greenpeace.gif (6158 Byte)-Magazin
Nr. 5/2003

A t o m a u s s t i e g  

Inhalt:

Pionierarbeit - Im ostdeutschen Greifswald wird der weltweit erste große Reaktor demontiert

Atommüll - Noch immer ist kein Endlager in Sicht

Atomkraftwerke:

DEUTSCHE ATOMKRAFTWERKE
AUSSER BETRIEB

 

NAME
Bundesland
Start Betriebs-
ende
Rückbau
KAHL
Bayern

 

1962 1985 1988-2006
KARLSRUHE(MZFR)
Baden-Württemberg

 

1965 1984 1987-2004
RHEINSBERG
Brandenburg

 

1966 1990 1995-2006
GUNDREMMINGEN A
Bayern

 

1966 1977 1983-2005
JÜLICH
Nordrhein-Westfalen

 

1966 1988 1994-2012
LINGEN
Niedersachsen

 

1968 1977 seit 1988 SE*
GROSSWELZHEIM
Bayern

 

1969 1971 1983-1998
WÜRGASSEN
Nordrhein-Westfalen

 

1971 1994 1997-2010
NIEDERAICHBACH
Bayern

 

1972 1974 1987-1995
GREIFSWALD I
Mecklenburg-Vorpommern

 

1973 1990 1995-2010
GREIFSWALD II
Mecklenburg-Vorpommern

 

1974 1990 1995-2010
KARLSRUHE(KNKll)
Baden-Württemberg

 

1977 1991 1993-2004
GREIFSWALD III
Mecklenburg-Vorpommern

 

1977 1990 1995-2010
GREIFSWALD IV
Mecklenburg-Vorpommern

 

1979 1990 1995-2010
HAMM-UENTROP
Nordrhein-Westfalen

 

1983 1988 seit 1997 SE*
MÜLHEIM-KÄRLICH
Rheinland-Pfalz

 

1986 1988 2004-2013
GREIFSWALD V
Mecklenburg-Vorpommern

 

1989 1989 1995-2010

*SE: Sicherer Einschluss

Wenn ich Sie kennen würde, könnten wir das Problem über Gesichtsidentifizierung lösen", sagt Manfred Meurer, "aber ich habe Sie ja noch nie gesehen." Da ist nichts zu machen: Ohne Personalausweis kein Passierschein und damit kein Zutritt zum ehemaligen DDR-Kombinat" Bruno Leuschner" bei Greifswald. "Wir sind ein Kernkraftwerk", erklärt Meurer, "da gibt es Spielregeln." Und die gedenkt der PR-Chef der Atomanlage strikt einzuhalten, auch wenn die Reaktoren in der Lubminer Heide schon vor 13 Jahren abgeschaltet wurden und längst keinen gefährlich strahlenden Kernbrennstoff mehr in ihren Eingeweiden bergen. Vor der Wende war der in Moskau promovierte Ingenieur Forschungsleiter des Kernkraftwerks.

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Im ZwIschenlager Nord, auf dem Gelände des Greifswalder Atom-
komplexes, lagert radioaktiver Müll aus dem Kraftwerk in Fässern.

Damals lieferten die Druckwasserreaktoren vom russischen Typ WWER-44o ein gutes Zehntel des Stroms, den die DDR verbrauchte, und allein Meurer stand rund iooo Mitarbeitern vor - ungefähr so vielen, wie heute insgesamt noch in diesem Betrieb beschäftigt sind. Inzwischen ist Meurer, grauhaarig, gewandt und ein wenig zu wohlgenährt, mit seinen 61 Jahren ältester Mitarbeiter des Kraftwerks, das ehedem volkseigene Kombinat eine GmbH. Und diese Firma, die "Energiewerke Nord", soll nicht etwa Strom erzeugen, sondern den Atomkomplex in seine Bestandteile zerlegen. Fünf verstrahlte und drei nie in Betrieb gegangene Reaktorblöcke gilt es auszuweiden, dazu die monumentale, über einen Kilometer lange Turbinenhalle, das Nasslager für Brennelemente und diverse Nebengebäude.

Zwar wichen bereits das kleine AKW Niederaichbach und der Forschungsreaktor Großwelzheim - beide in Bayern - der von Energieversorgern gern beschworenen "grünen Wiese", In Greifswald jedoch erfolge, so Meurer, "der erste industrielle Abbau von Kernkraftwerken" - gewissermaßen in Serie. Ob es ihn sentimental stimme, dem Abriss der Technik zuzusehen, der er sein Berufsleben gewidmet hat? Meurer verneint. Was könne, fragt er, einem Ingenieur Besseres passieren, als eine Anlage vom ersten Spatenstich bis zur Demontage zu begleiten? "jedes technische Produkt hat von Anfang an eine begrenzte Lebensdauer." Ist erst der fehlende Personalausweis beschafft, der rosa Passierschein ausgehändigt und die Leibesvisitation erfolgt, steht der Besichtigung der Abbrucharbeiten nicht mehr viel im Wege.

