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-Magazin
Nr. 2/2005

Rückenwind für Reaktoren?

Von MARCEL KEIFFENHEIM

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DIE ATOMLOBBY HAT EINE "NUKLEARE RENAISSANCE" AUSGERUFEN.

STIMMUNGSMACHE, DIE VON DEN FAKTEN NICHT GEDECKT IST, KONTERN DIE GEGNER.

Peisfrage: Wie steht's um Atomkraft heute? Hervorragend, sagt die Wochenzeitschrift „Die Zeit": „Mit neuer Strahlkraft" erlebe „die Kernenergie weltweit eine Renaissance. Überall sind neue Reaktoren in Planung. Deutschland wird nicht mehr lange abseits stehen".

Eine „kühne Prognose", hält das Bundesumweltministerium in einer Stellungnahme dagegen: „Von Renaissance kann keine Rede sein." Die „Risiko Technik aus der Mitte des vergangenen Jahrhunderts" sei ein „Auslaufmodell". Findet auch GreenpeaceAtomexperte Thomas Breuer. Aber: „Die Nuklearlobby macht unheimlich Stimmung.

Da müssen wir wachsam bleiben." Vorm Stimmungstest die Fakten: Von Mitte der 50er bis Anfang der 90er wurden Jahr für Jahr weltweit im Schnitt zehn Meiler angefahren. Dann - Folge des Tschernobyl-Desasters - endete der Aufstieg der AKWs, ihre Zahl stagniert seither. Derzeit sind laut Internationaler Atomenergiebehörde 441 Reaktoren am Netz und 25 im Bau. Weltweit wurden 2004 sechs neue AKWs fertig gestellt und ein weiteres reaktiviert, das schon mal eingemottet war. Andererseits gingen fünf Meiler endgültig vom Netz - unterm Strich ein knappes Plus für die Atomkraft, aber längst noch keine Renaissance.

Dennoch ist die Laune bei Freunden der Kernspaltung gut wie lange nicht mehr. Nicht nur, dass die Atomstaaten in Osteuropa und Asien behaupten, sie wollten ihre nuklearen Kapazitäten in nächster Zeit verdoppeln (Südkorea), verdreifachen (Russland), verfünffachen (China). Erstmals seit Jahrzehnten sind neue AKWs auch im Westen Gesprächsthema. Finnland hat schon eins bestellt, Frankreich könnte demnächst folgen. Zudem werben die Regierungen in den USA offen und in Großbritannien versteckt für Atomkraft. Abgerundet wird das Stimmungsbild von einem Dutzend Schwellen- und Entwicklungsländern, die auch gern AKWs hätten, sofern man ihnen das Geld vorstreckt. „Viele Ankündigungen, wenig Baustellen", winkt man im Trittin-Ministerium ab: „Sieht so eine Renaissance aus?" Doch die Nuklearlobby hat argumentativ gehörig aufgerüstet, warnt Thomas Breuer: Schon immer machten die militärischen Möglichkeiten den diskreten Charme der Technologie aus - die friedliche Nutzung der Kernenergie ist der erste Schritt zur Atommacht. Doch jetzt geriert sich die Branche auch als Helfer gegen Klimawandel und abnehmende Ölvorräte und will überhaupt billiger, sicherer und zuverlässiger geworden sein - für Breuer allesamt leicht zu entkräftende Behauptungen.

Thema Sicherheit: „Katastrophenfreie Reaktorkonzepte" will die Nuklearbranche in der Schublade haben. Laut Umweltministerium ein jahrzehntealter Ansatz (Hochtemperaturreaktor HammUentrop), der schon damals an vielfältigen Schwierigkeiten scheiterte - unwahrscheinlich, dass sich heute jemand auf das „technische und ökonomische Abenteuer eines völlig neu konzipierten Meilers" einlasse. Der Druckwasserreaktor vom Typ EPR, den jetzt Finnland bauen will, sei eine Fortentwicklung herkömmlicher Reaktoren und bei technischem Versagen oder Terroranschlägen nicht gegen einen Super-Gau gefeit. Durch längere Laufzeiten für AKWs in den USA und anderswo sei die atomare Zukunft noch gefährlicher als die Gegenwart. Jedes weitere AKW vergrößere zudem die ohnehin riesige Menge Strahlenmüll, der für Hunderttausende Jahre gelagert werden müsse, sagt Breuer: „Ein bis heute ungelöstes Sicherheitsproblem." Rentabilität: Rechentricks lassen es so aussehen, als ob der finnische EPR konkurrenzfähig sei. Realistisch kalkuliert sei Atomenergie jedoch dreimal teurer als Kohle-, fünfmal teurer als Gaskraftwerke, so der britische Nuklearexperte Antony Froggatt.

Klima: Zwar schneidet Atomkraft in der CO²-Bilanz besser ab als fossile Energieträger. Doch allein Deutschland müsste 50 bis 70 AKWs bauen, um seine Klimaziele mit nuklearer Hilfe zu erreichen. Die richtige Reaktion seien nicht neue Reaktoren, „sondern der Ausbau erneuerbarer Energien und Strom sparen", sagt Breuer. Abhängigkeit vom Öl verringern: Ein perfides Argument, findet das Umweltministerium: „Die banale Tatsache wird unterschlagen, dass Benzin nicht aus der Steckdose kommt. AKWs ersetzen kein Öl." Auch sonst schonen Atomkraftwerke keine knappen Ressourcen: Sie brauchen als Brennstoff Uran, das in Deutschland in wirtschaftlich abbaubaren Mengen gar nicht und weltweit allenfalls für 60 Jahre vorhanden ist. Solange Fakten zählen, wird es kein Comeback der AKWs geben, ist Greenpeace-Experte Breuer sicher. Auch von Stimmungsmache brauche man sich nicht irre machen lassen. So schrieb die „Wirtschaftswoche" unter der Schlagzeile „Nukleare Renaissance": „Ausstiegsbeschlüsse werden revidiert und Neubaupläne aufgelegt. Nur in Deutschland gibt es ein letztes Aufbäumen der Atomgegner." Gleicher Tenor wie in der „Zeit". Nur dass der Artikel im Dezember 1990 erschien.

MARCEL KEIFFENHEIM

 

Die friedliche Nutzung der Kernenergie ist der erste Schritt zur Atommacht.


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Bearbeitet am: 29.02.2004/ad


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