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Nr. 7, Juli 1998

Kontaminationen an Brennelement-Behältern:

Gefahren durch Behälter-Transporte?

Grenzwertüberschreitungen lösen öffentliche Empörung aus

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Französischer BrennelementTransportbehälter vom Typ TN


Das Bekanntwerden von radioaktiven Verunreinigungen beim Transport verbrauchter Brennelemente aus deutschen Kernkraftwerken zur Wiederaufarbeitung in Frankreich und England hat im Mai hierzulande heftige politische Reaktionen ausgelöst. Die öffentliche Empörung richtete sich vor allem gegen die Kernkraftwerksbetreiber, denen ein bewußtes Verschweigen unterstellt wurde. Deren Hinweis, es bestehe dafür keine Meldepflicht und auch in den Fällen, in denen Grenzwerte überschritten wurden, habe es zu keiner Zeit eine Gesundheitsgefährdung von Personen gegeben, ging im Vorwahlkampf unter.


In Absprache mit Bundesumweltministerin Angela Merkel (CDU) stoppten die Unternehmen weitere Transporte solange, bis die Ursachen geklärt sind und Abhilfe geschaffen ist. Frau Merkel legte dafür am 25. Mai einen 10-PunktePlan vor. SPD und Bündnis 90/Die Grünen erneuerten ihre Forderungen nach einem Ausstieg aus der Kernkraftnutzung und verlangten den Rücktritt von Frau Merkel, die für die Vorgänge die politische Verantwortung übernehmen müsse.
Der Bundestag lehnte dies am 27. Mai jedoch mit der Koalitionsmehrheit ab.
In Frankreich waren bei Messungen an Transportbehältern mit abgebrannten Brennelementen aus französischen, deutschen und schweizerischen Kernkraftwerken punktuelle radioaktive Verunreinigungen festgestellt worden, die den Grenzwert von 4 Becquerel je Quadratzentimeter (Bq/cM2) überschritten. Becquerel (Bq) ist die Einheit für die Anzahl radioaktiver Zerfälle pro Sekunde. Die Behälter befanden sich auf dem Weg zur Wiederaufarbeitungsanlage der COGEMA in La Hague (Normandie). Gefunden wurden radioaktive Verunreinigungen sowohl an der Außenhaut der Behälter als auch in den Bodenwannen der Eisenbahnwaggons. Die Behälter selbst waren nachweislich dicht.

Von den 68 seit Anfang 1997 aus Deutschland angekommenen
Transporten waren nach ersten Informationen 16 betroffen. In Einzelfällen wurde der Grenzwert von 4 Bq/cM2, der auf internationale Empfehlungen zurückgeht, um das Mehrhundertfache überschritten.

Behälter bei Abtransport überprüft

Besonders irritierend war bei den Meßergebnissen, daß alle Behälter beim Verlassen der jeweiligen Kernkraftwerkd keine erhöhten Kontaminationen auf der Außenfläche aufwiesen. Die Behälter aus Deutschland kamen bei Antritt ihrer Reisse in der Regel nur auf rund 0,4 Bq/cm2 und damit auf etwa ein Zehntel des Grenzwerts.
Erhöhte Werte wurden auch bei Transporten aus Deutschland in die britische Wiederaufarbeitungsanlage Sellafield der British Nuclear Fuels (BNFL) bekannt sowie bei Anlieferung leerer Transportbehälter in Deutschland, die aus Frankreich kamen.

GRS soll Ursachen klären

Die Ursachen für die unterschiedlichen Meßwerte bei den Transporten zu Beginn und am Ende der Versendung sind noch nicht im einzelnen geklärt. Umweltministerin Merkel hat über das EisenbahnBundesamt die Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS) in Köln mit einer Untersuchung beauftragt. Ähnliche Phänomene sind allerdings schon seit längerem bekannt.
Die Kernkraftwerksbetreiber bedauerten die Vorfälle. Sie wollen Merkels 10-Punkte- Papier schnell umsetzen. In einem Schreiben vom 29. Mai an die Ministerin machten sie erste Vorschläge. Als Ma nahmen schlagen die Unternehmen u.a. vor, daß beladene Behälter vor dem Abtransport mehrere Tage in den Kraftwerken belassen werden, damit radioaktive Partikel, die sich eventuell eingenistet haben, noch dort "ausschwitzen" und dann beseitigt werden können. Sie wollen darüber hinaus freiwillig erweiterte Meldepflichten eingehen.
Die Kemkraftwerksbetreiber wiesen darauf hin, daß es keine ausdrückliche Meldepflicht gegeben habe. Das Phänomen des Ausschwitzens" radioaktiver Partikel während des Transports sei schon seit Mitte der 80er Jahre bekannt gewesen, und man hätte auch Maßnahmen zur Beseitigung ergriffen. Diese Maßnahmen hätten zwar eine Verringerung der Kontaminationen bewirkt, aber das Problem nicht vollständig gelöst. Im übrigen hätten die Grenzwertüberschreitungen keine Gesundheitsgefährdungen ausgelöst.

Der Grenzwert von 4 Bq/CM2 Sei in den Kraftwerken gewissermaßen als Interventionswert verstanden worden, ab dem eine Dekontaminierung vorgenommen und der Absender des Behälters informiert werden müsse. Daher hätten die Fachleute ein Überschreiten des Grenzwerts nur als Hinweis bewertet, daß weitere Maßnahmen zur Reinigung der Transportbehälter ergriffen werden mußten. Die Unternehmen gestanden aber auch ein, daß von ihnen die Bewertung der Vorfälle durch die Öffentlichkeit völlig unterschätzt worden sei.

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Umweltministerin Merkel kritisierte scharf, daß die Unternehmen seit lahren Meldungen an die Aufsichtsbehörden unterlassen hatten, auch wenn diese dazu nicht verpflichtet waren. Die CDUPolitikerin erklärte, die Affäre sei "ein schwerer Schlag für die Glaubwürdigkeit und Verläßlichkeit' der Atomindustrie. Es werde die Unternehmen viel Mühe kosten, den Ruf wiederherzustellen.
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Bearbeitet am: 11.07.1998/ad


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