Zunächst aber muss sich jedermann vor Betreten des Kontrollbereichs, also den Gebäudeteilen, die radioaktiv belastet sind oder sein könnten, bis auf die Unterhose ausziehen. Im kniekurzen weißen Kittel und mit grünen Badelatschen gilt es dann die Schleuse zu passieren, Frauen links, Männer rechts. Ein wenig fühlt man sich in dem dünnen Kittelchen, als solle man in die Psychiatrie eingeliefert werden.

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Kontaminierte Abfälle landen erst in Fässer, dann in blaue Container verpackt im neunen Zwschischnlager Nord.

An der Schranke händigt ein Wachmann ein graues, knapp zigarettenschachtelgroßes Kästchen aus: ein Strahlenmessgerät, auch Dosimeter genannt. Nach neuerlichem Umkleiden geht es durch lange, leere Gänge in die Reaktorhalle von Block 2. Was als erstes auffällt, ist, dass hier nichts auffällt. Nur den, der auch Block 6 gesehen hat, jenen Reaktor, der so gut wie fertig gebaut war, aber nie ans Netz ging, vermag das Gehäuse von Nummer 2 zu beeindrucken. Dann ahnt auch der Unkundige, welche Mengen von Stahl, wie viele Kilometer Rohrleitungen, was für gigantische Kessel die Arbeiter hier herausgeschafft haben. Nur die für die Demontage notwendigen Einrichtungen, etwa die Belüftungsanlagen, blieben zurück. Und irgendwo in einem Schacht, von einer unscheinbaren Metallplatte abgeschirmt, steckt auch noch das Herz des Reaktors: der Druckbehälter.

Diesen stählernen Kadaver zu zerlegen, wird die bislang größte Bewährungsprobe für die Greifswalder Techniker sein. Sein Innenleben ist nämlich nicht bloß kontaminiert, also durch anhaftende radioaktive Partikel verschmutzt. Vielmehr hat die Neutronenstrahlung, die bei der Kernspaltung frei wird, das Metall "aktiviert", gleichsam angesteckt, so dass es nun selbst strahlt. Geplant ist, das Druckgefäß nächstes Jahr aus seiner Betonhülse herauszuheben und hängend zu zerteilen. Und zwar, der Clou, ferngesteuert, so dass sich kein Mensch dem Ungetüm nähern muss. Seit 1999 ist der Ingenieur Uwe Nikolay damit beschäftigt, die heikle Aufgabe vorzubereiten.

"Wir sind dabei, die Anlagen in Betrieb zu setzen«, erklärt er, "ich sach' mal, wenn wir den Druckbehälter runterlassen, muss der unten ja auch an der richtigen Stelle ankommen." Leicht fällt es dem wortkargen 39-Jährigen, der wie alle hier schon zu DDR-Zeiten im Kernkraftwerk beschäftigt war, nicht, das Vorhaben zu erklären. Zumal jetzt den Ingenieur Meurer die Begeisterung packt: Er schwärmt von der spinnenhaften Hebebühne, die mit eingeklappten Beinen durch eine Tür fahren kann (und die Türen sind, russische Bauart, ziemlich niedrig). Er erklärt ausführlich die ferngesteuerten Sägen, übermannshohe rote Gestelle, die den zwölf Meter langen Druckbehälter wie einen Baumkuchen zerschneiden werden - erst in Ringe, dann in Stücke. Ein halbes Jahr wird das Tranchieren pro Kessel dauern. An dem fabrikneuen Druckgefäß, das für Block 8 bestimmt war, haben die Greifswalder die ganze Prozedur bereits einmal geübt. "Wir haben bewiesen, dass es geht", sagt Meurer. Anders als ein Laie vermuten mag, kommt beim Rückbau eines Atomreaktors eher bodenständige Technik zum Einsatz: Bandsägen, Schweißbrenner, Kräne. Vielleicht als einziges Gerät verdient der so genannte Manipulator das Etikett" High-Tech". Wie ein Krake besteht dieses Roboterwesen aus nichts als Armen: ein leuchtend orange lackierter starker Arm, der die 5oo Kilogramm schweren Stahlbrocken wegschaffen soll, und zwei kleine Greifer für delikatere Aufgaben. Alles, was aus den Reaktorgebäuden herausgeholt wird, landet entweder wohlverpackt im Zwischenlager Nord, das Mitte der goer Jahre auf dem Gelände entstand, oder es passiert die Freimessanlage.

