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Nr. 2/2005

Wie das Atom der Welt - und uns - den Kopf verdrehte

Im nuklearen Fieberwahn.

Von MANFRED KRIENER

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Ein Traum für Atomfans, ein Alptraum auf der Straße:
Allein der Reaktor das "Seattle-iteXXI" von Ford aus dem Jahre 1962 hätte Tonnen gewogen.

Die Leser der Zeitschrift „Auto-Jahr“ mussten schon zweimal hinsehen. Im Frühling 1958 zierte das Blatt ein besonders windschnittiges Zukunftsmodell: Es war flach wie eine Flunder, besaß ein extrem langes Hinterteil und zwei kecke Haifischflossen am Heck. Das utopisch anmutende Gefährt war eine Designstudie von Ford – der atomgetriebene Zukunftswagen „Nucleon“. Das Auto mit einem Reaktor hinter den Sitzbänken sollte eine Reichweite von 8000 Kilometern haben. Von Berlin nach Sevilla und zurück ohne einen einzigen Tankstopp. Da strahlt die ganze Familie.

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Auf der Ausstellung "Atome für den Frieden" 1955 in Köln,
werden Geigerzähler auf aufblasbare Schutzanzüge vorgeführt.

 

Die Bomben auf Hiroshima und Nagasaki hatten der Welt die gewaltigen Zerstörungskräfte der Kernspaltung demonstriert. Jetzt sollte deren Zähmung die Menschheit in ein neues prosperierendes Zeitalter befördern. Der Geist aus der Uranmaschine spukte in Millionen Köpfen. Und er produzierte grandiose Zukunftsentwürfe. Vor allem in Deutschland, wo der bullige Atomminister Franz Josef Strauß die „wissenschaftliche und wirtschaftliche Umwälzung durch die Verwertung der Atomenergie“ pries.

Sie sollte nicht nur kostenfreie Energie liefern – der Stromzähler wird abgeschafft! –, sondern auch Prozessdampf, Wärme und neue Antriebskräfte. Mediziner hofften auf Radioisotope, die unheilbares Leid beseitigen, und Landwirtschaftsminister Heinrich Lübke träumte von Pflanzenmutationen durch Bestrahlung, um mit reicher Ernte den Hunger für immer zu besiegen. Auf Plakaten rollten schon die ersten Atomlokomotiven, flogen Flugzeuge und Raketen mit Nuklearantrieb durch die Lüfte der neuen Zeit. Babyreaktoren im Keller sollten die Bewohner mit Wärme versorgen.

Auch die Kultivierung der Urwälder, die Erschließung des arktischen Eises, sogar Berge versetzende Atomexplosionen für den Bau riesiger Kanäle und zur leichteren Gewinnung von Bodenschätzen wurden beschworen. Selbst ein wacher Geist wie der Philosoph Ernst Bloch glaubte, die Sahara könnte mit Hilfe des unversiegbaren Kraftstroms des Atoms üppig ergrünen. Bloch schrieb begeistert: Die Atomenergie wird in „einer blauen Atmosphäre des Friedens aus Wüsten Fruchtland, aus Eis Frühling schaffen. Einige hundert Pfund Uranium und Thorium werden ausreichen, um die Sahara und die Wüste Gobi verschwinden zu lassen, Sibirien und Nordamerika, Grönland und die Antarktis zur Riviera zu verwandeln“.

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Für die Brüsslerer Weltausstellung 1958 wurde eigenss das "Atomium" erbaut.

Den wichtigsten Impuls für die Verbreitung solch kühner Träume gab im August 1955 eine UNO-Konferenz in Genf – fast auf den Tag zehn Jahre nach Hiroshima. Bis heute gilt dieses Treffen von Atomforschern und Politikern als der einflussreichste und schillerndste Kongress der Wissenschaftsgeschichte. Er dauerte zwei volle Wochen. 2000 Wissenschaftler aus 76 Ländern waren angereist. 1129 Referate wurden eingereicht, 460 Vorträge wurden gehalten; etliche beschworen die neuen Uranbrenner als Geschenke des Himmels. Während ein artiger Minireaktor vom „Schwimmbad-Typ“ in einer Baracke auf dem Ausstellungsgelände schnurrte, verkündete der indische Konferenzleiter und bekannte Atomforscher Homi Bhabha nicht weniger als „das dritte große Zeitalter in der Geschichte der Menschheit“.

