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ZDF „Abenteuer Wissen",

vom 01.03.2006

Die Autoren der ZDF-Sendung "Gefährliches Erbe" in der Sendreihe "Abenteuer Wissen"

offenbaren erstaunliche Wissenslücken und berichten oberflächlich

"Im Prinzip" war es eine interessante und informative Sendung. Vor allem wurde die sorgfältige und gefährliche Arbeit "vor Ort" eindrucksvoll dargestellt.

Der Zuschauer musste glauben, alles sei unter Kontrolle, die Sicherheit der Mitarbeiter streng kontrolliert, die möglichen Endlagerstätten genauestens geprüft und die Behälter für den strahlenden Müll sorgfältig getestet. Die kritischen Anmerkungen seitens Prof. Hoffmann trübten diesen Eindruck kaum.

Aber ist das die Realität?

Keineswegs!

1.    Die zulässige Strahlendosis für die Mitarbeiter sei von 50 mS auf 20 mS reduziert worden, so wird während der Sendung berichtet. Dass sich der effektive Strahlenschutz für die Mitarbeiter, verglichen mit den neuesten Erkenntnissen der Strahlenforschung jedoch nicht verbessert, sondern verschlechtert hat, wird verschwiegen. Nach epidemiologischen Erkenntnissen (1987) hätte der Grenzwert auf 10mSv reduziert werden müssen. Statt dessen wurde die "zulässige" Mortalitätsrate von der ICRP um den Faktor 2 erhöht.

Tatsächlich kann die Dosisbelastung 100 mSv betragen. Sie muss innerhalb von 5 Jahren ausgeglichen werden. In der Praxis werden Arbeitnehmer mit Zeitvertrag beschäftigt. Sie werden nach der grenzwertüberschreitenden Belastung "dauerhaft" von ihrer Tätigkeit entbunden. Bei Abbrucharbeiten lässt sich die Belastung durch Inkorporation von Radionukliden überhaupt nicht zuverlässig bestimmen. In der Sendung kein Wort davon.

2.    Zwar haben Sie Morsleben durchaus kritisch gesehen, doch wäre nicht ein kurzer Blick auf Asse angebracht gewesen? In diesem Versuchs-Endlager musste man völlig unerwartet einen erheblichen Wasserzulauf erleben. Alle Fachleute sind davon überrascht worden, niemand hatte das vorausgesehen. Man weiß nicht einmal, woher das Wasser stammt.

Kein Wort darüber in der Sendung.

Und dass Salz möglicherweise nur zur Aufnahme schwach- und mittelaktiven Strahlenmülls, nicht aber für hochradioaktiven Abfall geeignet ist, wird auch nicht erwähnt.

3.    Keiner der z.Zt. in Gorleben befindlichen Behälter ist jemals einem realen Falltest unterzogen worden. Den Autoren hätten die Unterschiede eigentlich auffallen müssen. Allein die am Kopf und am Fuß der Behälter angebrachten Stoßdämpfer waren bei dem in der Sendung gezeigten Falltest vollkommen andere als bei der gefilmten Umladung in Dannenberg. Niemals hat es einen Falltest mit Behältern oder Behältermodellen gegeben, die mit den beim Transport verwendeten Stoßdämpfern ausgerüstet waren.

Zugegeben, es handelt sich alles in allem um ein sehr komplexes Thema. So einfach aber wie die Autoren dieser Sendung sollte man es sich jedoch nicht machen. (Weiteres siehe ab Strahlenbelastung 1)


Strahlenbelastung 1

„Laut Aussage der Gesellschaft für Nuklear-Service (GNS) ist die Strahlenbelastung, der das Personal während des Transports ausgesetzt ist, geringer als die Strahlung bei einem Flug über den Atlantik, so Ihr Web-Text.

Eine merkwürdige Aussage, die man dreifach hinterfragen sollte, denn die Autoren drücken sich seltsam ungenau aus. Ein solcher Vergleich sagt nichts aus über die Auswirkung der Strahlenbelastung.

Der Vergleich der Strahlenbelastung mit dem Flug stimmt so auch nicht. Die Neutronenstrahlung beispielsweise ist hinsichtlich ihrer Energie beim Flug und beim Castor nicht vergleichbar. Die Energie der Neutronenstrahlung in der Höhe ist sehr viel größer als die aus dem Castor. Infolgedessen sind auch die effektiven Strahlenbelastungen unterschiedlich. Die Behälter haben Bereiche, z.B. in der Nähe des Deckels, in denen die Neutronenstrahlung um Faktoren höher ist als im Mantelbereich. Die Strahlenbelastung der Begleiter hängt also u.a. davon ab, wie lange sich die Person nahe diesen Stellen aufhält Und die Belastung ist alles andere als unbedeutend.

Die Strahlenbelastung in 7 m Entfernung beträgt tatsächlich 10 Mikrosievert pro Stunde. Das ist mehr als das 100fache der natürlichen Umgebungsstrahlung. Merke: die Bevölkerung besteht nicht nur aus gesunden, arbeitsfähigen Erwachsenen. Auch Menschen mit Immunschwäche werden dieser Strahlung ausgesetzt.

