Allgemeine Zeitung Uelzen

vom 28.01.2006

Protest unter Todesgefahr

Prozess gegen drei Castor-Gegner, die fast ein ICE überrollt hätte

Von Thomas Mitzlaff

Anmerkung der Castor-Nix-Da Redaktion:

Der Artikel ist aus der AZ vom 28.01.2006. Der Prozess fand am 27.01.2006 im
Amtsgericht Uelzen statt. Die Beschuldigten sind aus Weimar in Thüringen. Der voraus
gegangene Strafbefehl betrug für Kathleen W. 30 Tagessätze, Frank B. und Heiko C.
je 40 Tagessätze. Dagegen legten sie Widerspruch ein.

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8. November 2004:
Der Castor-Zug rollt durch Uelzen in Richtung Kl. Bünstorf.
Archivfoto: Rabsahl

Uelzen. Nein, sagen wollen sie erst mal gar nichts. Am liebsten nicht einmal, welchem Beruf sie nachgehen. Misstrauen liegt gestern Vormittag über Saal 1 des Amtsgerichts Uelzen, seit Kathleen W. (26), Frank B. (32) und Heiko C. (35) auf der Anklagebank Platz genommen haben. "Störung öffentlicher Betriebe" wirft der Staatsanwalt ihnen vor. Hinter der juristischen Formulierung verbirgt sich ein Drama: Das Trio soll beim Castor-Transport 2004 bei Kl. Bünstorf (Samtgemeinde Bevensen) versucht haben, sich an den Gleisen anzuketten und so den Castor-Zug aufzuhalten - und wäre dabei um Haaresbreite von einem ICE überrollt worden.

Die Beweislast ist genauso erdrückend wie das Misstrauen der Angeklagten gegen Justiz und Polizei. Unbewegte Mienen, als Bundespolizist Kai K. (32) schildert, "wie haarscharf das alles war." Wie Kathleen W. an jenem Mittag des 8. November auf ihn zulief, ein rot-weißes Tuch schwenkend. "Da ist eine Ankettaktion, haltet die Züge an", habe sie gerufen, schildert der Beamte. Derweil versucht Frank B. seinen Arm, der in einem Vierkantrohr steckt, unter dem Gleis hindurchzuschieben, um ihn am anderen Ende des Schotterbettes an den Arm von Heiko C. zu ketten.

Die BGS-Beamten brüllen die Demonstranten an, dass sich ein ICE mit Tempo 160 nähere - die beiden Männer lassen schließlich von ihrem Vorhaben ab. Nur 20 Sekunden später schießt ein ICE trotz Notbremsung vorbei.

Die Verteidiger versuchen, Zweifel zu streuen an der Version der Bundespolizisten. Doch auch ein zufällig vorbeikommender Landwirt hatte das Rohr am Arm eines Angeklagten gesehen. So einigt man sich schließlich auf einen Kompromiss: Das Trio aus Weimar bereut seine Taten, dafür wird das Verfahren wegen geringer Schuld eingestellt. "Ein Protest gegen die Atomkraft ist wichtig, aber in dieser Form werde ich ihn nicht fortführen, das war nicht in Ordnung", sagt Heiko C. schließlich kleinlaut.

Studentin Kathleen B. zahlt 450 Euro an die "Aktion gemeinsam gegen Kälte", einer Organisation, die Obdachlose unterstützt. Bauingenieur Frank B. muss 800 Euro, der arbeitslose Heiko C. 400 Euro an den gemeinnützigen Verein überweisen. Damit ist juristisch ein Verfahren über einen Vorfall abgeschlossen, bei dem das Leben der Beteiligten an einem seidenen Faden hing. "Sie haben verdammtes Glück gehabt", gibt Richter Thomsen den drei Atomkraftgegnern mit auf den Heimweg.

Dieser Artikel ist aus der AZ vom 28.01.2006. Der Prozess fand am 27.01.2006 im Amtsgericht Uelzen statt. Die Beschuldigten sind aus Weimar in Thüringen.

Bearbeitet am: 29.01.2006/ad


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