Selbst Wolf Häfele, einer der Hohepriester der deutschen Atomgemeinde, spricht später von einem „überschäumenden und unnatürlichen Optimismus“. Doch in der Öffentlichkeit wurden selbst abstruseste Szenarien diskutiert, als würden sie schon morgen Wirklichkeit werden.

Die Genfer Konferenz war Teil der Strategie von US-Präsident Dwight D. Eisenhower. Die Detonation der ersten russischen Atombombe im Jahre 1949 hatte die USA schwer schockiert. Sein Plan: Er wollte die Welt zum Verzicht auf die Atombombe bewegen und ihr als Gegenleistung ein großartiges Geschenk machen – Atoms for Peace, die „friedliche Nutzung der Kernenergie“. Um dieser Strategie den notwendigen Schwung zu geben und den Bau von Atomreaktoren in vielen Ländern anzukurbeln, ließ Eisenhower die militärischen Tresore öffnen. Die USA legten große Teile ihres bis dato geheimen atomaren Know-hows der gesamten Welt zu Füßen. Alle sollten wissen: Wer der Atombombe abschwört, wird reich belohnt.

Nicht nur die Kriegsverbündeten Frankreich und Großbritannien, auch die internationalen Atomwissenschaftler unterstützten Eisenhowers Pläne. Die friedliche Nutzung sollte eine Art Wiedergutmachung für Hiroshima werden; die neuen Reaktoren sollten die Leichenberge der 2oo.ooo japanischen Opfervergessen lassen. „Die Internationale der Atomphysiker", so der Historiker Joachim Radkau*, brauchte den Glauben an die Segnungen des friedlichen Atoms, um ihr Elitebewusstsein zu erhalten und vor der Welt nicht als Handlanger des Todes dazustehen."
Dem US-Physiker Robert Oppenheimer, einem der Väter der Bombe, ging ein indisches Epos nicht mehr aus dem Kopf: „Ich bin der Tod, der alles raubt, Erschütterer der Welten." Er rechnete dem Präsidenten vor, ein Atomkrieg könne 40 Millionen Amerikaner umbringen. Albert Einstein, Vorsitzender des Notstandskomitees der Atomwissenschaftler, verlangte „neues Denken". Die entfesselte Energie des Atoms dürfe die Menschheit nicht ausrotten, ihr ziviler Einsatz solle ihr vielmehr Segen und Wohlstand bringen.

Schon im Dezember 1:953 hatte Eisenhower mit seiner berühmt gewordenen Rede vor den Vereinten Nationen den weltweiten Startschuss für die friedliche Nutzung der Atomkraft gegeben: „Die Vereinigten Staaten werden alle ihre Kräfte des Herzens und des Verstands daran setzen, einen Weg zu finden, des Menschen wunderbare Erfindungsgabe nicht zu seiner Vernichtung zu gebrauchen, sondern dem Leben zu weihen." Dazu setzte er sich für eine Internationale Atomaufsichtsbehörde ein, die das spaltbare Material überwachen und jeden militärischen Missbrauch verhindern sollte: die bis heute aktive IAEA (Internationale Atomenergieagentur), die zuletzt im Irak Geschichte schrieb. Eisenhower versicherte den befreundeten Nationen jede Unterstützung beim Einstieg in die nukleare Energie. Atomkraft für alle -„die Möglichkeit dazu besteht jetzt, hier, heute!" Die Pläne hatten den schönen Nebeneffekt, dass die USA ihre Reaktoren verkaufen und sich die Marktführerschaft einer neuen Technologie sichern konnten.

 

Die Euphorie gebar naiver Technikträume wie Atomaustaos und -raketen.

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Die Beschreibung dieses nahenden Glücks nahm vor allem in Deutschland schnell paradiesische Züge an. Nirgendwo waren die Euphorie und die gleichzeitige panische Angst, den Anschluss an den Atomzug zu verpassen, größer als in Deutschland. Das böse Wort vom ?nuklearen Habenichts" machte die Runde. Weil die Alliierten dem Kriegsaggressor mit seinen führenden Atomwissenschaftlern jegliche Kernforschung verboten hatten, mussten die Deutschen eine lange Technikpause verkraften, die später als „Rückstandsschock" beschrieben wurde. Und diesen Rückstand wollte man um jeden Preis aufholen.

