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Nr.10    Monat Oktober 1998

Inhalt:

Atomindustrie will Transporte möglichst bald wieder aufnehmen

Totenhemd soll CASTOR schützen

  Wenn es nach dem Wunsch der Atomindustrie geht, sollen die derzeit noch ausgesetzten CASTOR-Transporte möglichst bald wieder aufgenommen werden. Mit einigen kleinen Änderungen beim Beladen hoffen die Kraftwerksbetreiber, die „Kontaminationen" an den Transportbehältern vom Tisch wischen zu können

 Von der GRS, der Gesellschaft für Reaktorsicherheit, wird im Abschlußbericht vorgeschlagen, daß beim Beladen der Castoren unter Wasser dem Behälter ein zusätzliches Präservativ übergestreift werden soll. „Safer Sex" für die nächsten Six-Packs? – Wohl eher ein Totenhemd, das die Transportbehälter vor dem radioaktiven Inventar im Wasserbecken schützen soll. Wie ein Priester mit dem übergestreiften Meßgewand den Gläubigen Respekt und Vertrauen suggeriert, soll diese Wirkung wohl auch in der Öffentlichkeit einsetzen. Zumindest hin: die PR-Abteilung der Stromerzeuger hofft darauf. In den "„Stromthemen""vom Oktober 1998 wird Merkels Meinung zitiert, die „Vollschutzhemden" seien „grundsätzlich geeignet, Abhilfe zu schaffen". Glauben statt untersuchen...

Hoffen wir, daß der neue Bundesumweltminister sich nicht vom Kanzler verschrödern läßt, und konsequenter nachfragt!

Lesen Sie selbst:

"Stromthemen"

Weitere Desinformationen der Atombetreiber, die Gefährdungen aus den Behälterkontaminationen herunterzuspielen

Trotz eingetretener völliger Unglaubwürdigkeit versucht die Atomindustrie immer noch, die Bevölkerung und das Transportpersonal über das wahre Ausmaß der Gesundheitsschädigungen weiter zu täuschen. Ziel ist es offensichtlich, den Skandal zu vertuschen, damit Transporte wieder laufen können, trotz der 1000 bis 2000fachen Grenzwertüberschreitungen bei den bisherigen Brennelementtransporten.

Ein "Kampforgan" zur Durchsetzung ist augenscheinlich das Werbeblatt der "IZE" (Informationszentrale der Elektrizitätswirtschaft e.V. Frankfurt), "Stromthemen".

  

Zu der Veröffentlichung in:

Stromthemen Nr. 10/98

"GRS legt Abschlußbericht vor"

nimmt Dipl. Ing. Heinrich Messerschmidt wie folgt Stellung:

 Unsachlichkeit der Darstellung

Die völlig atomabhängige GRS (Gesellschaft für Reaktorsicherheit) hat in ihrem Schlußgutachten vom 11. 9. 98 für das Eisenbahnbundesamt nicht nur die zusätzliche Verwendung eines weiteren Kunststoff-Überzieherhemdes (PKS) als Ergänzung des schon immer verwendeten metallischen Kontaminationsschutzhemdes (MKS) bei der Brennelementbeladung im Naßlagerbecken vorgeschlagen. Mit diesem offenbar als Feigenblatt gedachten Vorschlag der Atomindustrie, die unbedingt Transporte wieder aufnehmen möchte, folgt sie dem Schreiben der VDEW (Verband Deutscher Elektrizitätswerke) vom 16. 8. 98. Die GRS hat noch weitere 12 Empfehlungen, die vor einer Wiederaufnahme der Transporte umgesetzt werden sollen, gegeben.

Daß nur an einem einzelnen zur BNFL nach Sellafield transportierten Behälter erhebliche Kontaminationen festgestellt wurden, lag nicht nur an der Vernichtung sämtlicher älterer Unterlagen über Meßwerte, sondern vor allem an dem chaotischen unregelmäßigen Prüfungen auf den Transportstationen: Dünkirchen - Barrow - Sellafield.

Die in "Stromthemen" aufgeführten Kontaminationswerte wurden durch das ausschnittsweise vorgenommene Abgreifen einzelner Werte aus bestimmten Zeitabschnitten bewußt niedrig gehalten und verharmlost. Tatsächlich wurden beim Transport Unterweser - Cogema am 23. 3. 84 am Waggon 7.400 Bq/cm² flächenbezogene Kontamination, mithin auf einer tellergroßen Fläche von 300 cm² also insgesamt 2.200.000 Bq festgestellt. An einem am 27. 1. 92 von Neckarwestheim zur Cogema transportierten beladenen Brennelementbehälter wurden an drei solchen Stellen 1.480 Bq / cm², mithin also jeweils 444.000 Bq an diesen Stellen gemessen. Der höchste flächige Kontaminationswert bei einem Transport "Unterweser - BNFL" am 30. 10. 89 zur britischen Wiederaufarbeitungsanlage lag bei 100 Bq / cm², also insgesamt auf der Prüfstelle bei 30.000 Bq.