Nach der Norm der Strahlenschutzverordnung beträgt die Strahlenbelastung durch Neutronen ca. 80% der Gesamtbelastung. Das Gefährdungspotential der Neutronen wird nach einer „Rechenvorschrift" der ICRP ermittelt, die heutigen strahlenbiologischen Erkenntnissen widerspricht. Sie wurde so manipuliert, dass weltweit die Transporttechnik von abgebrannten Brennelementen nicht geändert werden musste. Die ICRP, deren Empfehlungen zu nationalen Schutzstandards erhoben werden, gesteht offen ein, dass nicht nur wissenschaftliche Erkenntnisse, sondern auch wirtschaftliche Aspekte zugrunde gelegt werden. Sie spricht von „der Optimierung des gesellschaftlichen Nettonutzens".

Weltweit unstrittig ist, dass es keine „ungefährliche Strahlenbelastung" unabhängig von deren Ursprung (natürlich, künstlich erzeugt) gibt.


Strahlenbelastung 2

In der Sendung wurde erwähnt, die zulässige Strahlenbelastung für das Personal sei von 50 auf 20 mS abgesenkt worden. Suggeriert wurde damit eine Verbesserung des Strahlenschutzes. Leider sieht die Wirklichkeit auch hier anders aus. Die Werte wurden abgesenkt, weil sich herausgestellt hatte, dass die Schadwirkung von Niedrigstrahlung größer war als bisher angenommen. Um die Grenze nicht noch weiter absenken zu müssen, hat man die sog. Wichtungsfaktoren herabgesetzt. Die effektive Dosis ist eine rechnerische Größe, zu deren Ermittlung man sog. Organdosisgrenzwerte, die durch Wichtungsfaktoren berücksichtigt werden, benötigt. Diese Faktoren hat man in der Strahlenschutzverordnung von 2001 so verändert, dass sie zu den neuen Grenzwerten „passen". Danach aber sind die „zulässigen" Belastungen einzelner Organe bis zu dreimal höher als zu der Zeit, als noch 50 mS galten.


Doppeltes Verschlusssystem?

Ausgeklügelte Sicherheitstests und das doppelte Verschlusssystem der Castoren gewährleisten zusätzlichen Schutz und garantierten sicheren Verschluss", so der Web-Text.

Ebenfalls eine merkwürdige Aussage. Der Behälter hat während des Transports lediglich einen Deckel, somit also keineswegs ein doppeltes Verschlusssystem. Der zweite Deckel wird erst nach Ankunft im Zwischenlager aufgeschraubt..


Extremtests?

„Solche Extremtests können natürlich nicht jedes Jahr realisiert werden, aber alle neuen Castoren werden von Qualitätskontrolleuren bis ins Detail überprüft. Sie müssen einen Fall aus neun Meter Höhe auf ein Betonfundament unbeschadet überstehen. Und auch ein Brand bei 800 Grad Celsius über einen Zeitraum von 30 Minuten darf ihnen nichts anhaben," so der Web-Text.

Hier werden zwei Dinge zusammengebracht, die getrennt betrachtet werden müssen. Die „Systemtests" stehen in keinerlei Zusammenhang mit den Qualitätskontrollen. Auch noch so sorgfältige Kontrollen während der Herstellung der Behälter können Fall- und Brandprüfungen mit realen Behältern nicht ersetzen.

Hier liegt ein Skandal vor, der von den Autoren anscheinend nicht erkannt worden ist:

Die Behälter, in denen der hochradioaktive Müll aus der sog. Wiederaufbereitungsanlage La Hague jährlich nach Gorleben transportiert wird, wurden niemals geprüft.

Alle „Nachweise" beruhen allein auf Berechnungen. Zum Vergleich: wer würde sich in ein Flugzeug setzen, dass vor dem Erstflug mit Passagieren keinerlei Belastungstests unterzogen wurde? Welche Autofirma verkauft Autos, die noch nie einem Crashtest unterzogen wurden? Ganz vorsichtig wird darauf hingewiesen:

„Kritiker und Umweltschutzorganisationen bemängeln die vorgeschriebenen Überprüfungen, weil nicht alle Gefahrensituationen berücksichtigt würden und die Belastungs-Tests nicht den realen Bedingungen entsprächen."

Leider geht auch diese Bemerkung an der Realität vorbei. Es sind im wesentlichen nicht die vorgeschriebenen Überprüfungen, sondern kritisiert wird das Fehlen jeglicher Praxiserprobung der real verwendeten Behälter. Und auch die eigentlich vorgeschriebenen Praxistests entsprechen nicht den realen Bedingungen. Der Falltest beispielsweise wird mit ca. 50 km/h Fallgeschwindigkeit an Behältern durchgeführt, die mit den heute verwendeten kaum Ähnlichkeiten aufweisen. Die CASTOR-Züge fahren aber teilweise bis zu 100 km/h.

Hitzacker, 12.03.2006

Ihre Fachgruppe Radioaktivität


Bearbeitet am: 16.03.2006/ad


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