„Technik und Leben“, das „Informationsforum der Gemeinschaft Technik Hannover“ ist das Mitteilungsblatt für VDI-Mitglieder in Niedersachsen

Wie gut werden seine Leser, vorwiegend Ingenieure, über Probleme der Kernkraft informiert?
Ein Beispiel aus der Ausgabe 4/2001

 

VDI: Kernkraftwerke vor Terrorangriffen weitgehend sicher

Angesichts der kürzlich zurückliegenden Ereignisse teilt der VDI Verein Deutscher Ingenieure mit, dass er Terrorangriffe auf deutsche Kernkraftwerke mit der möglichen_Folge eines Kernschmelzunfalles für sehr unwahrscheinlich hält.

Im Vergleich mit anderen Industrieanlagen weisen Kernkraftwerke ein sehr hohes Sicherheitsniveau auf. Seit Einführung der Leitlinie 19.1 der Reaktorsicherheitskommission von 1974 wird für deutsche Kernkraftwerke auch der Schutz gegen Flugzeugabstürze angestrebt.

Bei der Auslegung von kerntechnischen Anlagen wird dabei der Aufprall eines militärischen Düsenflugzeuges (zunächst Starfighter. später Phantom F?4) mit Auswirkungen von Trümmern, Wrackteilen und Treibstoffbränden berücksichtigt. Beim Zusammenstoss trifft eine dünnwandige und weiche Konstruktion aus Leichtmetall auf eine harte, dickwandige, fest verankerte und unnachgiebige Struktur der Kraftwerkshülle aufgrund der gedrungenen Massivbauweise aus Stahlbeton. Entscheidend für die Auslegung der Kraftwerkshülle sind deshalb Ausrichtung, Masse und Geschwindigkeit der Triebwerke mit ihren schweren Turbinenwellen aus Stahl, wobei der denkbar ungünstigste Fall unterstellt wird.

Verglichen mit einem Militärflugzeug ist bei der Kollision eines Linienflugzeuges trotz der deutlich größeren Masse ein hohes Sicherheitspotenzial vorhanden. So bieten die Verteilung der Masse in einem Verkehrsflugzeug, etwa die Anordnung der Turbinen, und das große Verformungspotenzial des Rumpfes Unterschiede zum Militärjet, die einen Aufprall erheblich abmildern. Weiter erreicht eine Passagiermaschine nicht die Geschwindigkeit eines Militärjets und weist nicht dessen Manövrierfähigkeit auf. Im Vergleich zu einem 400 Meter hohen Wolkenkratzer sind Kernkraftwerke deutlich schwieriger zu treffen, insbesondere an ihren sensiblen Stellen.

Von den Kernkraftwerken in Deutschland sind lediglich fünf nicht explizit gegen Flugzeugabsturz ausgelegt.

Gleichwohl besitzen auch sie einen weitreichenden Schutz gegen Flugzeugabsturz, wie angesichts der massiven Bauweise und der Auslegung gegen Erdbeben zu erwarten ist. Vier Kernkraftwerke sind gegen Abstürze von Starfightern ausgelegt, die übrigen zehn gegen den Absturz einer Phantom F?4.

Das sehr hohe Sicherheitsniveau aller Kernreaktoren wird durch mehrere, räumlich getrennte Kühlsysteme und das "Mehrbarrieren?Konzept" gewährleistet. Letzteres umfasst die Urandioxid?Matrix, das gasdichte Brennstoffhüllrohr, den Reaktordruckbehälter umgeben von einem Stahlbetonzylinder (biologisches Schild) sowie weiteren Betonstrukturen, den Sicherheitsbehälter aus Stahl und das Reaktorgebäude.

Vorgelagerte Gebäude und die geographische Lage der Anlagen bieten weiteren Schutz gegen gezielte Flugzeugabstürze. Kernkraftwerke bieten somit infolge der geringen Erfolgschancen kein bevorzugtes Ziel für auf maximalen Schadenseffekt ausgerichtete Selbstmordattentäter.