Der Autor des Artikels "GRS legt Abschlußbericht vor" kann entweder nicht richtig lesen, keine Tabellen analysieren, oder er will vorsätzlich und bewußt täuschen.

Erste Anmerkungen zum Schlußbericht der GRS vom 11. September 1998

 

Der Schlußbericht ist in Bezug auf die in den bisher vorgelegten und in den Sachverhaltserhebungen angegebenen und dokumentierten Datenbasen der drei Zwischenberichte, den Zusammenstellungen der zu beachtenden, bisher bekannten physikalisch-chemischen Ursachen sowie den daraus resultierenden Gefährdungen von Menschen manipulativ einseitig verändert worden.

Ganze Spalten und "Bedeutungsdarstellungen" im Schlußbericht wurden hinsichtlich der verwendeten Zeichen und Inhalte einfach gegenüber den Sachstandserhebungen der drei Zwischenberichte geändert, ohne dies nachvollziehbar zu begründen. Entweder ist dies mit Datenmanipulation oder mit schlampigen Sachstandsermittlungen zu erklären. Auf jeden Fall zeigt sich hieran die mangelnde Fachkunde oder Zuverlässigkeit der Gutachter hinsichtlich der Bewertung eines sehr komplexen Bereiches.

In den Zwischenberichten noch aufgeführte chemisch-physikalische Angaben und Daten sowie die daraus resultierenden Zusammenhänge zwischen spezifischen Gewichten einzelner Stoffe, deren möglicher spezifischer Ladungsaktivität und daraus resultierenden geometrischen Partikeldurchmessern wurden einfach weggelassen. Offenbar soll dadurch trickreich versucht werden, bestimmte Crud-Teile als nicht mehr lungengängig und schwer durch Luftbewegungen transportierbar einzustufen. Alle Versuche, die Harmlosigkeit der Kontaminationsgefahr damit zu begründen, daß es sich im wesentlichen um größere Partikel mit hoher Aktivität handelt, die nicht lungengängig sind, erweisen sich als wissenschaftlich haltlos und sind unbewiesen. Bisher steht nicht einmal der Anteil einzelner größerer Aktivitätspartikel und der Anteil zahlreicher kleinerer Partikel bei flächigen Kontaminationen annähernd fest, noch ist darüber konkretes bekannt.

Das Problem der bisher von den Betreibern aufgestellten Prüfvorschriften für die Festlegung der "Wischprobenstellen" und die notwendigen Kontrollverfahren, um überhaupt eine Nachkontamination auf dem Transportweg (Umwandlung von "festhaftender Kontamination" in "nicht festhaftende Kontamination") sicher bemerken zu können, wurde im Gutachten nicht einmal angesprochen. Nach den derzeitigen Vorschriften werden die entsprechenden Nachkontaminationen auf den Transportwegen nur rein "zufällig" bemerkt. Im Regelfall darf nämlich eine nach der Dekontamination im KKW mit Wischtest beprobte Stelle, die "frei gemessen" wurde, anschließend am Transportziel nicht nochmals gemessen werden.

Es gibt im Schlußbericht keinerlei Vorschläge und Verweise auch auf andere mögliche Kontaminationsursachen zu achten oder solche wissenschaftlich zu überprüfen. Für die Gutachter scheint festzustehen, daß die Kontaminationsursachen allein aus den Beladevorgängen im Naßlagerbecken herrühren.

In dem Gutachten wird nichts darüber ausgeführt, daß nur weniger als 1% der Behälteroberflächen überhaupt auf "nicht festhaftende Kontaminationen" überprüft werden. Somit können die Gesamtaktivitäten eines kontaminierten Behälters "Zig-Millionen" Bequerell betragen. Wenn wie bisher nur wenige fest vorgegebenen Punkte "gewischt" werden, ist die Gefahr riesengroß, daß nicht nur Transport- und Begleitpersonal sehr stark durch verwehte radioaktive Partikel gefährdet werden, sondern auch Personen in Zügen und Bahnhöfen, die solchen Transporten begegnen. Diese können durch Einatmung (Inhalation) radioaktiver Partikel weit über die zulässigen Grenzwerte hinaus belastet werden.