Wie der Name andeutet, gibt diese Messstation minimal oder gar nicht belastete Abfälle frei - zum Recycling oder zum Abkippen auf einer normalen Mülldeponie. Ehe die 16 Gamma-Detektoren Unbedenklichkeit signalisieren, wird jedoch manches Stück Schrott in der Dekontaminierungsanlage ordentlich geschrubbt. Bei hochwertigen Stählen lohnt sich der Aufwand, immerhin bringt Altmetallverkauf jährlich rund 700.000 Euro ein. "Ist die Verschleppung radioaktiver Verunreinigungen vermeidbar?", fragt ein Schild aus DDR- Zeiten auf dem Weg zur Dekontaminierungsanlage. Die Kollektive RM, ENR und S Ü, wer auch immer sie waren, beantworteten diese Frage mit "ja". Darin stimmen ihnen die heutigen Mitarbeiten der ZAW, der "Zentralen aktiven Werkstatt", mit Sicherheit zu. Sie haben keine Angst vor Radioaktivität, nur vor Arbeitslosigkeit. Umweltverbände fürchten, beim Rückbau der Reaktoren werde das Personal unnötig hohen Strahlendosen ausgesetzt. Anfang der goer Jahre forderte daher auch Greenpeace, das Greifswalder Atomkraftwerk nicht sofort abzureißen, sondern 30 Jahre lang zuzusperren, bis die Radioaktivität teilweise abgeklungen ist. "Sicherer Einschluss" heißt das Konzept.

"Dann wäre in 30 Jahren das Chaos ausgebrochen", hält Meurer entgegen, "dann hätte es geheißen, wie bitte, erbaut nach GOST?" Nur das mit der russischen Industrienorm vertraute Kraftwerkspersonal sei in der Lage, die Anlagen ordnungsgemäß zu demontieren. Und die Strahlenbelastung bewege sich weit unterhalb der zulässigen Grenzwerte. ieviel Millisievert pro Tag ein Arbeiter maximal abbekommen darf, weiß Meurer allerdings nicht genau. Ohnehin sagt er statt "Sievert" immer "Sievers", was dann doch irritiert bei einem, der sein Leben mit der Kernenergie verbracht hat. Ob er sich an die heute gebräuchliche Einheit für die Strahlendosis nie gewöhnt hat? "Holt' doch mal den Grünen 'ran", kommandiert Meurer, um die Grenzwertfrage zu klären. Keinesfalls deutet der Spitzname des Gesuchten auf eine grüne Gesinnung hin, er bezieht sich ausschließlich auf die Kleiderordnung: Alle Mitarbeiter tragen braune Overalls, nur die Herren vom Strahlenschutz grüne Kluft. Wie fast jeder hier dürfte es der "Grüne" Dietmar Dering denn auch als Unterstellung empfinden, brächte man ihn mit der gleichnamigen politischen Partei in Verbindung. In dieser Gegend müssen die Grünen als Sündenbock für viele zerplatzte Träume herhalten, für das Scheitern so mancher Vision von Wohlstand und Aufschwung.

Mit seinem Impulsmessgerät, das etwas an ein Bügeleisen erinnert, kontrolliert Dering angeliefertes Material. Seit 1974 arbeitet er im Atomkraftwerk: "Wenn man mir sagt, aus welchem Block das Zeug kommt, weiß ich schon, wieviel Strahlung drauf ist." Messen müsse er dann eigentlich gar nicht mehr. Was die Strahlenbelastung des Personals angehe, habe man "überhaupt keine Probleme". Das graue Kästchen, das die Besucher am Eingang in Empfang genommen haben, scheint ihn zu bestätigen: Es zeigt o,ooo Millisievert. Die zulässige Tagesdosis beträgt übrigens ein Millisievert.

