Hannoversche Allgemeine Zeitung (HAZ). Ausgabe vom 20.06.03
Leitartikel zur Kernenergie des Chefredakteurs Dr. Wolfgang Mauersberg unter:

„Politik – Meinung"

Vorbemerkung:

Verfechter der Atomenergie lassen sich in zwei Gruppen einteilen: Die einen müssten es eigentlich besser wissen, werden aber für ihre öffentlich geäußerte Meinung bezahlt. Die anderen ( leider viele Journalisten) wissen kaum etwas über das Thema, glauben aber dennoch ihrer festen Meinung. Gläubige kann man nicht mit Argumenten überzeugen - wir sind geduldig und versuchen es dennoch immer wieder. Die seltenen Antworten sind meist von erschütternder Qualität.

Ausnahmsweise gab es diesmal eine Antwort. Herr Dr. Mauersberg schrieb (leicht gekürzt):

„Ich kenne die Diskussion nun auch schon seit Jahrzehnten. Ich bin kein Kernkraft-Apologet und kenne Wissenschaftler und Ingenieure, die sich durchaus jeder Diskussion stellen würden, wenn sie denn irgendeinen Sinn hätte."

Die gesperrt gedruckten Teile bilden zusammen gelesen den Original-Artikel:

HAZ: Die Atomkraft, so heißt es aus Berlin, hat in unserem Land keine Zukunft mehr.

U.K: (Unser Kommentar): Das gilt nicht nur für unser Land. Aber was bedeutet "nicht mehr"? Sie hat keine Zukunft, denn in etwa 40 Jahren werden die Uranminen erschöpft sein. Das heißt, heute neu errichtete AKW werden das Ende bereits „erleben“. Von den terristischen Quellen wird diese als erste versiegen, lange vor Öl und Gas. Was machen wir danach?

HAZ: Denn ein Ersatz für Atomstrom ist noch nicht in Sicht.

U.K: Wie kommen Sie denn darauf? Allein die Quelle „Gas aus Biomasse“ könnte den Atomstrom vollständig ersetzen. Dazu müsste natürlich nicht auf jedem Hof eine Biogasanlage stehen, sondern die Bauern könnten beispielsweise lediglich Gas produzieren und dieses dann in ein Verbundnetz liefern. Schauen Sie doch bitte mal ins Internet unter >castor.de/suchen/biomasse< dort finden Sie u.a. einen Beitrag von Prof. Scheffer über das Potenzial der Biomasse. Innerhalb weniger Jahre wäre dieses Potenzial zu mobilisieren.

HAZ: Und auch die Endlagerfrage ist ungelöst

U.K: Da haben Sie vollkommen Recht!

HAZ: Kohle zu verfeuern belastet die Umwelt, Öl und Gas sind zu kostbar, Wind- und Sonnenenergie sind noch lange nicht wettbewerbsfähig. Derzeit kommt der billige Atomstrom dafür auf, dass wir uns die Experimente mit regenerativen Energien überhaupt leisten können.

U.K: Stimmt alles! Aber warum wollen Sie den alternativen Quellen nicht dasselbe zubilligen wie der Atomenergie? Die ersten AKW wurden mit je 100 Mio. DM gefördert. Die Atomindustrie wurde während der letzten Jahrzehnte mit ungeheuren Summen gefördert. Alle Alternativen zusammen erhielten gerade einmal 10 % dieser Förderung. Ohne massive Förderung gibt es auf diesem Gebiet der Technik, und nicht nur auf diesem, nun einmal kein Ergebnis

HAZ: Ausstieg? Noch laufen alle 19 Atomkraftwerke. Im Herbst soll Stade als erstes Kernkraftwerk abgeschaltet werden – es hat seine Kosten längst eingespielt und den Stadern Wohlstand beschert.

U.K: Stimmt. Die Stader ernteten Wohlstand. Den dort produzierten Müll aber sollen gefälligst andere abnehmen. Die Stader kümmert das nicht.

HAZ: Die Energiequelle „ohne Zukunft“ spielt nicht nur eine große Rolle in der Gegenwart. Sie wirft vor allem mit Blick auf kommende Jahre und Jahrzehnte Fragen auf, die nicht länger aus dem Blickfeld verdrängt werden dürfen.

U.K: Zustimmung!

HAZ: In England und Frankreich lagern Mengen an hochradioaktivem Atommüll, der nach der Wiederaufarbeitung nach Deutschland zurückkommt und sicher gelagert werden muss. Solange die Kraftwerke laufen, fallen jedes Jahr abgebrannte Brennstäbe an, die ebenfalls gelagert werden müssen.

