WDR3-Radiosendung

„Kritisches Tagebuch“ vom 30.12.2003

Hätte Nebel das World Trade Center retten können?

Dass der Aufprall eines Verkehrsflugzeugs auf ein AKW oder ein Zwischenlager zur Katastrophe führen könnte, wurde lange ignoriert - bis zum 11. September 2001.

Nun soll die Vernebelung Schutz bieten - vor den Flugzeugen oder den Bürgern?

Eine Sendung von Daniel Blum  „Atomkraftwerke und die Angst vor dem Terror“

Autor: Es klingt wie eine Idee aus einem James-Bond-Film, aus einem schlechten, wohlgemerkt. Sollten Terroristen mit einem gekaperten Verkehrsflugzeug auf ein deutsches Atomkraftwerk zusteuern, soll sich die Reaktorkuppel in einen künstlichen Nebel hüllen und verstecken können. Das sehen konkrete Pläne der Energiekonzerne vor, das Bundesumweltministerium lässt das Vorhaben derzeit technisch prüfen.

O-Ton 1: OCHSE (MP3):

Ehrlicherweise muss ich sagen, als ich das das erste Mal gehört habe, habe ich gedacht, das ist ein Witz.

Autor:  … so die Reaktion von Susanne Ochse, Atomexpertin bei Greenpeace.

O-Ton 2: OCHSE (MP3):

/// So eine Nebelwolke kann einen terroristischen Angriff nicht wirklich verhindern. Und sie bietet keinen wirksamen Schutz.

Autor:  … vor allem nicht, wenn sich die Attentäter mit der Gründlichkeit vorbereiten, die sich schon bei dem Anschlag auf das World Trade Center gezeigt hat. Die Flugzeugpiloten müssten nur einen Laptop mit einem GPS-System mit an Bord nehmen, dann könnten sie sich per Satellitennavigation bequem zu den vorher einprogrammierten Koordinaten des Reaktors lotsen lassen. Walter Jungbauer von der Umweltorganisation BUND:

O-Ton 3: JUNGBAUER: (MD - 032):

/// Es ist nahezu auszuschließen, dass dieser Nebel ein sehr großes Problem darstellen würde, wenn das Ziel richtig eingegeben ist. Insofern erwarte ich nicht, dass eine solche Vernebelungsaktion – im wahrsten Sinne des Wortes – hier dazu beitragen würde, die Sicherheit sonderlich zu erhöhen.

Autor:  Selbst wenn ein Pilot im Kunstnebel nicht genau die Reaktorkuppel trifft und seinen Jumbo-Jet statt dessen knapp daneben auf das Kraftwerksgelände stürzen lässt, ist die Katastrophe womöglich nicht abgewendet. Der Trümmerflug würde die Nebengebäude des Reaktors aufreißen, Stahlträger im stundenlangen und extrem heißen Kerosinfeuer schmelzen wie Kerzenwachs.

O-Ton 4: OCHSE (MP3):

Es gibt ja den Kontrollraum, mit dem der Reaktor gesteuert wird, und wenn das Flugzeug da reincrasht und zerschellt, /// kann es natürlich auch passieren, dass der Notfallkontrollraum durch die Brände, durch die Trümmer auch noch zerstört wird. Und dann wäre der Reaktor insgesamt nicht mehr steuerbar. /// Und dann kann es auch ohne Volltreffer auf die Kuppel zu einer Katastrophe, auch vom Ausmaß von Tschernobyl, kommen.

Autor:  Mehr als zwei Jahre seit dem 11. September haben die Energiekonzerne und die Bundesregierung gebraucht, um mit der Nebelwerfer-Idee über eine erste konkrete technische Schutzmaßnahme zu beraten. Zwar hatte die Regierung damals zügig Gutachten in Auftrag gegeben, um herauszufinden, ob die Atomreaktoren dem Aufprall einer Verkehrsmaschine standhalten würden. Doch deren Ergebnisse wurden nie veröffentlicht. Und die Energiefirmen verbreiteten die Meinung, alles sei halb so wild: Zwar hätten die Kraftwerksarchitekten beim Bau nicht die Auflage gehabt, die Reaktoren absturzsicher vor Flugzeugen zu machen. Aber sie hätten sie „freiwillig“ so stabil konstruiert, dass wahrscheinlich alles gut gehen würde. Die Bundesregierung widersprach dem nie; aus Kreisen der Gutachter sickerte aber durch, dass zumindest „eine Reihe“ der Reakturkuppeln zerbersten müssten. Die offizielle Informationssperre wurde damit begründet, daß die Regierung Terroristen keine Fingerzeige für deren Anschlagsplanungen geben wolle. Ein Argument, für das Deutschlands bekanntester Atomkritiker Klaus Traube Verständnis hat; dennoch meint der frühere Manager der Atomindustrie:

O-Ton 5: traube (DAT):

Das ist aber insofern auch eine bequeme Ausrede, weil eben auf der anderen Seite bei all diesen Erörterungen auch herauskommt, daß es einen absoluten Schutz nicht gibt.

Autor:  Solche Warnungen lösen tiefsitzende Ängste aus - zu recht? Der Gefahr von Anschlägen auf Kernkraftwerke werde irrational viel Bedeutung beigemessen, meint der Physiker Heinz-Peter Butz, Pressesprecher der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit, die seit Jahrzehnten für den Staat die Sicherheit der Reaktoren begutachtet:

O-Ton 6: BUTZ (MD - 004):

/// Radioaktivität ist etwas, was man nicht sieht, nicht riecht und nicht hört. Im Gegensatz zu beispielsweise Emissionen aus anderen Industrieanlagen, die schon mal sichtbare Wolken oder übelriechende Wolken emittieren. /// Insofern stellen für mich als Wissenschaftler Kernkraftwerke kein /// wesentlich höheres Bedrohungspotential dar wie andere Industrieanlagen, die potentiell hohe Risiken birgen.

Autor:  Beispielsweise Chemiefabriken. 1931 explodierte bei einem Unfall ein Düngemittelwerk in Ludwigshafen. Über 500 Menschen starben, fast zweitausend wurden verletzt. Ein anderes Szenario: C-Waffen basieren auf Substanzen, mit denen oft auch in Chemiefabriken hantiert wird. Schon vor zwei Jahrzehnten hat der TÜV berechnet, was geschehen würde, wenn beim Bayer-Werk in Leverkusen ein Tank mit 30.000 Litern Phosgen platzen würde. Schon innerhalb der ersten halben Stunde würden über zweitausend Arbeiter und Anwohner sterben. Doch eine Kernschmelze in einer zerbrochenen Reaktorkuppel würde einen solchen Schrecken weit übertreffen – davon ist Klaus Traube überzeugt:

O-Ton 7: traube (DAT):

/// Also die Freisetzungen, die da möglich sind, von Radioaktivität, sind von einer Größenordnung wie Tschernobyl. Nur bei uns im Lande leben in der Umgebung von Kernkraftwerken fünf- bis zehnmal mehr Menschen als in der – für unsere Verhältnisse – menschenleeren Umgebung von Tschernobyl. Es wäre dort keine wirkliche Evakuierung möglich. Es würde Panik ausbrechen. Es wäre ganz entsetzlich, was sich dort abspielen würde.

Autor:  Das kontaminierte Gebiet wäre für Jahrzehnte, womöglich Jahrhunderte unbewohnbar. Die verseuchte Region wäre aus der Landkarte Deutschlands wie herausgeschnitten, Hunderttausende Bürger müssten umgesiedelt werden. Wenn sich Terroristen mit einem Selbstmordkommando verewigen wollen, sind Atomkraftwerke zweifelsohne das geeignetste Ziel, sich in das Gedächtnis der Menschheit einzubrennen. Und genau darum geht es ja bei solchen Anschlägen: es soll ein dauerhaftes Zeichen gesetzt werden, ein Symbol. Die Nebelwerfer-Idee ist darauf die spiegelbildliche Antwort: eine Reaktion von Energiekonzernen und Politik, die nicht wirklich Sicherheit schafft, es aber symbolisch suggeriert. Eine angemessene Antwort wäre dagegen, den Bürgern reinen Wein einzuschenken und die eigene Hilflosigkeit vor dem Terror einzugestehen. Und sie um eine Entscheidung zu bitten: entweder Atomstrom oder Sicherheit – beides zugleich geht nicht.

Bearbeitet am: /ad


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