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Extra Ausgabe vom Juli 1998

Kontaminationen an Brennelement-Behältern:
Gefahren durch Brennelement-Transporte?

Hinweis der Castor-Nix-Da Redaktion:
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Chronologie der Ereignisse

  • 24.4. Die französische Aufsichtsbehörde DSIN (Direktion für die Sicherheit der kerntechnischen Anlagen) informiert das Bonner Umweltministerium (BMU) über Transporte, die kontaminiert in Frankreich angekommen sind.

  • 30.4. Das BMU veröffentlicht eine erste Pressemitteilung über die Vorfälle.

  • 6. 5. In Frankreich werden die radioaktiven Verunreinigungen durch einen Artikel in der Tageszeitung Liberation bekannt.

  • 7 5. Frankreich stoppt innerftanzösische Atomtransporte auf der Schiene.

  • 7 5. Bundesumweltministerin Merkel gibt bekannt, daß 1997 in Frankreich bei Transporten aus Deutschland an elf Waggons und zwei Transportbehältern Kontaminationen mit Grenzwertüberschreitungen aufgetreten seien.

  • 12. 5. Das BMU erhält genauere Meßprotokolle von der COGEMA aus Frankreich.

  • 13.5. In Frankreich übergibt der Chef der DSIN, Andr~Claude Lacoste, Premierminister Lionel Jospin seinen "Bericht über die Kontamination der Transporte von bestrahlten Brennelementen der EDF". Die Regierung kündigt einen Gesetzentwurf mit verschärften Kontrollen an.

  • 19.5. Das niedersächsische Umweltministerium teilt mit, daß auch bei deutschen Transporten nach Sellafield (England) radioaktive Verunreinigungen festgestellt wurden.

  • 20. 5. Bei einem Treffen von BMU und Kernkraftwerksbetreibern einigen sich beide Seiten auf einen vorläufigen Stopp aller Transporte mit bestrahlten Brennelementen - sowohl innerhalb Deutschlands als auch ins Ausland.

  • 2 5. 5. Bundesumweltministerin Merkel legt einen 10-Punkte-Plan vor, mit dem die Ursachen der Grenzwertüberschreitungen geklärt und Abhilfe geschaffen werden soll.

  • 27 5. Der Bundestag spricht sich gegen die Entlassung von Umweltministerin Merkel aus.

  • 28. 5. Es wird bekannt daß im Zuge der BrennelementTransporte in der Vergangenheit in etlichen Fällen Leerbehälter aus dem Ausland in deutschen KKW mit leichten Kontaminationen oberhalb des Grenzwerts von 4 Bq/cm2 angekommen sind.

  • 29. 5. In einem Brief an Frau Merkel machen die KKW-Betreiber Vorschläge gemäß dem 10-Punkte-Plan des BMU.

  • 2.6. Hessens Umweltministerin will die nach dem Atomgesetz vorgeschriebene Zuverlässigkeit der Kernkraftwerksbetreiber überprüfen und führt dazu ein Gespräch mit RWE Energie.

  • 2. 6. Erstes Treffen der von Deutschland, Frankreich und der Schweiz eingesetzten Arbeitsgruppe zur Verbesserung der Zusammenarbeit bei Brennelementtransporten.

  • 3.6. Die Strahlenschutzkommission der Bundesregierung erklärt die bekanntgewordenen radioaktiven Verunreinigungen hätten weder bei den Transporten nach Frankreich und England noch bei den innerdeutschen CASTOR-Transporten zu einer Erhöhung der Strahlenbelastung bei Begleitpersonal oder Bevölkerung geführt.

  • 3.6. Nachdem am 7. 5. in Frankreich alle Atomtransporte gestoppt worden waren, dürfen nun unbestrahlte Brennelemente wieder verfrachtet werden. Der Transport abgebrannter Brennelemente bleibt ausgesetzt.

  • 17. 6. Umweltministerin Merkel legt dem Umweltausschuß des Bundestages den 2. Bericht über die Vorfälle vor.

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Atomkraftwerke in Deutschland

Nachrichten über Grenzwertüberschreitungen lösen öffentliche Empörung aus
Das Bekanntwerden von radioaktiven Verunreinigungen beim Transport verbrauchter Brennelemente aus deutschen Keinkraftwerken zur Wiederaufarbeitung in Frankreich und England hat im Mai hierzulande heftige politische Reaktionen ausgelöst. Die öffentliche Empörung richtete sich vor allem gegen die Kernkraftwerksbetreiber, denen ein bewußtes Verschweigen unterstellt wurde. Deren Hinweis, es bestehe dafür keine Meldepflicht und auch in den Fällen, in denen Grenzwerte überschritten wurden, habe es zu keiner Zeit eine Gesundheitsgefährdung von Personen gegeben, ging im Vorwahlkampf unter. In Absprache mit

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Bundesumweltministerin Angela Merkel (CDU)

stoppten die Unternehmen weitere Transporte solange, bis die Ursachen geklärt sind und Abhilfe geschaffen ist. Frau Merkel legte dafür am 25. Mai einen 10-Punkte-Plan vor. SPD und Bündnis 90/Die Grünen erneuerten ihre Forderungen nach einem Ausstieg aus der Kernkraftnutzung und verlangten den Rücktritt von Frau Merkel, die für die Vorgänge die politische Verantwortung übernehmen müsse. Der Bundestag lehnte dies am 27. Mai jedoch mit der Koalitionsmehrheit ab.