Das Zeug ist da und lässt sich nicht wegdiskutieren. Politiker machen ihrem Publikum gern ein X für ein U vor. Aber so weit haben sie es noch nicht geschafft, dass eine Tatsache aus der Welt verschwindet, sobald sie ihnen unbequem geworden ist.

U.K: Nicht nur Politiker, auch Journalisten machen uns gern ein X für ein U vor! „Der sicher gelagert werden muss“, formulieren Sie so schön einfach. Und genau darum geht es. Wer entscheidet, was sicher ist? Wer kann 100 000 Jahre voraussagen, wie sich die Behälter mit dem strahlenden Müll oder der strahlende Müll selbst verhalten werden? Das Wörtchen „sicher“ dürfen Sie getrost streichen. Die Sicherheit eines Endlagers kann nicht verifiziert werden. Wir müssen endlich dazu kommen, uns nicht mehr ein X für ein U vorzumachen. Die Endlagerung wird eine höchst unsichere Affaire!

HAZ: Es gibt drei Endlager.

U.K: Falsch! Es gibt kein Endlager. Was es gibt, sind Orte, an denen man glaubt, ein "Endlager" einrichten zu können. Mehr nicht!

HAZ: Bundesumweltminister Jürgen Trittin wünscht sich eine „weiße Landkarte“, auf der nichts zu sehen und zu finden ist.

U.K: Ihre Behauptung ist polemisch und deshalb verräterisch. Wir sind ganz und gar keine Trittin-Anhänger. Sie verdrehen den Sinn seiner Äußerung. Sein Hinweis bedeutete lediglich, dass alle in Frage kommenden Orte ohne Vorurteil neu zu beurteilen sind und es keine Präjudizierung von Gorleben geben sollte.

HAZ: Er bezieht das auf die Suche nach einem Endlager für den gefährlichsten Müll der Industriegesellschaft. Der Wunsch ist verräterisch. Viele Grüne wünschen sich eine weiße Landkarte mit unberührter Natur (was immer das sein mag), ohne Industrie, ohne Verkehr. Vielleicht auch ohne Menschen?

U.K: Mit der Bezeichnung „gefährlichsten Müll der Industriegesellschaft...“ haben Sie Recht. Ansonsten reine Polemik, ohne jeden Sachbezug.

HAZ: Es gibt keine weißen Landkarten mehr, schon gar nicht in der Energiepolitik. Auf der Karte von Deutschland sind viele Standorte mit Kernkraftwerken von Nord bis Süd zu finden.

U.K: Ja, und? Was haben die Standorte der Kernkraftwerke mit der Suche nach einem Endlager zu tun?

HAZ: Es gibt eine wachsende Zahl von Zwischenlagern.

U.K: Ja, und? Was hat das mit der Suche nach einem Endlager zu tun?

HAZ: Und es gibt sogar drei Standorte für Endlager. Eines befindet sich in Morsleben in Sachsen-Anhalt. Es stammt aus DDR-Zeiten und ist durchaus noch in Schuss. Zwei weitere sind weitgehend fertig gestellt und haben schon mehr als zwei Milliarden Euro gekostet: In Gorleben ist extra für hochradioaktiven Atommüll ein eigenes Salzbergwerk gebaut worden. Schacht Konrad in Salzgitter ist ein ehemaliges Eisenerzbergwerk, das ebenfalls für die Endlagerung von radioaktiven Abfällen eingerichtet wird. Dagegen opponieren viele Bedenkenträger. Inzwischen darf sich in Deutschland jeder als Sachverständiger ausgeben, wenn er sich für eine Sache interessiert und vor ihr Angst hat. Aber diese Bergwerke sind das Ergebnis allerbester deutscher Ingenieurskunst.

U.K: Mit diesen Bemerkungen dokumentieren Sie kaum glaubliche Wissenslücken. Schacht KONRAD ist nicht auf Grund geologischer Kriterien oder der tollen Ingenieurskunst als Endlager-Standort ausgewählt worden, sondern stand wegen Einstellung der Erzgewinnung zufällig zur Verfügung. Es hat keine vergleichende Prüfung mit Alternativstandorten stattgefunden. Morsleben und „Konrad“ sind darüber hinaus nur für sehr schwach wärmeentwickelnde Abfälle vorgesehen. Außerdem ist Morsleben einsturzgefährdet. Es gibt kein "Endlager", auch keine Endlagerstandorte. Was es gibt, sind Orte, an denen man glaubt, ein "Endlager" einrichten zu können. Und dass zwei Milliarden Euro ausgegeben wurden, sagt über die Eignung als Endlager nichts aus.