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Spätestens 1954 mit den Pariser Verträgen war die Bundesrepublik wieder souverän geworden. Auch in der Atompolitik. Ein eigenes Ministerium, mit dem dynamischen CSU-Mann Franz Josef Strauß an der Spitze, belegte die herausragende Bedeutung, die Kanzler Konrad Adenauer der Atomenergie gab: Am 5. Oktober 1955 wurde das „Bundesministerium für Atomfragen" geschaffen, das später zum „Ministerium für Atomkernenergie" umbenannt und erst 1962 von einem allgemeinen Forschungsministerium abgelöst wurde.
Atomminister Strauß erklärte die Kerntechnik sofort zur „bundesdeutschen Existenzfrage". Wer wird den Kampf um die gewaltigen Zukunftsmärkte der Atomenergie
gewinnen? Kann Deutschland mithalten oder wird es untergehen? Strauß postulierte im Einklang mit vielen Wissenschaftlern und Politikern, dass nur diejenigen Nationen, die Atomanlagen exportieren, sich „in der vordersten Reihe der Industrienationen behaupten" könnten.

Sein Nachfolger Siegfried Balke wurde noch deutlicher: „Wenn wir keine Kernkraftwerke anzubieten haben, werden wir eines Tages auch keine Staubsauger mehr verkaufen." Und der SPD-Abgeordnete Ratzel warnte im deutschen Bundestag dramatisch, es müsse verhindert werden, dass die Deutschen zu einem „atomar unterentwickelten Volk" würden.

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„Wohlstand für alle"
oder „nuklearer Habenichts"?

Für Atomminister Franz Josef Strauß war die Kerntechnik 1955 eine „Existenzfrage". Geld floss in die Forschung, wie in das 1957 von der TU München
in Betrieb genommene „Atom-Ei". Der Physiker Carl Friedrich von
Weizsäcker hingegen warnte im „Spiegel" vor der nuklearen „Versuchung".
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Mit welchem Schwung und gleichzeitiger Ahnungslosigkeit die Debatte jener Jahre daherkam, dokumentierte wie kaum ein anderes Ereignis der Münchner SPD-Parteitag von 1956. Hauptredner Leo Brandt gab den Sozialdemokraten eine anschauliche Schilderung vom „Urfeuer des Universums". Der Brennstoff Uran 235, rief er den Delegierten zu, sei „drei Millionen mal besser als Kohle". Schon ein halbes Kilo reiche, um ein Flugzeug achtmal um die Erde zu schicken. Mit der geringen Summe von einer Million Dollar könne man Kleinreaktoren in Aluminiumkisten mit den Abmessungen „2,7 mal 2,7 mal 7 Meter" kaufen. Brandt wusste auch schon, was man mit diesen Minimeilern anfangen könnte: „Diese Kisten werden in der Arktis eingegraben, einen halben Meter Eis darüber,... am Ende kommt ein Kabel heraus. Diese Kisten sind ein eineinhalb Jahre lang unbedient und ungewartet laufendes, 1o.ooo Kilowatt lieferndes, das heißt für eine Stadt von 1o.ooo Einwohnern ausreichendes Atomkraftwerk." Strahlenschutz, Entsorgung und Sicherheitsprobleme spielten keine Rolle, das Handling erschien kinderleicht.

 

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Mit dem Atom assoziieren die Deutschen die „Bombe".

bild68b.gif (2828 Byte) Ob bei Luftschiffen zum Transport von Atombombern oder dem „Atom Man" als Gegner eines bekannten Superhelden - eine spannende Zukunft beflügelte die Fantasien von Militärs, Künstlern und Comiczeichnern.

Bei aller Technikbegeisterung verloren die SPD-Delegierten die unterentwickelten Länder nicht aus den Augen: „Die Atomenergie kann zu einem Segen für Hunderte von Millionen Menschen werden, die noch im Schatten leben", so der „Atomplan" der SPD von 1956. Durch die „Hebung des Wohlstands für alle kann die Atomenergie entscheidend helfen, die Demokratie im Innern und den Frieden zwischen den Völkern zu festigen".