Die Verfasser des verharmlosenden Schlußberichts der GRS, Dipl.-Ing. W. Thomas und Dr. F. Lange, versichern zwar, das Gutachten unparteiisch und frei von Ergebnisweisungen erstellt zu haben. Vielen dürfte aber nicht bekannt sein, daß Dipl.-Ing. Thomas auch Mitglied der Strahlenschutzkommission (SSK) ist. Diese hatte bereits am 3. 6. 1998, u.a. auch aufgrund eindeutiger Falschrechnungen, schriftlich festgestellt, daß von den Transportkontaminationen keine Erhöhung der Strahlenbelastung für die Bevölkerung und damit auch keine Gesundheitsgefährdung ausginge. Ferner hat diese in der schriftlichen Stellungnahme auch behauptet, daß die Kontaminationen ebenso keine Erhöhung der Strahlenbelastung für das Begleitpersonal darstellen würde und eine Gesundheitsgefährdung damit auszuschließen ist. Die SSK ging bei ihren fehlerhaften Rechnungen, die zum Ergebnis vom 3. 6. 98 führten, von den seinerzeit bekannten, relativ niedrigen Kontaminationswerten von maximal 13.400 Bq durch Inhalation aus, wobei noch keine Jahresdosisgrenzwerte überschritten wurden. Jetzt ist belegt, daß zahlreiche Kontaminationsmeßergebnisse mehr als 100fach höher liegen. Die GRS geht - wohl aus Nibelungentreue - bei der Berechnung der effektiven Dosis eines Erwachsenen durch Inhalation nur von maximal 10.000 Bq (entsprechend 33.3 Bq/cm²) aus, um damit täuschend vorzugaukeln, die Jahresgrenzwerte würden bei der Kontamination noch eingehalten. Tatsächlich liegen die gemessene Aktivitäten, auf einer Kreisfläche mit 19,5 cm Durchmesser am Behälter bei 444.000 Bq , und am Waggon sogar bei 2.220.000 Bq. Bei Einatmung von nur Bruchteilen dieser Aktivitäten sind alle maximal zulässigen Jahresgrenzwerte der Bevölkerung und auch von strahlenexponierten Arbeitskräften weit überschritten.

Die neue Bundesregierung wäre gut beraten, bevor sie das Gutachten annimmt und bewertet, überprüfen zu lassen, ob in strafrechtlichem Sinne kein Gutachterbetrug gegeben ist, und bis zur Klärung eine Bezahlung der GRS auszusetzen.

Heinrich Messerschmidt, 20. 10. 1998 

Brennelement-Transporte:

GRS legt Abschlußbericht vor

Merkel hält an Transportstopp fest, bis Abhilfemaßnahmen erprobt sind

Bundesumweltministerin Angela Merkel hat am 14. September in Bonn den Abschlußbericht der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) über die im Mai bekanntgewordenen radioaktiven Verunreinigungen bei Transporten von verbrauchten Brennelementen vorgestellt (STROMTHEMEN 7/98). Danach sind Kontaminationen vor allem an Behältertypen aufgetreten, die eine hohe Anzahl an sog. Kühlstacheln aufweisen. Die GRS schließt sich dem Vorschlag der KKW-Betreiber an, als Gegenmaßnahme die Behälter bei der Beladung durch einen Plastiküberzug gegen radioaktive Partikel aus dem Wasser des Reaktorkreislaufs zu schützen. Frau Merkel will den seit Mai mit Einverständnis der Unternehmen bestehenden De-facto-Transportstopp allerdings erst dann wieder aufheben, wenn weitere Fragen mit den Ländern geklärt sind und das neue Beladeverfahren an einem Leerbehälter erprobt ist Dieser Test soll noch im Herbst durchgeführt werden.

Die GRS hat insgesamt 1465 Transporte abgebrannter Brennelemente aus deutschen Leichtwasserreaktoren seit deren jeweiliger Betriebsaufnahme erfaßt.

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Beladung eines NTL-11-Transportbehälters,
der mit einem bereits heute existierenden
Plastiküberzug im Bereich der Kühlzone geschützt ist.

Davon gingen 1454 zur Wiederaufarbeitung ins Ausland (1267 zur COGEMA nach Frankreich und 187 zur BNFL in England) sowie elf zu den deutschen Zwischenlagern Ahaus und Gorleben.