Speziell das Gorlebener Salzbergwerk ist als Endlager für radioaktiven Abfall völlig ungeeignet. Zwei Professoren, Grimmel (Uni-Hamburg) und Duphorn (Uni-Kiel) haben dies bereits zu Beginn der 90er Jahre ausführlich dokumentiert. Beide Professoren wurden an den weiteren Forschungsarbeiten dann nicht mehr beteiligt. Empfehlen möchten wir Ihnen, sich einmal näher mit den „Bedenkenträgern“ zu unterhalten. Sie werden schnell feststellen, dass deren Bedenken auf sehr handfesten Tatsachen beruhen. Ihr Satz über selbsternannte Sachverständige und die Angst ist wieder reine Polemik. Der letzte Satz stimmt sicherlich. Aber ein Bergwerk „allererster deutscher (deutscher?) Ingenieurskunst“ ist deshalb noch lange nicht als Endlager geeignet!

HAZ: Die Landschaft ist nicht leer, die Karte nicht weiß. Die Lager sind vielmehr ein schlagender Beweis, dass die Leute lügen, die ständig behaupten, hier zu Lande hätten sich Energiewirtschaft und Wissenschaftler nicht um die Beseitigung des Atommülls gekümmert: Die Lager wären längst fertig, wenn die Politik nicht alles getan hätte, um die Fertigstellung zu verhindern.

U.K: Und wieder Ihre Polemik. Die Energiewirtschaft verfolgt ihre Interessen. Sie redet uns ein, bei soviel ausgegebenem Geld müsse es doch ein Endlager geben. Es gibt aber keins ! Bei den Wissenschaftlern gibt es zwei Gruppen. Die einen erhalten Ihre Gelder von der Industrie. Die andern sind unabhängig und haben häufig eine der ersten diametral entgegengesetzte Meinung. Wir nennen Ihnen gern Namen. Zum Glück gibt es noch von der Industrie unabhängige Wissenschaftler, denen es zu verdanken ist, dass es noch kein Lager gibt. Und zum Glück gibt es noch die Bürger, die sich allzu leichtsinnige Vorhaben und Entscheidungen nicht gefallen lassen.

HAZ: Selbstverständlich gibt kein Politiker zu, dass er einfach nicht den Mut hat, zum Endlagerstandort zu stehen und Widerstände zu überwinden. Feigheit ist auch nicht ehrenvoll. Stattdessen beruft man sich auf Besorgnisse der Bevölkerung und sagt, dass selbst eine Lagerung des Atommülls in 1000 Metern unter dem Erdboden noch nicht sicher genug sei und dass man weiter suchen müsse, ob sich nicht etwas noch Sichereres finde.

U.K: Polemik in Reinkultur! Über ein Endlager muss zuerst wissenschaftlich und danach politisch entschieden werden. Wo kämen wir hin, wenn Politiker ohne Rücksicht auf wissenschaftliche Erkenntnisse entscheiden würden? Noch sicherer? Diese Ihre Formulierung impliziert, man wüsste heute schon, wie man diesen Müll wenigstens sicher lagert. Tatsache ist, dass dies noch niemand weiß, und wer behauptet, er wüsste es, der lügt!

HAZ: Am besten unter der Erde.

U.K: Dieser Satz steht seltsam allein. Ist das Ihre Meinung? Was heißt denn, unter der Erde? In Salz? In Ton? In Granit? Alles völlig unerforscht! Und mit dem Verbringen nach unten ist das Ende ja nicht erreicht. Der hochradioaktive Müll verändert alles um sich herum. Salz wird zersetzt, Glas zerbröselt, Behälter verrosten. Danach wird die Radioaktivität mit dem Wasser an die Oberfläche gespült und kann die Umgebung verstrahlen. Auch noch nach 100 000 Jahren!

HAZ: Die Zeit für solche Alibiveranstaltungen geht zu Ende, jetzt müssen Entscheidungen getroffen werden. Dass Deutschland eine Antwort finden muss auf die Frage der Endlagerung, ist inzwischen Konsens. Außerdem steht wohl fest, dass radioaktiver Müll unter der Erde allemal besser aufgehoben ist als in immer neuen Zwischenlagern über der Erde.

U.K: Tja, das ist leider der Wunschtraum vieler, aber eben ein Traum. In der Wirklichkeit wird es noch Milliarden kosten, bevor die von Ihnen eingeforderte Entscheidung verantwortlich gefällt werden kann.

HAZ: Genau da aber liegen sie nun, und dort sollen sie auf absehbare Zeit auch bleiben – weil Jürgen Trittin gern eine weiße Landkarte hätte.

U.K: Wer ist „sie“? Wer liegt bitte wo?

HAZ: So werden jetzt neue Lager an den Kraftwerken gebaut, statt den Atommüll wenigstens schon einmal in den für diesen Zweck mit allen Sicherheitseinrichtungen ausgestatteten Zwischenlagern in Gorleben oder Ahaus unterzubringen. Auf diese Weise werden vorläufig die ungeliebten Transporte vermieden.