In Frankreich waren bei Messungen an Transportbehältern mit abgebrannten Brennelementen aus französischen, deutschen und schweizerischen Kernkraftwerken punktuelle radioaktive Verunreinigungen festgestellt worden, die den Grenzwert von 4 Becquerei je Quadratzentimeter (Bq/CM2) überschritten. Becquerel (Bq) ist die Einheit für die Anzahl radioaktiver Zerfälle pro Sekunde.

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Französiche Atomtransporte

Die Behälter befanden sich auf dem Weg zur Wiederaufarbeitungsanlage der COGEMA in La Hague (Normandie)- Gefunden wurden radioaktive Verunreinigungen sowohl an der Außenhaut der Behälter als auch in den Bodenwannen der Eisenbahnwaggons. Die Behälter selbst waren nachweislich dicht.

Französische Behörden informieren BMU


Von den 68 seit Anfang 1997 aus Deutschland angekommenen Transporten waren nach ersten Informationen 16 betroffen. Nach eigenem Bekunden wurde das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU) erstmals am 24. April 1998 von der französischen Atomaufsichtsbehörde DSIN (Direction de la Sureté des Installations Nucléaires) über solche Kontaminationen an Transportbehältern informiert. Am 30. April gab das BMU erste Befunde bekannt und teilte mit, es habe das Eisenbahn-Bundesamt (EBA) mit der Ursachenklärung beauftragt.

In Einzelfällen wurde der Grenzwert von 4 Bq/cm2 , der auf internationale Empfehlungen zurückgeht, um das Mehrhundertfache überschritten. Aufgefallen war dies im Zuge einer genaueren Überprüfung innerfranzösischer Transporte, bei denen die DSIN schon früher Hinweise auf radioaktive Verunreinigungen hatte. Etwa ein Drittel dieser Transporte wies Grenzwertüberschreitungen auf. Die erhöhten Werte wurden bei Messungen am Verladebahnhof in Valognes bei Cherbourg festgestellt, wo die auf der Schiene ankommenden Behälter auf Straßentransporter umgeladen werden, um die letzten 30 km bis La Hague zurückzulegen. Aus verbrauchten Brennelementen werden dort die noch verwendbaren Reststoffe (Uran, Plutonium) zum erneuten Einsatz in Brennelementen chemisch abgetrennt.


Behälter bei Abtransport überprüft

Besonders irritierend war bei den Meßergebnissen, daß alle Behälter beim Verlassen der jeweiligen Kernkraftwerke keine erhöhten Kontaminationen auf der Außenfläche aufwiesen. Die Behälter aus Deutschland kamen bei Antritt ihrer Reise in der Regel nur auf rund 0,4 Bq/CM2 und damit auf etwa ein Zehntel des Grenzwerts.

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Anteil des Atom-Strom in Deutschland


Erhöhte Werte wurden auch bei Transporten aus Deutschland in die britische Wiederaufarbeitungsanlage Sellafield der British Nuclear Fuels (EINFL) bekannt sowie bei Anlieferung leerer Transportbehälter in Deutschland, die aus Frankreich kamen. Nach einer Mitteilung des niedersächsischen Umweltministeriums vom 19. Mai 1998 waren in den letzten drei Jahren bei sechs von 312 nach Sellafield transportierten Brennelementbehältern radioaktive Verunreinigungen mit Werten von 10 bis 20 Bq/cm2 bei der Ankunft in England aufgetreten. Bei der Anlieferung leerer Transportbehälter aus Frankreich waren in Baden-Württemberg 28 von 128 Behältern in den Jahren 1983 bis 1998 mit fadioaktiven Verunreinigungen belastet. Der Maximalwert betrug dabei 63 Bq/cm2. In Niedersachsen kamen Leefbehälter mit bis zu 2 500 Bq/cm2, in Bayern mit bis zu 555 Bq/cm2 an. Auch bei einigen Straßentfansportern, mit denen in Frankreich die Behälter nach dem Umladen in Valognes in die Wiederaufarbeitungsanlage La Hague gebracht werden, stellte die DSIN erhöhte Stfahlenwerte bis zu mehreren hundert Becquefel fest.

GRS soll Ursachen klären

Die Ursachen für die unterschiedlichen Meßwerte bei den Transporten zu Beginn und am Ende der Versendung sind noch nicht im einzelnen geklärt. Umweltministerin Merkel hat über das EisenbahnBundesamt die Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS) in Köln mit einer Untersuchung beauftragt.
In der Fachwelt sind ähnliche Phänomene schon seit längerem bekannt. Die jetzt bekanntgewordenen, etwas anders gelagerten Verunreinigungen werden damit erklärt, daß beim Beladen der Behälter mit verbrauchten Brennelementen im Abklingbecken eines Reaktors radioaktiv belastetes Wasser von außen in kleinste Öffnungen - z. B. an Schraubgewinden - eindringt und während des Transports wieder austritt. Letzteres geschieht zum einen aufgrund von Erschütterungen, zum anderen infolge Verdunstung aufgrund der Wärmeabgabe der eingeschlossenen Brennelemente.
Zu dieser Theorie paßt daß bei den anfangs bekannten 16 Fällen nur dreimal radioaktive Verunreinigungen (sog. Hot spots) an der Behälteroberfläche gefunden wurden, aber 13mal Kontaminationen der Bodenwannen in den Eisenbahnwaggons. Die Behälter selbst waren nachweislich dicht und hatten das hochradioaktive Inventar sicher eingeschlossen - was auch die französische Seite bestätigte. Zunächst hatte es in der Öffentlichkeit Vermutungen gegeben, die radioaktiven Partikel seien aus dem Inneren der Behälter entwichen.