Ein Jahr nachdem SPD-Parteitag eskalierte die Debatte. Neben das neue glitzernde Atomzeitalter trat plötzlich wieder das alte: das Grauen der Atombombe. Bundeskanzler Adenauer hatte am 5. April 1957 die Atomwaffen als „Weiterentwicklung der Artillerie" bezeichnet. „Selbstverständlich können wir nicht darauf verzichten, dass unsere Truppen auch in der normalen Bewaffnung die neueste Entwicklung mitmachen", blieb der Kanzler auf einer Pressekonferenz zweideutig. Die atomare Bewaffnung der Bundeswehr wurde zum großen Streitfall. In ihrer berühmten „Göttinger Erklärung" protestierten 18 bekannte deutsche Atomforscher vehement gegen eine solche Aufrüstung und hielten an der Hoffnung fest, die friedliche und militärische Nutzung, die später als „siamesische Zwillinge" in die Fachliteratur eingingen, ließen sich trennen: „Atombomben könnten Kraftwerke heizen", titelte 196o die Süddeutsche Zeitung. Ganz so, als könnte die friedliche Nutzung das hässliche Gesicht der Atombombe für immer verdecken. Die Atombewaffnung der Bundeswehr konnte durch landesweite Proteste tatsächlich verhindert werden. Doch auch die friedliche Nutzung kam nur langsam voran.

Im eigenen Land sträubten sich ausgrechnet rechnet die großen Stromversorger gegen die Atomkraft und bremsten so den allgemeinen Freudentaumel. Das hatte gute Gründe: Es gab, bei Licht betrachtet und abseits jeder Euphorie, eigentlich kaum Bedarf für neue Kraftwerke, deren Kosten auch noch schwer kalkulierbar waren. Zudem hatte das RWE als größter deutscher Energiekonzern gerade in den 5oer Jahren begonnen, neben der Steinkohle im großen Stil Braunkohle zu verfeuern und in Nordrhein-Westfalen riesige Tagebaue geöffnet, um die Energie für die nächsten 5 o Jahre zu sichern. Niemand wolle sich für die technische Revolution der Atomkraft ruinieren, schrieb RWE-Vorstand Heinrich Schiller im Jahre 1957. Auch auf den Weltenergiekonferenzen hatten noch Anfang der 5oer Jahre nicht das Atom, sondern Wasserkraft, Solar-, Wind- und Gezeitenenergie als unerschöpfliche Energiequellen die Experten fasziniert. Historisch betrachtet, war dies neben der massiven Sicherheitsproblematik das eigentliche Desaster: Die damals schon aktuelle Vision der unerschöpflichen Energie aus Wind und Sonne wurde von der Atomeuphorie für Jahrzehnte ins Abseits verdrängt.

Die Energiekonzerne brauchten keinen Atomstrom und ließen sich den Einstieg in die Uranöfen deshalb vergolden. Nicht die Industrie, sondern der Staat übernahm die Schlüsselrolle bei der Entwicklung der Kerntechnik. Milliarden flossen in Forschungsprogramme und Risikobeteiligungen. Die üppigen Zuschüsse für die Stromversorger wurden kaum kaschiert. Dennoch wurde erst 1961 mit dem Bau des ersten „Leistungskernkraftwerks" im bayerischen Gundremmingen begonnen.

Doch die atomaren Ausbaupläne blieben utopisch. Euratom, der Zusammenschluss von sechs europäischen Ländern zur Entwicklung der Atomkraft, hatte in einem Gutachten 1957 den gemeinsamen Bedarf an Nuklearenergie auf 15.000 Megawatt bis zum Jahr 1967 taxiert. Tatsächlich wurde bis zu diesem Zeitpunkt aber nur eine Kraftwerksleistung von gerade mal 2100 MW installiert. Das Gutachten der Atom-Weisen von Euratom wurde zum unheilvollen Auftakt einer Flut üppig sprießender Fehlprognosen. Der Höhepunkt: Wolf Häfele, Vater des Schnellen Brüters und Guru der deutschen Atomwirtschaft, prophezeite noch im Jahre 1975 den Bau von weltweit 6200 Atomkraftwerken bis 2030.