U.K: Das klingt so schön logisch, ist es aber nicht. Wenn Gorleben als Endlager ungeeignet ist – und das ist es, - muss der gesamte Müll noch einmal transportiert werden. Die Zahl der Transporte ist dann nicht kleiner, sondern größer.

HAZ: Aber das Problem bleibt. Irgendwann muss der Atommüll doch noch in ein Endlager gebracht werden – das dann gefälligst die nächste Generation vollenden soll. Belastungen in die Zukunft zu verschieben, das klingt nicht gut und ist nicht ehrenvoll. Deshalb versichert die rot-grüne Bundesregierung, dass sie jetzt immerhin auf der „weißen Landkarte“ nach einem neuen Standort suchen wolle. Das hatten wir schon einmal. In Niedersachsen gab es drei, vier denkbare Standorte. Der ehemalige CDU-Ministerpräsident Ernst Albrecht hatte sich vor Jahrzehnten für Erkundungen in Gorleben entschieden, weil er nicht an mehreren Orten zugleich Ärger mit Kernkraftgegnern haben wollte. Und das soll heute anders sein?

U.K: Der erste Satz ist eine Binsenweisheit. Natürlich muss die nächste Generation das Endlager vollenden, denn so lange wird ja noch immer neuer Müll produziert. Herr Albrecht hat sich damals für Gorleben entschieden, stimmt. Aber auf welchen Grundlagen hat er seine Entscheidung getroffen? Er hat sie aus dem Ärmel geschüttelt. Über die Gründe darf man spekulieren. Sachliche Gründe gab es keine, denn Albrecht wusste von der Eignung oder Nichteignung des Gorlebener Salzstocks absolut nichts.

HAZ: Bohrtrupps nach Bayern?

U.K: Ja, warum denn eigentlich nicht?

HAZ: Man darf gespannt sein, wann Jürgen Trittin die ersten Bohrtrupps nach Bayern schickt, um Alpenfelsen untersuchen zu lassen, oder wann andere Salzlagerstätten in Niedersachsen erforscht und erschlossen werden. Ob Trittin damit noch vor der Bundestagswahl 2006 beginnt oder lieber abwartet, bis er nicht mehr im Amt ist?

U.K: Völlig überflüssige Bemerkungen, die absolut nichts zum Thema beitragen.

HAZ: Die Debatte um die Kernenergie ist ein Trauerspiel in vielen Akten. Gestützt auf breite Mehrheiten im Bundestag haben sich die Regierungen in den sechziger und siebziger Jahren entschieden, Kernkraftwerke zu bauen, um die Abhängigkeit von den Scheichs im Nahen Osten zu mindern.

U.K: Ein Trauerspiel ist es in der Tat. Aber die Abhängigkeit von den Scheichs im Nahen Osten kann schlechterdings nicht der Grund gewesen sein, denn die Stromproduktion hängt nicht am Öl. Ein Grund war, dass sich alle Beteiligten über die Nachteile und Folgen der Atomtechnik Illusionen gemacht haben. Man hat von den Vorteilen geträumt und die Nachteile zum Teil nicht sehen wollen, zum Teil auch objektiv noch gar nicht gekannt.

HAZ: Die Entscheidung hat sich energiepolitisch bewährt.

U.K: Das ist Ihre persönliche Einschätzung und die steht Ihnen selbstverständlich frei. Aber warum die Einschränkung? Energiepolitisch mag sie sich bewährt haben, gesellschaftspolitisch ist sie ein nicht zu lösendes Problem geworden. Und sicherheitstechnisch – siehe Tschernobyl und Harrisburg – ist sie ebenfalls zum Damoklesschwert geworden.

HAZ: Die politischen Enkel derer, die den Ausbau der Kernenergie forciert haben, sollten aber zu ihrer politischen Verantwortung stehen. Es ist legitim, wenn sie den Ausstieg beschließen. Aber man kann nicht Kernkraftwerke ungerührt weiter laufen lassen und sich gleichzeitig weigern, das Endlager fertig zu stellen. Und diese Schizophrenie soll auch noch moralisch sein?

U.K: Wer spricht hier von Moral? Doch wohl nur Sie. Eben weil die Enkel ihre politische Verantwortung erkannt haben, tun Sie sich mit den Entscheidungen über Endlager so schwer. Und „das Endlager“? Welches denn? Es gibt noch keins. Wer behauptet, Gorleben sei geeignet, ignoriert sämtliche Argumente, die dagegen sprechen.


Die Kommentare zu dem HAZ-Artikel wurden von der
Fachgruppe Radioaktivität
geschrieben.

Bearbeitet am: 19.09.2003/ad


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