Kernkraftwerke abzuschalten, um Terrorangriffe zu verhindern, bringt keine Gewinn an Sicherheit, da das radioaktive Inventar zur Abkühlung mindestens ein Jahr in der Anl age verbleiben muss. Die Sicherheit von Zwischenlagern für verbrauchte Brennelemente gegen Einwirkungen von aussen wird hauptsächlich durch die Sicherheitseigenschaften der Transport- und Lagerbehälter bestimmt. Die Untersuchungen an Castor- Transport- und Lagerbehältern haben eindeutig gezeigt, dass die Sicherheitsfunktion auch im Fall von Explosionen, Flugzeugabstürzen und mehrstündigen Brandeinwirkungen erhalten bleiben. Hervorzuheben ist ebenso, dass Sicherheit gegen Terroranschläge nur durch eine ganzheitliche Berücksichtigung aller beteiligten Systeme wie Flughafen, Flugzeug, Flugüberwachung, Gebäude und Anlage sowie Brand und Katastrophenschutz erzielt werden kann. Dabei muss es das vorrangige Ziel sein, den Missbrauch von Verkehrsflugzeugen als Waffen durch Terroristen zu verhindern. Mit fachlichen Stellungnahmen steht der VDI mit seinem zahlreichen Experten aus den verschiedensten Fachgebieten für Politik und Behörden jederzeit zur Verfügung.

Ralf Kistermann,
VDI Düsseldorf

Unser Kommentar:

es ist unzutreffend, dass die bauliche Vorsorge bei allen Kernkraftwerken gegen den Absturz eines Flugzeuges schützt. Ein wenig wird das im Text dann auch relativiert. Für Isar 2, Emsland und Neckarwestheim 2 mit ihren 1,8 Meter dicken Betonhüllen könnte das eventuell noch zutreffen. Obrigheim, Stade und Biblis jedoch besitzen lediglich 0,60 Meter dicke Kuppeln.

Einmal angenommen, die Hüllen würden tatsächlich den Absturz eines Großflugzeugs überstehen. Die bis 20fach größere Kerosinmenge (kein Wort wird darüber verloren) im Vergleich zu einer Phantom würde vermutlich wichtige Sekundäreinrichtungen, also sensible Stellen, so stark beschädigen, dass der Reaktor außer Kontrolle geraten könnte. Die größere Masse eines Linienflugzeugs ist insofern irrelevant. Auch die Behälter im Zwischenlager wären in Gefahr. Die Brandprüfungen wurden lediglich bei 800°C während 30 Minuten, und nicht mehrstündig vorgenommen. Im WTC soll es aber Temperaturen von über 1000°C gegeben haben. Das WTC ist schließlich nicht infolge der Wucht des Aufpralls zusammengebrochen, sondern durch die hohen Temperaturen.

Die Behauptung, die Untersuchungen an Castor-Transport- und Lagerbhältern hätten eindeutig gezeigt, dass die Sicherheitsfunktion auch im Fall von Explosionen, Flugzeugabstürzen und mehrstündigen Brandeinwirkungen erhalten bleibt, ist schlicht unzutreffend.

Der (!) brand-geprüfte Behälter entsprach darüber hinaus in entscheidenden konstruktiven Merkmalen nicht der Serienausführung.

Die Sicherheitsfachleute der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA - Wien) haben öffentlich erklärt, daß kein Reaktor der Welt gegen einen Anschlag, vergleichbar mit dem auf das World Trade Center, ausgelegt sei. Die IAEA, die satzungsgemäß die Förderung der friedlichen Nutzung der Atomenergie weltweit zur Aufgabe hat, wird eine derartige Erklärung kaum grundlos abgeben. Für deutsche Reaktoren hat der Vorsitzende der Reaktor-Sicherheits-Kommission die Aussage der IAEA öffentlich bestätigt.

Wieso einerseits fünf AKW nicht explizit gegen Flugzeugabsturz ausgelegt sind, gleichzeitig aber einen weitreichenden Schutz bieten sollen, wird nicht näher erklärt. Inzwischen wissen wir, wie erfindungsreich Terroristen sein können. Wer sagt denn, dass der Angriff mit Verkehrsflugzeugen erfolgen muss? Angesichts des Besuches des Herrn Motassadek im AKW Stade gleicht die Behauptung, Kernkraftwerke seien kein bevorzugtes Ziel, Pfeifen im dunklen Wald.

Bearbeitet am: 16.01.2002/ad


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