Ein vierschrötiger Mann zieht Kabelabschnitte durch eine Maschine, die den Plastikmantel aufschlitzt. Er reißt den Kunststoff ab und sortiert die Reste. Zwischen Ärmel und Arbeitshandschuh lugt nackte Haut hervor, auf der sich ein tätowierter Drache windet. Ein anderer Arbeiter steht in einer Kabine, gewandet wie ein Froschmann, und spritzt Metallteile ab. Bis ZU 2000 bar Wasserdruck fräsen mit dem strahlenden Schmutz die gesamte lackierte Oberfläche weg. "Den Schutzanzug trägt er nur, weil er den ganzen Tag im Sprühnebel steht", beeilt sich ein Vorarbeiter zu sagen, "nicht wegen der Strahlung." Seinen Namen mag der Informant nicht nennen, ' tut nichts zu Sache", und für ein Foto posieren schon gar nicht - ebenso wenig wie die meisten seiner Kollegen. Dem PR-Chef verdirbt die Ziererei der Männer spürbar die Laune. "Sie müssen das verstehen", klagt er, "was wir an Berichterstattung über die Kernenergie schon erlebt haben!" Einmal in Fahrt, holt Meurer zu einer Tirade über die Technikfeindlichkeit der Deutschen aus: "In diesem Land will doch niemand mehr Ingenieur werden!" Familiäre Enttäuschungen mögen seine Wut nähren, hat doch der eine Sohn die Heimat verlassen, um im Westen sein Glück als Bauingenieur zu suchen: "Und jetzt sitzt er arbeitslos in Mönchengladbach."

in den alten Bundesländern seien die Mitarbeiter der Atomindustrie skeptische Fragen gewohnt, erklärt Anke Wagner von der örtlichen Bürgerinitiative gegen Kernenergie später, anders im Osten: "Die nehmen hier jede Kritik als persönlichen Angriff wahr." Wagner weiß von keinen Pannen beim Abriss der Atomanlagen zu berichten, doch beklagt sie mangelnde Transparenz: "Da dringt nichts nach außen." Mit Skepsis habe man auch beobachtet, dass die Energiewerke den Hafen des Kraftwerks ausbauen liegen. "Wozu das?", fragt Wagner, "es gibt für das Gelände doch keine Investoren." Die Bürgerinitiative fürchtet, irgendwann einmal könnten Schiffe mit fremdem Atommüll an Bord direkt vor den Toren des Lagers anlegen, ohne vielAufsehen oder gar Proteste zu erregen.

Meurer hingegen gibt sich überzeugt, dass die beiden Gaskraftwerke, deren Bau seit Jahren im Gespräch ist, doch noch entstehen, und dass der günstige Strom neue Industrien anlocken wird. Fest steht bislang einzig, dass sich die Lubminer Heide nicht in eine "grüne Wiese" verwandelt: Die Kraftwerksgebäude bleiben erst einmal stehen. Der Bundesfinanzminister, alleiniger Gesellschafter der Energiewerke Nord, bezahlt nur die insgesamt 3,2 Milliarden Euro teure Beseitigung der radioaktiven Altlasten, nicht den Abriss der Industrieruinen. Nicht einmal für die Einrichtung eines Museums in Block 6, dessen derbe russische Technik auch Laien fasziniert, ist genug Geld da. Vielleicht wird zumindest das Know-how der Energiewerke einige Arbeitsplätze sichern. "Unsere Einrichtungen und die Erfahrung unserer Mitarbeiter sollten für den Rückbau anderer Kernkraftwerke genutzt werden", sagt Meurer. immerhin werden die Greifswalder demnächst den Abriss des Jülicher Forschungsreaktors betreuen und voraussichtlich sogar die Verschrottung von 6o russischen Atom-U-Booten, die in der Barentssee vor sich hin dümpeln.

Das ganz große Geschäft, sagt Meurer, sei jedoch mit solcher Beratung und Projektleitung nicht zu machen: "Da bleibt Arbeit für 3o bis 40 Ingenieure." Er selbst wird nächstes Jahr in den Ruhestand gehen. Lange hatte sich der Ex-Forschungsdirektor nicht mehr im Reaktorgebäude umgesehen; nach anderthalb Stunden Rundgang wird er ungeduldig und drängt zum Aufbruch. Wieder heißt es, sich auszuziehen und diesmal spärlich bekleidet in einer fahrstuhlartigen Messkabine Haltung anzunehmen. Eine Stimme, die einer nahen Verwandten des Computers Hal aus dem Weltraumepos "2001" zu gehören scheint, deklamiert: "Drei-zwei-eins-bitte-umdrehen" Und noch einmal: "Drei-zwei-eins-keine-Kontamination." Dann ist man entlassen aus dem Kontrollbereich und darf das Kittelchen wieder gegen die eigenen Kleider tauschen. Nur die Fotoausrüstung müssen die Strahlenschützer noch gründlich ausmessen. Bis sie fertig sind und ein Messprotokoll ausgefertigt haben, vergeht eine gute Viertelstunde. " So ist das eben", sagt Meurer, vielleicht ein wenig gequält, "die Spielregeln müssen eingehalten werden."

