagen die Steigerungsraten im Solarthermiemarkt bei 25 Prozent pro Jahr.

 

Allein 1998 wurden bundesweit fast 450.000 Quadratmeter Kollektorflächen auf Dächern in stalliert."gei erhöhter staatlicher Förderung könnte bis Ende des kommenden Jahrzehnts eine Steigerung von heute drei auf fast 17 Millionen Quadratmeter erreicht werden", meint B.A.U.M.-Vorstand Maximilian Gege. So ließen sich nach optimistischen Schätzungen 100.000 Jobs neu schaffen. Durch solche Programme werden auch Beschäftigungsperspektiven für von Arbeitslosigkeit bedrohte Kumpel geschaffen. Kühle Rechner wie Dieter Seifried können angesichts der aktuellen Debatte über die Vor- und Nachteile eines kurzfristigen Atomausstiegs nur mit dem Kopf schütteln.

Der Freiburger Energiewissenschaftler geht von 200.000 neuen Arbeitsplätzen aus, wenn die Energiewende bis 2020 konsequent verfolgt wird. Erst der Ausstieg mache den Weg frei für Investitionen in Energieeinsparung, rationelle Energienutzung und vor allem erneuerbare Energien. Auch die Gewerkschaften haben nachgerechnet. Die IG Bauen- Agrar-Umwelt (IG Bau) ist zuversichtlich, mit der neuen Wärmeschutzverordnung einen Beschäftigungseffekt von immerhin 80.000 Jobs erzielen zu können. Selbst in den Kommentaren des den Stromkonzernen gewogenen "HANDELSBLATT" ist derAusbau der erneuerbaren Energien zurAbfederung negativer Effekte auf den Arbeitsmarkt beim schrittweisen Ausstieg aus der Atomenergie kein Tabu mehr.

Freiwillige Initiativen für eine wachsende Penetration regenerativer Versorgungsquellen würden einen effizienten Einstieg und damit auch positive geschäftigungsimpulse begünstigen", hieß es kurz vor der großen Pro-Atomveranstaltung in Bonn. Nüchtern betrachtet lassen sich die Ängste der Betriebsräte Fitting und Kaltenhauser nicht so recht nachvollziehen. Selbst wenn die ersten Meiler in den nächsten drei bis vier Jahren vom Netz gehen sollten, danach muß erst einmal aufgeräumt werden.

Und so ein Rückbau der strahlenden Betonruinen bringt im Regelfall 80 Prozent der alten Belegschaft für die darauffolgenden 10 bis 15 Jahre noch reichlich Arbeit und Brot. Und der Rest könnte bei einer konsensfähigen Energiewende noch vor Erreichen des Rentenalters einen adäqua.ten Arbeitsplatz finden. Die Gewerkschafter müssen aufpassen, daß sie sich nicht vor den Karren der Manager wie Dietmar kuhnt, Ulrich Hartmann,Wilhelm Simson und Gerhard Goll, den Chefs der vier großen deutschen Atomstromer, spannen lassen. Denn die stellen sich auf einen härteren Wettbewerb in einem offenen Strommarkt ein.

Zuviel Personal ist dann eher eine lästige Fracht, die das Tempo des "shareholder value" Kurses eher drosselt und die dann, wenn der Mohr seine Schuldigkeit getan hat, schon in der Vergangenheit relativ schnell entsorgt wurde.

Bearbeitet am: 08.04.1999/ad


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