Beladung unter Wasser

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Castorbehälter unter Wasser beim  Beladen

Um die radioaktiven Belastungen des Bedienungspersonals beim Beladen der Behälter - wie auch sonst - möglichst gering zu halten, findet der ganze Vorgang unter Wasser statt, denn dieses schirmt die Strahlung ab. Die verbrauchten Brennelemente aus dem Reaktorkern lagern mindestens etwa ein Jahr in einem angrenzenden Abklingbecken - bis ihre Strahlung und Wärmeentwicklung für einen Transport ausreichend zurückgegangen ist.
So wie sie zuvor mit der Lademaschine (gewissermaßen ein extrem genau steuerbarer Kran) aus dem Reaktorkern herausgehoben und aufrecht in ein Lagergestell im Abklingbecken gesetzt wurden, werden sie nun aus dem Gestell wieder herausgezogen und in den Transportbehalter abgesenkt, der ebenfalls aufrecht in einem kleinen Becken daneben steht und an der Kopfseite geöffnet ist. Alle Becken

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Transportbehälter vor dem Absenken ins Ladebecken.


sind so weit mit Wasser gefüllt, daß die Brenneiemente beim Hochziehen durch die Lademaschine und die horizontale Bewegung von einem Becken zum nächsten nie die Wasseroberfläche durchbrechen. Reaktorkern, Abkling- und Transportbehälterbecken sind durch Schleusen miteinander verbunden.

Mit den Brennelementen können auch daran anhaftende radioaktive Partikel aus dem Wasser des Primärkreislaufs, der das Reaktorbecken durchspült, in die beiden anderen, weit geringer belasteten Becken gelangen. Dabei handelt es sich vor allem um kleinste, radioaktive Korrosionsprodukte aus den Rohren und Pumpen des Primärkreislaufs (sog. Crud, meistens Kobalt-60). Und genau diese Teilchen sind es wahrscheinlich, die zu radioaktiven Verunreinigungen an den Behältern bzw. den Bodenwannen geführt haben.
"Kontanlinationsschutzhemd" gegen Anhaften von Partikeln.

Den Technikern ist bekannt, daß sich diese Teilchen an die Außenwand des Transportbehälters haften oder in Schraubgewinde und andere kleine Öffnungen eindringen können. Der Transportbehälter wird deshalb in der Regel in ein sog. Kontaminationsschutzhemd gesteckt - entweder ein überdimensionaler Plastikschlauch oder ein metallischer Zylinder, die beide mit entsalztem Wasser (sog. Deionat) gefüllt sind, das unter Überdruck steht und deshalb bei eventuellen Lecks das Eindringen von Wasser aus dem radioaktiv belasteten Transportbehälterbecken verhindert. Da aber Kopf- und Fußseite mit Deckel und Tragzapfen davon nicht umschlossen werden, schützt man dort kritische Stellen mit einer Dichtmasse oder klebt sie mit Folie ab.

Alle diese Maßnahmen haben aber offensichtlich nicht verhindern können, daß kleinere Mengen radioaktiver Teilchen dennoch eindrangen. Diese konnten offensichtlich auch dadurch nicht beseitigt werden, daß die Transportbehälter nach dem Ausschleusen mit einem Hochdruckreiniger sorgfältig abgespritzt, mit Lappen gesäubert und getrocknet werden.

Besonders kritische Stellen scheinen Tragzapfen zu sein, in die über die Halteschrauben oder über kleinste Spalte zwischen Behälter und Halteplatte belastetes Wasser eindringt, das aber beim Trocknen nicht sofort wieder ausläuft. Dies passiert wohl erst unter den Erschütterungen beim Bahntransport und bei weiterer Erwärmung des Behälters durch die anhaltende Wärmeabgabe der eingeschlossenen hochaktiven Brennelemente. Die Behälter sind zwar so konstruiert, daß sie über Kühlrippen oder -stachel die Wärme nach außen abführen können- Es dauert aber eine gewisse Zeit, bis sich der Behälter in einem thermischen Gleichgewicht befindet sich also nicht mehr weiter aufheizt und soviel Wärme abführt, wie die Brennelemente abgebenDa die Behälter während des Bahntransports mit zusätzlichen Metallhauben abgedeckt sind und auf Wannen stehen, die eventuell abtropfendes Restwasser aufnehmen, können die radioaktiven Partikel allerdings nicht in die Umgebung gelangen.

Keine CASTOR-Behälter

Bei den eingesetzten Behältern handelte es sich entsprechend den Wiederaufarbeitungsverträgen mit der französischen COGEMA bzwder BNFL wonach diese Firmen für den Transport zuständig sind, um solche aus französischer oder britischer Produktion mit den Typenbezeichnungen TN bzw. Excellox oder NTL und nicht um CASTORBehälter aus deutscher Fertigung, wie in Presseberichten immer wieder fälschlich angegeben wurde. Diese Behälter sind zwar ebenso wie die CASTOR-Behälter dafür ausgelegt, die aufgenommenen, hochradioaktiven Brennelemente gasdicht sicher einzuschließen und auch bei etwaigen Unfällen extremen Belastungen wie einem Sturz aus großer Höhe oder einem von außen einwirkenden Feuer standzuhalten. Als reine Transportbehälter weisen sie jedoch etwas andere konstruktive Eigenschaften auf als die CASTOR-Behälter, die sowohl für den Transport als auch für die längerfristige Zwischenlagerung (z. B. in Gorleben oder Ahaus) dienen.