Ohne staatliche Alimentierung wäre vermutlich kein einziges Atomkraftwerk gebaut worden. Als 1961 endlich die Finanzierung für Gundremmingen stand, stöhnte der Verhandlungsführer des Atomministeriums: „Ohne das anhaltende Drängen staatlicher und überstaatlicher Institutionen und, was schwerer wiegt, ohne deren massive Unterstützung, wäre das Vorhaben nicht, zumindest noch nicht, zu Stande gekommen."
Und die Euphorie? Anfang der 6oer Jahre war sie beinahe schon verrauscht, die Realität hatte sich leise zurückgemeldet. Doch zu einer ehrlichen Bestandsaufnahme und Korrektur hatten Politik und Wirtschaft weder die Kraft noch die Bereitschaft. Zu tief ging die emotionale Bindung an eine Technologie und die fast messianischen Heilserwartungen. Mit pathologischer Verbissenheit wurden die Atomkraftwerke auch in den 7oer und 8oer Jahren gegen den Widerstand weiter Teile der Bevölkerung durchgeboxt. So dauerte es bis zum Ende des Jahrhunderts, bis die Zukunftsentwürfe der Fünfziger Jahre endlich ad acta gelegt waren. In manchen Köpfen spuken sie noch heute.

MANFRED KRIENER

 


* Joachim Radkau: Aufstieg und Krise der deutschen Atomwirtschaft 1945-1975; Rowohlt 1983, 590 Seiten


Der Atomritt durchs All

Auch in anderen Ländern blühten bunte Atomblumen. Vor allem die USA glaubten an die segensreichen Kräfte der entfesselten Urankerne. Nach dem schnellen Sieg über Japan galt in der amerikanischen Bevölkerung alles Nukleare als großartig. Stanislav Ulam, ein Mitarbeiter im Oppenheimer-Team, entwarf 1958 die Idee des Raumschiffs „Orion". Der mit Atomkraft angetriebene Flugkörper war 4000 Tonnen schwer. Wie Benzin-Gas-Gemisch-Explosionen im Ottomotor ein Auto anschieben, sollten Hunderte rasch nacheinander gezündete Atombomben die Orion zum Mars, zum Saturn und wieder zurück katapultieren. Der Ritt durch das All auf dem Rücken der Atombombe wurde jahrelang ernsthaft erforscht. Erst im Januar 1964 wurde das Projekt als undurchführbar beerdigt.


 

Die Kritiker

Nicht alle Deutschen ließen sich von der närrischen Euphorie der 50er Jahre   anstecken. Während bei Wissenschaftlern,  Politikern und Journalisten die Atompferdchen durchgingen, behielten nicht nur Schriftsteller wie Erich Kästner, sondern auch viele Bürger die Angst  vor den atomaren Kräften: Nach einer Emnid-Umfrage von 1958 assoziierten zwei Drittel der Bevölkerung mit dem Thema „Atomenergie" zunächst die Bombe.

Mit der Verwendung des Begriffs Kernenergie versuchte die Branche später von der Verbindung zur Atombombe loszukommen, Das Allensbach-Institut ermittelte zur selben Zeit, dass sich nur acht Prozent der Deutschen vorbehaltlos für die Atomenergie aussprachen. 17 Prozent fürchteten sich vor einem Atomkrieg. Zu den Kritikern gehörte auch Friedrich Münzinger, eine Autorität im Kraftwerksbau. Er schalt die kühnen Visionen der Wissenschaftler als „geistige Verwirrung". Vor allem warnte er vor „der Illusion, dass der Bau von Atomkraftwerken ein Sonntagsspaziergang" sei.

Als Irrsinn bezeichnete es Münzinger, dass manche Länder, „in denen Öl beinahe billiger als Wasser ist, den schleunigen Bau von Atomkraftwerken" verlangten. Ein anderer Gegner wurde öffentlich vor- geführt. Max Borell, Bürgermeister der Gemeinde Friedrichstal hei Karlsruhe, die als Atomstandort ausgewählt worden war, wurde vom „Stern" als „Atomreaktionär" und Querulant gegeißelt, der „mit Dreschflegeln gegen den Bau von Forschungsreak- toren kämpfen will". Das Hamburger Magazin verglich Borells Halsstarrigkeit mit dem Widerstand gegen die „gute alte Gaslaterne".

 


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Bearbeitet am: 29.02.2004/ad


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