DEUTSCHE ATOMKRAFTWERKE
IN BETRIEB
NAME
Bundesland
Start Laufzeit
rechnerisch bis
OBRIGHEIM
Baden-Württemberg

 

1969 2005
STADE
Niedersachsen
1972 2004*
BIBLIS A
Hessen

 

1975 2007
NECKARWESTHEIM I
Baden-Württemberg

 

1976 2008
BIBLIS B
Hessen

 

1977 2009
BRUNSBÜTTEL
Schleswig-Holstein

 

1977 2009
ISAR I
Bayern

 

1979 2011

*Das AKW Stade wird bereits im November 2003 abgeschaltet.

UNTERWESER
Niedersachsen
1979 2011
PHILIPPSBURG I
Baden-Württemberg

 

1980 2011
GRAFENRHEINFELD
Bayern

 

1982 2014
KRÜMMEL
Schieswig-Holstein

 

1984 2016
GUNDREMMINGEN B
Bayern

 

1984 2016
GUNDREMMINGEN C
Bayern

 

1985 2017
GROHNDE
Niedersachsen

 

1985 2017
PHILIPPSBURG II
Baden-Württemberg

 

1985 2017
BROKDORF
Schleswig-Holstein

 

1986 2018
ISAR II
Bayern

 

1988 2020
EMSLAND
Niedersachsen

 

1988 2020
NECKARWESTHEIM II
Baden-Württemberg

 

1989 2021

Endlager verzweifelt gesucht

Wohin mit dem Atommüll? Diese Frage ist bis heute nicht geklärt. Seit 30 Jahren läuft die Suche nach einem geeigneten Endlager erfolglos. Lange Zeit hofften Politiker und Atomkraftbetreiber, im Salzstock Gorleben im Wendland ihren Strahlenmüll auf lange Sicht lagern zu können. Doch bezweifelten Wissenschaftler immer wieder die Eignung des Standorts: Das Bergwerk ist durch frühere Bohrungen und eine Verbindung zum Grundwasser längst nicht so hermetisch abgeschlossen, wie das für die dauerhafte Einlagerung hochradioaktiven Materials notwendig wäre. Die vom Bundesumweltministerium begonnene Suche nach einem alternativen Standort stockt, weil sich die Atomwirtschaft weigert, die Rechnung für neuerliche Erkundungen zu zahlen.

Sie hätten, so argumentieren die AKW-Betreiber, schließlich schon 1,3 Milliarden Euro in Gorleben investiert. Für Susanne Ochse, Atomexpertin von Greenpeace, ist das nicht haltbar: "Die Stromkonzerne müssen für die Standortsuche zahlen, bis ein geeignetes Endlager gefunden ist: So steht es im Gesetz." Derweil wird das Problem immer dringlicher: Schon jetzt sind 7500 Tonnen hoch radioaktiver Müll angefallen. Und auch wenn in den nächsten Wochen das erste deutsche AKW im Zuge des so genannten Atomausstiegs abgeschaltet wird, kommen Jahr für Jahr aus den restlichen Anlagen weitere 420 Tonnen hinzu. Außerdem schickt ab Juni 2005 die französische Wiederaufarbeitungsanlage La Hague sämtlichen dort gelagerten deutschen Atommüll zurück an den Absender. Bis 2021, dem Jahr des endgültigen Atomausstiegs, wird der hoch radioaktive Müllberg auf rund 14800 Tonnen angewachsen sein. Woanders ist die Lage auch nicht besser.

29 Staaten suchen derzeit nach einem Verbleib für ihren jeweiligen Atommüll - ein geeignetes Endlager existiert bislang nirgendwo. Am weitesten scheinen die USA zu sein, die ihren Strahlenmüll ab 2010 im Yucca Mountain in der Wüste Nevadas vergraben wollen. Ob das sicher ist, darf bezweifelt werden: Das Gebiet gilt als erdbebengefährdet. Russland sieht die vergebliche Suche als geschäftliche Chance und bietet an - natürlich gegen Bezahlung -, ausländischen Strahlenmüll in Sibirien unterzubringen. "Bedenkt man, wie gewissenlos Russland mit eigenen radioaktiven Abfällen umgeht, diese im Meer versenkt oder ins Gestein presst, sind die Pläne, ausländischen Atommüll nach Russland zu holen, sehr gefährlich", warnt der russische Greenpeace-Atomexperte Wladimir Tschuprow. Doch die meisten Experten halten es ohnehin weder für rechtlich machbar, noch für moralisch vertretbar, Deutschlands strahlende Altlasten Russland aufzubürden.

TONJA SCHAFFELD

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Bearbeitet am: 04.09.2003/ad


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