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Atomtransporte in Deutschland

Die CASTOR-Behälter haben offensichtlich deshalb geringere Probleme mit äußeren Kontaminationen, weil ihre Außenhaut glatter ist und sie sich damit leichter reinigen lassen. Bei den TN-, NTL- oder Excellox-Behältern, die etwa dreimal soviel Wärme abführen können, ist die Oberfläche der Kühlzone infolge stärkerer Strukturierung viel größer. In Deutschland wurde bei den CASTOR-Behältern in den Zwischenlagern Gorleben und Ahaus nur in einem Fall eine geringfügige Grenzwertüberschreitung festgestellt. Nur bei einem Behälter in Ahaus wurden an einigen Tragzapfenschrauben 7 Bq/cm 2 gemessen.

Kleine Aktivität im Vergleich mit Gesamtstrahlung

Bevor die Behälter ein Kernkraftwerk verlassen, werden sie auf Radioaktivität ausgemessen. Daß dabei Restverunreinigungen nicht direkt entdeckt wurden, obwohl Radioaktivität sehr gut gemessen werden kann, hängt wohl vor allem damit zusammen, daß die Aktivität dieser Teilchen extrem klein ist im Vergleich mit der zulässigen Strahlung, die von den eingelagerten Brennelementen im Inneren ausgeht.

Diese Strahlung wird zwar vom Behälter weitgehend abgeschirmt, aber ein Teil durchdringt ihn und darf in 2 m Abstand von der Behälteroberfläche noch etwa 100 000 Mal höher sein als die Strahlung der jetzt festgestellten Verunreinigungen. Natürlich sind auch hierbei die Grenzwerte so festgesetzt, daß die austretende Strahlung ungefährlich ist. Sie darf in 2 m Abstand 100 Mikrosievert pro Stunde (pSv/h) nicht überschreiten- In der Praxis liegt sie meistens bei etwa 30 pSv/h. Die Dosisleistung der gefundenen anhaftenden Partikel lag hingegen bei unter 0,002 pSv/h. Außen eventuell anhaftende radioaktive Partikel lassen sich deshalb nur dadurch messen, daß man diese mit einem speziellen Wattepad ablöst (sog. Wischtest) und in größerer Entfernung vom Behälter ausmißt, so daß die viel stärkere Strahlung aus dem Inneren des Behälters das Meßergebnis nicht verfälscht. Solche Wischtests werden an einer Vielzahl von Punkten an den Behältern und am Waggon vorgenommen- Ein zunächst häufig genannter Spitzenwert von 13 400 Bq bezog sich auf die festgestellte Gesamtaktivität und ergab umgerechnet auf die Meßfläche dann 1488 Bq/cm2. Als bisher höchste festgestellte Aktivität eines Hot spots war bei Redaktionsschluß ein Wert von 23 000 Bq bekannt.

Diese Werte erscheinen sehr hoch im Vergleich mit dem vorgeschriebenen Grenzwert von 4 Bq/cm2. Allerdings muß man dabei berücksichtigen, daß es sich allenfalls um punktuelle, maximal pfenniggroße und nicht um großflächige Verunreinigungen handelte. Allein schon die natürliche Radioaktivität (z- B. durch die Höhstrahlung und bestimmte natülche radioaktive Gase), der wir ständig ausgesetzt sind, ist weit höher. So beträgt die Aktivität z. B. von 1 kg Kalidünger ca. 6 000 Bq, jeder Mensch strahlt mit etwa 4 000 bis
9 000 Bq. Wer sein Haus mit Leichtbeton, Granitsteinen oder Lehm baut, muß mit etwa 1000 Bq pro Kilogramm Material rechnen. Zum Vergleich: Die natürliche Radioaktivität unbelasteten oberflächennahen Erdreichs liegt in Deutschland zwischen 2 und 10 Bq/cm2.
Dosis ist entscheidend.

Für die Bewertung einer gesundheitlichen Gefährdung ist allerdings viel aussagekräftiger, welche Strahlendosis (gemessen in Sievert bzw. Milli- oder Mikrosievert) von diesen sog. Hot spots ausgeht. Dabei geht es um die biologische Wirksamkeit eines radioaktiven Strahlers, also darum, welche Auswirkungen er auf den menschlichen Organismus hat. Die reine Anzahl der radioaktiven Zerfälle pro Sekunde (gemessen in Becquerel) sagt darüber wenig aus. Für die Dosis ist entscheidend, wieviel Strahlung (Alpha-, Beta-, Gamma- oder Neutronenstrahlung) freigesetzt wird. Bei den gemessenen Hot spots waren es weniger als 0,002 ~uSv/h. Verglichen mit den erlaubten 100 uSv/h war das Gefährdungspotential also extrem klein. Schon die natürliche radioaktive Strahlung in Deutschland


Bahntransport bei Valognes in Rankreich:

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Französischer Brennetement -Transportbehälter vom Typ TN

Schutzhauben verhindern direkten Kontakt mit den Brennelementbehältem
Ebenfalls für verbrauchte Brennelemente: britischer Transportbehälter vom Typ Excellox
mit im Mittel 0,055 pSv/h ist weit höher. Selbst der bisher höchste bekannte Aktivitätswert von 23 000 Bq hätte in 2 m Abstand nur zu einer Erhöhung der Strahlendosis um 0,002 pSv/h geführt. Das Überschreiten der Grenzwerte aus den Transportvorschriften für Gefahrgut (4 Bq/CM2 ) bedeutet noch keine unmittelbare Gesundheitsgefährdung.
Weshalb dann die ganze Auftegung um diese außen anhaftenden Verunreinigungen? Anders als die aus dem Inneren der Behälter drin gende Strahlung, der Menschen allenfalls zeitweise ausgesetzt sind, könnten die außen anhaftenden Partikel theoretisch in den Körper eines Menschen gelangen, z. B. dadurch, daß ein Transportarbeiter eine kontaminierte Stelle berührt und anschließend seine Hand zum Mund führt. Damit wären diese Personen möglicherweise für längere Zeit einer gewissen zusätzlichen Strahlenbelastung ausgesetzt.

