taz - die tageszeitung, v. 12.12.96, S. 14 - Leserbriefe

Im Widerspruch zu Michael Sailer vom Öko-Institut halte ich die Position, daß die sofortige Stilllegung aller Atomanlagen am Anfang einer wie auch immer gearteten "Entsorgungsdebatte" stehen muß, nach wie vor für richtig. Es ist fatal, wenn die Anti-AKW-Bewegung, vertreten durch das Öko-Institut oder wen auch immer, scheinbar "konstruktiv" an der Lösung des Entsorgungsproblems mitarbeitet, bevor nicht alle AKW vom Netz sind. Ein besseres Argument für den Weiterbetrieb der AKW als ein Endlager mit Gütesiegel der Anti-AKW-Bewegung kann der Atommafia von allein niemals einfallen.

Grundlage der politischen Arbeit der Anti-AKW-Bewegung war, ist und muß die Forderung nach sofortiger Stillegung aller Atomanlagen sein. Diese Forderung ist nicht konstruktiv, sie ist nicht pragmatisch. sie ist fundamental. Und sie findet ihren Ausdruck in praktischen Aktionen, wie dem vielfältigen Widerstand gegen die Castor-Transporte nach Gorleben.

Herr Sailer ist pragmatisch und will konstruktiv sein, er sieht den riesengroßen Berg Atommüll, der täglich wächst, und denkt sich, irgendwo muß das Zeug doch hin. Wenn er behauptet, es sei ein "Trugschluß, zu glauben, (...) durch eine Blockade einer Bahnstrecke bei Gorleben die Atomindustrie zu behindern", dann hat er praktisch vielleicht recht, politisch jedoch mit Sicherheit nicht.

Und genau darum geht's: Die Auseinandersetzung um das Atomprogramm und weitergehend der Widerstand gegen den CASTOR sind politisch. Die Castor-Transporte nach Gorleben sind ein/das Symbol für diese Auseinandersetzung. Hier wird das politische Klima geschaffen, um die gesamte Atomindustrie in Frage zu stellen. natürlich auch die PU-Produktion in den "Wiederaufarbeitungsanlagen" und die damit verbundenen Transporte. Aber es ist blanker Unsinn im Stil von Frau Merkel und anderen, wenn Herr Sailer behauptet, die Castor-Transporte zu den WAA würden "ungehindert und undiskutiert (...) rollen". Seit Jahren versuchen Anti-AKW-AktivistInnen immer wieder, durch verschiedenste Aktionen diese Transporte zu ver-/behindern.

Michael Sailer verkennt die oben dargestellte politische Dimension der Auseinandersetzung um den "Gorleben-Castor" und spielt damit, vermutlich ungewollt, der "Gegenseite" in die Hände, die den Widerstand brechen will. Am schlimmsten in diesem Zusammenhang finde ich die Mär von den armen EVUs, denen ja quasi gar nichts anderes übrig bleibt, als zu den WAAs zu liefern, ihnen bleibt sehr wohl etwas übrig: Abschalten! Und die Verantwortung dafür, daß sie es nicht tun, liegt allein bei den Energiekonzernen.

Daß die taz hier nicht in der Lage ist, kritischer zu fragen oder Position zu beziehen, ist enttäuschend.

Holger Müller, Lüneburger Initiative gegen Atomanlagen