Detaillierte Werte, die einen Vergleich der Kontaminationen bei den Transporten nach England und Frankreich erlauben, liegen erst seit 1995 vor, da ältere Unterlagen nur bei der COGEMA, nicht aber bei BNFL aufbewahrt werden müssen. Von den 93 seit 1995 durchgeführten Transporten nach England wies nur ein Behälter (= 1 % ) radioaktive Verunreinigungen oberhalb des Interventionsgrenzweries von vier Becquerel je Quadratzentimeter (Bq/cm2) auf Waggons waren in keinem Fall kontaminiert. Bei den 153 Transporten nach Frankreich ab 1995 zeigten sich hingegen bei 6% der Behälter und 17% der Waggons radioaktive Verunreinigungen. Dabei wurden Werte bis zu 4 400 Bq/cm2 erreicht. Probleme bei französischen Behältern Eine ähnliche Differenzierung ergab sich auch bei den von COGEMA bzw. BNFL angelieferten Leerbehältern. Hier umfassen die Daten den Zeitraum 1988 bis 1998. Bei 645 Leertransporten aus Frankreich waren 5% der Behälter und 1 % der Waggons kontaminiert; bei 179 Leertransporten aus England 3 % der Behälter und keiner der Waggons. Die h"chsten festgestellten Werte bei flächigen Kontaminationen am Behälter betrugen bei der COGEMA 64 Bq/cm2 und bei der BNFL 19 Bq/cm2. Darüber hinaus wurden bei Leertransporten von der COGEMA in drei Fällen punktförmige Kontaminationen mit bis zu 54000 Bq gefunden.

Die GRS erklärt die auffälligen Unterschiede damit, daß von BNFL und COGEMA unterschiedliche Transportbehälter eingesetzt wurden. Die französischen Behälter typen der Baureihen TN und NTL sind für eine sehr hohe Wärmeabfuhr ausgelegt und verfügen deshalb über bis zu 6 000 Kühlstachel. Bei der Beladung im radioaktiv belasteten Wasser des Lagerbeckens können sich radioaktive Partikel anlagern, die bei der Dekontaminierung durch Abspritzen mit einem Hochdruckreiniger nicht vollständig abgeöst werden. Die Außenflächen der von BNFL eingesetzten Behälter verfügen dagegen in der Regel über eine Rippenstruktur, sind damit viel glatter und lassen sich deshalb besser reinigen. In die Bodenwannen der Eisenbahnwaggons gelangen Partikel, die sich während des Transports von der Außenhaut der Behälter lösen (siehe STROMTHEMENEXTRA ). Nach den Untersuchungen der GRS waren die Behälter selbst immer dicht, und die Grenzwerte der Ortsdosisleistung wurden eingehalten. Die Kontaminationen an der Behälteroberfläche seien durch Be- bzw. Entladung in kontaminiertem Beckenwasser erfolgt. In Anbetracht der gefundenen Meßwerte und der Beschaffenheit der radioaktiven Verunreinigungen kommt die GRS zu dem Schluß, daß sich weder für das Transportpersonal noch für die Bevölkerung eine zusätzliche Strahlenbelastung ergeben habe. Abhilfe durch Plasfiküberzug Als Maßnahme zur künftigen Verhinderung radioaktiver Verunreinigungen befürwortet die GRS den Vorschlag der Kernkraftwerksbetreiber, Behälter bei der Be- oder Entladung mit einem zusätzlichen Kontaminationsschutz aus dickem, glatten Plastik komplett zu überziehen, der selbst wiederum wegen seiner glatten Oberfläche leicht dekontaminiert werden kann.

Allerdings sei dies nur bei den französischen Behältern mit zahlreichen Kühlstacheln nötig, und es solle ein Test mit einem TN/NTL-Behälter durchgeführt werden. Nach Ansicht von Umweltministerin Merkel sind die vorgeschlagenen Maßnahmen grundsätzlich geeignet, Abhilfe zu schaffen. Für sie ist allerdings unverzichtbar, daß die bislang nur im Konzept vorliegenden "Vollschutzhemden" im Kraftwerk mit einem Leerbehälter getestet werden. Der Nachweis der Wirksamkeit sei eine der Bedingungen für eine Aufhebung des Transportstopps. Frau Merkel er wartet allerdings mittelfristig weitere Maßnahmen: Es müßten Transportbehälter entwickelt werden die "dekontaminationsfreundlicher" seien. Frau Merkel erklärte darüber hinaus, die Vorschläge der KKW Betreiber für ein verbessertes Informations- und Meldesystem, erweiterte Strahlenschutzmessungen und die Neugestaltung der Transportverantwortlichkeit würden der zeit geprüft und müßten noch mit den Ländern beraten werden. Erst danach könne der Transportstopp aufgehoben werden.
be

Bearbeitet am:09.10.1998 /ad


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