Genau wie bei Arzneien ist es auch bei Radioaktivität die Höhe der Dosis, die darüber entscheidet, ob sie gefährlich oder eher harmlos ist. Aus der an verschiedenen Orten unterschiedlich hohen natürlichen Strahlung, die in Deutschland im Mittel 2 400 pSv pro Jahr beträgt, aber z. B. im Fichtelgebirge oder im Schwarzwald etwa doppelt so hoch ist, kann man schließen, daß eine solche Schwankungsbreite kaum negative gesundheitliche Folgen hat. In Teilen Brasiliens und Indiens beträgt die natürliche Strahlung sogar über 20 000 pSv pro Jahr.

BMU: Keine Gesundheitsgefährdung


Auch das Öko-Institut erklärte, die gemessenen Becquerel-Werte stellten nicht das Hauptproblem dar. Der Grund für den niedrigen Grenzwert von 4 Bq/cml liege darin, daß die radioaktiven Partikel inkorporiert werden könnten - nicht von eventuell begleitenden Polizeibeamten (da die Behälter mit metallischen Schutzhauben abgedeckt waren), aber möglicherweise von Transportarbeitern. Dabei handelt es sich allerdings um Fachpersonal, das mit möglichen Gefahren vertraut ist und außerdem radiologisch überwacht wird. Das BMU kam in einer Bewertung zu dem Schluß: "Es steht fest, daß die Transporte zur COGEMA in La Hague zu keinem Zeitpunkt eine gesundheitliche Gefahr für die Bevölkerung oder das Personal bedeuteten."

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Atommüll-Statistik

Wie gefährlich waren die Kontaminationen?

"Das Risiko für eine radioaktive Verseuchung ist praktisch Null"
Interview mit Prof. Reiners, Vorsitzender der Strahlenschutzkommission
Prof. Dr. Christoph Reiners ist Vorsitzender der Strahlenschutzkommission der Bundesregierung. In einem Interview mit STROMTHEMEN äußerte sich der Würzburger Nuklearmediziner über etwaige Gesundheitsrisiken durch radioaktive Verschmutzungen an Transportbehältern.
Bei den im Mai bekannt gewordenen radioaktiven Verunreinigungen an Brennelementbehältem wurde der zulässige Grenzwen von 4 Becquerel pro Quadratzentimeter (Bqlcml) überschritten. Was bedeutet dieser Wert?
Reiners: Das Becquerel ist die Einheit der Radioaktivitätsmenge. Der menschliche Körper enthält z. B. etwa 8 000 Becquerel (Bq) an natürlich vorkommendem Kalium40. Auch ein scheinbar hoher Becquerel-Wert sagt also noch nichts über die Strahlendosis aus, von der etwaige Gesundheitsgefahren ausgehen. Die Dosis mißt man in einer anderen Einheit: dem Mikrosievert (gSv).

Angaben in Becquerel sagen also noch nichts über Gesundheitsgefahren aus?
Reiners. Richtig. Das kann man nur an Beispielen erläutern, weil es keinen direkten Zusammenhang gibt. So ist z. B. die Direktstrahlung, die eine Person in etwa 1 m Abstand von einer punktförmigen Kontamination von 10 000 Bq Cäsium-137 erhalten könnte, mit etwa 0,002 pSv pro Stunde sehr niedrig. Zum Vergleich: Die natürliche Umgebungsstrahlung ist mehr als zehnmal intensiver.

Es muß doch aber einen Sinn haben, daß der Wert so niedrig festgesetzt wurde ...
Reiners: Dieser Grenzwert von 4 Bq/cm2 wurde absichtlich sehr niedrig festgelegt, weil es dabei nicht um eine etwaige Direktbestrahlung geht, sondern um Vorbeugung für den Fall, daß z. B. jemand den Behälter mit den Händen anfaßt und danach die Finger in den Mund steckt. Bei der Festlegung des Grenzwerts dachte man auch daran, daß radioaktive Partikel sich ablösen können und mit der Atemluft in die Lunge gelangen. Die Strahlenbelastung, die mit dem Verschlucken oder Einatmen(sog. Inkorporation) von 10 000 Bq Cäsium-137 verbunden sein önnte, ist trotzdem gering; sie ist nicht größer als die durchschnittliche jährliche Exposition durch die Aufnahme natürlicher radioaktiver Stoffe mit der Nahrung oder der Atemluft.

Wie hoch ist denn das Risiko für solche Inkorporationen?

Reiners: Dieses Risiko ist praktisch gleich Null. Der Behälter befand sich während des Transports ja unter einer Metallschutzhaube, so daß ihn niemand anfassen konnte. Die einzigen Leute, die in direkten Kontakt mit diesen Behältern kommen, sind die Arbeiter, die sie beund entladen. Und dieses Personal wird intensiv strahlenschutzüberwacht. Hätte es Kontaminationen gegeben, wären diese aufgefallen.

Welchen zusätzlichen Risiken waren denn das Begleitpersonal bzw- die Arbeiter ausgesetzt?

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Castorbehälter am Kran


Reiners: Es ist durch vielfache .Messungen bewiesen, daß die Strahlendosen, die in nahem Abstand von den Transportbehältern aufgetreten sind, weit unterhalb der Grenzwerte lagen. Die Dosimeter von Polizisten, die bei innerdeutschen Transporten als Begleitschutz eingesetzt waren, haben nicht mehr angezeigt, als sie auf einem Nordatlantikflug in die USA aufgrund der natürlichen Höhenstrahlung angezeigt hätten.

Sollten Polizisten oder Arbeiter sich jetzt vielleicht doch untersuchen lassen?
Reiners: Es besteht die Möglichkeit, auch geringste Inkorporationen mittels einer sog. Ganzkörpermessung nachzuweisen- Die bisherigen Untersuchungen bei besorgten Personen haben außer der natürlichen Radioaktivität des Körpers keine Hinweise auf Inkorporationen ergeben; diese waren ja aber auch nicht zu erwarten.

Es gab also kein zusätzliches Gesundheitsrisiko?
Reiners: Auch die Messungen von sich selbst als kritisch-unabhängig bezeichnenden Institutionen haben ergeben, daß die Strahlendosen in unmittelbarer Umgebung sehr gering waren- Ökogruppen haben an einer Bahnstrecke im Rheintal eine eigene Meßstation eingerichtet, die jeden vorbeifahrenden Zug mißt. Ich habe so ein Meßprotokoll gesehen: Ein Güterzug mit Bims-Baustoffen gibt aufgrund der natürlichen Radioaktivität des Bimses genauso viel Strahlung ab wie ein Zug mit Brennelement- Transportbehältern.

Waren die Grenzwertüberschreitungen denn dann nicht vertretbar?
Reiners: Hier muß ich heftig widersprechen. Grenzwerte sind dazu da, daß sie eingehalten werden! Nur dann läßt sich der hohe Standard garantieren, den der Strahlenschutz in Deutschland hat. Die Kernkraftwerksbetreiber bzw. die Transportunternehmen hätten rechtzeitig Konsequenzen aus den nun bekanntgewordenen Grenzwertüberschreitungen ziehen müssen.

Diese Einschätzung deckt sich auch mit der Aussage im Untersuchungsbericht der französischen Aufsichtsbehörde DSIN. Dessen Direktor André-Claude Lacoste kommt in seinem Bericht vom 13. Mai an Premierminister Lionel lospin zu dem Schluß: "Unter gesundheitlichen Aspekten ergibt sich aus den ersten Untersuchungen, daß die Nichteinhaltung des Grenzwerts von 4 Bq/cm2 anscheinend keine Auswirkungen gehabt hat. Denn die gesundheitlichen Bestimmungen wurden sowohl für die Beschäftigten der COGEMA in Valognes als auch für die Bevölkerung eingehalten.

Politisches Erdbeben

Gleichwohl hat das Bekanntwerden der Grenzwertüberschreitungen in Deutschland - anders als in Frankreich und der Schweiz - öffentliche Empörung und beinahe ein politisches Erdbeben ausgelöst. So unterstellte den Unternehmen z. B. Hermann Lutz, der Chef der Gewerkschaft der Polizei, sie hätten bewußt Nachrichten über Grenzwertüberschreitungen zurückgehalten und damit Tausende der zum Schutz von CASTORTransporten eingesetzten Beamten wissentlich einer Gesundheitsgefährdung ausgesetzt. Daß bei den CASTOR-Transporten nach Ahaus und Gorleben begleitende Polizisten nachweislich keine erhöhten Strahlendosen abbekommen haben und daß es bei den jetzt diskutierten Transporten nach Frankreich und England gar nicht um CASTOR- Behälter geht, sondern um Transportbehälter aus diesen Ländern, fiel nur noch wenigen auf Im übrigen wurden die ins Ausland gehenden Transporte in der Regel gar nicht von Polizisten begleitet.

Umweitministerin Merkel geriet unter Druck, weil Kritiker ihr zunächst nicht glauben mochten, ihr Haus habe von den Vorfällen nichts gewußt. Außerdem wurde sie verdächtigt, schon viel früher als angegeben von Frankreich informiert worden zu sein. Ob es nun bewußtes Verschweigen gewesen sei oder Nichtwissen infolge mangelhafter Aufsicht: In jedem Fall müsse die Ministerin die politische Verantwortung übernehmen und deshalb zurücktreten. Am 27. Mai im Bundestag fand die Forderung von Bündnis 90/Die Grünen nach einem Rücktritt Merkels aber keine Mehrheit. Nur die PDS stimmte mit den Grünen. Die SPD enthielt sich.

Bei der Haltung der SPD spielte möglicherweise auch eine Rolle, daß eigentlich Aufsichtsbehörden der Länder zuständig sind, teilweise unter Führung von SPD bzw. Bündnis 90/Die Grünen. Diese waren zwar ebenso wie das Haus Merke[ von den Unternehmen über die Vorfälle nicht förmlich unterrichtet worden, weil es bisher dafür keine Meldepflicht gibt. Aber zumindest in mehreren Fällen hatten diese wenigstens mündlich Hinweise von den Anlagenbetreibern erhalten (Schleswig-Holstein 1986 und 1988, Hessen 1989) und trotzdem nichts unternommen- Das hessische Umweltministerium hatte 1989 deswegen bereits Kontrollmessungen veranlaßt.

Hessens Umweltministerin Priska Hinz (Bündnis 90/Grüne) will jetzt förmlich prüfen lassen, ob die Zuverlässigkeit der Anlagenbetreiber noch gegeben ist, wie sie das Atomg?setz vorschreibt. Fachleute schließen allerdings aus, daß die Anlagenbetreiber diese Prüfung unter rechtlichen Aspekten nicht bestehen könnten - trotz der Vorfälle. Frau, Hinz forderte darüber hinaus eine Untersuchung der Vorgänge durch unabhängige Gutachter. Dazu gehört in ihren Augen nicht die GRS.

Merkel legt 10-Punkte-Plan vor

Das BMU selbst hatte am 30. April die Vorfälle veröffentlicht, soweit sie ihm aus Frankreich bekannt waren. Nach einem Gespräch mit den Spitzen der Kernkraftwerksbetreiber am 20. Mai gab Frau Merkel bekannt, daß vorläufig keine weiteren Transporte mit bestrahlten Brennelementen ins Ausland und auch nicht innerhalb Deutschlands stattfinden werden.
Am 25. Mai legte sie einen 10Punkte-Plan vor, mit dem die Ursachen der Grenzwertüberschreitungen geklärt und Abhilfe geschaffen werden soll. Wie schon erwähnt, erhielt die GRS den Auftrag, den technischen Sachverhalt zu untersuchen.

Transportsystern soll neu geordnet werden
In ihrem 10-Punkte-Plan vom 25. Mai 1998 fordert Umweltministerin Merkel auch eine Veränderung in der Aufgaben- und Verantwortungsstruktur des Transportsystems". Ein Unternehmen müsse klar verantwortlich sein, Bisher ist die Abwicklung recht kompliziert geregelt.
Nach den Wiederaufarbeitungsverträgen übernimmt die französische COGEMA den Transport. Diese hat ihre Tochter Transnucleaire (TNP) damit beauftragt. In Deutschland ist für TNP die Hanauer Firma NTL Nukleare Transportleistungen tätig, an der neben TNP auch mehrere deutsche Kernkraftwerksbetreiber beteiligt sind. Die notwendigen Genehmigungen müssen beim Bundesamt für Strahlenschutz eingeholt werden. Alleiniger Inhaber der Beförderungsgenehmigung ist die Bahntochter Nuclear + Cargo Service (NCS). Für die Überwachung ist in Deutschland das EisenbahnBundesamt zuständig.
suchen. Darüber hinaus soll durch entsprechende Auflagen des Bundesamtes für Strahlenschutz in den notwendigen Transportgenehmigungen eine Meldepflicht bei Grenzwertüberschreitungen eingeführt werden, die es bisher nicht gab. Weitere geplante Maßnahmen beziehen sich auf organisatorische und technische Änderungen in den Kernkraftwerken sowie eine Neustrukturierung des Transportsystems, um erneute Grenzwertüberschreitungen zu unterbinden.

Am 26. Mai vereinbarte Frau Merkel bei einem Treffen mit der französischen Umweltministerin Dominique Voynet (Grüne) eine engere Zusammenarbeit und einen besseren Informationsaustausch auf diesem Gebiet. Eine Arbeitsgruppe mit Experten beider Länder, zu denen nachträglich auch Vertreter der Schweiz hinzugezogen wurden, soll konkrete Vorschläge unterbreiten. Sie kam erstmals am 2. Juni zusammen.
KKW-Betreiber sagen schnelle Umsetzung zu Die Kernkraftwerksbetreiber bedauerten die Vorfälle. Sie wollen Merkels 10-Punkte-Papier schnell umsetzen. In einem Schreiben vom 29. Mai an die Ministerin machten sie erste Vorschläge. Frau Merkel erklärte allerdings am 2. Juni, die Vorschläge gingen ihr vor allem bei den vorgeschlagenen Änderungen zur Neuorganisation der Transporte noch nicht weit genug. Nach Auffassung von Merkel sollten die damit betrauten Firmen wie etwa die Hanauer NTL Nukleare Transportleistungen nicht mehr dem unmittelbaren Einfluß der Stromversorger unterliegen.
Als künftige weitere Maßnahmen schlagen die Unternehmen u. a. vor, daß beladene Behälter vor dem Abtransport mehrere Tage in den Kraftwerken belassen werden, damit radioaktive Partikel, die sich eventuell eingenistet haben, noch dort "ausschwitzen" und dann beseitigt werden können. Sie wollen darüber hinaus freiwillig erweiterte Meldepflichten eingehen.

Die Kernkraftwerksbetreiber wiesen darauf hin, daß es keine ausdrückliche Meldepflicht gegeben habe. Das Phänomen des Ausschwitzens" radioaktiver Partikel während des Transports sei schon seit Mitte der 80er Jahre bekannt gewesen, und man hätte auch Maßnahmen zur Beseitigung ergriffen. Diese Maßnahmen hätten zwar eine Verringerung der Kontaminationen bewirkt, aber das Problem nicht vollständig gelöst. Im übrigen hätten die Grenzwertüberschreitungen keine Gesundheitsgefährdungen ausgelöst. Der Grenzwert von 4 Bq/cm2 sei in den Kraftwerken gewissermaßen als Interventionswert verstanden worden, ab dem eine Dekontaminierung vorgenommen und der Absender des Behälters informiert werden müsse. Daher hätten die Fachleute ein Überschreiten des Grenzwerts nur als Hinweis bewertet, daß weitere Maßnahmen zur Reinigung der Transportbehälter ergriffen werden mußten. Die Unternehmen gestanden aber auch ein, daß von ihnen die Bewertung der Vorfälle durch die Öffentlichkeit völlig unterschätzt worden sei.

Unternehmen wollen rückhaltlos aufklären

Umweltministerin Merkel kritisierte scharf, daß die Unternehmen seit Jahren Meldungen an die Aufsichtsbehörden unterlassen hatten, auch wenn diese dazu nicht verpflichtet waren- Die CDU-Politikerin erklärte, die Affäre sei "ein schwerer Schlag für die Glaubwürdigkeit und Verläßlichkeit' der Atomindustrie. Es werde die Unternehmen viel Mühe kosten, den Ruf wiederherzustellen. Der Widerstand gegen CASTOR-Transporte werde in Deutschland durch die Vorfälle bestimmt nicht geringer. Ähnlich äußerte sich auch Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU). Es gehe dabei nicht um die juristische Frage einer Meldepflicht, sondern um das gesellschaftspolitische Verantwortungsgefühl, sagte er am 6. Juni in Essen bei einem Festakt zur 100-Jahr-Feier von RWE.
Die Unternehmen erklärten, nur eine rückhaltlos offene und schnelle Information könne jetzt noch ihre mühsam erworbene Glaubwürdigkeit erhalten. Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Auftrag der Deutschen Welle sprachen sich Ende Mai 56 % der Bundesbürger gegen eine weitere Nutzung der Kernenergie aus, nur 37 % dafür.

Für die Wochenzeitung DIE ZEIT ist die Affäre ein politischer, kein radiologischer Skandal. Selbst die atomkritische Tageszeitung habe erklärt, daß für die Gesundheit von Menschen in der Nähe der Transportbehälter mit den gefundenen Spitzenwerten solche Kontaminationen irrelevant seien.


Straßentransport abgebrannter Brennelemente in Frankreich


In Frankreich kein Thema

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LKW-Transport von Castorbehälter


Die französische Atomaufsichtsbehörde DSIN (Direction de la Sürete des Installations Nucleaires) mit Andre-Claude Lacoste an der Spitze hatte bereits um die Jahreswende Hinweise auf kleinere radioaktive Verunreinigungen bei Transporten aus französischen Kernkraftwerken zur Wiederaufarbeitungsanlage der COGEMA in La Hague (Normandie). Die Überprüfungen ergaben, daß 1997 ein Drittel der Transporte erhöhte Werte aufwies, obwohl die Behälter beim Verlassen der Kraftwerke keine Kontaminationen zeigten.
Im Zuge dieser Untersuchungen stellte sich heraus, daß auch einige Transporte aus Deutschland und der Schweiz betroffen waren. Öffentlich wurde der Sachverhalt am 6. Mai durch einen Bericht in der Zeitung "Liberation". Die französische Umweltministerin Dominique Voynet (Grüne) stoppte daraufhin am 7. Mai alle Transporte bis zur Klärung der Ursachen.

Anders als in Deutschland spielte das Thema in den Medien aber nur kurze Zeit eine Rolle. Die Franzosen gingen schnell wieder zur Tagesordnung über.

Natürliche Radioaktivität:
Große Schwankungsbreite bei Strahlung

Bei vielen Menschen erzeugt der Begriff "Radioaktivität" Unbehagen. Die von radioaktiven Stoffen ausgesandte ionisierende Strahlung wird häufig als bedrohlich empfunden, unabhängig davon, wie stark sie ist und woher sie stammt. Vergessen wird dabei oft daß jeder Mensch auf der Erde natürlicher ionisierender Strahlung ausgesetzt ist. Niemand kann sich ihr entziehen. Ursache dafür sind Strahlenquellen, die in der Natur unabhängig vom Menschen existieren. Hinweise auf ein vermehrtes Auftreten von Krankheiten, insbesondere von Krebs, durch unterschiedliche natürliche Strahlenexpositionen gibt es jedoch nicht.

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Ortsdosisleistung von radioaktiver Strahlung


Die natürliche Strahlenexposition setzt sich aus inneren und äußeren Komponenten zusammen. Über die Atemluft und die Nahrung nimmt der Mensch seit jeher natürliche radioaktive Stoffe in den Körper auf - vor allem das radioaktive Edeigas Radon oder die natürlichen Radionuklide von Kalium und Thorium. Diese verursachen den Hauptanteil der natürlichen Strahlung.

Die äußere Strahlenexposition macht rund ein Drittel der gesamten natürlichen Strahlung aus. Sie beinhaltet etwa zur Hälfte die kosmische Strahlung. Diese gelangt von der Sonne und aus den Tiefen des Weltalls zur Erde und besteht im wesentlichen aus energiereichen Teilchen und aus Gammastrahlung.

Auf ihrem Weg durch die Lufthülle wird die kosmische Strahlung teilweise absorbiert. Das bedeutet, daß die Intensität der kosmischen Strahlung von der Höhenlage abhängt. Sie ist auf Meeresniveau am niedrigsten und nimmt mit der Höhe eines Ortes zu. Auf der Zugspitze ist sie viermal höher als an der Küste.

Ebenfalls zur äußeren Strahlenexposition zahlt die terrestrische Strahlung. Ihre Ursache sind natürliche radioaktive Stoffe und ihre Zerfallsprodukte, die in den Böden und Gesteinsschichten der Erdkruste in unterschiedlichen Konzentrationen vorhanden sind. Das spiegelt sich in den Werten der Ortsdosisleistung der terrestrischen Strahlung wider, gemessen in der Einheit Mikrosievert pro Stunde (liSv/h).

Dabei treten große regionale Unterschiede auf Während die Ortsdosisleistung in weiten Gebieten Brandenburgs, Niedersachsens und im nordöstlichen Sachsen geringer als 0,03 pSv/h ist, beträgt sie besonders in den Mittelgebirgen zwischen 0,06 und 0,08 pSv/hIn großen Teilen des Fichtelgebirges, des Oberpfälzer Waldes und des Bayerischen Waldes sind die gemessenen Werte etwa viermal so hoch wie in Brandenburg stellenweise liegen sie über 0,12 gSv/h. Der Mittelwert der Ortsdosisleistung für Deutschland beträgt 0,055 pSv/h. bfs

Bearbeitet am: 06.08.1998/ad


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